Schuldenkrise als Generationenkonflikt: Traue keinem Europäer über 30!

Ein Debattenbeitrag von

Bürger gegen Banken, Nord gegen Süd, Oben gegen Unten? Einer der größten Konflikte in den Euro-Krisenstaaten wird meist totgeschwiegen: Die Alten leben auf Kosten der Jungen. Höchste Zeit, dass die Jugend gegen ihre Eltern auf die Barrikaden geht.

Alte Griechen (bei einer Veranstaltung der Sozialisten): Fast alle waren Komplizen Zur Großansicht
DPA

Alte Griechen (bei einer Veranstaltung der Sozialisten): Fast alle waren Komplizen

Hamburg - "Que se vayan todos" - Alle sollen abhauen! Das gehörte zu den Slogans, mit denen im vergangenen Jahr in Spanien zigtausende "Indignados" protestierten. Abgesehen von ihrer namensgebenden Empörung hatten sie vor allem eines gemeinsam: Die meisten waren jung und fühlten sich als Opfer der Krise.

Die Demonstranten hätten ruhig etwas konkreter werden können: "Die Alten sollen abhauen!" Denn in vieler Hinsicht ist die Euro-Krise ein Generationenkonflikt. Die satte Generation der Babyboomer, also der 50- und 60-Jährigen, lebt in den Krisenländern auf Kosten der Jugend.

Die Generationengerechtigkeit - gemessen unter anderem an der Höhe von direkten und versteckten Schulden und von Rentenansprüchen - ist in Südeuropa besonders gering. Als die Bertelsmann-Stiftung 2011 die Generationengerechtigkeit in 31 Industrieländern untersuchte, landete Griechenland auf dem letzten Platz. Wenig besser schnitten Italien (Platz 28), Portugal (Platz 24) und Spanien (Platz 22) ab. Tatsächlich wird die ungerechte Verteilung von Lebenschancen und Ressourcen derzeit besonders deutlich:

  • Der Absturz des Arbeitsmarktes trifft junge Europäer ungleich stärker als Ältere. In Griechenland und Spanien ist mehr als jeder zweite unter 25 arbeitslos - doppelt so viel wie bei älteren Arbeitnehmern. Auch in Teilen Süditaliens liegt die Jugendarbeitslosigkeit über 50 Prozent.
  • Ein Grund für diese Lage sind ungleiche Beschäftigungsverhältnisse: Ältere Spanier und Italiener profitieren von einem im internationalen Vergleich hohen Kündigungsschutz. Dagegen ist jeder zweite junge Italiener nur befristet beschäftigt, in Spanien sind es sogar rund 60 Prozent.
  • Lasten und Risiken der versuchten Euro-Rettung tragen vor allem die Jungen. Schließlich werden steigende Staatsverschuldung und milliardenschwere Euro-Rettungsfonds mit Anleihen finanziert, die oft erst in vielen Jahren fällig werden.

Es sind eben nicht nur Politiker und Banker schuld an der Krise. Weite Teile der älteren Generation waren Komplizen der taumelnden Systeme. In Griechenland gab es in fast jeder Familie einen Beamten, der vom aufgeblähten Staatsapparat profitierte. In Spanien haben Babyboomer massenweise Hypotheken aufgenommen und das Land so in die Schuldenkrise gestürzt. In Italien konnte wiederholt ein Politiker wie Silvio Berlusconi an die Macht gelangen, dessen Gaunereien offenbar auf breite Sympathie stießen - Rentner gehörten zu seinen wichtigsten Wählergruppen.

Wo also bleibt der Aufschrei der Jungen? Erste Anzeichen dafür gibt es. So schrieb der italienische Schriftsteller Leonardo Palmisano kürzlich in der "Tageszeitung", in der Debatte um die Lockerung des Kündigungsschutzes in seiner Heimat gehe es "nicht so sehr um 'Klasse', sondern vor allem ums 'Alter'". Auf der einen Seite stünden die schon jetzt meist prekär beschäftigten Jungen, auf der anderen Babyboomer mit unbefristeten Verträgen und sicheren Renten. Diese "C/S" (Cinquanta/Sessantenni) seien die "Protagonisten des Berlusconi-Regimes" und hielten "ein Übermaß an Macht in den Händen, ohne dabei über die nötigen Kompetenzen zu verfügen, das Land aus der Krise zu führen".

Eine Generation vor Gericht

Natürlich sind nicht alle südeuropäischen Senioren kleine Berlusconis. Unter den Folgen der Einsparungen leiden auch viele Ältere. Dennoch ist es richtig, pauschal nach der Verantwortung der älteren Generation zu fragen - um so zu ehrlicheren Antworten auf die Krise zu kommen.

Dazu gehören unbequeme Arbeitsmarktreformen, welche die Privilegien der Älteren beschneiden. Dazu gehören auch Steuererhöhungen für Reiche und ein konsequenter Kampf gegen die lange als Kavaliersdelikt betrachtete Steuerhinterziehung - beides Maßnahmen, die vor allem Ältere mit Vermögen treffen.

Derzeit aber ist ein anderer Trend zu beobachten: Nach anfänglicher Selbstkritik mehren sich unter den Südeuropäern Verschwörungstheorien. Ob nun die Wall Street oder Angela Merkel der Bösewicht sind: Schuld an der eigenen Misere haben die anderen. Besonders dreist ist mal wieder Silvio Berlusconi, der ein politisches Comeback plant und allen Ernstes behauptet: "Nur ich kann alles retten."

Warum rebellieren junge Südeuropäer nicht stärker gegen so viel Arroganz? Eine traurige Antwort: Sie würden die Hand beißen, die sie füttert. Mangels eigener Mittel leben in Italien, Spanien und Griechenland vor allem junge Männer bis ins Erwachsenenalter im Elternhaus - das macht es schwer, aufzubegehren.

