Weltordnung in Auflösung Wir sind hochgradig verletzlich

Deutschland ist auf zwei Gewissheiten gebaut: dass die Amerikaner uns beschützen und dass die Weltwirtschaft offen bleibt. Beides ist mit Donald Trump als US-Präsident infrage gestellt. Was jetzt?

US-Präsident Trump
REUTERS

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Eine Kolumne von


Welcome to the new world! Wenn nicht alles täuscht, dann steht der Ausbruch eines offenen Handelskriegs zwischen den großen Weltwirtschaftsmächten unmittelbar bevor. Die Globalisierung, wie wir sie kennen, geht zu Ende. Und das heißt auch: Die Fundamente des deutschen Geschäftsmodells bröckeln. (Dienstag gibt's neue Zahlen zum Wirtschaftswachstum.)

Wer auch immer in den vergangenen anderthalb Jahren gedacht haben sollte, irgendwie werde mit einem US-Präsidenten Donald Trump schon alles gutgehen, wird gerade durch die Wirklichkeit widerlegt. Der will nicht nur spielen, twittern und schöne Fernsehbilder produzieren -, dieser Präsident will echte Action. Trump ist kein Silvio Berlusconi, der sich als frivoler Showman gefiel und ansonsten möglichst die Finger von schwierigen Politikfeldern ließ. Es geht zur Sache, und zwar auf der ganz großen Weltbühne.

Nicht nur der Ton in Washington hat sich geändert, auch die Substanz. Nachdem Trump in der abgelaufenen Woche einseitig das globale Anti-Atom-Abkommen mit Iran aufgekündigt hat, verlangt seine Administration nun insbesondere von deutschen Unternehmen, sich ebenfalls zurückzuziehen. Dabei ist es die US-Regierung, die ein internationales Abkommen bricht.

Golfen hilft, nützt aber nichts

Zwischen Amerika und seinen bisherigen Partnern findet eine aggressive Entfremdung statt. Die Stahl-und-Alu-Zölle gegen die EU sind nur für wenige Wochen ausgesetzt. Falls sie demnächst doch noch verhängt werden, dürfte die EU mit Vergeltungsmaßnahmen reagieren. Ein transatlantischer Schlagabtausch droht, der die deutsche Wirtschaft hart treffen würde.

Japan, Amerikas wichtigster Verbündeter in Asien, wird von Washington offen kompromittiert. Obwohl sich Premier Shinzo Abe intensiv um Trumps Zuneigung bemüht und ausgiebig mit ihm gegolft hat, wird sein Land mit Strafzöllen überzogen.

Von China verlangt die US-Regierung, das bilaterale Defizit binnen zwei Jahren um zwei Drittel zu senken (in Zahlen: um 200 Milliarden Dollar) - und überhaupt eine Art bedingungslose Kapitulation auf allen Gebieten der Handelspolitik zu akzeptieren. Logisch, dass auch China mit Vergeltungsmaßnahmen droht.

Zwei Frauen in China auf einer Bank mit US-Flagge
DPA

Zwei Frauen in China auf einer Bank mit US-Flagge

Die Verunsicherung über Washingtons Kurs ist inzwischen so groß, dass nun Amerikas wichtigste Verbündete in Asien, allem tiefsitzenden Misstrauen zum Trotz, auf China zugehen. In der abgelaufenen Woche trafen sich die Regierungschefs Japans und Südkoreas mit ihrem chinesischen Kollegen, um ihren gemeinsamen Willen zur Zusammenarbeit zu bekräftigen.

Die Amerikaner verabschieden sich aus der - einst von ihnen selbst geschaffenen - internationalen Weltordnung und verfolgen nun eine Politik, die an frühmoderne Zeiten erinnert. Diese Art von Powerplay mag im Umgang mit Autokraten wie dem nordkoreanischen Herrscher eine Zeitlang funktionieren. Aber ein verlässliches, regelbasiertes internationales System lässt sich so nicht bauen. Abkommen werden gebrochen, internationale Institutionen ignoriert oder unterlaufen. Eine langfristige Strategie ist nicht erkennbar.

US-Produkte
DPA

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Es gibt wahrlich genug zu kritisieren an Chinas Regime und an Irans Führung. Aber dass der Westen als politischer Block sich nun auseinanderdividiert, ist tatsächlich eine tektonische Verschiebung. Damit wanken auch die Fundamente, auf denen Deutschland ruht.

Globalisierung - Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit?

Die Bundesrepublik ist auf zwei Gewissheiten gebaut: dass die Amerikaner uns beschützen und dass die Weltwirtschaft offen bleibt. Beides ist inzwischen in Frage gestellt, um es vorsichtig auszudrücken.

