Wall-Street-Proteste: Die Rache der Bonus-Rapper

Von , New York

Gegeißelt von der US-Regierung, von Hollywood verachtet: Die Wall Street bezieht zurzeit mächtig Prügel. Jetzt schlagen die Bonus-Banker zurück - mit Raps gegen fiese Finanzregulierer und skurrilem Powerpoint-Protest.

Rapper R.S: Börsenregulierung, warum willst du mich babysitten?

Rapper R.S: Börsenregulierung, warum willst du mich babysitten?

Der Song braucht eigentlich mehr Bass, aber er hat eine klare Botschaft: Finanzregulierung? Ja, ja, deine Mutter. Amerikas Börsen- und Bankenregulierung, die CFTC, ist der Feind, der gedisst werden muss. Mit dicken Beats aus dem Wall-Street-Basement.

Seine Reime hat Rapper R.S. schlicht gehalten, der Style ist bisweilen kartoffelig. "I see Big Brother is watching my every move like my mother", rappt R.S. Ich sehe, wie Big Brother jeden meiner Schritte überwacht wie meine Mutter."CFTC, why u wanna babysit me?" Börsenregulierung, warum willst du mich babysitten?

Der Track, musikalisch und lyrisch so là là, pusht Steroid-Banker sicher gut beim Hantelpumpen im Fitnessstudio. Doch "CFTC" ist mehr als das. Der Song ist Ausdruck einer Bewegung, die in New Yorks Finanzdistrikt an Schwung gewinnt. Gegeißelt von der US-Regierung, gehasst von der Gesellschaft, trägt die Wall Street ihre Wut auf die Straße.

Reclaim Wall Street, ist die Kampfansage. Man kann das verstehen. Anlass, gegen das System zu rappen, gibt es für einen Bonusbanker zurzeit wahrlich genug. Seit Juli steht Amerikas Finanzbranche stark unter staatlicher Kontrolle. Obamas 2000-seitiges Gesetzespaket umfasst unter anderem schärfere Regeln für Finanzinstitute, mehr Macht für staatliche Kontrolleure und einen besseren Verbraucherschutz durch eine neue Behörde unter dem Dach der US-Notenbank. Vor dem US-Kongress werden obendrein in regelmäßigen Abständen Wall-Street-Vertreter öffentlich gegrillt.

"Wann hören Sie auf uns zu verprügeln?"

Jetzt schlägt das Finanzimperium zurück. Vergangenen Montag attackierte Anthony Scaramucci, früherer Mitarbeiter bei Lehman Brothers und Goldman Sachs, Präsident Barack Obama bei einer öffentlichen Fragerunde. Scaramucci ist an der Wall Street eine Legende, der TV-Sender CBNC zeigte ihn einst in seiner Villa in Long Island unter einer riesigen goldenen Harfe. Heute betreibt Scaramucci einen 7,4 Milliarden Dollar schweren Hedgefonds namens SkyBridge Capital. Zwischen Scaramucci und Obama entspann sich folgender Dialog (leicht gekürzt):

Scaramucci: Ich bin mit Ihnen zur Uni gegangen.

Obama: Es ist gut, Sie zu sehen. Aus Ihnen ist richtig was geworden. (Gelächter im Publikum)

Scaramucci: Falls ich Sie mal auf dem Basketballfeld gefoult habe - das war keine Absicht.

Obama: Daran würde ich mich erinnern. (Gelächter)

Scaramucci: Sie würden sich daran erinnern. Ich habe einen sehr tiefen Körperschwerpunkt. (Das Gelächter verstummt) Zu meiner Frage: Ich repräsentiere die Wall Street, und wir fühlen uns zurzeit wie eine Piñata. Vielleicht fühlt es sich für Sie nicht so an, als würden Sie uns mit dem Stock verprügeln, aber für uns fühlt es sich so an. Wann hören Sie damit auf?

Obama: Es gibt viele Menschen in diesem Land, die denken, ich bin zu weich zur Wall Street.

Scaramucci: Schon, aber...

Obama: Ich glaube, viele Arbeiter denken, dass sie diejenigen sind, die verprügelt werden. (Applaus)

Nicht immer kann der Präsident seine Politik so klar verteidigen. Manche lästern lieber über ihn, wenn sie unter sich sind: im vollklimatisierten Konferenzraum eines Luxushotels zum Beispiel. Dort präsentierte Jamie Dimon, Chef der Großbank JP Morgan, nach Angaben des Finanzblogs "Business Insider" eine in unappetitlichem Grün gehaltene Powerpoint-Folie. Hunderte Linien spinnen sich darauf zwischen Dutzenden Kästen. Das Ganze ähnelt eher einem Haufen halbverdauter Spaghetti als einem Business-Chart. "Das", sagte Dimon, "ist Obamas Finanzreform."

