Studie in 162 Ländern 30 Millionen Menschen leben weltweit in Sklaverei

Sklaverei ist für sie Alltag: 30 Millionen Menschen befinden sich in der Gewalt von Kriminellen, werden ausgebeutet und missbraucht. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Daten erstmals weltweit erhoben hat. In Deutschland soll es 10.000 Geknechtete geben.

Kinder in Haiti: Sie sind besonders von Sklaverei bedroht
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Kinder in Haiti: Sie sind besonders von Sklaverei bedroht


Hamburg - Sie werden als Eigentum angesehen, dürfen keine eigenen Entscheidungen fällen und nicht einmal etwas eigenes besitzen. Einer Studie der Walk Free Foundation zufolge sind knapp 30 Millionen Menschen weltweit Opfer moderner Sklaverei. In 162 Ländern wurden für die Untersuchung Daten erhoben.

Vor allem in Teilen Westafrikas und im Süden Asiens werden immer noch Menschen in die Sklaverei hinein geboren, heißt es in dem Bericht. Andere Opfer werden entführt und weiterverkauft, zwangsverheiratet oder als kostenlose Arbeitskräfte missbraucht. Häufig werden die Opfer auch mit der Aussicht auf einen Job oder eine Ausbildung angelockt - dann aber ausgebeutet. "Nicht immer wird dafür physische Gewalt angewendet", heißt es in der Studie. Die Täter zwingen sie auch durch Einschüchterung, Täuschung oder Isolation in die scheinbar ausweglose Situation.

Moderne Sklaverei ist dabei definiert als der Zustand, in dem eine Person besessen und kontrolliert wird, mit dem Ziel, aus dem Menschen Profit zu schlagen, ihn zu missbrauchen oder zu schleusen. Durchgesetzt wird das von den Tätern durch Gewalt, Drohungen und/oder Nötigung.

Der Sklaverei-Bericht ist der erste weltweit. Er hat dafür das zahlenmäßige Aufkommen von modernen Sklaven in Relation zur Bevölkerungszahl gesetzt, sowie die Häufigkeit von Zwangsverheiratung von Kindern und Menschenhandel erhoben.

Bis zu zu zehn Jahre Haft für die Täter

Besonders in Mauretanien ist das offenbar Teil des Alltags. Zwischen 140.000 und 160.000 Menschen leben hier in Unfreiheit - wobei die Gesamtbevölkerung gerade 3,8 Millionen Menschen umfasst. Damit führt der westafrikanischen Staat die Nationen mit dem höchsten Aufkommen moderner Sklaverei an. Einer Nichtregierungsorganisation (NGO) zufolge soll sogar jeder fünfte Einwohner Mauretaniens Opfer von Sklaverei sein, heißt es in der Studie. Die Betroffenen, Kinder und Erwachsene, seien vollständiges Eigentum ihrer "Herren", die komplette Kontrolle über sie ausführen. Vor allem Frauen betreffe das. Sie müssen häufig im Haushalt arbeiten, sogar ihre sozialen Interaktionen würden überwacht, nicht selten werden sie auch Opfer sexueller Übergriffe.

Obwohl Sklaverei seit 1961, also mehr als einem halben Jahrhundert, in Mauretanien verboten ist, ist das der Studie zufolge immer noch gängige Praxis. Erst seit zehn Jahren gibt es dort ein Gesetz gegen Menschenhandel, 2007 trat ein Gesetz mit einer neuen Definition von Sklaverei in Kraft, das den Tatbestand mit bis zu zehn Jahren Haft belegt. Trotz dieser neuen Richtlinien sei es für die Opfer nach wie vor schwer, ihre Rechte auch durchzusetzen. Im März dieses Jahres wurde schließlich eine Behörde eingesetzt, die gegen Sklaverei und Armut ankämpfen soll.

Auch in Haiti ist die Situation dem Report zufolge alarmierend. Dort habe vor allem die Versklavung von Kindern zugenommen. Bis zu 200.000 Menschen sollen hier als Sklaven leben - bei einer Bevölkerungsgröße von 10,2 Millionen. Pakistan landet auf dem dritten Rang. Dort wird angenommen, dass unter den 179 Millionen Einwohnern mehr als zwei Millionen Sklaverei-Opfer sind.

Deutschland hinter Barbados, knapp vor Südkorea

Anders sieht es dem Sklaverei-Report hingegen in Island, Irland und Großbritannien aus. Sie werden alle auf Rang 160 geführt - dort leben also die meisten Menschen in Freiheit. "Das bedeutet aber nicht, dass es in diesen Ländern keine Sklaverei gibt", heißt es in dem Bericht. Allein in Großbritannien befinden sich demnach mehr als 4200 Menschen in der Gewalt von Kriminellen. In Island sollen es weniger als hundert sein. Grund dafür sei die geografische Abgeschiedenheit und verhältnismäßiger Wohlstand. Deutschland wird auf Platz 136 geführt - zwischen Barbados (135) und Südkorea (137).

