Weltkindertag 2017 Höherer Kinderzuschlag lässt Zahl der Empfänger steigen

Die lang überfällige Anhebung des Kinderzuschlags hat Auswirkungen auf die Zahl der Empfänger: Im vergangenen Jahr bekamen 16.000 Familien mehr die Leistung als im Jahr zuvor - und waren nicht mehr auf Hartz IV angewiesen.

Kinder in einer Hamburger Kita
DPA

Kinder in einer Hamburger Kita


Es ist ein klassischer Fall einer vermeintlich schlechten Nachricht, die beim näheren Hinsehen eher eine gute ist: Die Zahl der Eltern, die für ihre Kinder einen Kinderzuschlag erhalten, ist im vergangenen Jahr deutlich auf rund 168.000 gestiegen. Zuvor war sie im Jahr 2015 noch auf rund 152.000 gesunken. Das geht aus der Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Sabine Zimmermann hervor.

Aus diesen Zahlen lässt sich jedoch nicht ableiten, dass nun 16.000 Familien zusätzlich in die Bedürftigkeit abgerutscht sind. Denn im vergangenen Jahr - genauer am 1. Juli 2016 - wurde der Kinderzuschlag zum ersten Mal nach seiner Einführung im Jahr 2005 erhöht, von 140 auf 160 Euro im Monat für jedes Kind. Durch diese Erhöhung hat sich automatisch auch die Zahl der Berechtigten erhöht.

Der Kinderzuschlag ist - ebenso wie das Wohngeld - eine Leistung, die verhindern soll, dass Familien mit geringen Einkommen in das Hartz-IV-System rutschen. Anders ausgedrückt: Kinderzuschlag bekommen jene Familien, die ohne ihn Hartz IV beantragen müssten. Und wenn der Kinderzuschlag erhöht wird, kann das dazu führen, dass Familien mit kleinen Einkommen, die bereits Hartz IV beziehen, nicht mehr darauf angewiesen sind.

Auch wenn die Zahlen der BA nicht weiter aufgeschlüsselt sind - es liegt nahe, dass die allermeisten der im vergangenen Jahr hinzu gekommen Empfänger des Kinderzuschlags zuvor Hartz IV bezogen haben. Und auch für das laufende Jahr ist ein Anstieg zu erwarten: Am 1. Januar 2017 hat sich der Kinderzuschlag erneut um zehn Euro auf jetzt 170 Euro erhöht.

Aus dieser Systematik erklärt sich auch, weshalb die Zahl der Empfänger des Kinderzuschlags nach dem Höchststand im Jahr 2010 (214.000 Empfänger) bis 2016 tendenziell gesunken war: Da sich der Kinderzuschlag nie erhöhte, wohl aber sowohl die Hartz-IV-Regelsätze als vor allem auch die Wohnkosten, konnten immer weniger Familien durch ihn über der Grenze zur Hartz-IV-Bedürftigkeit landen - und mussten die Leistung beantragen.

Kinderarmut dennoch ein großes Problem

Das Beispiel zeigt, wieso es problematisch ist, den Anstieg der Zahl von Empfängern von Sozialleistungen als Beweis für gestiegene Armut oder gestiegene Bedürftigkeit zu verwenden - in der Realität steht dahinter im Gegenteil oft eine Verbesserung des Alltags der Betroffenen.

Der ehemalige Caritas-Generalsekretär Georg Cremer spricht hier von einer "Janusköpfigkeit des Sozialstaats" und macht das am Beispiel der Hartz-IV-Regelsätze deutlich, deren Berechnung Cremer für grob ungerecht hält. Doch würden die Regelsätze um 80 Euro erhöht, wie Cremer es für angemessen hält, gäbe es auf einen Schlag Hunderttausende Hartz-IV-Empfänger mehr - was auf den ersten Blick so wirken würde, als wäre die Armut in Deutschland gestiegen.

