Datenlese

Ärztehonorare Her mit den Daten!

Arzt, Patient (Symbolbild): Mangelnde Transparenz Zur Großansicht
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Arzt, Patient (Symbolbild): Mangelnde Transparenz

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Ärztevertreter behaupten: Deutschlands Mediziner verdienen zu wenig. Versicherer und Kassen halten dagegen. Erbittert streiten beide Parteien über die künftigen Honorare. Doch die entscheidenden Daten werden der Öffentlichkeit vorenthalten.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht alle vier Jahre die Reinerträge niedergelassener Ärzte in Deutschland. Nach den jetzt vorgestellten Zahlen haben die Fachärzte 2011 den Reinertrag ihrer Praxis gegenüber 2007 um durchschnittlich 17 Prozent steigern können. Unterm Strich stehen demnach monatlich 13.833 Euro.

Diese absoluten Zahlen sind enorm wichtig in einer Diskussion, die von niedergelassenen Ärzten, Krankenkassen und Politik nahezu ausschließlich mit relativen Werten geführt wird. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Ärzteverbände warnen vor prozentualen Umsatzeinbußen und davor, der Beruf werde für den Nachwuchs unattraktiv. Kassenvertreter halten mit Gesamtausgaben und ebenso relativen Kostenvergleichen gegen. Mühevoll muss man sich Zahlen aus unterschiedlichen Quellen zusammensuchen, deren Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit nur unbefriedigend einschätzbar sind.

Dabei wäre Transparenz entscheidend, denn derzeit verhandeln Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) über die Ärztehonorare für 2014. Die Öffentlichkeit merkt das vor allem daran, dass ansonsten sinnfreie Plakate deutschlandweit verkünden, wie gerne die niedergelassenen Fachärzte für ihre Patienten arbeiten.

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Mühsam zu ermittelndes Bruttogehalt

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts (hier) sind die einzigen, die von einer unabhängigen Stelle erhoben werden, und zwar mit Hilfe von Fragebögen, die Ärzte ausfüllen müssen. Diese Zahlen kommen der gewünschten Vergleichsgröße, dem Bruttogehalt eines Arbeitnehmers, näher als alle anderen erreichbaren Zahlen. Dennoch sind sie ein Ärgernis, weil auch sie die Diskussion eher verzerren als erhellen.

Die Statistiker ermitteln den Reinertrag mit großem Aufwand und machen deutlich, was ihn vom Einkommen der Ärzte unterscheidet: Die Tilgung von Schulden, die der Mediziner für die Übernahme der Praxis machen musste, und auch Investitionskosten müssen vom Reinertrag abgezogen werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung dagegen erklärt zu den Zahlen vor allem Selbstverständlichkeiten (hier): Ärzte müssten davon ja auch noch die Einkommensteuer, Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung bezahlen; das müssen indes die meisten Bürger.

Die Diskussion krankt an der Datengrundlage: Es hilft nicht weiter, den durchschnittlichen jährlichen Reinertrag von Hausärzten (181.000 Euro), Internisten (266.000 Euro), Frauen- (185.000 Euro) und Kinderärzten (191.000 Euro) zu kennen und zu wissen, dass gut zwei Drittel (68,7 Prozent) von Kassenpatienten und 28,3 Prozent von Privatpatienten stammen.

"Die Ärzte" gibt es nicht

Denn die Diskussion um die Honorierung der Ärzte - die es als homogene Gruppe nicht gibt - führt so nicht zum Ziel. Politik, KBV und Krankenkassen suchen seit Jahren nach Möglichkeiten, niedergelassene Fachärzte abseits der Ballungszentren zu fördern. Trotzdem wird die Diskussion über Ärztehonorare nicht mit regionalen Daten zu Erträgen eben dieser Fachärzte geführt, sondern mit Bundesamtsdaten, die nur nach Ost und West regionalisiert werden können.

