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17. Juli 2010, 14:12 Uhr

Weltweite Giftquellen

Die vergessenen Lecks der Öl-Industrie

Von Kai Lange

Unbeachtete Giftkatastrophen: Das Leck im Golf von Mexiko gilt als historisches Umweltdesaster. Doch an vielen anderen Stellen in der Welt entweicht seit Jahren unkontrolliert Öl und Gas, ohne dass darum allzuviel Aufhebens gemacht wird.

Hamburg - "Alle hoffen, dass BP das Ölleck endlich schließt", sagt Christian Bussau. Der Teamleiter für Sonderprojekte bei Greenpeace Deutschland verfolgt die Tests der Stahlglocke über dem Ölleck im Golf von Mexiko erwartungsvoll. "Die spannende Frage ist, ob BP es schafft, auch auf die öffentliche Diskussion einen Deckel zu setzen und aus den Schlagzeilen zu kommen."

Bussau spricht aus Erfahrung. Seit 15 Jahren ist er mit Kollegen der Umweltschutzorganisation Greenpeace an Orten unterwegs, wo Öl oder Gas in großen Mengen unkontrolliert austritt - und Abhilfe nicht in Sicht ist, weil es kaum öffentlichen Druck auf die vor Ort verantwortlichen Förderunternehmen gibt.

Um die Folgen dieser chronischen Umweltvergiftung zu besichtigen, müsse man nicht erst nach Westafrika in das berühmt-berüchtigte Nigerdelta fahren, wo auslaufendes Öl seit Jahrzehnten das einst fruchtbare Land zerstört. Im kanadischen Alberta, wo sämtliche Big Player der Ölindustrie aktiv sind, sind durch den Abbau der Ölsande riesige Giftseen und tote Flächen entstanden. In Westsibirien laufen jährlich laut Schätzungen von Umweltorganisationen mehr als 600.000 Barrel Öl aus dem maroden Pipeline-Netz aus, das Öl unter anderem nach Deutschland bringt.

Auch vor der deutschen Küste gehört Umweltverschmutzung zum Tagesgeschäft: "Die rund 400 Förderplattformen in der Nordsee stehen in einem Ölteppich - das gehört zum Normalbetrieb", sagt Bussau. Mitten in der Nordsee, östlich von Schottland, findet sich zudem eine der größten Methangasquellen Europas: "Die Folgen eines Blowouts. Hier tritt seit 20 Jahren Gas aus", sagt Bussau. Die einzige Chance, diesen Prozess weltweit zu stoppen, seien schärfere Auflagen und regelmäßige Kontrollen. Doch danach sieht es derzeit noch nicht aus, wie eine Tour durch zahlreiche Förderstätten zeigt.

Westsibirien: Öl für Deutschland fließt durch marode Pipelines

Der Großteil der Öl- und Gasexporte Russlands wird in Sibirien gefördert - auf einer Fläche, die mehr als 20-mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Doch das riesige Pipeline-Netz, durch das das Öl nach Deutschland und Westeuropa fließt, ist marode: Mehr als 100.000 Tonnen Rohöl pro Jahr laufen nach Schätzungen von Greenpeace allein durch die amtlich registrierten Havarien und Pipeline-Brüche aus. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

"Es ist ein riesiges, veraltetes Netz. Russland hat das Problem zwar erkannt, die Altlasten aber noch lange nicht bewältigt", sagt Bussau. Die veralteten Leitungen halten die extremen Temperaturschwankungen in der Region nicht aus: Immer wieder reißen Schweißnähte, so dass regelmäßig ganze Landschaften in Öl stehen", berichtet der Greenpeace-Mitarbeiter.

Der BP-Konzern ist gemeinsam mit dem russischen Ölförderer TNK in der Region aktiv. TNK-BP ist nach Rosneft und Lukoil der drittgrößte Ölkonzern in Russland. Man setze neue Technologien ein, um den Zustand der Leitungen zu verbessern, heißt es bei TNK-BP. Die Zahl der Lecks sei in den vergangenen fünf Jahren stark zurückgegangen. Nach Einschätzung von Bussau bleibt jedoch noch viel zu tun: Allein in den Samotlor-Ölfeldern in Westsibirien, die zu den größten der Welt zählen, müssten noch Tausende Kilometer Pipelines ausgetauscht werden. "Seit 60 Jahren wird dort Öl gefördert, und seit 60 Jahren läuft dort Öl aus."

Ölsande in Kanada: Das schmutzigste Öl der Welt

Der US-Kongress hat BP-Chef Tony Hayward bei einer Anhörung in Washington wegen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko an den Pranger gestellt. Doch auch den schärfsten Kritikern war bewusst, dass die USA noch viele Jahre vom Öl abhängig bleiben werden und die großen Energiekonzerne in der Vergangenheit kaum kontrolliert wurden. Während die Abgeordneten BP beschimpfen, treibt die US-Regierung den Bau einer weiteren Pipeline von Texas nach Alberta voran: Dort, im westlichen Kanada, werden durch den Abbau von ölhaltigen Sanden täglich riesige Mengen Treibhausgase und giftige Abwasser freigesetzt.

"Die Ölsande in Kanada haben für die USA strategische Bedeutung. Sie bieten die zweitgrößten Ölreserven der Welt, alle Big Player der Ölindustrie sind dort aktiv", sagt Christoph van Lieven, Ölexperte bei Greenpeace. Das Öl muss in einem aufwendigen Verfahren zunächst mit Hilfe von heißem Wasser aus dem Sand ausgewaschen werden: Bei dem Verfahren entstehen pro Tag 300 bis 500 Millionen Liter Produktionsabwässer, von denen rund elf Millionen Liter im Boden versickern, schätzt von Lieven. Bei der Ölgewinnung aus Ölsand werden zudem große Mengen Treibhausgase freigesetzt. Nach Einschätzung von Umweltverbänden ist das aus Ölsand gewonnene Öl das "schmutzigste Öl der Welt".

