Ausstiegsszenarien aus dem Euro Das passiert, wenn die Griechen gehen

Griechenland muss raus aus dem Euro. Das ist leicht gesagt. Aber wie ließe sich der Ausstieg konkret bewerkstelligen? Fest steht: Er wird schmutzig und chaotisch verlaufen - die unangenehmste Aufgabe kommt dabei auf die Europäische Zentralbank zu.

Griechische Flagge: Der lange Schatten des Euro-Austritts
Getty Images

Griechische Flagge: Der lange Schatten des Euro-Austritts

Von manager-magazin-Redakteur


Niemand kann sagen, er habe von nichts gewusst. Wenn Griechenland pleitegeht, dann kommt das alles andere als überraschend. Seit zwei Jahren geht es mit dem Land bergab. Mit anderen Worten: Den Verantwortlichen in Unternehmen, Banken und Behörden, die nicht vorbereitet sind, droht Ärger - wegen mangelnder Sorgfalt, Untreue und dergleichen. Folglich bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich auf das schlimmstmögliche Hellas-Szenario einzustellen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 21/2012
Neid und Niedertracht in der Politik

Das ist das Perfide an der jetzigen Situation: Weil sich alle auf ein Scheitern Griechenlands vorbereiten müssen, wird dieses Scheitern umso wahrscheinlicher.

Was also wird passieren? "Der Griechenland-Ausstieg wird auf jeden Fall ungeordnet geschehen", sagt ein deutscher Euro-Retter. "So etwas kann gar nicht geplant, ruhig und geordnet geschehen."

Das wahrscheinlichste Szenario sieht in den Augen vieler Entscheidungsträger so aus: Mitte Juni, bei der nächsten Wahl in Griechenland, wird nach derzeitigen Umfragen abermals keine Mehrheit herauskommen, die bereit ist, sich an die Programmzusagen zu halten. Sollte es so kommen, wird die neue Regierung in Athen kein weiteres Geld aus den Hilfsprogrammen von EU und IWF erhalten. Spätestens dann werden die griechischen Banken sich nicht mehr refinanzieren können, weil ihnen niemand, wirklich niemand mehr Geld leiht. Die Lage in Griechenland spitzt sich in diesem Fall extrem zu: Das Finanzsystem funktioniert nicht mehr, der Zahlungsverkehr kommt zum Erliegen, die Banken schließen, die Geldautomaten sind leer, die Bürger bunkern Bargeld.

Was dann? Vermutlich wird die Europäische Zentralbank die schmutzige Arbeit erledigen müssen. Sie muss am Ende den Stecker ziehen. Irgendwann wird sie aufhören, die griechischen Geschäftsbanken mit Liquidität zu versorgen; schließlich wollen und dürfen die Euro-Banker nicht immer größere Risiken eingehen. Bereits jetzt funktioniert diese Liquiditätsversorgung bei vielen griechischen Banken nur noch auf dem Umweg über die sogenannte Emergency Liquidity Assistance der griechischen Notenbank. Eine letzte Möglichkeit, jenen Banken Geld zuzuschanzen, die keine Sicherheiten mehr besitzen, die sie bei der EZB hinterlegen können.

Mit dem Euro-Ende käme auch der EU-Austritt

Wenn die EZB die letzte Geldquelle der griechischen Banken kappt, wird der griechischen Regierung nichts anderes übrig bleiben, als den sofortigen EU-Austritt zu erklären. Nur den Euro zu verlassen und ansonsten in der Europäischen Union zu bleiben, ist nach dem EU-Vertrag nicht möglich. Auch ein Ausschluss aus der Euro-Zone ist vertraglich nicht vorgesehen. Aber Griechenland braucht sofort eine eigene Währung, wenn die EZB die Refinanzierung der Banken einstellt. Das Land braucht eine eigene Zentralbank, die die Banken refinanzieren kann und den Zahlungsverkehr wieder zum Laufen bringt.

Griechenland steht dann eine harte Zeit bevor. Inflation und Abwertung werden ruinöse Wirkungen auf die Gesellschaft entfalten. Die Auslandsschulden explodieren. Das Land ist abgeklemmt vom internationalen Kapitalmarkt. Vielleicht hilft die EU mit weiteren Geldern. Vielleicht helfen Russen oder Chinesen, um ihren Einfluss zu erhöhen. So wie die Russen offenbar bereits dem ebenfalls am Rand der Pleite stehenden Zypern mit einem Milliarden-Kredit unter die Arme gegriffen haben.

