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Welt in der Schuldenkrise: "Für Sie wird es schrecklich"

Aus Davos berichtet

2010 wird zum Schicksalsjahr: Noch sei die Wirtschaftskrise nicht ausgestanden, warnen Ökonomen zum Abschluss des Weltwirtschaftsforums in Davos. Der Schuldenabbau werde "sehr, sehr schmerzhaft". Ohne massive Steuererhöhungen und harte Sparmaßnahmen gehe es nicht - das gelte auch für Deutschland.

Griechenlands Premier Papandreou (rechts), Finanzminister Papaconstantinou: Gerüchte führten zur Krise Zur Großansicht
REUTERS

Griechenlands Premier Papandreou (rechts), Finanzminister Papaconstantinou: Gerüchte führten zur Krise

Für die Generation der Mittdreißiger hat Kenneth Rogoff wenig erbauliche Nachrichten. "Für Sie wird es schrecklich", sagt er einer jungen Deutschen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. "Deutschlands Schulden explodieren, die Bevölkerung altert", zählt der Harvard-Professor auf, "und offen gesagt glaube ich, dass Ihr Land in den kommenden Jahren im Schnitt ein Wachstum von etwa einem Prozent haben wird." Wolle die Bundesrepublik ihren gewaltigen Schuldenberg abbauen, gebe es nur eine Lösung: Drastisches Sparen, satte Steuererhöhungen. Das werde natürlich jeden unternehmerischen Elan abwürgen. "Es wird sehr, sehr schmerzhaft", schlussfolgert der Ökonom. Jahrzehnte werde es dauern, bis die Verbindlichkeiten beglichen seien, "eines mindestens".

Ähnlich deprimierende Szenarien malt Robert Shiller. Vielen Länder drohe die "japanische Krankheit", sagt der Verhaltensökonom im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, der Wirtschaft nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Hilfe der Psychologie erklärt. Japans Wirtschaft war nach der Finanzkrise in den achtziger Jahren über Jahre hinweg einfach nicht angesprungen. Das Vertrauen sei weg gewesen, sagt Shiller, der Glaube an den Boom. Und damit die Risikobereitschaft, ohne die es einfach nicht aufwärts geht. "Diese Situation könnte jetzt in vielen Regionen der Welt entstehen", sagt er.

"Illusion von Normalität"

Ist der aktuelle überraschende Aufschwung nur ein kurzes Aufatmen? Droht schon bald der nächste, dramatische Absturz, der sogenannte "Double Dip" - zwei direkt aufeinanderfolgende Rezessionen? Die Wirtschaft in den USA ist im vierten Quartal mit 5,7 Prozent rasant gewachsen - doch wie nachhaltig ist die Entwicklung?

Fest steht: Die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen, vor einem Schicksalsjahr. "Es gibt eine Illusion von Normalität", warnt Rogoff. Doch die verdanke die Welt dem Engagement der Regierungen. Sie haben wankende Banken gestützt, den Konsum mit Unsummen befeuert. Der Preis: Eine Verschuldung über Kontinente hinweg, die "historisch außergewöhnlich" ist, wie Rogoff nüchtern feststellt. Eine vergleichbare Situation habe es allenfalls in den Zeiten der Großen Depression gegeben.

Die Frage ist nun, wann der Schalter umgelegt werden muss. Wann man sich an die mühsame Aufgabe machen kann, die Verbindlichkeiten Cent für Cent abzutragen, ohne den vorsichtigen Aufschwung sofort wieder abzuwürgen. Und, ob die Bevölkerung der betroffenen Länder beim Sparen mitmacht.

"In den USA etwa wäre jeder Politiker, der derzeit versuchen würde, Steuern signifikant zu erhöhen, sofort weg", ist Rogoff überzeugt. "Wir mussten die Gürtel seit 50 Jahren nicht mehr enger schnallen." Shiller berichtet, er spüre jetzt schon eine weit verbreitete "Wut" bei seinen Landsleuten. Zuletzt habe es zu Zeiten des Vietnam-Krieges derart gebrodelt in der Bevölkerung.

In vielen anderen Industrieländern dürfte die Situation ähnlich sein.

Dabei zeigt die Misere in Griechenland wie brandgefährlich die Situation ist. Für die Regierung des gebeutelten Landes, das mittlerweile Schulden in der Höhe von mehr als 110 Prozent der Wirtschaftsleistung angehäuft hat, wurden die vergangenen Wochen zum Albtraum. Denn plötzlich tauchten jede Menge Gerüchte auf: Griechenland suche aus lauter Verzweiflung Geld in China. Griechenland könnte aus dem Euro aussteigen. Deutschland und andere EU-Länder bereiteten eine Rettungsaktion für das südosteuropäische Land vor.