Rund um die Förderstätte Fort McMurray sind aus der Luft riesige Seen aus toxischen Abwässern zu besichtigen, die Tierwelt ist nach Angaben von Greenpeace bereits zu 80 Prozent reduziert. Vogelscheuchen sollen die verbliebenen Vögel von den Fördergebieten fernhalten. Obwohl die Ölgewinnung aus Sand auch für die Fördergesellschaften vergleichsweise teuer ist, bleiben sie vor Ort aktiv: "Für den Börsenwert eines Ölkonzerns spielt die Höhe der Reserven eine wichtige Rolle ", sagt van Lieven. In Kanada sei inzwischen ein Industriegebiet von der Größe Englands entstanden. "Wenn der Abbau der Ölsande so weitergeht, wird der pro Kopf CO2 Ausstoss Kanadas laut IEA ab 2015 der weltweit höchste sein."

Nigerdelta: Shell und die Umweltkatastrophe in Südnigeria

Seit 50 Jahren wird in der einst fruchtbaren Region des Nigerdeltas im Süden Nigerias Öl gefördert. Einer der wichtigsten Akteure vor Ort ist der Shell-Konzern. Seit Jahren läuft aus dem maroden, 6000 Kilometer langen Pipeline-Netz immer wieder Öl aus. Hinzu kommen Sabotageakte unterschiedlicher Rebellengruppen: Sie zapfen Ölleitungen an oder sabotieren Pipelines, teils aus Protest gegen die Ölförderung, die den Fischern die Lebensgrundlage zerstört hat, und teils aus anderen politischen Motiven.

Nach Schätzungen von Umweltorganisationen verschmutzen pro Jahr rund 13 Millionen Barrel auslaufendes Öl das Nigerdelta - das entspricht etwa der Menge Öl, die 1989 aus der Exxon Valdez ins Meer auslief, als der Tanker vor Alaska auf ein Riff lief. Shell versucht inzwischen, die Lage schon aus eigenem Interesse zu stabilisieren. Doch ein großer Teil des Geldes, das der Ölkonzern an die Regierung zahlt, versickert in den Taschen korrupter Regierungsbeamter wie das Öl im Boden des Deltas. Die Region wird sich nach Einschätzung von Greenpeace von 50 Jahren chronischer Verschmutzung kaum erholen können.

"So lange es nichts oder so gut wie nichts kostet, die Umwelt zu verschmutzen, wird sich kaum etwas ändern", sagt Greenpeace-Aktivist van Lieven. Kosten durch Umweltschäden hätten in der Kalkulation der Förderkonzerne bislang nur einen verschwindend geringen Anteil. Während die Kosten für BP durch die Ölpest im Golf von Mexiko immens ausfallen dürften, habe Shell in Nigeria bislang nur wenig zu befürchten: Die meisten Schadensersatzforderungen hat der Konzern bislang erfolgreich abgewehrt.

Nordsee: Ölschwaden und der vergessene Blowout

Das Wort "Blowout" erreichte erst durch den Untergang der Deepwater Horizon und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko traurige Berühmtheit. Doch bereits 1990 sorgte die englische Ölfirma Mobil North Sea Limited mitten in der Nordsee für einen Blowout, als sie auf der Suche nach Öl eine unter Überdruck stehende Gasblase anstach. "Der Überdruck entlud sich durch das Bohrgestänge, doch die Bohrinsel ist damals im Gegensatz zur Deepwater Horizon nicht explodiert", berichtet Greenpeace-Experte Bussau. Die Bohrungen wurden sofort eingestellt, die Bohrinsel abgezogen - und seit 20 Jahren strömen gewaltige Mengen Methan aus dem unverschlossenen Leck am Meeresgrund aus.

Nachfolger der Mobil-Organisation wurde im Dezember 1999 der Ölkonzern Exxon. Die britische Regierung hat die Untersuchung des Gaslecks bereits vor Jahren eingestellt - es bestehe keine Gefahr für die Umwelt, heißt es. Doch aus diesem Bohrloch entweichen nach Berechnungen des Instituts für Meereswissenschaften an der Uni Kiel etwa 25 Prozent des gesamten Methanausstoßes der Nordsee.

"Es ist eine der größten Methangasquellen Europas. In den Seekarten sind entsprechende Warnhinweise eingezeichnet", berichtet Bussau. Während Verbraucher versuchten, die CO-2-Belastung durch umweltbewusstes Verhalten zu senken, ströme dort das als Treibhausgas weitaus wirksamere Methan weiterhin ungehindert aus.

Methangas ist unsichtbar. Deutlich sichtbar sind jedoch die Ölschlieren, die sich um die rund 400 Ölförderplattformen in der Nordsee legen. Seit 1995 überfliegt Bussau regelmäßig die Förderanlagen in der Nordsee, zuletzt im Mai 2010. "Die Plattformen stehen bei ganz normalem Betrieb in einem Ölteppich - denn nachdem das geförderte Gemisch aus Öl, Wasser und Gas getrennt worden ist, wird das ölhaltige Restwasser wieder abgelassen." Eine bessere Filterung wäre für die Fördergesellschaften aufwendig und teuer. Solange es keine entsprechenden Auflagen gebe, sei eine chronische Verschmutzung der Umwelt die günstigere Lösung.

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