Doch auch wenn die neuen Zahlen zum Kinderzuschlag nicht belegen, dass sich die Lage verschlimmert hätte - die Kinderarmut in Deutschland ist hoch, und sie wirkt sich auf die betroffenen Kinder und ihre Eltern sehr negativ aus. Tatsächlich steht es um die Kinderarmut in Deutschland schlechter, als es die Bundesregierung offenbart. In ihrem jüngsten Armutsbericht beschönigt sie die Armut von Kindern, deren Situation prekär ist.

Absolute Armut betrifft 4,7 Prozent der unter 18-Jährigen und damit mehr als 600.000 Kinder. Noch weit mehr Kinder sind relativ arm: Bis zu 2,7 Millionen leben in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, ihr Anteil ist in den vergangenen Jahren gestiegen - hier sind Kinder von Alleinerziehenden besonders stark betroffen. Lebensmitteltafeln versorgen geschätzt rund 500.000 Kinder in Deutschland mit Nahrung. Zudem verschiebt sich die Einkommensverteilung zulasten armer Kinder, die finanzielle Kluft zwischen ihnen und ihren besser gestellten Altersgenossen wird größer.

fdi/laj/kig/dpa



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fabsel123 20.09.2017
1.
Kommt bei mir die Frage auf haben sie dann das gleich, mehr oder gar weniger in der Tasche?
Freidenker10 20.09.2017
2.
Aber dann bitte auch die Zahlen wohin das Kindergeld geht! In Rumänien und Bulgarien Leben ganze Familien von deutschem Kindergeld wenn ein Elternteil in Deutschland arbeitet, oder auch nicht. Und auch so manche Migrantenfamilie mit vielen Kindern wird vom Glauben abfallen wie viel Geld hierzulande vom Himmel fällt! Aber diese Zahlungen nützen Deutschen Familien realitv wenig um mehr Kinder zu bekommen und sich leisten zu können, diese Zahlungen fördern eher den Zuzug in die Sozialsysteme!
ptb29 20.09.2017
3. Der Kindertag ist der 1. Juni
Der jetzige Kindertag ist eine Erfindung von Ferrero.
ludwig49 20.09.2017
4. Bürokratische Umbuchungen...
...bei Einkommens schwachen Familien führen nicht zu mehr Geld, sondern zu mehr Bürokratie. Staatliche Leistungen an Familien bestehen nicht selten aus wertlosem Papier. Besonders perfide ist, daß Leistungen nur gewährt werden, wenn ein Einkommen sich im Rahmen des Hartz 4-Satzes bewegt. Gerne und besonders vor Wahlen zitieren Politiker die zahlreichen Leistungen an Familien. Daß diese dort nicht ankommen ist eine Tatsache!
hdudeck 20.09.2017
5. Koennen Sie bitte ein Beispiel anfuehren,
Zitat von Freidenker10Aber dann bitte auch die Zahlen wohin das Kindergeld geht! In Rumänien und Bulgarien Leben ganze Familien von deutschem Kindergeld wenn ein Elternteil in Deutschland arbeitet, oder auch nicht. Und auch so manche Migrantenfamilie mit vielen Kindern wird vom Glauben abfallen wie viel Geld hierzulande vom Himmel fällt! Aber diese Zahlungen nützen Deutschen Familien realitv wenig um mehr Kinder zu bekommen und sich leisten zu können, diese Zahlungen fördern eher den Zuzug in die Sozialsysteme!
aber bitte mit Namen, Adresse und Betraegen. Sonst muss ich stark annehmen, dass Sie sich diese Behauptungen ausgedacht haben, mit einem Wort Sie luegen ! Ansonsten muss ich den Autoren kritisieren. Wenn jemand aus dem Sozialsystem ausscheidet, weil er 20 Euro mehr fuer ein Kind bekommt sollte er sich mal fragen, wie viel mehr die Familien jetzt haben. Ich will ihm mal helfen, maximal 19.99 per Kind, minimal 0.01 per Kind. Fuer die Familien hat sich nichts geaendert, das Geld ist immer noch knapp und damit kein Anlass zum Jubeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.