S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Ende der Euro-Allianz

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Britischer Ex-Finanzminister Lawson: Wirtschaft selbst organisieren Zur Großansicht
Getty Images

Britischer Ex-Finanzminister Lawson: Wirtschaft selbst organisieren

Der Euro als Bindeglied extrem unterschiedlicher politischer Ausrichtungen - das war einmal. Mit Oskar Lafontaine oder dem britischen Ex-Finanzminister Lawson wenden sich einstmals heiße Befürworter von der gemeinsamen Idee ab. Drastischer kann die Symbolik des drohenden Bruchs kaum ausfallen.

Es gibt Momente, die sind für eine Entwicklung kritisch. Und dann gibt es solche von eher symbolischer Bedeutung. Sie präzisieren einen unausgesprochenen Gedanken oder ein Bauchgefühl. Zur letzteren Gruppe gehören die fast simultanen Äußerungen zweier ehemaliger Finanzminister - der eine aus Deutschland, der andere aus Großbritannien. Der Deutsche sagte, man müssen den Euro abschaffen. Der Brite will aus der Europäischen Union austreten.

Ich will Oskar Lafontaine nicht als einen Kronzeugen für irgendetwas anführen. Er ist mittlerweile nicht nur ein Ex-Finanzminister, sondern bald auch ein ehemaliger Politiker. Politisch wichtig ist er schon lange nicht mehr. Aber interessant finde ich schon die Gründe, die er anführt. Es ist nicht so, dass ich sie teile. Das Gegenteil ist der Fall. Interessant ist, mit welcher Klarheit Lafontaine das Missverständnis der Linken über den Euro zum Ausdruck bringt. Lafontaine sagte, er hätte den Euro damals unterstützt, weil er in ihm eine Möglichkeit sah, ein Gegenwicht zum US-Dollar aufzubauen - und somit ein Gegenwicht zur USA.

Ich erinnere mich an Gespräche mit ihm zu dieser Zeit, und es war in der Tat so. Seine Unterstützung für den Euro basierte weniger aus einer ökonomischen Analyse. Er teilte auch nicht Helmut Kohls emotionalen europäischen Idealismus. Es war ein vorwiegend machtpolitisches Kalkül - gegenüber den USA, aber auch gegenüber der Bundesbank, damals der mächtigsten wirtschaftspolitischen Institution in Europa. Lafontaine hoffte mit der Einführung einer neuen Währung einen Strukturbruch in der nationalen und internationalen Wirtschaftspolitik zu erreichen.

Dieser Bruch fand nie statt. Die Europäische Zentralbank verstand sich als die Fortsetzung der Bundesbank mit anderen Mitteln. Die Regierungen jedenfalls priorisierten den Euro als Weltreservewährung nicht, schon gar nicht die sozialdemokratische seines Widersachers Gerhard Schröder. Der Euro gewann zwar international an Bedeutung, kam aber an den Dollar nie heran. Und dann kam die Krise.

Interessant finde ich ebenfalls, dass Sahra Wagenknecht von den Linken jetzt ankündigt, Berührungspunkte mit der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland auszukundschaften. Man sieht ganz deutlich, dass die Unterstützung für den Euro nicht nur rechts, sondern auch mittlerweile links bröckelt.

Wer glaubt, dass sich das Thema mit Lafontaines Ausscheiden aus der Bundespolitik erübrigt, irrt. Die Debatte geht gerade erst los.

Lawson liefert konstruktive Argumente für einen EU-Austritt

In Großbritannien schrieb der ehemalige Schatzkanzler Nigel Lawson in diesen Tagen einen Artikel in der "Times". Darin argumentierte er, Großbritannien solle die EU verlassen. Er argumentierte dabei ökonomisch. Die Briten würden besser dastehen, so behauptete er, wenn sie ihre Wirtschaft nach liberalen Prinzipien selbst organisieren würden, als die von Brüssel bestimmten Regeln des Binnenmarktes zu übernehmen.

Es ist nicht leicht, eine solche These zu verifizieren oder zu falsifizieren, weil man hier alle möglichen Annahmen treffen muss - insbesondere über die Handelspolitik oder Marktreaktionen nach einem Austritt. Ich sehe die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts eher neutral als positiv.

Es gibt trotzdem zwei Gründe, warum ich Lawsons Äußerungen für wichtig halte.

  • Der erste davon ist, dass Lawson den Europa-Gegnern in seinem Land ein konstruktives Argument für einen EU-Austritt geliefert hat. Das ist in der Tat neu. Bislang basierte die Kampagne für eine Ende der EU-Mitgliedschaft auf einem lauen Gefühl von Unbehagen in der Magengegend, verbunden mit einem gehörigen Stück von Feindseligkeit gegenüber Deutschen, Franzosen und anderen Kontinentaleuropäern.
  • Der zweite Grund, warum Lawsons Äußerungen von Bedeutung sind, ist seine eigene Vergangenheit. Er war Finanzminister unter der jüngst verstorbenen Margaret Thatcher. Er trat im Jahre 1989 aus Protest gegen Thatchers antieuropäischen Kurs zurück. Er wollte die Anbindung des Pfunds an den Europäischen Währungsmechanismus, beziehungsweise an die Mark. Lawson ist nicht einer dieser britischen Europa-Hasser. Er hoffte, mit der Anbindung an die Mark eine makroökonomische Stabilisierung zu erreichen. Ironischerweise kam die Anbindung an die Mark erst nach seinem Abtritt. Die deutsche Wiedervereinigung erforderte hierzulande höhere Zinsen, was das an die Mark angekoppelte Großbritannien wiederum in eine tiefe und lange Rezession stürzte. Im Jahr 1992 gaben die Briten die Bindung wieder auf.

