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05. Februar 2013, 17:49 Uhr

Stuttgarter Bahnhofsprojekt

Ideen für das Milliardenloch

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Ein skeptisches Papier aus dem Bundesverkehrsministerium eröffnet plötzlich die Möglichkeit, dass Stuttgart 21 doch nicht weitergebaut wird. Doch was wird dann aus der Riesen-Baugrube mitten in der Innenstadt? Politiker und Stadtplaner schmieden bereits erste Pläne.

Berlin - Eine kurze Passage des Dossiers lässt die Stuttgart-21-Gegner hoffen. Experten des Bundesverkehrsministeriums sprechen sich in dem Arbeitspapier indirekt dafür aus, den Umbau des umstrittenen Bahnhofsprojekts abzublasen, weil sie die absehbaren Mehrkosten für nicht vertretbar halten: "Die Argumente, eine weitere Finanzierung nicht abzulehnen, sind zu schwach."

Zwar dementierte Amtschef Peter Ramsauer prompt und auch im Bahntower bekräftigte man die Absicht, die Arbeiten zu Ende zu führen - doch plötzlich steht zumindest die Möglichkeit wieder im Raum, dass das Projekt gestoppt wird.

Doch was wäre eigentlich, wenn es tatsächlich dazu käme? Was passiert dann mit den Überresten des riesigen Bahnhofsgebäudes und dem Haufen alter Gleise, die dahinter die Stadt zerteilen?

Für die Gegner von Stuttgart 21 ist die Sache klar. Sie machen sich seit Jahren für die Modernisierung des Kopfbahnhofs stark. Zusätzliche Gleise sollen die schlimmsten Engpässe beseitigen und zusätzliche Kapazitäten schaffen. "Die Wiederbelebung des Kopfbahnhofs wäre zweifelsohne die wirtschaftlichste Alternative", sagt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, einer der exponiertesten Gegner von S21.

Allerdings räumt der Grünen-Politiker auch ein, dass bei dieser Variante noch etliche Probleme gelöst werden müssten. Was wäre für die neue Gleisführung nicht alles notwendig: neue Wirtschaftlichkeitsberechnungen, neues Raumordnungsverfahren, neuer Finanzierungsplan und etliche neue Planfeststellungsverfahren. Das alles dürfte wohl einige Zeit erfordern. Zehn Jahre, schätzt Palmer. Bei der Bahn spricht man sogar von zwanzig.

Geißlers Schlichtungsvorschlag als Kompromisslösung

Nicht viel weniger Zeit würde wohl auch der Lösung in Anspruch nehmen, den vor eineinhalb Jahren Heiner Geißler in einem groß angelegten Schlichtungsverfahren zur Diskussion gestellt hatte. Danach könnte der umstrittene Tiefbahnhof für den Fernverkehr auf vier statt acht Gleise beschränkt werden und der bestehende Kopfbahnhof in kleinerer Form für den Regionalverkehr erhalten bleiben. "Der Kompromiss-Vorschlag von damals passt nach wie vor", sagt Geißler heute. "Er ist ohne Zweifel realisierbar."

Dem Konzept kann Palmer einiges abgewinnen. "Für die Schnellbahntrasse brächte das einige Vorteile", erklärt er. Die Frage sei jedoch, ob sie die hohen Kosten dafür am Ende rechneten.

Aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet Franz Pesch das Problem. Der Stadtplaner sorgt sich um die Zukunft des städtischen Lebensraums und des legendären Bahnhofsgebäudes, das einst von Paul Bonatz entworfen wurde und als Meisterwerk der Architektur gilt. "Die Bahnsteighalle und der Säulengang erinnern den Besucher in ihrer Erhabenheit an die großartigsten Kirchengebäude", sagt Pesch. Selbst die Wucht, die der Bahnhof von außen ausstrahle, entfalte eine Strahlkraft, wie es nur wenigen Bauten gelinge.

Doch inzwischen ist von dem Gebäude nur noch ein Torso übrig. Der langgestreckte Flügel zum Schlossgarten hin und der kürzere ehemalige Posttrakt sind dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für die vom Düsseldorfer Stararchitekten Christoph Ingenoven geplante unterirdische Wandelhalle zu schaffen. "So wie ich die Stimmung in der Öffentlichkeit wahrnehme, gäbe es sofort eine Mehrheit für den originalgetreuen Wiederaufbau der Seitenflügel", mutmaßt Pesch.

Sorge um legendäre Architektur

Der Stadtplaner selbst kann sich hingegen auch einen Bau vorstellen, der wesentliche Stilelemente des Vorbildes zitiert, aber auch moderne städtebauliche Aspekte berücksichtigt, etwa Durchbrüche, die den Blick von den Gleisen aus auf den Schlosspark freigeben. Auf diese Weise könnte es gelingen, den monumentalen Bau besser in die Stadt zu integrieren, der in seiner Wucht immer auch ein wenig wie ein Fremdkörper am Rande der Innenstadt wirkte.

Pesch hält ein Bürgerforum für den richtigen Weg, um Ideen für die Neugestaltung des Bahnhofs zu sammeln. Erst danach sollten Architekten und Stadtplaner die Ideen in ihren Wettbewerbsbeiträgen aufgreifen.

Eine Idee, die auch Boris Palmer für gut hält: "So einen Neubau kann man sich ruhig etwas kosten lassen. Der Bahnhof ist ja schließlich eine Visitenkarte für die ganze Stadt."

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