Warnstreik in Hannover: Cebit-Macher tricksen Ver.di aus

Von , Hannover

Ausgerechnet zur Cebit bestreikt die Gewerkschaft Ver.di Busse und Bahnen in Hannover. Doch die Organisatoren der Computermesse stemmen sich mit einem ausgeklügelten Plan gegen das Chaos.

Mit dem roten Punkt zur Messe Fotos
dapd

Für Kuldip Wasson wird es Zeit zu gehen. Es ist halb neun, in 30 Minuten öffnet die Cebit. Wasson ist als Aussteller aus Indien zu der Messe nach Hannover gekommen. Der beschwerlichste Abschnitt seiner Reise drohten ausgerechnet die paar Kilometer zwischen Hotel und Messegelände zu werden. Denn die Bus- und Bahnfahrer der Verkehrsgesellschaft Üstra streiken am Donnerstag. 800 Fahrer haben laut Ver.di die Arbeit niederlegt.

"Ich war etwas besorgt", sagt Wasson. Doch heute Morgen stellte er fest: Direkt vor seinem Hotel am zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Hannover fahren die Ersatzbusse im Minutentakt los. Von der Hoteltür bis zum Sitzplatz im Bus sind es 30 Sekunden. "Die Cebit-Organisatoren machen einen tollen Job", sagt Wasson. Dass ausgerechnet jetzt gestreikt wird, kann er verstehen. "Nun werden sie beachtet", sagt der Inder, steigt in den Ersatzbus und fährt davon.

Auf der Straßenseite gegenüber marschiert eine Gruppe Streikender mit einer Ver.di-Fahne. "Auf den Straßen war heute morgen schon mehr los als sonst", sagt einer. Aber Verkehrschaos? "Nee, Chaos ist es nicht."

Damit ist die Strategie der Messeveranstalter aufgegangen. 40 Shuttlebusse eines Reiseveranstalters und die S-Bahnen fahren zwischen Hauptbahnhof und Messe. Auch die Regionalbahnen, Intercity-Züge und ICE können die Cebit-Besucher mit ihren Eintrittskarten kostenlos nutzen. Wer es erst einmal zum Hauptbahnhof geschafft hat, für den ist der Rest des Weges kein Problem.

Eine Revoluzzer-Idee wird wiederbelebt

Und dann haben die Cebit-Organisatoren noch eine pfiffige Idee wiederbelebt: den roten Punkt. Er war 1969 eine Revoluzzer-Aktion während der Studentenbewegung. Die Verkehrsbetriebe Üstra in der niedersächsischen Hauptstadt wollten damals die Preise um 33 Prozent erhöhen. Prompt organisierten empörte Bürger ihren eigenen Nahverkehr: Autos mit einem roten Punkt hielten damals an Haltestellen und nahmen Fahrgäste mit. Der Ersatzverkehr funktionierte so gut, dass die Verkehrsbetriebe einknickten und den Preisaufschlag zurücknahmen. Manche im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) sahen den roten Punkt gar als Symbol der antikapitalistischen Arbeiterbewegung.

2012 haben die Cebit-Veranstalter den Spieß umgedreht. Der rote Punkt soll zum Symbol gegen die streikenden Arbeiter werden und die Wirkung ihres Ausstands aushebeln. Die Idee: Autofahrer, die bereit sind, Messebesucher mitzunehmen, sollen einen roten Punkt hinter die Windschutzscheibe legen. Wer mitfahren möchte, soll den roten Punkt am Straßenrand hochhalten. Den entsprechenden Vordruck gibt es auf der Cebit-Website. Oberbürgermeister Stephan Weil hat versprochen, er werde seinen Dienstwagen für Fahrten zur Messe zur Verfügung stellen. Auch Firmen wie TUI und AWD wollen mitmachen. 3500 Mal wurde der rote Punkt heruntergeladen, sagen die Messeveranstalter.

Und wirklich - um kurz nach halb acht rollt ein roter Opel über den Bahnhofsvorplatz, bestückt mit gleich drei roten Punkten: oben rechts an der Windschutzschube, an der linken Seitenscheibe und auf der Heckscheibe. "Ich habe gestern von der Aktion gehört", sagt der Mann am Steuer. "Ich mache das privat und freiwillig." Der erste potentielle Fahrgast habe schon angefragt. "Aber das ging dann nicht, denn er hat gesagt, er braucht eine Rechnung für die Firma. Und ich fahre ja umsonst." Von hinten braust ein Taxi heran. "Machen Sie mal den Weg frei", herrscht der Taxifahrer den hilfsbereiten Hannoveraner an. "Oh, jetzt muss ich weg", sagt dieser und fährt davon.

"Fremde Leute sollen uns mit dem Auto mitnehmen?"