Andere machen ihrem Frust anonym Luft. "Wir werden geächtet", schimpfte ein Wall-Street-Banker kürzlich im "New York Observer". "Vergangenes Jahr war ich vor Gericht vorgeladen, und als ich sagte, ich sei Investmentbanker, da machten manche nur Ugh. Ich sagte, leckt mich, ich bin stolz auf das, was ich mache. Ich denke, meine Firma hilft dem Aufschwung, doch im Moment hat selbst ein Zuhälter einen besseren Status."

Hass auf Hollywood

Ärger mit der Regierung ist die Wall Street ja gewohnt. Richtig wütend aber macht die Banker, dass jetzt auch noch Hollywood aus der Krise der Geldhaie Kapital schlagen will. In den kommenden Monaten starten gleich mehrere Filme, die auf der Finanzindustrie herumdreschen.

Der wahrscheinlich harmloseste von ihnen ist vergangenen Freitag angelaufen: Oliver Stones "Wall Street 2", die vor moralischem Pathos triefende Fortsetzung des Kultfilms aus den Achtzigern. Seinerzeit wurde der Hauptcharakter, Finanzzocker Gordon Gekko (Michael Douglas), wegen seiner Reptilienhaftigkeit zum Vorbild einer ganzen Bankergeneration. In "Wall Street 2" degeneriert er zum altersweisen Weichei. Sein Wahlspruch "Gier ist gut" hat plötzlich ein Fragezeichen. Geld ist nicht mehr das Wichtigste, sondern Zeit. Geld schläft nicht nur nie, es raubt seinen Besitzern den Schlaf.

Stones Bildsprache ist ähnlich plump wie die Lyrics von Finanzreform-Rapper R.S. Penetrant legt der Regisseur platzende Blasen und zuckende Börsencharts über die Skyline Manhattans, so lange, bis auch der letzte die Symbolik verstanden hat. Um seinen Film zu promoten, führt der Regisseur obendrein eine Art Kreuzzug gegen die Gier. In seitenlangen Zeitungsinterviews geißelt er die Dämonie der Banker. Besonders die von Goldman Sachs.

Die Großbank hält sich in New Yorks Schickimicki-Viertel Tribeca Gebäude mit bunt schillernder Lobby. Direkt gegenüber liegt ein kleines Kino, in dem "Wall Street 2" on heavy rotation läuft. Vielleicht 30 Menschen stehen für die Abendvorstellung an, darunter auch einige Banker. "Dass die Finanzindustrie über Filmfonds auf Kinoerfolge spekuliert, kennt man ja", sagt einer von ihnen. "Aber dass die Kinoindustrie jetzt darauf spekuliert, mit Börsen-Bashing Millionen zu machen - das ist nicht nur zynisch, es ist eine neue Stufe der Zockerei."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. oooooh !
MadMad 27.09.2010
Zitat von sysopGegeißelt von der US-Regierung, von Hollywood verachtet: Die Wall Street bezieht zurzeit mächtig Prügel. Jetzt schlagen die Bonusbanker zurück - mit Raps gegen fiese Finanzregulierer und skurrilem Powerpoint-Protest. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,719517,00.html
Der Rap ist scheinbar nichts wert, aber der Ruf eines Investmentbankers ist in der Tag derzeit nicht der beste. Was mir aber nicht in den Kopf geht, ist dass man sich derart darüber aufregt. Samariter waren die Investmentbanker doch wohl nie gewesen und ein Gordon Gekko war doch wohl eher ein Vorbild, als ein abstoßendes Beispiel, oder ? Apropos, wann läuft der 2.Teil in Deutschland an ?
2. Jon Stewart triffts
jan_nebendahl, 27.09.2010
Zitat von sysopGegeißelt von der US-Regierung, von Hollywood verachtet: Die Wall Street bezieht zurzeit mächtig Prügel. Jetzt schlagen die Bonusbanker zurück - mit Raps gegen fiese Finanzregulierer und skurrilem Powerpoint-Protest. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,719517,00.html
Wie sagte Jon Stewart: "Auf ein Pinata schlägt man so lange ein, bis die Bonbons rausfallen. Wo sind die Bonbons?" und "Die Wall Street beschwert sich also, dass auf sie mit einem Stock eingeschlagen würde. Und was sagt der Bürger dazu? ein Stock in Form eines Billionen Dollar Bailout um den Industriezweig zu retten? Au ja, bitte schlagt mich auch mit diesem be*******enen Stock!" Dem ist nichts hinzuzufügen.
3. Back to reality
nahal, 27.09.2010
Zitat von sysopGegeißelt von der US-Regierung, von Hollywood verachtet: Die Wall Street bezieht zurzeit mächtig Prügel. Jetzt schlagen die Bonusbanker zurück - mit Raps gegen fiese Finanzregulierer und skurrilem Powerpoint-Protest. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,719517,00.html
Ich kann nur von genau dem Gegenteil berichten: Am Freitag hat einer meiner Söhne einige Sektkorken knallen lassen. Nach einigen Minuten kam das über den Ticker. "Ardagh Glass acquires Impress Metal Packaging for 1.7 billion" Die läuft dreht sich weiter, auch wenn es einigen nicht in den Kramm passt, sei es in der US-Regierung, in Hollywood oder im SPON. So ein Geschäft wie oben benötigt dafür ausgebildete Menschen. Eine Anne Will, Guido Westerwelle oder Sigmar Gabriel reichen dafür nicht.
4. Warum sollte man aufhören auf Banker einzudrechschen?
mako_zero 27.09.2010
Es ändert sich nichts, aber man fühlt sich trotzdem besser.
5. Warum?
durchfluss 27.09.2010
Zitat von nahalIch kann nur von genau dem Gegenteil berichten: Am Freitag hat einer meiner Söhne einige Sektkorken knallen lassen. Nach einigen Minuten kam das über den Ticker. "Ardagh Glass acquires Impress Metal Packaging for 1.7 billion" Die läuft dreht sich weiter, auch wenn es einigen nicht in den Kramm passt, sei es in der US-Regierung, in Hollywood oder im SPON. So ein Geschäft wie oben benötigt dafür ausgebildete Menschen. Eine Anne Will, Guido Westerwelle oder Sigmar Gabriel reichen dafür nicht.
Die Frage ist wohl eher ob jedes Geschäft nötig ist und ob die "gut ausgebildeten Menschen" nicht einfach auch was produktives leisten könnten anstatt permanent Kapital zu akkumulieren. Aber man wird sehen wo es hinführt - am Ende lachen vermutlich die chinesischen Marxisten, die das Spiel momentan am besten spielen (und Produktion und Rohstoffe akkumulieren).
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Mit einer umfassenden Reform der Finanzmärkte stellt die Regierung Obama die Wall Street unter stärkere staatliche Kontrolle. Sie soll weltweite Finanzkrisen künftig verhindern. SPIEGEL ONLINE fasst die wichtigsten Punkte des 2000-Seiten-Papiers zusammen:
Verbraucherschutz
Unter dem Dach der US-Notenbank Fed wird eine Verbraucherschutzbehörde eingerichtet. Diese legt künftig die Bedingungen fest, nach denen Banken und Versicherungen Immobilienkredite gewähren oder Kreditkarten vergeben.