Doch Vorsicht: Zu deutscher Überheblichkeit besteht kein Anlass. Der ungelöste Generationenkonflikt im Süden liefert einen Vorgeschmack auf das, was uns auch in Deutschland bevorstehen könnte.

Hierzulande war es vor wenigen Jahren möglich, dass die Große Koalition eine "Rentengarantie" durchsetzte: Die Bezüge der Alten sollten auch dann nicht reduziert werden, wenn die Löhne der Jüngeren sinken. Der Grund: Angst vor wütenden Rentnern bei der nahenden Wahl. Die Mehrkosten: Laut einer Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft knapp 18 Milliarden Euro.

Auch in Deutschland werde die Einkommensverteilung zwischen den Generationen zur "Neuen Sozialen Frage", warnt eine aktuelle Analyse, die im "Schnelldienst" des Münchner Ifo-Instituts erschienen ist. Der Abstand zwischen den Einkommen von Jüngeren und Älteren müssen sich verringern. "Andernfalls steigt das Konfliktpotential."

Massive Unterschiede in den USA

Und auch außerhalb der Euro-Zone wächst die Kluft: In den USA ist das Haushaltsvermögen von über 65-Jährigen laut einer Analyse des Pew Research Center seit 1984 um 42 Prozent gewachsen. Die unter 35-Jährigen dagegen besitzen heute 68 Prozent weniger als ihre Altersgenossen Mitte der achtziger Jahre.

In Großbritannien - im vergangenen Jahr Schauplatz schwerer Jugendkrawalle - veröffentlichte der konservative Politiker David Willetts 2010 ein Buch mit dem Untertitel "Wie die Babyboomer die Zukunft ihrer Kinder genommen haben". Willetts schrieb, die nächste Generation werde "herausfinden, dass sie härter arbeiten muss, um ihre Schulden abzubezahlen. Deshalb sind künftige Generationen die wahren Verlierer der gegenwärtigen Finanzkrise."

Doch dass jemand die Probleme der Jugend beschreibt, macht ihn noch nicht zu ihrem Verbündeten. In seinem Buch nannte Willetts Studiengebühren als einen Faktor für den schwindenden Wohlstand junger Briten. Kurz nach Erscheinen wurde er Wissenschaftsminister der Cameron-Regierung. Als solcher hatte Willetts kein Problem damit, die Studiengebühren verdreifachen zu lassen. Nebenbei bemerkt: Der Mann ist 56.

Am Ende werden junge Europäer ihre Interessen eben doch selbst durchsetzen müssen. Vielleicht sollten sie dafür einen Slogan der 68er wiederbeleben: Traue keinem über 30!

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 692 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
moev 08.08.2012
Der generationenvertrag ist ein forgesetzer Betrug der irgendwann platzen muss. Jede Generation muss nur hoffen das sie noch eine nachfolgende Generation zeitlebens betrügen kann und eben nicht die eine Generation ist der er um die Ohren fliegt und die nichts mehr bekommt. Keine Staat, keine Gesellschaft besteht ewig und irgendwann wird es eine letzte Generation geben die eben die angeschmierte ist.
2. Was will hier konstruiert werden?
MarkusRiedhaus 08.08.2012
Die alten Arbeitnehmer haben doch meist einbezahlt, bis es zum unseeligen Generationenvertrag kam in DE und die Politiker sind schuld, da sie über Generationen planen müssen und nicht bis zur nächsten Legislaturperiode.
3. Wieder so eine Nebelbombe
Till67 08.08.2012
Es ist Superreich gegen Mittelklasse und Unterklasse - nicht Alt gegen Jung. Die Älteren haben noch die besseren Verträge, die jüngeren sind voll im Würgegriff von Banken Konzernen - flexibel, schlechtbezahlt und mit immer weniger Rechten. Wenn 50% des Gesamteinkommens bei weniger als 10% der Bevölkerung landen (nach Steuern!), stimmt etwas mit dem Gesellschaftsvertrag nicht mehr. Alt gegen Jung hetzen ist hier nur Ablenkung.
4. Zustimmung
fr.rottenmeier 08.08.2012
Zitat von sysopAuch in Deutschland werde die Einkommensverteilung zwischen den Generationen zur "Neuen Sozialen Frage", warnt eine aktuelle Analyse des Münchner Ifo-Instituts. Der Abstand zwischen den Einkommen von Jüngeren und Älteren müssen sich veringern. "Andernfalls steigt das Konfliktpotenzial."
Dass ich mal dem Ifo-Institut zustimmend zur Seite springen kann, hätte ich nie gedacht. Aber genau so ist es. Der Abstand zwischen den Einkommen von Jung und Alt muss verringert werden. Die Einstiegslöhne der Berufsanfänger müssen steigen, keine Frage.
5. Zuerst bei SPON anfangen...
mr_smith 08.08.2012
Zitat von sysopBürger gegen Banken, Nord gegen Süd, Oben gegen Unten? Einer der größten Konflikte in den Euro-Krisenstaaten wird meist totgeschwiegen: Die Alten leben auf Kosten der Jungen. Höchste Zeit, dass die Jugend gegen ihre Eltern auf die Barrikaden geht. Warum die Euro-Krise ein Generationenkonflikt ist - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,848758,00.html)
Zuerst sollten alle Jungen Leute bei SPON anfangen und die Redakteure Ü30 austauschen.... Das Thema ist ja seit Ü30 Jahren bekannt... Auua, die Online Bild für Intellektuelle zu lesen tut weh....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Euro-Krise
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 692 Kommentare
  • Zur Startseite

So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.
Interaktive Grafik