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29. Dezember 2012, 14:16 Uhr

Südeuropäische Zuwanderer

Ankunft in der deutschen Realität

Von und

Auf der Flucht vor der Krise brechen Zigtausende Südeuropäer nach Deutschland auf. Wie ergeht es ihnen hier? Junge Spanier, die auswandern wollten, berichten aus ihrem Leben: Manche sind angekommen, andere nie abgereist - oder schon wieder zurückgekehrt.

Hamburg - 2012 könnte als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem sich Europas Jugend aufmachte, um etwas Besseres zu finden. Die Schuldenkrise in Südeuropa hat die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien auf über 50 Prozent getrieben. Deshalb zieht es immer mehr junge Südeuropäer nach Deutschland, wo sie auf Jobs und Perspektiven hoffen.

Allein aus Griechenland zogen zwischen Januar und Juni mehr als 15.800 Menschen nach Deutschland, rund 11.000 Einwanderer kamen aus Spanien, fast 6000 aus Portugal. Insgesamt wanderte laut Statistischem Bundesamt allein im ersten Halbjahr eine halbe Million Menschen nach Deutschland ein. Viele von ihnen sind jung, gut ausgebildet und auf der Flucht vor der Misere in ihren Heimatländern. Und das dürfte erst der Anfang sein: In den kommenden fünf Jahren erwarten Forscher mehr als zwei Millionen neue Zuwanderer.

Ökonomen sehen die Wanderungsbewegung in Europa positiv. Sie erwarten, dass der Zuzug die deutsche Wirtschaft stärkt. Firmen werben gezielt Fachkräfte aus den Krisenländern an und berichten von geglückter Integration. Doch wie sind die Erfahrungen der Einwanderer selbst?

SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Monaten immer wieder Menschen aus Südeuropa porträtiert, die in Deutschland der Krise entkommen wollen. Nun haben wir drei von ihnen gefragt, was aus ihrem Vorhaben geworden ist:

Angekommen - Yolanda Benito

Im Juni war für Yolanda Benito der vorläufige Abschied aus Spanien besiegelt. Zwei Jahre lang hatte sie sich in Barcelona um einen Job bemüht. Ihr Freund hatte sie zum Bleiben überredet. Juan hatte Arbeit als Bauingenieur. Bis Juni, dann bekam er die Kündigung. Yolanda wollte schon lange nach Berlin, nun war auch ihr Freund bereit.

Die beiden wohnen seit Juli in einem Ein-Zimmer-Appartement in Kreuzberg. "Manchmal gibt es Stress", sagt Yolanda. "Es ist für zwei Personen sehr klein, aber man muss es mit Geduld und guter Laune versuchen." Geld ist knapp: Das meiste geht für Miete und Krankenversicherung drauf. Statt U-Bahn fahren die beiden Rad. Das Paar lebt vom Ersparten und zeitweise einem Mini-Gehalt, das Yolanda als Messe-Hostess verdiente. Einen festen Job haben beide nicht. Aber Hoffnung.

Juan muss erst einmal Deutsch lernen. Er besucht derzeit einen Integrations- und Sprachkurs. "Er muss sich auf die Sprache konzentrieren, dann kann er einen Job suchen", sagt Yolanda. Die 35-Jährige selbst spricht fließend Deutsch, sie hat bereits mehrere Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet.

Yolanda ist Ingenieurin für Telekommunikation, aber sie möchte in die Tourismusbranche wechseln. Eine Weiterbildung hat sie bereits gemacht, außerdem absolviert sie ein Fernstudium in Tourismuswirtschaft. Als sie nach Berlin kamen, hoffte Yolanda auf einen Job am neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg. Doch dessen Eröffnung ist durch eine Pannenserie erst einmal in die Ferne gerückt.

"Nach den ersten Bewerbungsgesprächen in Deutschland habe ich Hoffnung", sagt Yolanda. Sie setzt darauf, zumindest ein längeres Praktikum und anschließend einen Job zu bekommen. "In Berlin ist es schwieriger, einen Job zu finden, als in anderen deutschen Städten", weiß sie. Aber hier kennt das Paar sich aus und hat Freunde.

Besonders für die Familie von Juan sei der Abschied schwer gewesen, sagt Yolanda. "Er ist Einzelkind und seine Eltern sind sehr traurig." Ihre Familie hingegen hoffe, dass Yolanda und Juan in Berlin Fuß fassen. "Sie sagen schon: Vielleicht kommen wir irgendwann nach. Und dann eröffnen wir ein Restaurant."

Dageblieben - Alberto León und María Antonia Rodríguez

Jetzt sind sie wieder in Sevilla. Dabei wollten Alberto León und María Antonia Rodríguez eigentlich längst im Rheinland sein. Als SPIEGEL ONLINE das Paar im Februar in Madrid traf, waren beide noch voller Zuversicht. Im Gegensatz zu vielen Altersgenossen hatten sie Arbeit, der 31-jährige Alberto sogar einen gut bezahlten Job als Informatiker. Bei seinem Arbeitgeber hatte er die Versetzung nach Düsseldorf beantragt, in die Europa-Zentrale des Unternehmens. Von Deutschland erhoffte auch María Antonia etwas Besseres als ihren Halbtagsjob. Dort könne man "arbeiten lernen", sagte sie.

