Schuldenkrise Was Samaras von Keynes lernen kann

Riesenschulden, tiefe Rezession und eine Regierung, die partout nicht sparen will. Die Rede ist nicht von Griechenland 2012, sondern von Großbritannien 1945. Damals rettete John Maynard Keynes sein Land vor der Staatspleite - und liefert einen Hinweis, wie es mit der Euro-Krise weitergehen könnte.

John Maynard Keynes (links) 1945 in Washington: Es drohte ein "finanzielles Dünkirchen"
Corbis

John Maynard Keynes (links) 1945 in Washington: Es drohte ein "finanzielles Dünkirchen"


Hamburg - Es war kein einfacher Besuch, den Antonis Samaras heute in Berlin bei Angela Merkel zu absolvieren hatte. Der griechische Premierminister hat die deutsche Kanzlerin mit allen Mitteln gedrängelt, seinem Land nochmals Zahlungsaufschub zu gewähren - oder zumindest den Zeitplan für den Sparkurs zu lockern.

Samaras könnte sich mit der Erinnerung an einen berühmten Mann trösten, der vor ziemlich genau 67 Jahren einen ganz ähnlichen Bettelgang absolvierte: John Maynard Keynes. Als Abgesandter des britischen Premierministers schiffte sich der damals bereits weltberühmte Ökonom am 27. August 1945 auf dem kanadischen Truppentransporter "Pasteur" gen Amerika ein, um dem reichen Verbündeten USA einen Milliardenkredit aus dem Kreuz zu leiern - und so ein "finanzielles Dünkirchen" zu verhindern. So nannte Keynes die unmittelbar drohende britische Staatspleite.

Tatsächlich lassen sich einige Parallelen ziehen zwischen dem britischen Schuldenberg nach dem Zweiten Weltkrieg und dem südeuropäischen von heute. Vor allem aber liefert Großbritannien einen Hinweis darauf, wie sich Staaten allzu großer Verbindlichkeiten entledigen können, ohne dass es zu einer Staatspleite kommt. So viel vorweg: Für Samaras ist dieser Ausblick ganz erfreulich. Für die Gläubiger hingegen verheißt er nichts Gutes.

Großbritannien hatte sich im Zweiten Weltkrieg finanziell völlig verausgabt, die Wirtschaft steckte in einer tiefen Rezession. Die britische Wirtschaftsleistung sank 1945 um über fünf Prozent (in Griechenland waren es 2011 knapp sieben Prozent). Gleichzeitig wollte die neu gewählte Labour-Regierung in London vom Sparen nichts wissen und plante stattdessen großzügige neue Sozialprogramme. Das bekannteste, die Gratisbehandlung durch den National Health Service (NHS), genießen die Briten noch heute. Wobei genießen in Bezug auf den NHS vermutlich das falsche Wort ist.

Nach einem transatlantischen Verhandlungsmarathon schaffte es Keynes tatsächlich, den USA einen Hilfskredit abzutrotzen und die Staatspleite in letzter Minute abzuwenden. Doch der Kredit ließ den Schuldenstand der Briten endgültig ins Unermessliche steigen, auf 252 Prozent der Wirtschaftsleistung. Deutlich mehr als die rund 160 Prozent in Griechenland, das von den Gläubigern bereits als hoffnungsloser Fall eingestuft wird.

Großbritannien hingegen schaffte es tatsächlich, seine Schuldenlast innerhalb von drei Jahrzehnten auf mitteleuropäisches Normalmaß abzubauen. 1975 lagen die öffentlichen Verbindlichkeiten nur noch bei 50 Prozent. Ein Finanzwunder, das unter Industriestaaten ohne Beispiel ist. Zumal ihn die Briten ohne Zahlungsausfall bewältigten, ja sogar ohne allzu harten Sparkurs.

"Der Schuldenabbbau gelang vor allem mit sogenannter finanzieller Repression, mit der schleichenden Enteignung der Gläubiger", sagt Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics. Die Inflationsrate lag in Großbritannien zwischen 1945 und 1979 in den meisten Jahren deutlich höher als der Zinssatz, den die britische Regierung auf ihre Anleihen zahlen musste - den Gläubigern wurde also jedes Jahr ein bisschen was von ihrem Geld weggenommen. Die Inflationsrate war auch höher als das Haushaltsdefizit des Staates. Obwohl der britische Staat also in nahezu jedem Jahr mehr ausgab als er einnahm, schnurrte der reale Schuldenstand zusammen.

Warum ließen die Gläubiger, vom kleinen Sparer bis zum großen Versicherungskonzern, diese "schleichende Enteignung" (Ritschl) über sich ergehen? "Man hat den Anlegern damals nicht viel Wahl gelassen. Daheim angelegt, warfen die Ersparnisse negative Zinsen ab, und der Weg ins Ausland war durch Kapitalverkehrskontrollen versperrt", sagt der Wirtschaftshistoriker. Tatsächlich dürfen Briten erst seit der Regierungszeit von Margaret Thatcher ihr Geld unbegrenzt ins Ausland schaffen. Bis dahin waren internationale Überweisungen streng reglementiert, große Bargeldsummen galten als Schmuggelgut

Ein bisschen Wachstum, ein bisschen Inflation und ein Verbot, Geld ins Ausland zu schaffen: Mehr braucht ein Staat nicht, um seine Schulden loszuwerden. Dabei handelte es sich im Fall Großbritanniens noch nicht einmal um eine ausgeklügelte Strategie. Sondern eher um die Unfähigkeit der britischen Notenbank, die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

In Teilen sieht Ritschl heute eine ähnliche finanzielle Repression am Werk wie damals in Großbritannien: "Die künstlich niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig in England und den USA sehen, haben denselben Effekt, denn sie senken die Finanzierungskosten für die Staatsschuld." Die Europäische Zentralbank denkt mittlerweile sogar darüber nach, die Anleihezinsen mit massiven Aufkäufen unter eine bestimmte Obergrenze zu drücken.

