Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Weltkrise privat: Peter Zwegat, übernehmen Sie!

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist

Ab Mittwoch rettet der weltberühmteste Schuldnerberater von ganz Deutschland wieder Existenzen: RTL-Superstar Peter Zwegat! Es gibt viel zu tun für den Ober-Insolvenzprofi. Zum Beispiel bei Jenny-Lee-Paris und ihrem runtergewirtschafteten Nagelstudio. Oder bei Angela M. aus Meck-Pomm.

Angela M.: "Wozu hamse denn noch 'ne Bank gebraucht, jute Frau!" Zur Großansicht
REUTERS

Angela M.: "Wozu hamse denn noch 'ne Bank gebraucht, jute Frau!"

Wann ist man ein eher einsamer Mensch? Wenn zum eigenen Geburtstag nur noch eine standardisierte Glückwunsch-Mail von tchibo.de kommt. Wann ist man finanziell wirklich in der Grütze? Wenn Peter Zwegat vor der Haustür steht und schnarrt: "Sie haben mich gerufen. Was kann ich für Sie tun?"

Am Mittwoch um 21.15 Uhr kehrt Deutschlands weltberühmtester Schuldnerberater ins RTL-Abendprogramm zurück. Mit ihm hat die Krise endlich ein Gesicht, Voyeurismus ein Format und der Wahnsinn einen Helden. Zwegat ist der Batman der Rezession, der Ghandi der Tilgungsrate, der Obama der Privatinsolvenz. Vor allem: Er hat gefehlt.

Kaum war die letzte Staffel von "Raus aus den Schulden" im Frühjahr zu Ende, ging alles den Bach runter: Arcandor pleite, Michael Jackson tot, Große Koalition am Ende, Wolfsburg Fußballmeister. Und wer wäre ein besserer Schirmherr für diese Kolumne als Zwegat, der die Wirtschaftskrise runterbricht auf die Schicksale von uns einfachen Menschen von nebenan?! Zwegat ist der Barbapapa unter den Runterbrechern.

Wenn er seinen humanistischen Einsatz startet, wird Tacheles geredet, denn die Überschuldeten haben viel zu lange den Kopf in den Sand gesteckt, deshalb ist jetzt Schmalhans Küchenmeister und die Luft brennt, weil im Keller eine Leiche nach der anderen auftaucht, während oben der Pleitegeier kreist und das Kartenhaus einstürzt. Was passiert dann? Klar, er holt die Kuh vom Eis.

Die klassische Zwegat-Rettungsstory beginnt im 43-Zimmer-Fertighaus von Familie Klöden, die unverschuldet in Not geraten ist: Vater Rüdiger fressen die Raten für das erst kürzlich geleaste Kreuzfahrtschiff fast auf, zumal der gelernte Bunsen-Brenner seit zwei Monaten arbeitslos ist. Mutter Renate kann mit ihren beiden 400-Euro-Putzjobs kaum die Unterhaltszahlungen für ihre drei unehelichen Kinder aufbringen. Tochter Jenny-Lee-Paris hat gerade ihr Nagelstudio an die Wand gefahren, für das die Klödens mitgebürgt haben.

Immerhin: Die offenen Rechnungen sind akkurat in mehreren Lidl-Tüten hinterm Home-Solarium gelagert. Es geht so irre schnell mit den Schulden. Einmal falsch abgebogen, für einen 1,5-Millionen-Euro-Konsumentenkredit unterschrieben, mit abchasischen Put-Optionen Pech gehabt...und das Leben wird zur Schussfahrt.

Sylt und Saarland werden zwangsversteigert

So wurde auch die kinderlose Ostdeutsche Angela M. zum Opfer der Krise. Schwieriges ökonomisches Umfeld, teils unfähige Berater - flugs wies der Haushalt der gelernten Physikerin ein Minus von 1,6 Billionen Euro auf. Da ist Transferleistungs-Hulk Zwegat gefragt, der Frau M. auf dem Flipchart ihre prekäre Lage überhaupt erst mal klarmacht.

"Man, man, man! Auf der Sollseite: Altschulden 1,5 Billionen, Deutschlandsfonds: hundert Milliarden Euro. Weitere hundert Milliarden und 'n paar Zerquetschte für die Hypo Real Estate. Wozu hamse denn noch 'ne Bank gebraucht, jute Frau!"

Rettung? Könnte so aussehen: Frau M. zieht mit ihrem Mann in eine Zweiraumwohnung in Friedrichshain. Das Kanzleramt wird für Betriebsfeste untervermietet, die private Datsche in Meck-Pomm verkauft, eine Billion bei einer Online-Bank umfinanziert. Bayreuth-Besuche und Ackermann-Einladungen werden gestrichen, Sylt und Saarland zwangsversteigert. Rest-Deutschland erklärt China den Krieg, was dem metallverarbeitenden Gewerbe kurzfristige Wachstumsimpulse verspricht. "Da könnense die nächsten 130 Jahre keine großen Sprünge machen, aber es is 'n Anfang."

Am Ende muss er mit seinem Aktentäschchen vorm Reichstag stehen und - bitte, bitte - ins Abendrot nuscheln: "Die Kuh ist erstmal vom Eis." Zwegat, übernehmen Sie!

Diesen Artikel...
Forum - Politik und Wirtschaft - wieviel Nähe verträgt die Demokratie?
insgesamt 1648 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ist doch eine Mischpoke.
ZumPostwinkel 24.08.2009
Zitat von sysopDie Kanzlerin ließ den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann seinen Geburtstag in ihrer Regierungszentrale feiern - die Kosten für das abendliche Tête-à-tête trägt der Steuerzahler, berichtet das ARD-Magazin "Report Mainz". Jetzt hagelt es Kritik. Wieviel Nähe von Politik und Wirtschaft verträgt die Demokratie?
Warum darf denn die ergebene und untergebene Befehlsempfängerin nicht ihren heimlichen Chef einladen?
2. Wie im Lotto
Henry II 24.08.2009
Ohne das hier vorgefallene bewerten zu wollen: Am Schluss wird es dann wohl so sein, dass irgendein (vermeintlicher) Skandal oder "Fehltritt" eines Politikers die Bundestagswahlen 2009 entscheidet! Ist eigentlich wie beim Lotto, der Zufall ob und was bis zum magischen Datum bekannt wird, entscheidet wer die BRD die nächsten 4 Jahre regiert
3. Trauruig, traurig, traurig ...
purzel76 24.08.2009
Weder in Wirtschaft noch Politik gibts irgendein Feingefühl was man den armen Menschen in Deutschland mit solchen Nachrichten für eine Message schickt: "Wir lassen es krachen und Du zahlst mal wieder bzw. euch streichen wir das Geld dann". Peanuts + Partys "Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht..."
4.
Adran, 24.08.2009
Das dürfte ja wohl der größere Aufreger sein.. Kahlschlag kommt nach der Wahl Die deutsche Industrie will Stellen im großem Umfang streichen - sobald die Bundestagswahl vorüber ist. Dann läuft das Stillhalteabkommen mit Berlin aus. (http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Jobabbau-Kahlschlag-kommt-nach-der-Wahl/557336.html) Da beeinflusst die Industrie die Wahl!
5. Und das ist gut so!
ccmehil 24.08.2009
Es wird wahrlich Zeit, dass einmal die Beziehungen zwischen Banken und Regierung auf ordentliche Füße gestellt werden. Immer diese heimlichen Treffen. So eine gemütliche Feier lockert doch die Atmosphäre schön auf.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Serie
DER SPIEGEL

Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: