Hamburg - Es war kein einfacher Besuch, den Antonis Samaras heute in Berlin bei Angela Merkel zu absolvieren hatte. Der griechische Premierminister hat die deutsche Kanzlerin mit allen Mitteln gedrängelt, seinem Land nochmals Zahlungsaufschub zu gewähren - oder zumindest den Zeitplan für den Sparkurs zu lockern.
Samaras könnte sich mit der Erinnerung an einen berühmten Mann trösten, der vor ziemlich genau 67 Jahren einen ganz ähnlichen Bettelgang absolvierte: John Maynard Keynes. Als Abgesandter des britischen Premierministers schiffte sich der damals bereits weltberühmte Ökonom am 27. August 1945 auf dem kanadischen Truppentransporter "Pasteur" gen Amerika ein, um dem reichen Verbündeten USA einen Milliardenkredit aus dem Kreuz zu leiern - und so ein "finanzielles Dünkirchen" zu verhindern. So nannte Keynes die unmittelbar drohende britische Staatspleite.
Tatsächlich lassen sich einige Parallelen ziehen zwischen dem britischen Schuldenberg nach dem Zweiten Weltkrieg und dem südeuropäischen von heute. Vor allem aber liefert Großbritannien einen Hinweis darauf, wie sich Staaten allzu großer Verbindlichkeiten entledigen können, ohne dass es zu einer Staatspleite kommt. So viel vorweg: Für Samaras ist dieser Ausblick ganz erfreulich. Für die Gläubiger hingegen verheißt er nichts Gutes.
Großbritannien hatte sich im Zweiten Weltkrieg finanziell völlig verausgabt, die Wirtschaft steckte in einer tiefen Rezession. Die britische Wirtschaftsleistung sank 1945 um über fünf Prozent (in Griechenland waren es 2011 knapp sieben Prozent). Gleichzeitig wollte die neu gewählte Labour-Regierung in London vom Sparen nichts wissen und plante stattdessen großzügige neue Sozialprogramme. Das bekannteste, die Gratisbehandlung durch den National Health Service (NHS), genießen die Briten noch heute. Wobei genießen in Bezug auf den NHS vermutlich das falsche Wort ist.
Nach einem transatlantischen Verhandlungsmarathon schaffte es Keynes tatsächlich, den USA einen Hilfskredit abzutrotzen und die Staatspleite in letzter Minute abzuwenden. Doch der Kredit ließ den Schuldenstand der Briten endgültig ins Unermessliche steigen, auf 252 Prozent der Wirtschaftsleistung. Deutlich mehr als die rund 160 Prozent in Griechenland, das von den Gläubigern bereits als hoffnungsloser Fall eingestuft wird.
Großbritannien hingegen schaffte es tatsächlich, seine Schuldenlast innerhalb von drei Jahrzehnten auf mitteleuropäisches Normalmaß abzubauen. 1975 lagen die öffentlichen Verbindlichkeiten nur noch bei 50 Prozent. Ein Finanzwunder, das unter Industriestaaten ohne Beispiel ist. Zumal ihn die Briten ohne Zahlungsausfall bewältigten, ja sogar ohne allzu harten Sparkurs.
"Der Schuldenabbbau gelang vor allem mit sogenannter finanzieller Repression, mit der schleichenden Enteignung der Gläubiger", sagt Albrecht Ritschl, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics. Die Inflationsrate lag in Großbritannien zwischen 1945 und 1979 in den meisten Jahren deutlich höher als der Zinssatz, den die britische Regierung auf ihre Anleihen zahlen musste - den Gläubigern wurde also jedes Jahr ein bisschen was von ihrem Geld weggenommen. Die Inflationsrate war auch höher als das Haushaltsdefizit des Staates. Obwohl der britische Staat also in nahezu jedem Jahr mehr ausgab als er einnahm, schnurrte der reale Schuldenstand zusammen.
Warum ließen die Gläubiger, vom kleinen Sparer bis zum großen Versicherungskonzern, diese "schleichende Enteignung" (Ritschl) über sich ergehen? "Man hat den Anlegern damals nicht viel Wahl gelassen. Daheim angelegt, warfen die Ersparnisse negative Zinsen ab, und der Weg ins Ausland war durch Kapitalverkehrskontrollen versperrt", sagt der Wirtschaftshistoriker. Tatsächlich dürfen Briten erst seit der Regierungszeit von Margaret Thatcher ihr Geld unbegrenzt ins Ausland schaffen. Bis dahin waren internationale Überweisungen streng reglementiert, große Bargeldsummen galten als Schmuggelgut
Ein bisschen Wachstum, ein bisschen Inflation und ein Verbot, Geld ins Ausland zu schaffen: Mehr braucht ein Staat nicht, um seine Schulden loszuwerden. Dabei handelte es sich im Fall Großbritanniens noch nicht einmal um eine ausgeklügelte Strategie. Sondern eher um die Unfähigkeit der britischen Notenbank, die Inflation unter Kontrolle zu bringen.
In Teilen sieht Ritschl heute eine ähnliche finanzielle Repression am Werk wie damals in Großbritannien: "Die künstlich niedrigen Zinsen, die wir gegenwärtig in England und den USA sehen, haben denselben Effekt, denn sie senken die Finanzierungskosten für die Staatsschuld." Die Europäische Zentralbank denkt mittlerweile sogar darüber nach, die Anleihezinsen mit massiven Aufkäufen unter eine bestimmte Obergrenze zu drücken.
Kapitalverkehrskontrollen sind heute überflüssig - denn die Realzinsen liegen ja weltweit niedrig, Anlegern fehlt es überall an Alternativen. Manche von ihnen, zum Beispiel Lebensversicherungen, werden sogar gesetzlich gezwungen, in schlecht verzinste, aber vermeintlich sichere Staatsanleihen zu investieren. Viele Experten meinen: Die Enteignung, die früher die Inflation erledigte, erledigen heute die Notenbanken, indem sie mit massiven Anleihenkäufen die Zinsen drücken.
Der 61-jährige Samaras hätte sogar noch gute Chancen, die Entschuldung seines Heimatlandes durch eine neue finanzielle Repression mit zu erleben. John Maynard Keynes hingegen war bereits tot, als Großbritannien sein "finanzielles Dünkirchen" hinter sich ließ. Der Großökonom starb 1946.
