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Euro-Krise: Warum eine höhere Inflation normal wird

Eine Analyse von

Die Debatte über eine höhere Inflation in Deutschland führt in die Irre. Sie verschleiert das Ausmaß der echten Probleme - und legt der Politik falsche Schlüsse nahe. Die eigentlichen Knackpunkte liegen vor allem bei steigenden Immobilienpreisen und wachsenden Schulden in der Privatwirtschaft.

Euro-Münze: Die Dynamik ist bereits voll im Gang Zur Großansicht
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Euro-Münze: Die Dynamik ist bereits voll im Gang

Jens Ulbrich entspricht nicht gerade dem Idealbild eines Revolutionärs. Er ist ein bedächtiger Mann mittleren Alters mit sanfter Stimme und zurückhaltendem Auftreten. Umso erstaunlicher, dass eine Äußerung Ulbrichs vorige Woche wie eine Revolution aufgenommen wurde: Die Deutschen machten Zugeständnisse bei der Preisstabilität, mutmaßte die Londoner "Financial Times". Die "Bild"-Zeitung rief gleich den "Inflations-Alarm!" aus: "Bundesbank weicht den Euro auf".

Das ist natürlich Unsinn. Dennoch hat die Debatte einen wahren Kern. Und der ist besorgniserregend genug. Aber eines nach dem anderen.

Sicher, Ulbrich ist eine einflussreiche Figur in der Bundesbank. Er gehört zu den Weber-Boys, die der frühere Bundesbank-Chef Axel Weber vom Sachverständigenrat ("Fünf Weise") zur Währungsbehörde lotste. Heute ist er als Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung einer der engsten Berater von Webers Nachfolger Jens Weidmann. Was der Bundesbank-Präsident im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) vorträgt, fußt auf Ulbrichs Analysen.

Vergangene Woche also hat Ulbrich vor dem Finanzausschuss des Bundestags erklärt, Deutschland werde künftig "eher überdurchschnittliche Inflationsraten aufweisen". Was nicht mehr ist als eine Erläuterung der Euro-Mechanik. Zumal er gleich hinzufügte, die Geldpolitik habe "dafür zu sorgen", dass "die Inflation im Aggregat der EWU (Europäischen Währungsunion) dem Stabilitätsziel entspricht und die Inflationserwartungen fest verankert bleiben".

Mit anderen Worten: Die EZB soll im Euro-Gebiets-Durchschnitt die Inflation bei knapp unter zwei Prozent halten.

Große Teile der restlichen Währungsunion liegen darnieder

Das ist nun wahrlich keine Revolution, sondern eigentlich eine Banalität. So ist das seit 1999: Stärker wachsende Mitgliedsvolkswirtschaften haben leicht überdurchschnittliche Inflationsraten, schwächelnde haben unterdurchschnittliche. In den ersten zwölf Jahren der Währungsunion betrug die durchschnittliche Inflationsrate im gesamten Euro-Gebiet knapp zwei Prozent, in Deutschland lag sie bei 1,5 Prozent.

Nun drehen sich die Verhältnisse um. Deutschland wächst und wächst, während große Teile der restlichen Währungsunion daniederliegen. Länder wie Italien, Spanien oder Frankreich müssen wettbewerbsfähiger werden. Und das heißt: Sie müssen relativ zu Deutschland mit den Stückkosten runter. Das wird ihnen nur gelingen, wenn die Bundesrepublik höhere Inflationsraten hat als die Südländer.

So funktioniert eine Währungsunion ohne umfangreichen Finanzausgleich: Um wieder auf die Füße zu kommen, muss der Süden real abwerten - Preise und Kosten steigen dort langsamer als anderswo in der Euro-Zone. Spiegelbildlich dazu wertet der Norden auf. Am Ende strebt die Währungsunion einem neuen Gleichgewicht zu.

Soweit die Theorie. Es gibt da aber zwei Probleme: Erstens wird die reale Anpassung bei einem Inflationsziel von zwei Prozent kaum funktionieren. Zweitens unterschätzt der Anstieg der Verbraucherpreise dramatisch die wahre Inflationsdynamik.

