Weltwirtschaft: IWF-Chefin Lagarde warnt vor Großer Depression

Steht die Welt vor einer Rückkehr zu Protektionismus und nationaler Isolation? Vor dieser Gefahr warnt jetzt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, in einem eindringlichen Appell - und vergleicht die Lage bereits mit der Großen Depression vor dem Zweiten Weltkrieg.

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IWF-Chefin Lagarde: "Der Ausblick ist düster"

Washington - Christine Lagarde sieht schwarz für die globale Konjunktur. "Der Ausblick auf die Weltwirtschaft ist im Augenblick nicht besonders rosig. Er ist ziemlich düster", sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) jetzt in Washington. Es bestehe fast überall die Gefahr, dass sich das Wachstum verlangsame und die öffentlichen Haushalte in Schieflage gerieten.

Die Direktorin der mächtigen Institution ging noch weiter: Lagarde verglich die aktuelle Situation mit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bevor die Welt in den Zweiten Weltkrieg verfallen sei. Damals hätten wirtschaftlicher Rückzug, Protektionismus und Isolation die internationale Politik bestimmt. Diese Gefahr existiere derzeit wieder, sagte die aus Frankreich stammende Lagarde. Sie spielte damit offenbar auch auf die jüngste Aussage des französischen Notenbank-Gouverneurs Christian Noyer an, der Rating-Agenturen empfohlen hatte, in Europa erst Großbritanniens Kreditwürdigkeit herabzustufen, bevor man sich Frankreich vornehme.

Es ist nicht der erste Appell der IWF-Chefin in der Schuldenkrise, doch so eindringlich wie dieser war bisher kaum einer. Ein Grund dafür dürfte sein, dass es für die Euro-Krise trotz des jüngsten EU-Gipfels noch immer keine endgültige Lösung zu geben scheint. Zudem verschlechterten sich zuletzt die Prognosen für die Weltwirtschaft.

Lagarde rief die Weltgemeinschaft zu einem Schulterschluss auf: Um zu verhindern, dass sich die Krise zu einer weltweiten Depression entwickele, sei das Handeln aller Länder, vor allem aber der Europäer gefordert, sagte sie. Richtig sei, die Wirtschaftsprobleme durch Zusammenarbeit in den Griff zu bekommen. "Sie muss im derzeitigen Kern der Krise beginnen, der offensichtlich in den europäischen Staaten liegt und besonders in den Ländern der Euro-Zone", sagte die IWF-Chefin.

Die Euro-Zone sei eine "Währungsunion, die nicht richtig in einer ökonomischen und haushaltspolitischen Union vollendet wurde, woran derzeit gearbeitet wird", erläuterte sie. Während die europäischen Führer ihre "gewaltigen" Herausforderungen bewältigten, müssten auch die Finanzmärkte mehr Geduld beweisen. In Demokratien fielen wichtige Entscheidungen nicht über Nacht, "die Dinge brauchen Zeit", sagte Lagarde.

Welthandelsorganisation sieht Gefahr wachsender Handelsbeschränkungen

Die Gefahr eines aufkeimenden Protektionismus sieht auch die Welthandelsorganisation (WTO). In einigen Teilen der Welt nehme die Gefahr von Handelsbeschränkungen zu, sagte der nigerianische Handelsminister Olusegun Aganga bei einem WTO-Ministertreffen im schweizerischen Genf. Hemmnisse für den Welthandel seien jedoch "die schlechteste Antwort auf die derzeitigen wirtschaftlichen Herausforderungen". Die WTO müsse daher weiter daran arbeiten, Handelsbeschränkungen zwischen Staaten abzubauen, sagte Aganga.

WTO-Chef Pascal Lamy sagte bei der Konferenz, durch Protektionismus gingen bis zu 800 Milliarden Dollar (knapp 615 Milliarden Euro) verloren. Eine Gruppe von Teilnehmern des Treffens, darunter auch die EU und die USA, beantragten, alle seit der Finanzkrise des Jahres 2008 in der Welt errichteten Handelshemmnisse pauschal zurückzunehmen. Schwellenländer wie Brasilien, China und Indien schlossen sich der Forderung jedoch nicht an.

