Eine Analyse von Henrik Müller
Jens Ulbrich entspricht nicht gerade dem Idealbild eines Revolutionärs. Er ist ein bedächtiger Mann mittleren Alters mit sanfter Stimme und zurückhaltendem Auftreten. Umso erstaunlicher, dass eine Äußerung Ulbrichs vorige Woche wie eine Revolution aufgenommen wurde: Die Deutschen machten Zugeständnisse bei der Preisstabilität, mutmaßte die Londoner "Financial Times". Die "Bild"-Zeitung rief gleich den "Inflations-Alarm!" aus: "Bundesbank weicht den Euro auf".
Das ist natürlich Unsinn. Dennoch hat die Debatte einen wahren Kern. Und der ist besorgniserregend genug. Aber eines nach dem anderen.
Sicher, Ulbrich ist eine einflussreiche Figur in der Bundesbank. Er gehört zu den Weber-Boys, die der frühere Bundesbank-Chef Axel Weber vom Sachverständigenrat ("Fünf Weise") zur Währungsbehörde lotste. Heute ist er als Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung einer der engsten Berater von Webers Nachfolger Jens Weidmann. Was der Bundesbank-Präsident im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) vorträgt, fußt auf Ulbrichs Analysen.
Vergangene Woche also hat Ulbrich vor dem Finanzausschuss des Bundestags erklärt, Deutschland werde künftig "eher überdurchschnittliche Inflationsraten aufweisen". Was nicht mehr ist als eine Erläuterung der Euro-Mechanik. Zumal er gleich hinzufügte, die Geldpolitik habe "dafür zu sorgen", dass "die Inflation im Aggregat der EWU (Europäischen Währungsunion) dem Stabilitätsziel entspricht und die Inflationserwartungen fest verankert bleiben".
Mit anderen Worten: Die EZB soll im Euro-Gebiets-Durchschnitt die Inflation bei knapp unter zwei Prozent halten.
Große Teile der restlichen Währungsunion liegen darnieder
Das ist nun wahrlich keine Revolution, sondern eigentlich eine Banalität. So ist das seit 1999: Stärker wachsende Mitgliedsvolkswirtschaften haben leicht überdurchschnittliche Inflationsraten, schwächelnde haben unterdurchschnittliche. In den ersten zwölf Jahren der Währungsunion betrug die durchschnittliche Inflationsrate im gesamten Euro-Gebiet knapp zwei Prozent, in Deutschland lag sie bei 1,5 Prozent.
Nun drehen sich die Verhältnisse um. Deutschland wächst und wächst, während große Teile der restlichen Währungsunion daniederliegen. Länder wie Italien, Spanien oder Frankreich müssen wettbewerbsfähiger werden. Und das heißt: Sie müssen relativ zu Deutschland mit den Stückkosten runter. Das wird ihnen nur gelingen, wenn die Bundesrepublik höhere Inflationsraten hat als die Südländer.
So funktioniert eine Währungsunion ohne umfangreichen Finanzausgleich: Um wieder auf die Füße zu kommen, muss der Süden real abwerten - Preise und Kosten steigen dort langsamer als anderswo in der Euro-Zone. Spiegelbildlich dazu wertet der Norden auf. Am Ende strebt die Währungsunion einem neuen Gleichgewicht zu.
Soweit die Theorie. Es gibt da aber zwei Probleme: Erstens wird die reale Anpassung bei einem Inflationsziel von zwei Prozent kaum funktionieren. Zweitens unterschätzt der Anstieg der Verbraucherpreise dramatisch die wahre Inflationsdynamik.
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