Griechische Jobmisere Warum Jannis auch ohne Lohn arbeitet

Arbeitsloser in Athen: Nur Beamte haben eine Lobby
REUTERS

Arbeitsloser in Athen: Nur Beamte haben eine Lobby

Von


Orangen und Zitronen aus dem Garten, reichlich selbstgepresstes Olivenöl: Von einem Besuch bei Freunden in Griechenland habe ich gerade viel Gutes mitgebracht. Aber auch einen Eindruck von einem wenig bekannten Phänomen des griechischen Arbeitsmarkts.

Die Freunde heißen Maria und Gunnar. Sie ist Griechin, er Deutscher, wir kennen uns von früher aus Hamburg. Im Jahr 2010 sind sie mit ihrem kleinen Sohn in Marias Heimat zurückgekehrt, die Stadt Agrinio in Westgriechenland. Mitten in der Krise war das eine mutige Entscheidung. Die Journalistin Babette Hnup, eine gemeinsame Freundin, hat gerade einen kurzen Film über den Alltag der Familie gedreht.

Einen großen Vorteil aber haben Maria und Gunnar: Als Zahntechnikerin sowie Tischler und Architekt haben beide Berufe, mit denen sie in Griechenland inzwischen Geld verdienen - wenn auch weitaus weniger als in Deutschland. Anders sieht es bei Jannis aus, dem Cousin von Maria. Auch ihn kenne ich von früher, er hat ebenfalls eine Weile in Hamburg gelebt. Als ich ihn nun frage, was er inzwischen macht, seufzt Jannis und muss erst mal etwas ausholen.

Seit Oktober letzten Jahres habe er endlich einen Job, erzählt mir Jannis, darüber sei er sehr froh. Auch wenn er bislang noch keinen Cent Geld bekommen habe. Wie bitte?

Jannis arbeitet bei einem Büro für energetische Sanierungen, seine Stelle wird durch ein Programm aus EU-Mitteln finanziert. Abzüglich Sozialabgaben soll er eigentlich 400 Euro pro Monat bekommen. Das erste Gehalt war erst nach drei Monaten versprochen, doch selbst dann kam es nicht. Auf Nachfrage beim zuständigen Amt hieß es, Jannis brauche noch eine Bescheinigung von der Krankenkasse. Die hat er abgeliefert - und wartet seitdem weiter.

Man könnte Jannis' Geschichte als Einzelfall abtun, als besonders absurden Auswuchs griechischer Bürokratie. Doch er ist nicht allein. Laut einer Schätzung des Gewerkschaftsinstituts GSEE arbeitet mehr als eine Million Griechen derzeit ohne Bezahlung. Von Matrosen bis zu Ärzten berichten Angestellte der unterschiedlichsten Branchen, dass sie seit Monaten keinen Lohn erhalten haben.

Ist Griechenland nicht das Land der mächtigen Gewerkschaften, die mit Dauerstreiks um ihre Rechte kämpfen? Doch. Aber diese starke Interessenvertretung gilt nur für den öffentlichen Dienst. "Die Gewerkschaften, die waren nur von Parteileuten oder Beamten", erzählt Marias Tante im Film. "Ein Mädchen in einer Boutique hat nie gestreikt."

Viele Unternehmer sind tatsächlich knapp bei Kasse, nicht zuletzt, weil der Staat dem Privatsektor zunehmend Geld schuldet. Doch die Arbeitnehmer halten auch aus Angst still. Bei einem Prozess könnten sie vielleicht ihren ausstehenden Lohn einklagen, dafür aber anschließend ihren Job ganz verlieren.

Für Jannis' Arbeit zahlt sein Vater sogar drauf: Er hat sich bereiterklärt, die Krankenversicherung seines Sohnes zu übernehmen, obwohl das eigentlich Aufgabe des Arbeitgebers wäre. Auch auf rund 150 Euro, die ihm als Differenz zum Mindestlohn zusätzlich zustehen würden, muss Jannis voraussichtlich verzichten - wenn denn überhaupt mal Geld kommen sollte.

So schwierig seine Lage ist: Jannis betont mehrfach, wie froh er über seine Arbeit und die EU-Mitgliedschaft Griechenlands sei. Jahrelang hatte er gar keinen Job, abgesehen von gelegentlichen Arbeiten auf den Feldern, wo in Agrinio neben Oliven auch Tabak angebaut wird. Den Wohlstand der Eltern werde seine Generation sicher nicht mehr erleben, sagt der 32-Jährige. Aber ihre größte Hoffnung bleibe Europa.

Diese Hoffnung haben allerdings so viele, dass die Bundesregierung gerade erst ein Förderprogramm für junge Arbeitssuchende aus Südeuropa auf Eis legte - wegen zu großen Andrangs. Und in Athen hörte ich Premierminister Antonis Samaras beim Besuch von Angela Merkel gerade von einem neuen Wirtschaftsmodell sprechen, das bereits Realität sei. Ob dieses Modell auch regelmäßig bezahlte Jobs vorsieht, sagte er nicht.

Als ich Jannis vom Auftritt von Samaras und Merkel erzähle, lächelt er ungläubig. Im Mai wird in Griechenland gewählt, auch deshalb dürfte Samaras die Lage positiver zeichnen als sie für die allermeisten Griechen ist. Zumindest kurzfristig könnte Jannis davon sogar profitieren: Er hat gehört, dass sein erstes Gehalt noch vor dem Wahltermin kommen soll.



Diskutieren Sie mit!
40 Leserkommentare
spreepirat 19.04.2014
rodelaax 19.04.2014
mainzelmännchen 1 19.04.2014
Blindleistungsträger 19.04.2014
afxtwin 19.04.2014
Carlos Gardel 19.04.2014
marthaimschnee 19.04.2014
keinname2013 19.04.2014
eumenes 19.04.2014
pantokrator 19.04.2014
Altesocke 19.04.2014
skorpianne 19.04.2014
t.h.wolff 19.04.2014
hotgorn 19.04.2014
germanos-elinas 19.04.2014
analyse 19.04.2014
papayu 19.04.2014
hotgorn 19.04.2014
thequickeningishappening 19.04.2014
götterbote2012 19.04.2014
redbayer 19.04.2014
kv21061929 19.04.2014
klaus meucht 19.04.2014
Matthias Kelm 19.04.2014
curiosus_ 19.04.2014
heimlifeiss 19.04.2014
heimlifeiss 19.04.2014
Paul-Merlin 19.04.2014
biberzahn 20.04.2014
biberzahn 20.04.2014
rantzau 20.04.2014
klaus meucht 20.04.2014
hotgorn 20.04.2014
hotgorn 20.04.2014
hondje 20.04.2014
TarLay 20.04.2014
wolke7 20.04.2014
wolke7 20.04.2014
dernachdenklich 20.04.2014
renee gelduin 07.05.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.