Regierungsvertreter der WTO-Mitgliedsländer sind in Genf zu einem dreitägigen Treffen versammelt. Erst kürzlich hatte die Organisation ihre Prognose für das Wachstum der weltweiten Exporte im laufenden Jahr von 6,5 auf 5,8 Prozent gesenkt. Es wird erwartet, dass die 153 WTO-Staaten am Freitag über eine Aufnahme Russlands in die Organisation entscheiden. Russland ist als einziger großer Staat bisher nicht WTO-Mitglied.

yes/dpa-AFX/Reuters/AFP

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insgesamt 187 Beiträge
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1. Ist doch gut so
donnerfalke 16.12.2011
Zitat von sysopSteht die Welt vor einer Rückkehr zu Protektionismus, Isolation und wirtschaftlichem Rückzug? Vor dieser Gefahr warnt jetzt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde
Eine Bilderbergerin will uns vor dem wirtschaftlichen Rückzug warnen will obwohl viele Menschen die Diktatur der Wirtschaft satt haben. Wie putzig ist das denn? Erinnert mich an Warnungen der großen Funktionäre der kommunistischen Partei.
2. Der Vergleich mit den 30er Jahren vor dem 2. Weltkrieg hinkt
zoon.politicon 16.12.2011
Zitat von sysopSteht die Welt vor einer Rückkehr zu Protektionismus, Isolation und wirtschaftlichem Rückzug? Vor dieser Gefahr warnt jetzt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, in einem eindringichen Appell. Sie vergleicht die Lage bereits*mit der Großen Depression vor dem Zweiten Weltkrieg. Weltwirtschaft: IWF-Chefin Lagarde warnt vor Großer Depression - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804072,00.html)
"Rückkehr zu Protektionismus, Isolation und wirtschaftlichem Rückzug...(wie bei der) grossen Depression vor dem 2. Weltkrieg"? Einiges ist doch heute anders, als damals: - die weltweite Vernetzung der (Real-)wirtschaft, - der wesentlich bessere Informationsstand der Weltbevölkerung durch das Internet (und die Medien, soweit sie objektiv informieren) u.a.. - Ansätze zu einem globalen Bewusstsein für allgemeine Probleme der Menschheit. Insofern hinkt Lagardes Vergleich. Bei allem Pessimismus: es gibt weiterhin auch konstruktive Strömungen auf unserem Planeten.
3.
ra_lf 16.12.2011
Zitat von sysopSteht die Welt vor einer Rückkehr zu Protektionismus, Isolation und wirtschaftlichem Rückzug? Vor dieser Gefahr warnt jetzt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, in einem eindringichen Appell. Sie vergleicht die Lage bereits*mit der Großen Depression vor dem Zweiten Weltkrieg. Weltwirtschaft: IWF-Chefin Lagarde warnt vor Großer Depression - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804072,00.html)
Frau Lagarde, es ist doch nicht so schwer! Da sitzen seeehr wenige Menschen auf seeehr viel Geld und seeehr viele Menschen haben seeehr wenig: Soziale Ungleichheit (http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Ungleichheit#Soziale_Ungleichheit_weltweit) Fällt Ihnen dazu nichts ein? Mir schon!
4. Who
vollcull 16.12.2011
Kurzer Hinweis: WHO = World Health Organization WTO = World Trade Organization Ein Redakteur sollte den Unterschied kennen oder ist SPON inzwischen auf dem Niveau einer Schülerzeitung ...
5. Ich warne auch
bmehrens 16.12.2011
Zitat von sysopSteht die Welt vor einer Rückkehr zu Protektionismus, Isolation und wirtschaftlichem Rückzug? Vor dieser Gefahr warnt jetzt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, in einem eindringichen Appell. Sie vergleicht die Lage bereits*mit der Großen Depression vor dem Zweiten Weltkrieg. Weltwirtschaft: IWF-Chefin Lagarde warnt vor Großer Depression - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,804072,00.html)
Bei Millionen Geringverdienern und Rentnern in der BRD ist die Depression bereits schon vor Jahren angekommen.
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