Für die EZB stellt sich an diesem Punkt die Frage, was anderswo in der Euro-Zone passiert. Ist der Spuk vorbei - Griechenland ausgesondert, Euro-Land stabilisiert, der Unruheherd beseitigt? Oder wird damit die Grundlage der europäischen Integration zerbrochen? Wenn ein Land die EU und den Euro verlassen kann, wer glaubt dann noch an die "immer engere Union der Völker Europas", die der EU-Vertrag verspricht?

Warum Griechenland weiter unterstützt werden muss

Gut möglich, dass es nach einer Pleite Griechenlands zu einem Sturm auf die Banken in Spanien und Italien und anderswo kommt, weil deren Gläubiger und Kunden fürchten, nun werde dieses Land als nächstes aus dem Euro ausscheiden. Das Bröckeln des Euro-Landes könnte eine zerstörerische Eigendynamik entwickeln - aller "Brandmauern" zum Trotz. Eben deshalb haben die G-8-Regierungschefs am Wochenende noch mal Griechenlands Verbleib in der Euro-Zone angemahnt.

Doch soll dieses Alternativszenario gelingen, wird der Europäischen Zentralbank wohl nichts anders übrig bleiben, als viele hundert Milliarden in die nun von Kapitalflucht bedrohten Länder zu pumpen. Staatsanleihen kaufen, den Banken Liquiditätshilfen gewähren - wieder wird die EZB die Schmutzarbeit machen müssen. Die Risiken in den Zentralbank-Bilanzen würden immer weiter steigen, die Glaubwürdigkeit der EZB in Sachen Inflationsbekämpfung würde weiter schrumpfen, weil die EZB nun ganz offensichtlich andere Prioritäten hat: die Stabilisierung des Finanzsystems. Umso argwöhnischer würden Nordstaaten wie Deutschland die Euro-Zone betrachten.

Angesichts dieses Krisenpanoramas erscheint die weitere Unterstützung Griechenlands als das am wenigsten risikoreiche Szenario - auch wenn die Stützung fragwürdig, womöglich rechtswidrig, auf jeden Fall aber hochgradig umstritten sein mag.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Eluis 21.05.2012
1. Wieder was gelernt
Zitat von sysopGetty ImagesGriechenland muss raus aus dem Euro. Das ist leicht gesagt. Aber wie ließe sich der Ausstieg konkret bewerkstelligen? Fest steht: Er wird schmutzig und chaotisch verlaufen - und die unangenehmste Aufgabe kommt dabei auf die Europäische Zentralbank zu. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,834208,00.html
Jahrelang hat SPON hier angeschrieben, dass der Euro sicher sei und man GR retten müsste usw. und diejenigen, die das vorher schon hier gepostet hatten, weil Sie eben was vom Markt verstehen, wurden als unsolidarisch und asozial und antieuropäisch usw. beschimpft und niedergemacht. Nun ist SPON auch schon einen Schritt weiter und passt sich geschmeidig den Realitäten im Bild Stil an. Herzlichen Glückwunsch
deutscher-michel 21.05.2012
2. Vielleicht...
wirkt sich ein Austritt Griechenlands aber auch stabilisierend auf die (Rest-) Eurozone aus. Wenn das Nichteinhalten von Absprachen zu Konsequenzen führt, wenn Spekulation wieder mit Risiko verbunden wird... aber dann müßten ja in Berlin und Paris Fehler zugegeben werden.
biwak 21.05.2012
3. "Oder wird damit die Grundlage der europäischen Integration zerbrochen?" Zitat
Diese Frage ist schon ein ganz schöner Unsinn. Das wurde schon bei der Aufnahme von Griechenland und Konsorten getan. Ausserdem bei dem Bruch der Verträge durch die Transfers!
bvoll 21.05.2012
4. Besser ein Ende mit Schrecken...
Wir müssen überhaupt nichts tun, denn wir haben uns nicht verpflichtet. Niemand hat uns, das Volk, gefragt. Nicht bei der Einführung des Euro und auch nicht beim Beitritt Griechenlands. Die Märkte werden den Schock wegstecken und bald ist wieder "Business as usual" angesagt. Niemand kann den Zusammenbruch des Euros noch stoppen. Wir haben auch diesmal keine Wahl.
Flufwuppich 21.05.2012
5. Das Managermagazin wird's richten!
Am besten Bankmanager von Goldmann Sachs in verantwortliche Positionen hieven.....die kennen das Problem von Grund auf! Die Forderung nach noch mehr Geld zur Krisenbewältigung ist inzwischen älter als die Krise selbst. Und wenn es funktionierte müsste es bei jeder insolventen Firma , jedem insolventen Privatmann um so besser funktionieren!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.