Etwa eine Stunde später kommt Josep Marti mit seinen Kollegen am Hauptbahnhof an. Bei ihnen zeigt der Streik Wirkung. Die drei Spanier sind gestresst, sie wollen schnell zur Messe. "Unser Hotel liegt außerhalb, es war unmöglich ein Taxi zu bekommen", sagt Marti. "Zum Glück hat uns jemand vom Hotel gefahren." Aber warum haben sie nicht die Aktion mit dem roten Punkt ausprobiert? "Roter Punkt?" Marti und seine Kollegen schauen sich verwirrt an. "Was ist das?"

Es folgt die Erklärung, doch das überzeugt die drei Männer nicht. "Fremde Leute sollen uns mit ihrem Auto einfach so mitnehmen? Das soll funktionieren?" Nun ja, wenn man den Punkt zuvor auf der Cebit-Website heruntergeladen und ausgedruckt hat. "Ausdrucken?" Marti schaut verwirrt. In Zeiten von Cloud Computing und Smartphones scheinen Drucker Relikte aus einer anderen Zeit zu sein. "Das ist zu kompliziert. Wir nehmen die S-Bahn."

Wären Marti und seine Kollegen Gabriele Ehrenberg in die Arme gelaufen, hätten sie ihren persönlichen Shuttleservice bekommen. Die Mitarbeiterin des Roten Kreuzes steht in der Bahnhofshalle und hält eine DIN-A-4-Seite mit dem roten Punkt hoch. "Ich fahre jeden Morgen Kinder zum Kindergarten", sagt sie. Das hat sie morgens schon erledigt, nun will sie Messebesucher chauffieren. Ihr Arbeitgeber hat das selbst vorgeschlagen.

"Gabriele, komm! Das Auto ist voll." Ehrenbergs Ehemann kommt angerannt. Beide marschieren zu einem Kleinbus. Sechs Leute haben sich in die beiden Reihen im Fond gequetscht. "Alles Deutsche", sagt Herr Ehrenberg. Auch Lion Arend aus Berlin hat es in das Shuttle geschafft. "Ich hatte keine Lust auf die S-Bahn. Da hätte ich über das ganze Messegelände laufen müssen", sagt sie.

"Das ist cool"

Kaum ist der Kleinbus davongefahren, kommen Greg und Masaki auf den Bahnhofsplatz. Sie sind aus Taiwan zur Cebit angereist. Trotz Streik wirken die beiden sehr gelassen. "Unser Hotel ist in Laufweite zum Bahnhof", sagt Greg. "Die Streikenden sind sehr freundlich, sie haben vorher Bescheid gegeben", sagt Masaki. "In Asien wird meist spontan gestreikt."

Haben sie denn vom roten Punkt gehört? "Was ist das?", fragen die beiden Taiwaner interessiert. Kaum ist die Aktion erklärt, hält 20 Meter weiter ein schwarzer VW-Bus mit einem roten Punkt hinter der Windschutzscheibe. "Hey, das hat uns keiner erklärt. Aber das ist cool", sagt Masaki. Schnell marschieren er und Greg auf den Bus zu. Doch der Fahrer gibt plötzlich Gas und fährt davon, ein Taxifahrer hat ihn angemotzt.

Um halb elf gibt es vor dem Hauptbahnhof doch noch so was wie einen Massenauflauf. Trillerpfeifen schrillen in den Ohren. Die Gewerkschaft Ver.di hat zur Kundgebung geladen. Die Cebit-Besucher sind da längst schon auf der Messe.

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insgesamt 159 Beiträge
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1. ................
janne2109 08.03.2012
Gemeinschaft macht eben stark, super
2. Neue Dienstwagenaffäre
einuntoter 08.03.2012
Dürfen Bedienstete der Stadt Fremde in ihren Dienstfahrzeugen mitnehmen?
3.
ripl 08.03.2012
Eigentlich sollte jeder einen Zettel ans Auto machen und sich mit den Streikenden solidarisieren. Aber in Deutschland muss ja alles billig sein. Auch die Arbeitskräfte.
4.
Steve Holmes 08.03.2012
Zitat von einuntoterDürfen Bedienstete der Stadt Fremde in ihren Dienstfahrzeugen mitnehmen?
Warum nicht? Zumal es hier ja auch noch eindutig im Interesse der Stadt ist.
5. Warum?
myanus 08.03.2012
Zitat von riplEigentlich sollte jeder einen Zettel ans Auto machen und sich mit den Streikenden solidarisieren. Aber in Deutschland muss ja alles billig sein. Auch die Arbeitskräfte.
Warum?
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Die Gewerkschaft Ver.di
Die Organisation
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) ist mit rund 2,1 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Gewerkschaft Deutschlands nach der IG Metall. Die Organisation ist 2001 durch die Fusion von ÖTV, DAG, IG Medien, HBV und Postgewerkschaft entstanden.
Der Vorsitzende
Frank Bsirske ist seit der Ver.di-Gründung ihr erster Vorsitzender. Zuvor war der studierte Politikwissenschaftler Personaldezernent in Hannover. In den Achtzigern arbeitete er für die Grünen und ist heute noch Parteimitglied.

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