Dementis nützten nichts. Die Zinsen für griechische Staatsanleihen schnellten nach oben. "Solche Geschichten verängstigen Anleger", sagt Shiller.

Es könnte nur eine Frage der Zeit sein, bis ähnliche Storys auch das Anleger-Vertrauen in andere Länder zerstören. "Derzeit leiht uns die Welt noch begeistert Geld", sagt Rogoff über die USA. "Aber das wird nicht ewig so weiter gehen."

In Europa werden schon Warnungen vor einem von Griechenland ausgehenden Domino-Effekt laut, schließlich ist es auch um den Haushalt von Ländern wie Irland, Spanien oder Portugal katastrophal bestellt. Stresstest für den Euro

So wird die griechische Malaise auch zum gefährlichen Stresstest für den Euro. Denn die übrigen Gemeinschaftsländer stecken in der Zwickmühle. Hilft man dem wankenden Staat finanziell aus, wäre die Beispielwirkung verheerend. Andere Haushaltssünder würden sich womöglich ebenfalls darauf verlassen, im Notfall gestützt zu werden. Die Finanzmärkte würden plötzlich auch von Staaten wie Deutschland Risikoaufschläge für ihre Bonds verlangen, weil sie fortan als potentielle Retter schwacher Nachbarn gelten würden.

Überlässt man Griechenland aber sich selbst und der Staat geht pleite, wäre die Außenwirkung ebenfalls fatal. "Der Euro wird gerade immer wichtiger als Reservewährung", sagt Ökonom Shiller. "Weil die Menschen glauben, dass Euro-Schulden sicher sind." Eine Staatspleite würde dieses Vertrauen nachhaltig erschüttern, mahnt Shiller.

Es gibt auch die, die vorsichtig Optimismus verbreiten, auf Hoffnungsschimmer aufmerksam machen. "Das Wachstum kommt zurück und das schneller als erwartet", sagt etwa der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn in Davos - und erinnert daran, dass der asiatische Teil der Welt sich schon fast komplett von der Krise erholt habe. China wuchs im vergangenen Jahr um 8,7 Prozent.

"Obama hat schon viele gute Reden gehalten"

2010 scheint also zum Schicksalsjahr zu werden. Und es wird sich nicht nur zeigen müssen, ob der Aufschwung nachhaltig ist. Es sollen international auch endlich konkrete Vorschläge auf den Tisch kommen, wie die lang diskutierten Ziele der G-20-Länder tatsächlich umgesetzt werden können. Die jüngsten Vorschläge von Barack Obama, klassische Geschäftsbanken und Investmentbanken zu trennen und den Eigenhandel zu beschneiden, haben die Diskussion ordentlich befeuert. Die internationale Finanzindustrie ist mächtig in Aufruhr. Denn Obama will den Eigenhandel der Banken beschneiden und die Trennung der Branche in klassische Geschäftsbanken und kapitalmarktorientierte Investmentbanken wiedereinzuführen.

Nur wenige Banker reagieren auf die Ideen so gelassen wie Martin Blessing. "Ich denke, die Grundidee ist vernünftig", sagte der Commerzbank-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Wir haben in den letzten zwei Jahren erlebt, dass das bisherige System Mängel hat, und können jetzt nicht einfach wieder zur Normalität zurückkehren." Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann warnte dagegen schon zu Beginn des Treffens: "Am Ende könnten wir alle die Verlierer sein, wenn wir keine effizienten Märkte mehr haben."

Am Samstag kam es dann zur großen Aussprache. Ackermann und andere Finanzvertreter trafen sich hinter verschlossenen Türen mit Politikern wie der französischen Finanzministerin Christine Lagarde, ihrem britischen Kollege Alistair Darling, EU-Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia, EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und IWF-Chef Strauss-Kahn.

Wirklich näher kam man sich allerdings offenbar nicht. Der amerikanische Kongressabgeordnete Barney Frank erklärte nach der Zusammenkunft jedenfalls inbrünstig, dass die Regierung von Präsident Barack Obama "zu einer strengen, sensiblen Regulierung entschlossen" sei. "Es ist sehr wichtig, den Banken, den Hedgefonds zu sagen, was wir tun werden", ergänzte der Abgeordnete, der den Ausschuss für Finanzdienstleistungen des US-Repräsentantenhauses leitet. Auf die Reaktion der Finanzwelt angesprochen, antwortete Frank: "Darum kümmere ich mich nicht. Das hat keine Auswirkungen auf die Politik."

Ökonom Rogoff ist dennoch skeptisch, wie weit Obamas Vorschläge umgesetzt oder gar als Beispiel für die Welt dienen können. "Obama hat schon viele gute Reden gehalten", sagt er. Die Frage ist, ob er die notwendigen Mehrheiten für seine Ideen bekomme.