In den achtziger und neunziger Jahren standen Lawson und Lafontaine zwar politisch in diametral gegensätzlichen Ecken, aber sie waren beide für eine europäische Wirtschafts- und Währungsintegration. Sie hatten ihre eigenen unterschiedlichen politischen Gründe, warum sie den Euro unterstützen. Sie waren somit Teil einer breiten Koalition, die den Euro überhaupt erst ermöglichte.

Und damit sind wir wieder bei der Symbolik. Lawson und Lafontaine symbolisieren, dass diese große Koalition an ihren Rändern zerbricht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was mir seit der Plasberg Sendung auf dem Herzen liegt ....
spmc-135322777912941 08.05.2013
warum wird mittels Einspieler die AfD in die Nähe der NPD gerückt während am selben Tag Lafontaine sich vom Euro abwendet. Hart aber unfair, jawohl, das trifft durchaus zu.
2. HartzIV...
emmerot 08.05.2013
Die, die Geld wollen, wollen auch den Euro. Sozusagen HartzIV für Lateineuropa und den Rostgürtel....
3. EURO...nein danke
kdshp 08.05.2013
Zitat von sysopGetty ImagesDer Euro als Bindeglied extrem unterschiedlicher politischer Ausrichtungen - das war einmal. Mit Oskar Lafontaine oder dem britischen Ex-Finanzminister Lawson wenden sich einstmals heiße Befürworter von der gemeinsamen Idee ab. Drastischer kann die Symbolik des drohenden Bruchs kaum ausfallen. Warum Oskar Lafontaine und Nigel Lawson Europa den Rücken kehren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/warum-oskar-lafontaine-und-nigel-lawson-europa-den-ruecken-kehren-a-898709.html)
Ich war damals schon der meinung das der euro noch nicht soweit ist UND bei dem jetzigen chaos fühle ich mich bestätigt. Am besten raus aus diesem euro und erstmal anderes regeln wie eine einheitliche politische ausrichtungen.
4. ...
Netcube 08.05.2013
Ich habe mich die letzte Zeit etwas mit der AfD befasst, v.a. die Talkshows angesehen, in denen Bernd Lucke auftrat und auch einige Statements. Was ich dabei faszinierend fand ist, dass seine Klarheit in der Sprache, wenn er über ein Ende des Euros spricht, bei sehr vielen (selbst mir) zu einem inneren "Darf man das denn?" führt. Ich habe darüber nachgedacht, warum das so ist und bin zu dem Schluss gekommen: Der Euro wird von "uns" nicht wie eine Währung behandelt, nicht wie ein finanzpolitisches Werkzeug. Er ist mit Ideologien vollgestopft, eine heilige Kuh, fast schon eine Religion. Das immer mehr Menschen, darunter zum Glück auch immer mehr Hochkaräter die man nicht so einfach in die Ecke der Spinner oder Nationalisten rücken kann, diese Ideologie hinterfragen, ist meiner Ansicht nach absolut bedeutend. Und es werden mit Sicherheit immer mehr werden. Warum? Weil diese Menschen sachlich-ökonomisch recht haben... und natürlich entfaltet das auch Wählerpotential. Letzteres liegt m.A.n. vor allem daran, dass die Mehrheit der Menschen Sprüche wie "Mit Euro gehts uns besser... schaut mal was er uns alles gebracht hat" nicht mehr hören können. Denn auf die Mehrheit der Menschen trifft das einfach nicht zu. Der Euro ist ein Werkzeug um Reiche noch reicher zu machen. Der Export hat natürlich profitiert. Aber wieviel Mittelständler exportieren denn? Und haben die Arbeiter von großen Konzernen wirklich mehr in der Tasche weil der Konzern im Export zulegen konnte? In den südlichen Ländern siehts dann richtig dramatisch aus. Dort erstickt der Euro die Wirtschaft. Das wird wohl noch Jahrzehnte so bleiben, sollte er nicht abgeschafft oder verändert werden. Kurz gesagt: Die Ideologie wird hinterfragt und die heilige Kuh irgendwann geschlachtet werden. Das ist alternativlos.
5. Wenn EU und Euro die beiden großen Friedensprojekte sind...
alicewunder 08.05.2013
gibt es dann jetzt Krieg? Und „Lafontaine sagte, er hätte den Euro damals unterstützt, weil er in ihm eine Möglichkeit sah, ein Gegenwicht zum US-Dollar aufzubauen - und somit ein Gegenwicht zur USA." Wow! Ein Linker aus dem Saarland hatte Weltmachtträume. Solchen Phantastereien verdanken wir den Euro? Und damit die Rekordarbeitslosenzahlen in Europa? Und laut Münchau: „Bislang basierte die Kampagne für eine Ende der EU-Mitgliedschaft auf einem lauen Gefühl von Unbehagen in der Magengegend, verbunden mit einem gehörigen Stück von Feindseligkeit gegenüber Deutschen, Franzosen und anderen Kontinentaleuropäern." Wirklich? Sind da nicht 1000 Studien, 20 Jahrgänge Telegraph und Nigel Farage an Herrn Münchau vorbeigegangen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Spur des Geldes
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 140 Kommentare
Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

Facebook