Dabei ist es schwierig, die tatsächliche Zahl der modernen Sklaven zu erheben, räumen die Macher der Studie ein. Da es sich dabei um eine Straftat handele, finde diese hinter verschlossenen Türen statt; ein Zugang zu den Opfern sei häufig nicht möglich. Deshalb bedienten sich die Forscher zweier Methoden: Zum einen werteten sie Zweitquellen aus - Berichte der jeweiligen Regierung, von Nichtregierungsorganisationen und Medien. Diese Erkenntnisse ließen sie dann von Experten bewerten und gegebenenfalls nach deren Erfahrungswerten korrigieren. Zum anderen bedienten sie sich auch wissenschaftlichen Erhebungen zu dem Themengebiet - wenn welche vorhanden waren.

Für Deutschland beispielsweise lagen den Forschern keine konkreten Zahlen vor. Sie stellten also eine Reihe von Hypothesen auf: Zunächst sei davon auszugehen, dass die Anzahl der modernen Sklaven nicht null sein könnte, da dies in keinem Land der Fall sei. Ferner ging man davon aus, dass der Wert höher liegen müsse als der in Großbritannien, aber niedriger als der in den USA. Kombiniert mit übrigen Vorgehensweisen wurde so ermittelt, dass es zwischen 10.000 und 11.000 Sklaven in Deutschland geben müsse.

"Das ist sicherlich nicht der beste Weg, um genaue Zahlen zu erheben", heißt es in der Studie. Da es sich um die erste dieser Art handele, hoffe man, für den nächsten Bericht mehr Material zu haben.

vks

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
"Armenhaus" 17.10.2013
1. Die CDU sagt ...
das ist von Gott so gewollt und ihr Erz -Angela :) ..- " Alternativlos ..!"
ohne_benutzername 17.10.2013
2. optional
Die Definition hier liest sich wie bei einer etwas schlechteren Leiharbeitsfirma. Diese Opfer (auch wenn sie nicht geschlagen werden), sollte man ebenfalls zur MODERNEN Sklaverei dazu zählen....
FeddaHeiko 17.10.2013
3. Panikmache?
Widersprüche und aus der Luft gegriffene Annahmen - irgendwie erscheint mir diese "Studie" höchst fragwürdig. Zum einen """Zwischen 140.000 und 160.000 Menschen leben hier in Unfreiheit - wobei die Gesamtbevölkerung gerade 3,8 Millionen Menschen umfasst. [...] Einer NGO zufolge soll sogar jeder fünfte Einwohner Mauretaniens Opfer von Sklaverei sein, heißt es in der Studie.""" Schwankung von 4% bis 20%? Wie kommen denn solch drastische Unterschiede zustande? Und dann die Annahmen zu Deutschland. Die Annahme ">0" kann ich ja eventuell noch nachvollziehen, auch wenn mir da die Begründung fehlt ("""da dies in keinem Land der Fall sei""" ist ja wohl eher eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.). Aber dann: """Ferner ging man davon aus, dass der Wert höher liegen müsse als der in Großbritannien, aber niedriger als der in den USA""" - ja wieso das denn?? Hat da jemand gewürfelt? Eine Münze geworfen? Oder kam eine Glaskugel zum Einsatz? Völlig unverständlich das Ganze. Wenn alle Werte so ermittelt wurden, dann ist die gesamte Studie für die Tonne. Reine Panikmache, sonst nichts. Bleibt nur die Frage: Wer profitiert davon?
volker.foerster 17.10.2013
4. nur 10.000 in Deutschland?
Jeder der schuften muss und dafür nur einen Bruchteil des Gegenwertes erhält, ist doch versklavt. Schlecker gibt es ja zum Glück nicht mehr. Aber leider immer noch genug andere mit ähnlichen Methoden... Und zu viele Dumme, die sich das gefallen lassen.
quark@mailinator.com 17.10.2013
5. Naja ...
Ohne das verharmlosen zu wollen - 30 Mio. sind 30 Mio. zuviel, aber die Zahl scheint mir viel zu niedrig angesetzt zu sein. Wenn man alle zählt, die keine reale Chance haben, für ihre Arbeit auch nur annähernd den fairen Lohn zu erhalten (egal, wie sie fair definieren, solange es nicht darauf raus läuft, das alles fair ist, was legal ist), dann haben wir Milliarden Menschen in dem Zustand. Wer nun argumentieren will, diese Leute _müßten_ ja nicht so arbeiten, wenn sie nicht wollten ... also zum einen ist Sterben nicht wirklich eine Alternative, die vernünftige Menschen hier anführen könnten, zum anderen hat man nur ein Leben und wenn man das mit Hartz IV verbringt, ist das zutiefst unbefriedigend (für die allermeisten Menschen). Es ist für den Betroffenen recht egal, ob seine Versklavung direkt durch eine konkrete Person/Organisation erfolgt, oder indirekt darüber, daß die Gesellschaft einige wenige extrem bevorzugt und den ganzen Rest für diese dann rackern läßt.
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