So sollen hochriskante Kreditpraktiken verhindert werden, die viele US-Immobilienkäufer in den Bankrott getrieben und mit zur Finanzkrise beigetragen haben.
Finanzaufsicht
Ein neuer Rat für Finanzaufsicht soll Risiken für das Finanzsystem frühzeitig erkennen und gegensteuern. Das ebenfalls bei der Fed angesiedelte Organ kontrolliert jedes Finanzinstitut, das Vermögen von mehr als 50 Milliarden Dollar verwaltet.

Es spricht Empfehlungen für die Eigenkapitalanforderungen aus und entscheidet im Ernstfall über die Zerschlagung oder Abwicklung eines Großinstituts.
Keine Bankrettung mit Steuergeldern
Angeschlagene Finanzinstitute werden künftig nicht mehr mit dem Geld der Steuerzahler gerettet. Statt ein Institut zu stützen, weil eine Pleite Auswirkungen auf den gesamten Markt haben würde, soll die von den Instituten selbst gespeiste Bankeinlagenversicherung (FDIC) eine geordnete Abwicklung organisieren

Für einen solchen Ernstfall müssen die größten Banken und Versicherungen regelmäßig aktualisierte Pläne für die eigene Zerschlagung vorlegen.
Derivate
Der bislang weitgehend ungeregelte Handel mit Derivaten - also Finanzprodukten, die auf anderen Anlageformen beruhen - wird der Regulierung durch die Börsenaufsicht SEC und die Terminbörsenaufsicht CFTC unterstellt. Dies soll für mehr Transparenz sorgen.

Großen Banken ist der Handel mit Derivaten nur noch zum Zwecke der Risikoabsicherung erlaubt. Die hochriskanten Finanzpapiere gelten als eine der Ursachen für die jüngste Weltfinanzkrise.
Kreditderivate
Institute, die mit Kreditderivaten handeln, können das Risiko für einen eventuellen Ausfall des betreffenden Kredits nicht mehr komplett abgeben. Mindestens fünf Prozent des Risikos müssen sie in den eigenen Büchern behalten. Außerdem müssen bei der Auflage solcher Finanzprodukte künftig mehr Informationen bereitgestellt werden.
Spekulative Fonds
Sobald ein Investmentfonds Vermögen von mehr als 150 Millionen Dollar verwaltet, wird er der Aufsicht der Börsenaufsicht SEC unterstellt. Auch dies soll zusätzlich Transparenz in dieses hochriskante Geschäftsfeld bringen. Quelle: AFP

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