Noch gilt der militärische Beistand der USA für Europa formal. Aber wie lange noch? Die Europäer - und Deutschland im Besonderen - sind weit davon entfernt, sich selbst verteidigen oder international mit Nachdruck agieren zu können. Die Nato-Staaten mögen sich 2002 darauf geeinigt haben, dass jedes Mitgliedsland mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für seinen den Wehretat ausgeben soll. Aber die Bundesrepublik hält sich nicht dran. So bleibt es dabei: Für unsere Sicherheit sind wir auf die USA angewiesen - genauer: auf einen Commander-in-Chief namens Trump.

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Ähnlich in der Wirtschaftspolitik. Deutschland hat darauf vertraut, dass die Globalisierung eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit ist. Kein anderes Land vergleichbarer Größe ist so offen. Handel und Investitionen sind tatsächlich globalisiert. Der außenwirtschaftliche Überschuss, den Deutschland erwirtschaftet, ist gigantisch - der größte der Welt, mit Abstand.

In mancher Hinsicht scheint die deutsche Wirtschaft ihrer europäischen Nachbarschaft entwachsen zu sein. Der Anteil am gesamten Handel ist seit Anfang der 90er Jahre gesunken. In vielen Industrieunternehmen trägt der Rest der Welt mehr zum Außenhandel bei als die übrige EU.

Mit anderen Worten: Deutschland verlässt sich darauf, dass weltweit halbwegs sichere Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen herrschen. Umso heftiger droht der heraufziehende globale Handelskrieg durchzuschlagen.

Die Abkühlung ist längst sichtbar

Noch wächst die Wirtschaft. Noch sprudeln die Steuereinnahmen. Noch ist das Jobwunder nicht zu Ende. Aber die Vorboten einer Abkühlung sind bereits sichtbar.

  • Der Ifo-Geschäftsklimaindex, das meistbeachtete deutsche Konjunkturbarometer, sinkt seit Dezember. Vor allem, weil sich die Zukunftserwartungen in der Industrie verdüstert haben. Nur im Baugewerbe ist die Stimmung nach wie vor blendend - dank extrem niedriger Zinsen und einer stattlichen Immobilienblase.
  • Der Außenhandel ist zuletzt gegenüber dem Vorjahreszeitraum geschrumpft. Vor allem der Import aus Ländern außerhalb der EU und der Export dorthin ist zurückgegangen.
  • Die Industrie verzeichnet weniger Auftragseingänge. Auch die Produktion von Gütern auf früheren Produktionsstufen ("Vorleistungsgüter") ist zuletzt leicht zurückgegangen.
  • Der Ölpreis steigt Richtung 80 Dollar pro Fass. Denn die Spannungen im Nahen Osten und die Iran-Sanktionen drohen das Angebot zu verknappen.

Und all das findet statt, während die Zinsen immer noch bei Null liegen und viele Staaten nach wie vor reichlich Geld in die Wirtschaft pumpen. Kommt es zum Konjunktureinbruch, können Regierungen und Notenbanken kaum gegensteuern.

Zwei Schlussfolgerungen:

  • Erstens, Europa muss für sich selbst sorgen können. Die dauerhafte Stabilisierung der Währung und des Binnenmarktes, die Schaffung einer gemeinsamen Armee - das wären Versicherungen gegen die globalen Verwerfungen.
  • Zweitens, die Passivität, die die Bundesrepublik seit Jahren in europa- und außenpolitischer Hinsicht an den Tag legt, ist unverantwortlich. Diese Haltung wird weder dem Ernst der Lage noch der Größe des Landes gerecht.
Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche
Montag
Paris - La France en grève - Front gegen Macrons Reformen: Wieder mal Streik bei Frankreichs Staatsbahn SNCF.

Genf - So sad! - Airbus hat illegale Subventionen erhalten, hat die WTO geurteilt. Nun gibt es ein Schlichtungsgespräch mit den USA, die bereits Strafzölle angekündigt haben.

Dienstag
HV-Saison I - Hauptversammlung des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport

Mittwoch
Nürnberg - Lohn und Arbeit - Die Bundesagentur für Arbeit gibt die Arbeitsmarktdaten für Mai 2018 bekannt.

Paris - Bestandsaufnahme - Die OECD stellt ihren halbjährlichen Economic Outlook vor. Danach treffen sich die Wirtschaftsminister der OECD-Staaten, um sich darüber auszutauschen, wie der Multilateralerismus neu gegründet werden könnte. Mit einer Eröffnungsrede von Präsidenten Macron.

HV-Saison II - Hauptversammlungen von Twitter, Ebay, Software AG, DZ Bank, Tom Tailor, NordLB. Hauptversammlung.