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1. Es kommt alles wieder
pförtner 15.05.2012
Dann gehen wir mit einem Waschkorb voller Geld zum Bäcker und bekommen dafür ein Brötchen , wenn überhaupt. Aber das hatten wir ja alles in Deutschland schon mal (1927).
2.
RogerRabit1962 15.05.2012
Zitat von sysopDPADie Debatte über eine höhere Inflation in Deutschland führt in die Irre. Sie verschleiert das Ausmaß der echten Probleme - und legt der Politik falsche Schlüsse nahe. Die eigentlichen Knackpunkte liegen vor allem bei steigenden Immobilienpreisen und wachsenden Schulden in der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833024,00.html
Man kann es nicht oft genug sagen, die Mechanismen sind bekannt und die Politiker rennen - mit den Banken zusammen in die selben Fallen, in denen sie sich schon einmal verfangen hatten. Das ist nun etwa 80 Jahre her. Das Problem ist von Mieses im Boom und Bust Zyklus schon lange herausgearbeitet und verstanden. Nur hat niemand auf Ackermann gehört, als er zwei entscheidende Sätze sagte. Der eine was "Das Deleveraging wird entsetzlich sein". Und der andere "Wenn die Monoliner wackeln, wackeln die Banken". Für beide Probleme kann Politik keine einfache Lösung anbieten. Die Banken auch nicht. Die Fehler sind gemacht und das Kind liegt im Brunnen. Die Aufarbeitung von Schattenbilanzen und der Vertrauensverlust wird sich über eine ähnliche Zeitperiode ziehen wie in Japan und das wird die europäische Einigung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vertragen. Wozu der dann anfangende Protektionismus führt, haben wir schon einmal erlebt.
3.
fabian03 15.05.2012
Zitat von sysopDPADie Debatte über eine höhere Inflation in Deutschland führt in die Irre. Sie verschleiert das Ausmaß der echten Probleme - und legt der Politik falsche Schlüsse nahe. Die eigentlichen Knackpunkte liegen vor allem bei steigenden Immobilienpreisen und wachsenden Schulden in der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833024,00.html
Eine gute und nachvollziehbare Analyse der Situation. Was allerdings fehlt ist der Ausweg aus dem Dilemma. Folgt man der Argumentation Müllers kann der eigentlich nur in einem Austritt Deutschlands aus dem Euro liegen. Ergänzend zu dem Thema gibt es heute auch einen sehr guten Beitrag in der "Welt". Kritik an Merkel: "Wir werden einen unvorstellbar hohen Preis zahlen" - Nachrichten Politik - Ausland - WELT ONLINE (http://www.welt.de/politik/ausland/article106312572/Wir-werden-einen-unvorstellbar-hohen-Preis-zahlen.html)
4. 1923
kimba2010 15.05.2012
Zitat von pförtnerDann gehen wir mit einem Waschkorb voller Geld zum Bäcker und bekommen dafür ein Brötchen , wenn überhaupt. Aber das hatten wir ja alles in Deutschland schon mal (1927).
1923, um genau zu sein. Aber natürlich könnte es wieder so kommen. Der kleine Mann macht nur zu gerne nach, was ihm die Politiker und Staaten vorleben: auch wer kein Geld hat, kann lustig auf Pump konsumieren. Sparen ist uncool. Die Wähler betrafen ja auch konsequent jede Partei, die "Sparen" auch nur ansatzweise erwähnt. Lieber lustig "weiter so". Zahlen tun wir ein andermal (also nie). Das wird alles noch böse enden.
5. ...
cato. 15.05.2012
Zitat von sysopDPADie Debatte über eine höhere Inflation in Deutschland führt in die Irre. Sie verschleiert das Ausmaß der echten Probleme - und legt der Politik falsche Schlüsse nahe. Die eigentlichen Knackpunkte liegen vor allem bei steigenden Immobilienpreisen und wachsenden Schulden in der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833024,00.html
Seit einigen Wochen ??? Der Artikel ist vom 06.06.2011 EZB: Zweifelhafte Werte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,766905,00.html)
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Tabelle: Ergebnisse kompakt
Erste Ölkrise, zweite Ölkrise, Wiedervereinigung, Spekulationsblasen am Aktienmarkt und jährliche Inflationsraten von minus 1 bis plus 7,7 Prozent pro Jahr.

Unsere Tabelle zeigt wie hoch die realen Renditen von Aktien, Anleihen und Gold in Deutschland seit 1970 waren.

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Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.
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