Weltkrise privat Von der K-Frage zur E-Manzipation

Die Buchmesse fürchtet nicht nur die Rezession, sondern auch den Start des elektronischen Lesergeräts Kindle. Dabei bietet das E-Book Revolutionäres: Auf Knopfdruck überlässt der Kunde die Lektüre komplett dem Gerät und bekommt selbst zu den schlimmsten Werken qualifizierte Kommentare.

Elektronisches Lesegerät Kindle: Der neue Dan Brown ist elektronisch genauso bescheuert wie in der Printausgabe
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Elektronisches Lesegerät Kindle: Der neue Dan Brown ist elektronisch genauso bescheuert wie in der Printausgabe

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist


Hamburg - Der weltgrößte Verlag, Random House, lässt bei der am Mittwoch startenden Buchmesse seine pompöse Begleit-Party ausfallen. Und nicht nur er. Um krisenbedingt noch mehr Geld zu sparen, sollen vor allem verbrauchsarme Nachwuchsautoren sogenannter Groschenromane zu dem Frankfurter Branchentreff geschickt werden, die dann als Aushilfskellner bei Frank Schirrmacher ihre Rückflüge selbst verdienen müssen.

Auch haben sich internationale Verlegerverbände darauf verständigt, keine Werke mehr über 400 Seiten zu veröffentlichen. Frank Schätzing und David Foster Wallace waren die letzten, denen man die Produktion brikettdicker Riesenschinken genehmigt hat.

Aber die größte Bedrohung sieht der Buchhandel nicht in der Rezession, sondern in elektronischen Lesegeräten wie dem Kindle, mit dem Amazon ab Mitte Oktober auch Deutschland erobern will. Die sogenannten E-Books sind in den USA derart beliebt, dass Innovationen nicht lange auf sich warten lassen werden. In Vorbereitung sind: E-Manzipation, E-Hegattensplitting und E-Lektrizität.

Kunde wird mit der Lektüre gar nicht mehr behelligt

Der Kindle gilt Fachleuten als benutzerfreundlich, die Qualität sei dem Papierbuch schon sehr ähnlich: Der neue Dan Brown zum Beispiel ist elektronisch genauso bescheuert wie in der Printausgabe. Auf Knopfdruck wird der Kunde mit der Lektüre gar nicht mehr behelligt und überlässt das Lesen komplett dem Gerät. Der Kindle liest auch nachts, an gesetzlichen Feiertagen und wenn das Buch so schlimm ist wie "Feuchtgebiete" oder Sky du Monts neuer Beziehungsratgeber.

Die Rezensions-Software kostet zwar extra, liefert aber auch glaubwürdige Kommentare in den Kategorien "U-Bahn-Talk", "Essen bei Freunden" und "Vernissage/Stehempfang". Wer künftig gefragt wird, was er vom letzten Kehlmann hält, kann antworten: "Mit 'Ruhm' hat er gezeigt, weshalb 'Die Vermessung der Welt' auch schon kein großer Wurf war."

Amazons Strategie ist raffiniert: Den Kindle kann man vorläufig nur in den USA bestellen, dank Zoll, Steuern und Versandgebühren kostet er rund 50 Prozent mehr, und die Literatur gibt es nur auf englisch. Der Siegeszug ist also nicht mehr aufzuhalten. Nur wenige K-Fragen sind noch offen: Spricht man das Ding "Kindel" oder "Kaindl" aus - oder gar schwäbisch: Kindlä? Und was macht man mit den leeren Bücherregalen zu Hause, wenn die komplette Weltliteratur demnächst in eine schokoladentafelgroße Schachtel passt?

Ratgeber funktionieren immer

Dem Vernehmen nach soll die nächste Kindle-Generation deshalb nur noch über Speicherplatz für je einen Buch-Download verfügen. Dafür haben die Geräte 1,2 Millionen verschiedene Gehäusefarben gespeichert, die das Gesamtwerk der Edition Suhrkamp in Fragen der Farbtreue übertrifft. Wer sich tausend Stück davon ins Wohnzimmer stellt, hat auch wieder eine Bibliothek. Apple arbeitet angeblich an einem neuen iBook, in das man auch Eselsohren knicken kann. Wenn man einen warmen Becher auf das temperaturempfindliche Display stellt, wird der realistische Eindruck eines Kaffeeflecks imitiert. Aber das sind natürlich Spielereien.

Trotz aller Unkenrufe über vermeintliche technische Revolutionen ist die Literatur immer noch am wichtigsten. Rumänische Exilantentexte etwa sind aktuell sehr angesagt. Grund: Der Nobelpreis ging an Herta Müller, die seit Jahren gegen das Vergessen anschreibt, wie es heißt. Ratgeber funktionieren ja immer. Sehr gut gehen in diesem Bücherherbst zudem Krebs-Erinnerungen sowie Werke, die erfolgreiche Titelnamen variieren. Je prominenter der Autor, umso besser.

Ein Glücksfall wäre: "Bis(s) auf Weiteres gegen das Vergessen in Rumänien ", ein Demenz-Ratgeber von Sky du Mont.



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