Mit Material von Apn

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Forum - Griechenland - soll die EU im Notfall einspringen?
insgesamt 1656 Beiträge
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1.
grauer kater 10.12.2009
In Griechenland stand die Wiege der europäischen Kultur, der Demokratie und der modernen Wissenschaften! Die Griechen sind es allemal wert, dass ganz Europa für sie einsteht, denn sie sind Fleisch von unserem Fleische!
2.
DJ Doena 10.12.2009
Zitat von grauer katerIn Griechenland stand die Wiege der europäischen Kultur, der Demokratie und der modernen Wissenschaften! Die Griechen sind es allemal wert, dass ganz Europa für sie einsteht, denn sie sind Fleisch von unserem Fleische!
Isn bisschen sehr philosophisch oder?
3.
grauer kater 10.12.2009
Zitat von DJ DoenaIsn bisschen sehr philosophisch oder?
Liebe zur Weisheit ist eben eine gute menschliche Eigenschaft, die man pflegen sollte. Die menschliche Gesellschaft könnte dabei viel gewinnen, wenn möglichst viele diese Eigenschaft entwickeln würden!
4.
zwangsreunose 10.12.2009
Zitat von sysopRatingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit von Griechenland herunter, Pessimisten sprechen gar vom drohenden Staatsbankrott. Experten aber begrüßen die drastische Warnung der Finanzmärkte. Soll die EU im Notfall einspringen?
Europa lebt in erster Linie von seinem Binnenmarkt. Das ist ein geben und nehmen. Griechenland ist dabei. Aber....liebe Nachbarn, Kritik ist berechtigt. Ihr habt neu gewählt. Bringt Euren Laden in Ordnung. Außerdem wäre ich längst für eine Europaanleihe.
5.
grauer kater 10.12.2009
Es gibt nicht die Griechen, sondern normale Menschen, wie Du und ich sowie Politiker und Führungskräfte, die für bestimmte Zustände in der Gesellschaft verantwortlich zeichnen! Meine Solidarität beschränkt sich auf die normalen Menschen, die nichts mit den Machenschaften der "Führer" zu tun haben!
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Obamas Banken-Gesetz
Die Demokraten um Barack Obama nehmen die Banken hart ran - und wollen sie an den Kosten der Weltwirtschaftskrise beteiligen. Allerdings mussten die Regierenden im parlamentarischen Prozess einige Abstriche hinnehmen. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Punkte der Reform vor.
Großbanken
Eine frühe Forderung der Wall-Street-Kritiker war es, die größten Geldkonzerne zu zerschlagen, weil deren Kollaps die gesamte Branche gefährden würde ("Too big to fail"). Diese Drohung ist in der aktuellen Reform allerdings nur noch in aufgeweichter Form enthalten.

Ein unabhängiger Finanzrat aus den Chefs aller Aufsichtsbehörden soll die Banken im Fall eines "systemischen Risikos" unter eingeschränkten Bedingungen auflösen oder in ihre Geschäfte hineinregieren können.
Verbraucherschutz
Lange schien es so, als falle das von Obama geforderte Verbraucherschutzamt, das die Kunden unter anderem vor Kreditkarten-Abzocke schützen soll, dem Parteienzank zum Opfer. Inzwischen sieht das Gesetz es aber wieder vor.

Die geplante Verbraucherschutzbehörde soll unter dem Dach der US-Notenbank geschaffen werden. Diese soll nun unter anderem unfaire Geschäftspraktiken bei Privatkrediten und Kreditkarten aufdecken und verhindern.
Derivatehandel
Um diese komplexen, riskanten Finanzprodukte - die maßgeblich zur Krise beigetragen haben - gab es in den Debatten die schärfsten Auseinandersetzungen. Für den Handel mit riskanteren Derivaten wie etwa aus dem Rohstoffbereich müssen die Finanzinstitute jetzt mit eigenem Kapital ausgestattete Einheiten gründen - damit soll jener Teil der Bank vor möglichen Verlusten abgeschottet werden, der wegen Sparereinlagen speziellen staatlichen Schutz genießt.
Top-Manager
Die Reform sieht auch neue Regelungen für die Bezahlung von Top-Managern von börsennotierten Unternehmen vor. Aktionäre sollen ein Mitspracherecht über die Gehälter bekommen, das allerdings nicht bindend ist.
Eigenhandel
Der hochprofitable, aber risikoreiche Eigenhandel der Banken wird eingeschränkt. Geldhäuser, die über staatlich versicherte Spareinlagen verfügen, dürfen nur sehr begrenzt in Hedge- oder Private-Equity-Fonds investieren. Die Bankeinlagen sind künftig dauerhaft bis zu 250.000 Dollar von der US-Einlagensicherungsbehörde FDIC versichert.


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