Während es vom Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) lediglich eine wenig hilfreiche globale Aufstellung aller deutschlandweit aufgewendeten Mittel gibt (Zahlenbericht der Privaten Krankenversicherung, hier), veröffentlicht die KBV seit einer Weile immerhin ihre Honorarberichte (hier), die eine Regionalisierung bis auf die Ebene der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen erlaubt. Allerdings sind diese Zahlen mit dem GKV-Anteil der Bundesamtsdaten kaum vergleichbar, da es sich um Honorarumsätze handelt, von denen man nur mit Schätzgrößen zum Nettoeinkommen gelangt.

Dass regionale Daten - und zum Beispiel auch Honorar- oder Reinertragsdaten aufgeschlüsselt nach dem Alter des Praxisinhabers - für die Öffentlichkeit unzugänglich sind, ist ärgerlich. Dank der fehlenden Informationen können Politik, KBV, Ärzteverbände, GKV und PKV ihren Streit in der Öffentlichkeit austragen, ohne die Fakten auf den Tisch zu legen. Ärgerlich ist das vor allem deshalb, weil es ja um Versicherungsbeiträge der Bürger geht. Demokratie sieht anders aus.

Das Geld wird mutmaßlich ungleich verteilt

Anhand der Bundesamtsdaten darüber zu diskutieren, ob niedergelassene Ärzte in Deutschland zu viel, ausreichend oder zu wenig verdienen, ist müßig. Sinnvoll wäre die Diskussion darüber, ob das Geld, das Deutschland für die Bezahlung seiner Ärzte ausgibt, richtig verteilt ist - woran praktisch kein Beteiligter Interesse zeigt.

Zum einen würde dann sehr schnell auffallen, dass es die Ärzte nicht gibt. Es gibt angestellte Ärzte und niedergelassene Ärzte, Berufsanfänger und Führungskräfte, Praxisgründer und seit Jahren niedergelassene Selbständige. Sie alle haben ebenso unterschiedliche Interessen wie die Ingenieure oder die Anwälte, die es als homogene Gruppen ebensowenig gibt.

Allerdings bietet das deutsche Gesundheitswesen allen Ärzten Sicherheiten, die es für keine andere Berufsgruppe gibt: Es herrscht nahezu ärztliche Vollbeschäftigung. In Deutschland sind heute nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2920 Humanmediziner arbeitslos gemeldet, dem stehen knapp 350.000 berufstätige Ärzte (Zahlen von 2012, hier) gegenüber.

Sonderrolle der Ärzte

Das betriebswirtschaftliche Risiko für niedergelassene Kassenärzte ist im Vergleich zu anderen freien Berufen dank der gesetzlichen Krankenversicherung und der Bedarfsplanung - Arztpraxen genießen quasi Gebietsschutz - abgeschwächt.

Schließlich verdienen Ärzte im Vergleich mit anderen Akademikern nicht schlechter. Ein von Medizinern in der Diskussion häufig angeführtes Argument: Unter Verweis auf das lange Studium und den hohen Arbeitseinsatz werden auch hohe Einkommen beziehungsweise Erträge als zu niedrig eingestuft. Die Studiendauer taugt als Qualifikationsmaßstab allerdings ebensowenig wie die Stundenzahlen - bei beiden Kriterien geht es anderen Berufsgruppen ähnlich, etwa Architekten.

Ausgeblendet wird, dass in anderen Berufen eine sehr kleine Gruppe von Führungskräften sehr hohe Einkommen verdient, während es eine breite Masse der Normalverdiener gibt. Angestellte Ärzte dagegen verdienen in der Masse ordentliche Gehälter, die in den Tarifverträgen (hier) öffentlich sind. Die Einstiegsgehälter von Assistenzärzten lassen manchen jungen Anwalt, der nicht in einer Großkanzlei Sieben-Tage-Wochen abarbeitet, neidvoll erblassen.

Und um die Diskussion darüber führen zu können, ob die Erträge der niedergelassenen Ärzte angemessen sind oder nicht, genau dafür müssen die Daten offengelegt werden.

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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.