Weltwirtschaft OECD erklärt Europa zur Risikozone

Eine hohe Arbeitslosenquote, geringes Wachstum, kaum Inflation: Europa bremst die Weltwirtschaft. Die OECD empfiehlt deswegen außergewöhnlich riskante Maßnahmen.

Stahlarbeiter: OECD fordert Maßnahmen zur Förderung des Wachstums
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Stahlarbeiter: OECD fordert Maßnahmen zur Förderung des Wachstums


Berlin - In Europa ist der Kurs von EZB-Präsident Mario Draghi heftig umstritten. Mit der Ankündigung, notfalls auch Staatsanleihen zu kaufen, hat er nach Überzeugung einiger Finanzexperten die letzte rote Linie überschritten. Bei der OECD sieht man das ganz anders: "Insgesamt tritt der Euroraum auf der Stelle und ist zu einem großen Risiko für das weltweite Wachstum geworden, da die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau verharrt und die Inflation weiterhin deutlich unter der Zielvorgabe liegt", sagte OECD-Chefvolkswirtin Catherine Mann am Dienstag.

Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Wirtschaftswachstum in der Eurozone von 0,8 Prozent, das 2015 auf 1,1 und 2016 auf 1,7 Prozent steigen soll. "Die Konjunkturerholung in der Euro-Zone dürfte viel schwächer ausfallen als noch vor wenigen Monaten erwartet, die Inflation noch länger als gedacht niedrig bleiben."

Geldpolitische Impulse nach Art des Anleihekaufs hält die OECD daher für gerechtfertigt. Neben mehr Käufen von Kreditverbriefungen (ABS) und Pfandbriefen könnten demnach auch Staats- und Unternehmensanleihen von der Europäischen Zentralbank (EZB) erworben werden.

Draghi hatte vorige Woche die Tür für die umstrittenen Staatsanleihenkäufe weit aufgemacht. Die Zentralbank würde damit mehr Geld in die Wirtschaft pumpen, in der Hoffnung, dass dann die Konjunktur anspringt. Dadurch soll wiederum der Konsum steigen und die derzeit extrem niedrige Teuerung anziehen lassen.

Der Ankauf von Staatsanleihen gilt als letztes Werkzeug, das der EZB noch bleibt. Sollte der Versuch misslingen, droht Europa in eine Stagnationsfalle zu geraten - ähnlich wie Japan, das als Paradebeispiel eines Landes mit dauerhaft schwachem Wachstum gilt. Von einer Stagnationsfalle sprechen Ökonomen, wenn selbst eine außergewöhnlich lockere Geldpolitik mit Nullzinsen das Wachstum nicht anschieben kann. Als ein entscheidender Grund dafür gilt eine zu schwache Inflation oder gar eine Deflation, sprich: fallende Preise.

Die Situation stellt auch für die deutsche Wirtschaft eine große Gefahr dar. "Stärkere Turbulenzen an den Finanzmärkten und eine Abschwächung der Auslandsnachfrage, insbesondere im Euroraum, würden die Exporte und die inländischen Investitionen erheblich schwächen", heißt es in der OECD-Studie.

Gerade Deutschland, das Land mit der größten Wirtschaftsleistung in Europa, sei den geopolitischen Spannungen in Osteuropa "sehr stark ausgesetzt". Trotz der "Abwärtsrisiken" könnte aber das Wachstum in diesem Jahr bei 1,5 Prozent liegen, für 2015 werden 1,3 und für 2016 dann 1,9 Prozent erwartet.

"Die wachstumsfördernden Maßnahmen sollten weiter erhöht werden", empfehlen die OECD-Experten. "Höhere Ausgaben für die Infrastruktur, den Ausbau der Kinderbetreuung und das Bildungssystem würden das Wachstum auf kurze Sicht ankurbeln und - über eine Zunahme der Importe - für positive Effekte auf den Euroraum sorgen." Die Bundesregierung könne mehr investieren, ohne dabei das Ziel eines schuldenfreien Haushalts (schwarze Null) im kommenden Jahr zu gefährden. Nicht alles müsse mit Krediten finanziert werden, sagte der Deutschland-Experte der OECD, Christian Kastrop. Außerdem könnten Staatsausgaben umstrukturiert werden.

mik/Reuters/dpa



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insgesamt 39 Beiträge
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Bibendum 25.11.2014
1.
Da kann die EZB auf Basis von was auch immer soviel Geld in die EU pumpen wie sie will - es wird nichts nützen. Das Problem ist nicht, dass zu wenig Geld vorhanden wäre (dass als Kredit von den Unternehmen bei den Banken für Investitionen abgerufen werden soll), sondern dass es keine vernünftigen Perspektiven für Investitionen für Unternehmen gibt. Der EU fehlen Perspektiven, schlichter gesagt: Die EU (und alle deren Mitgliedsstatten) hat einfach keinen Plan, was sie tun soll.
imlattig 25.11.2014
2. die unsinnigen...
russlandsanktionen aufheben, hoehere lohnabschluesse zulassen, steuersplitting aufheben, kalte progression abschaffen, die vermoegenssteuer wieder aufleben lassen. mit diesen massnahmen kann man eine wirtschaft wieder anschieben. aber das sind massnahmen die unsere geistig moralische elite teilweise empfindlich treffen und daher utopie. da wurschteln die lieber weiter so.
Ottokar 25.11.2014
3. Europa bremst die Weltwirtschaft ?
Sorry, es ist nicht Europa sondern die Pleitestaaten in Europa. Die EU und der Währungsverbund Euro sollte aufgelöst werden. Auch sollen die unseligen Sanktionen gegen Russland beendet werden die schon jetzt zur Arbeitslosigkeit beitragen. Europa geht den Bach runter und die USA gewinnen.
tobiash 25.11.2014
4. Ähhh - mit Verlaub, ...
Zitat von imlattigrusslandsanktionen aufheben, hoehere lohnabschluesse zulassen, steuersplitting aufheben, kalte progression abschaffen, die vermoegenssteuer wieder aufleben lassen. mit diesen massnahmen kann man eine wirtschaft wieder anschieben. aber das sind massnahmen die unsere geistig moralische elite teilweise empfindlich treffen und daher utopie. da wurschteln die lieber weiter so.
... das sind Maßnahmen, mit denen schon die ehemalige DDR wirtschaftlich zerstört - und nur mit Hilfe des kapitalistischen Westens halbwegs wieder aufgebaut wurde. Linkswähler? Macht nix, ist ja lange her! Da kann man ruhig mal einen neuen Versuch wagen!
GaliX622 25.11.2014
5. Inflation
Schon wieder wird in den Medien die dumme Aussage: "Inflation ist wichtig für das Wachstum!" Der Grund warum Inflation als notwendig und gut suggeriert wird ist einfach, Staaten haben Billionen Schulden => Inflation verringert die Schulden die zurück gezählt werden müssten indirekt jedes Jahr. Inflation bedeutet bei jedem Bürger unterm strich Verlust auf Guthaben. aber immer weiter so. Anstatt das Fiat Geld system und Banken Systeme! zu hinterfragen wird einfach der Karren immer weiter in den Dreck gezogen bis alles explodiert.
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