Weltkrise privat Wenn Siggi Pop rockt

Überall geht es abwärts, doch am schnellsten bei der SPD. Die Genossen haben die Weltwirtschaft als größten Krisenkandidaten abgelöst. Künftig soll es ein sympathischer Berufsschullehrer mit wasserabweisenden Haaren richten - wenn alles gutgeht, hievt er die Partei 2013 über die Fünfprozenthürde.

Sigmar Gabriel (im Atommülllager Asse): Etwas verstrahlt, aber sympathisch
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Sigmar Gabriel (im Atommülllager Asse): Etwas verstrahlt, aber sympathisch

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist


"Wir sündigen wieder", schrieb der Berliner Moraltheologe Franz Josef Wagner jüngst in einem offenen Brief an die "liebe Erde" in "Bild". Monster-Taifune und Mega-Tsunamis samt Jahrhundert-Beben kündigen sich an, und Sigmar Gabriel designiert sich selbst zum neuen SPD-Chef - Fachleute sind sich einig, dass der Weltuntergang jetzt unmittelbar bevorstehen muss.

Die Sozialdemokraten sind erleichtert, denn sie dachten, sie hätten ihn seit 27. September schon hinter sich (also nicht Gabriel, sondern den Weltuntergang). Es kann morgen Vormittag passieren, an Fronleichnam 2010 oder in 5100 Jahren. Aber Gabriel wird sie hinführen. Also muss man jetzt Antworten finden auf die drei großen Fragen dieses politischen Herbstes: Wofür steht dieser sympathisch-adipöse Goslarer? Was bedeutet überhaupt die Abkürzung SPD? Und warum fällt einem kaum eine dritte Frage ein, deren Antwort im Zusammenhang mit der früheren Volkspartei spannend erscheint?

Gabriel ist gebürtiger Berufsschullehrer. Seine schwarzen Haare sind geruchsneutral und wasserabweisend. Mit ihnen flutschte er sogar mal ohne Wahl ins Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten. Wahrscheinlich haben die Pförtner einen Moment lang nicht aufgepasst. Danach wusste die SPD eine Zeitlang gar nichts mehr mit ihm anzufangen, deshalb machte sie ihn zum "Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs". Seither ist Gabriels Spitzname weltweit "Siggi Pop".

Zuletzt gehörte er dem Kabinett der Großen Koalition an. Als Innenminister hätte man ihn "Siggi Cop" nennen können, als Verbraucherminister "Siggi Shop". Am Ende war nur das Umweltressort übrig, wo Gabriel sich um eine Lösung der eigenen Endlager-Frage bemühte. Er machte einen tollen Siggi-Job, das sagen alle, vor allem Gabriel, der unfairerweise als leicht verstrahlt gilt.

Ulla Schmidt war ohne Dienstwagen einkaufen

Dabei kann er fast jede Meinung annehmen, die gerade gewünscht ist. Das ist hilfreich, weil er auf dem Parteitag Mitte November die verschiedenen Flügel und Gruppen einen soll. Vielleicht schafft er es in die Annalen der SPD als großer Einer, vielleicht auch als Zweier - mit seiner künftigen Generalsekretärin Andrea Nahles. Intern wollen viele einen Linksruck nicht mitmachen. Stattdessen solle doch die deutsche Gesamtbevölkerung einen Schritt nach rechts machen. Das würde SPD-Standfestigkeit beweisen und sie trotzdem linkser aussehen lassen.

Für die Parteitagsabende ist geplant, dass die wenigen Bundestagsabgeordneten, die man noch hat, lustige Schnurren aus Berlin erzählen. Auch Levitenlesungen und Zerreißproben stehen auf dem Programm. Die Basis soll gestärkt werden. Die kennt zwar niemand richtig, aber sie murrt angeblich dauernd. Nun wird zunächst ein Basislager aufgeschlagen, bevor eine Basisbeauftragte ernannt wird, die blond, ostdeutsch, jung und Mutter sein soll. Manuela Schwesig wird die Wahl annehmen.

Viele Posten hat man nicht mehr zu vergeben. Es gibt nur noch ein paar Putzstellen in gewerkschaftsnahen Freizeitheimen im Hochsauerland und 400-Euro-Jobs als sogenannte Wasserträger, die aber auch mal Kaffee holen müssten für Steinmeier. Die anderen bald arbeitslos werdenden SPD-Minister sollen zügig resozialisiert werden, um sie spätestens Anfang 2010 in überwiegend nordrhein-westfälischen Wahlkreisen auswildern zu können. Ulla Schmidt war gestern zum ersten Mal ohne Dienstwagen einkaufen.

Gabriel und Nahles wollen auch hier mit Integrationsbeauftragten helfen. Beide zeigen sich optimistisch - gestärkt durch einen großen Misstrauensvorschuss ihrer Partei. Ihr Ziel mag ambitioniert klingen, aber wenn alle Genossen mit anpacken, könnte die SPD auch 2013 wieder die Fünfprozenthürde nehmen und in den Bundestag einziehen.



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