Kapitalverkehrskontrollen sind heute überflüssig - denn die Realzinsen liegen ja weltweit niedrig, Anlegern fehlt es überall an Alternativen. Manche von ihnen, zum Beispiel Lebensversicherungen, werden sogar gesetzlich gezwungen, in schlecht verzinste, aber vermeintlich sichere Staatsanleihen zu investieren. Viele Experten meinen: Die Enteignung, die früher die Inflation erledigte, erledigen heute die Notenbanken, indem sie mit massiven Anleihenkäufen die Zinsen drücken.

Der 61-jährige Samaras hätte sogar noch gute Chancen, die Entschuldung seines Heimatlandes durch eine neue finanzielle Repression mit zu erleben. John Maynard Keynes hingegen war bereits tot, als Großbritannien sein "finanzielles Dünkirchen" hinter sich ließ. Der Großökonom starb 1946.



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Seite 1
brokerbundfuture1 24.08.2012
1. zu spät
Kapitalflucht ins Ausland, das hätte man vor zwei Jahren stoppen sollen, dann wäre GR jetzt in der Lage, die Verarmung der Bevölkerung zu stoppen und könnte sich im Inland das erforderliche Kapital beschaffen. Jetzt sind die grossen Geldmengen schon vor jeglichem Zugriff geschützt in unseren Kapitalparadiesen.
Grafsteiner 24.08.2012
2. Das sagt er aber schön
""Der Schuldenabbbau gelang vor allem mit so genannter finanzieller Repression, mit der schleichenden Enteignung der Gläubiger", sagt Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics." Er nimmt das böse i-Wort nicht in den Mund. Er meint Inflation. Keynes, der Ruhmreiche, hat die Inflation angefahren. Und so wird bei Staatschulden immer verfahren. Nichts Neues. Es wird sich jetzt wieder beweisen. Der Blöde ist immer der, der spart. Nur: Samaras kann da von Keynes nichts lernen. Griechenland hat den Euro und nicht das abwertbare Pfund Sterling wie Keynes. Das zu Zeiten von Keynes auch schon lange kein Pound Sterlingsilber mehr war. Die Geldpolitik wird für Griechenland bei der EZB gemacht. Und die werten den Euro nur zum Gefallen der Griechen sicher nicht ab. Da muss er sich schon wieder die Drachme wünschen, um den Keynes zu spielen.
sltgroove 24.08.2012
3. Totale Verbindlickeiten GBs ...
Dürfen schlappe 600 % der BSPs sein .... Merv King druckt wie Bekloppt, Turbo-Betrug des Londoner City ist einziges Geschäftsmodell das noch läuft. Ich bezweifele das irgendwer und irgendwo auf diese Erde irgendwas vom John Maynard Keynes lernen sollte. Britisches Wirtschaftswunder war befeuert mit persichem Öl, danach mit schottischem. Tacherismuss ist ein relevantes Export Artikel der die Europa erfolgreich zu den Dritten Welt Länder angenäht hat ..... Ich nehme eine Tüte Popcorn und beobachte "Die Monumentale Rettung Griechenlands " in 3D, con public viewing, kommentiert von dem pool der hirnverbrannten EU-Goldmanites . Ist bischen shyzophren, aber was soll's .... Schadenfreude long, bit***Z !!!
alles_wisser 24.08.2012
4. Ein kleiner Unterschied
macht es den Griechen unmöglich sich dieses Mittels zu bedienen: Sie haben keine eigene Währung. Dieses Spiel zwischen Drachme und Inflation wie im Artikel beschrieben hat Griechenland vor Beitritt in die Währungsunion perfekt beherrscht!
GuidoHülsmannFan 24.08.2012
5. Warum überrascht der Artikel nicht?
Hetze um ideologische Ziele zu erreichen- wie nennt man das noch? Mitleser, kein einziges Wort glauben, recherchiert erst! Das Ziel ist es, Sie, ja Sie zu enteignen. Um damit politische Ziele zu erreichen. Es gab in England keinen Anleihemarkt, der sich mit der heutigen Bedeutung verleichen ließe. "Die künstlich niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig in England und den USA sehen, haben denselben Effekt, denn sie senken die Finanzierungskosten für die Staatsschuld." Phantastisch- wenigstens das "künstlich niedrig" stimmt, die Manipulation. Die u.a. die PIIGS in den letzten Jahren ja erst zum Schuldenkollaps geführt haben. Denn bei "Marktzinsen" wäre die Staatsschuld eben nicht so hoch. Diese Ideologie, meine Damen und Herren, zerstört gerade Europa und beraubt Sie um alles, macht vielleicht aus Ihren Söhnen demnächst Soldaten. Um die Staatsschuld zu verringern.
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