Washington - Interessenten bleibt nicht mehr viel Zeit: Bis Freitag um Mitternacht müssen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington die Kandidaturen für den Chefposten eingegangen sein. Die Namen der Bewerber sollen frühestens Anfang kommender Woche bekanntgegeben werden, doch einige Kandidaturen stehen bereits fest.
Die Favoritenrolle hat die französische Finanzministerin Christine Lagarde: Sie hat die Rückendeckung der Europäer, die traditionell den IWF-Direktor stellen. Auch die afrikanischen Ländern wollten Lagarde unterstützen, erklärte die Wirtschaftsministerin von Guinea-Bissau, Helena Embaló, am Freitag nach einem Treffen mit der Französin.
Zuvor hatte Lagarde den Entwicklungsländern ein Lockangebot gemacht: Lagarde sagte ihnen für den Fall ihrer Wahl mehr Mitspracherecht zu. Führende Entwicklungsländer wie China, Indien und Brasilien hatten in einer gemeinsamen Erklärung dagegen protestiert, dass weiterhin ausschließlich Europäer den IWF-Chefposten übernehmen.
Doch die größte Gefahr für Lagarde kommt ausgerechnet aus ihrer Heimat: Die Staatsanwaltschaft verdächtigt die 55-jährige Politikerin des Amtsmissbrauchs, weil sie in einem Rechtsstreit mit dem ehemaligen französischen Minister und Geschäftsmann Bernard Tapie 2008 einem Schiedsurteil zustimmte, das diesem eine ungewöhnlich hohe Abfindung in Höhe von 285 Millionen Euro einbrachte.
Eigentlich wollte der französische Gerichtshof bereits am Freitag entscheiden, ob ein Ermittlungsverfahren gegen die 55-Jährige eingeleitet wird. Doch nun wurde die Entscheidung auf den 8. Juli vertagt. Der Verwaltungsrat des IWF muss aber bis spätestens 30. Juni über den neuen Chef entscheiden.
Mexikanischer Kandidat könnte Schwellenländer vertreten
Dieser Nachteil für Lagarde könnte zum Vorteil für ihren größten Rivalen werden: Agustin Carstens soll den Anspruch der wirtschaftlich immer bedeutender werdenden Schwellenländer auf mehr Mitsprache deutlich machen. Der 53-jährige Zentralbankgouverneur und frühere mexikanische Finanzminister war bereits drei Jahre Vizechef des IWF.
Fraglich ist aber, ob Carstens die Schwellenländer auch geschlossen hinter sich vereinen kann - er scheiterte bereits mit einem ersten Versuch, die Rückendeckung Brasiliens zu erlangen. Seine Kampagne ist deutlich zurückhaltender als die Werbetour seiner französischen Konkurrentin.
Als eindeutiger Außenseiter im Rennen um den IWF-Chefposten gilt Grigori Marschenko. Der kasachische Zentralbankchef wurde von der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zum gemeinsamen Kandidaten gekürt.
Die Suche nach einem neuen IWF-Präsidenten war nötig geworden, weil Ex-Amtsinhaber Dominique Strauss-Kahn unter Vergewaltigungsverdacht steht und seinen Posten deshalb aufgab.
mmq/dpa/dapd
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