Donnerstag
Peking - Konjunktur auf Chinesisch - Chinas Statistikamt veröffentlicht den Einkaufsmanagerindex, einen wichtiger Konjunkturfrühindikator.

Paris - Handelskrieg und Handelsfrieden - Die Spannungen zwischen den USA und allen anderen steigen. Die Handelsminister der OECD-Staaten wollen sich zusammensetzen, um Lösungen auszuloten.

Luxemburg - Die Lage im Euroraum - Neue Zahlen von Eurostat: Inflation und Arbeitslosigkeit

Menlo Park - Alles auf Zuckerberg - In Zeiten enormen öffentlichen Drucks lädt Facebook zur Hauptversammlung.

Freitag
Washington - Wann steigt die Inflation - US-Arbeitsmarktbericht für Mai: Die Arbeitslosenquote liegt unter vier Prozent. Alle fragen sich, wann die Löhne kräftiger steigen – und wie stark dann die Fed die Zinsen anhebt.

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insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 13.05.2018
1. Die nächsten Jahre....
...werden sehr herausfordernd für Angela Merkel! Nicht nur weil sich in der Weltpolitik teils völlig neue Situationen auftun. Nein, auch weil Angela Merkel notwendigerweise endlich ihren sicheren Hafen der politischen Passivität verlassen muss. Und das wird ihr vermutlich am schwierigsten fallen.... Ich sage: Macron war zwar 12 beim Ende des Kalten Krieges und ist heute gerade 40. Aber in Sachen Mut und Entschlossenheit schlägt er sie tatsächlich schon jetzt!
freakout 13.05.2018
2. Eine neue Weltordnung wird kommen,
und die muss nicht schlechter sein: In 50 Jahren könnten Europa, Russland, China und Indien einen großen Wirtschaftsraum ohne Zollschranken bilden. Der Warenfluss wird per See und Bahn geregelt. Ein Wirtschaftsraum mit 3 Milliarden Menschen. Lasst uns die Zukunft gestalten, jetzt!
telarien 13.05.2018
3. Ja und Nein
Die Passivität der Bundesregierung ist in der Tat ein Problem. Die Besinnung auf Europa ist allerdings ein Fehlschluss. Das gemeinte Europa ist nur ein Traum. In der Realität wollen die Meisten Staaten Osteuropas nur Geld, die Briten waren nie Europäer und gehen gerade. Die Besinnung auf uns selbst ist nötig, es ist die Besinnung auf Deutschland.
stadtmusikant123 13.05.2018
4. lässt sich alles reparieren
Verletzlich? Keine Frage. Aber nicht schuldlos an der Situation! Wer über Jahrzehnte konsequent einen derart excessiven Handelsüberschuss und damit gravierende Handelsungleichgewichte produziert ist nun mal auch nach WTO-Regeln nicht schuldlos und musste früher oder später mit Gegenreaktionen rechnen. Stellt sich die Frage warum hat man da nicht mit gerechnet? Freihandel und Globalisierung sind nicht bedroht, vorausgesetzt man geht dazu über, faire Spielregeln (tarifär wie nicht-tarifär) für alle einzuführen. Bei der Sicherheitspolitik gilt das gleiche , die grundsätzliche Ausrüstung und militärische Ausrüstung muss der verfassungsmäßigen Aufgabe angepasst werden und auch so, dass das Material auch einsatzfähig ist. Hier hat man sich in der Vergangenheit kostengünstig hinter dem Rücken der USA und der Nato versteckt. Fazit: De hat im protektionistischen Schutze der EU eine exzessive Handelsüberschüsse über Jahrzehnte produziert und dies unter Vernachlässigung einer sinnvollen , handlungsfähigen Verteidigungspolitik. Anstatt nun klagend nach bequemen , ins Geschäftsmodell passenden anderen Verbündeten zu suchen, sollte man vielmehr die selbstverschuldeten Probleme beheben. Und dann klappt das auch wieder mit dem großen Bruder und Nachbarn.
querdenker1964 13.05.2018
5. Die Globalisierung, wie wir sie kennen, geht zu Ende.
Da kann man sich ja nur freuen, Herr Müller. Die Menschen in Afrika, die unsere Fleischabfälle kaufen und ihre Agrarwirtschaft damit ruinieren, wird es wohl auch nicht sonderlich traurig stimmen. Der Autor beleuchtet aber ein daraus resultierendes Thema leider gar nicht. Die seltsame polilitische Allianz zwischen neoliberalen Globalisierungsgewinnern und links liberalen Internationalisten, die das Ende nun beweinen, wird wohl in der Folge auch auseinanderbrechen.....
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