Nun aber meldet sich eine verzagt klingende María Antonia am Telefon. "Wir sind noch nicht gegangen", erzählt sie, und: "Wir sind beide arbeitslos." Was ist passiert?

Erst traf es María Antonia. Wie die meisten jungen Spanier hatte sie einen Zeitvertrag, im Mai ließ die Firma ihn auslaufen. Das alleine wäre nicht so schlimm gewesen, schließlich hätte sie zum Auswandern ohnehin kündigen müssen.

Doch nun hing der Plan ganz an Albertos Arbeit. Der Informatiker war für ein bestimmtes Projekt angestellt. Wenn es beendet war, sollte er nach Düsseldorf wechseln - so sei die Absprache mit einem Vorgesetzten gewesen. Aber das Projekt brauchte länger als gedacht. Die Arbeitsbelastung war groß, im Juli wurde er krank. "In der Woche, in der ich krank war, habe ich den Entlassungsbrief bekommen."

Die Firma behaupte, das Projekt sei während seiner Abwesenheit fertiggestellt worden, sagt Alberto, sein Arbeitsverhältnis damit beendet. "Ich glaube bis heute, dass das Projekt unvollendet ist. Ich habe per Telefon und E-Mail versucht, den Chef zu erreichen, mit dem ich über die Versetzung nach Deutschland gesprochen hatte. Aber leider hatte ich keinen Erfolg."

Ohne Arbeit konnte sich das Paar das Leben in Madrid nicht mehr leisten. "Nach vier Monaten mussten wir zurück nach Andalusien und werden jetzt von unseren Eltern unterstützt", berichtet Alberto. Damit geht es den beiden wie einem Großteil jüngerer Spanier. "Für viele wird die Lage langsam richtig hart."

Aufgeben wollen die beiden nicht. "Am Dienstag gehen wir zu einer Veranstaltung von Eures", erzählt María Antonia. Die europäische Arbeitsvermittlung organisiert zusammen mit deutschen und spanischen Arbeitsämtern in Sevilla ein zweitägiges Seminar. Der Titel: "Wie man sich einem Bewerbungsverfahren in Deutschland stellt."

"Zum Glück ist unser Traum noch intakt, nach Deutschland auszuwandern", sagt Alberto. Mit dem Deutschlernen haben die beiden zwar immer noch nicht begonnen. Dennoch hofft der Informatiker auf Angebote von Firmen, die bei dem Seminar vermittelt werden sollen. "Alles was wir wollen, ist arbeiten", sagt Alberto. "Und dafür respektiert werden, dass wir unsere Sache gut machen."

Zurückgekehrt - Maria Lillo

María klingt fröhlich, es sei "alles sehr gut", sagt sie. Morgen wird sie 25, es gibt ein großes Essen mit Freunden. Dann kann María nicht nur Geburtstag feiern, sondern auch ihren neuen Job. Seit drei Monaten arbeitet sie in einer großen Werbeagentur in Madrid. Dass sie dort genommen wurde, sei ein "großes Glück".

Auf dieses Glück hatte María in ihrer Heimat schon nicht mehr zu hoffen gewagt. "Wir haben 200 Tage Sonne im Jahr, aber keine Arbeit", beschrieb sie zu Beginn des Jahres die Lage in Spanien. Für María gab es nur einen möglichen Fluchtpunkt: Berlin, wo sie schon einmal einige Monate verbracht hatte.

Von April bis Juli kehrte sie zurück, versuchte sich kurz als Kellnerin und arbeitete bei zwei Familien als Au-pair-Mädchen. Bei der ersten Familie sei es "schlimm" gewesen, bei der zweiten dagegen toll. Aber dennoch: Eine richtige Arbeit fand María, obwohl sie Deutsch spricht, auch diesmal nicht.

María schrieb wieder Bewerbungen. Im August dann das Vorstellungsgespräch bei der Agentur in Madrid, drei Tage später noch eins - und plötzlich hatte sie einen Job. Die Arbeit gefällt ihr gut, die Firma ist international, hat große Unternehmen als Kunden. Nebenher hat María, die eigentlich Journalistin werden wollte, mit ihrem Chef zusammen auch noch einen kleinen Verlag gegründet. "Ende Januar werden wir unser erstes Buch veröffentlichen." Sie scheint selbst überrascht von so viel Unternehmergeist.

Deutschland fehlt ihr trotz allem. "Mein Leben ist jetzt anders, ich arbeite zwölf, dreizehn Stunden am Tag und habe nicht mehr so viel Zeit wie in Berlin." Doch von Freunden hört sie, dass es für Spanier schwieriger geworden ist. Sie seien nicht mehr so beliebt, weil inzwischen so viele von ihnen in Berlin lebten. "Das kann ich verstehen, aber es ist schade."

Noch immer zieht es junge Südeuropäer vor allem in die hippe deutsche Hauptstadt, obwohl diese wahrlich nicht das Wirtschaftszentrum des Landes ist. Auch María hätte sich in anderen Regionen nach einem Job umsehen können, nach dem ersten Bericht über sie bot ein Rechtsanwalt aus Halle seine Hilfe an. Doch dafür war die Not dann doch nicht groß genug. "Nachdem ich in Berlin war, konnte ich nicht mehr nach Stuttgart oder München gehen."

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