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Weltwirtschaftsforum in Davos: China prophezeit das Ende westlicher Dominanz

Aus Davos berichtet

Aufschwungseuphorie - war da was? Gleich zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos erklären Experten die aktuellen Hoffnungen für trügerisch: US-Ökonom Nouriel Roubini sorgt sich um Inflation und Euro-Schuldenkrise, Chinas IWF-Delegierter Zhu Min erklärt den westlichen Lebensstil für gescheitert.

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AFP

Die Frage ist kurz, aber komplex. "Wie steht es um die Weltwirtschaft?", fragt der Moderator zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos, hoch oben in den Schweizer Bergen. Weil Nouriel Roubini so sehr Medienprofi ist, dass er um die Macht der Anschaulichkeit weiß, zeigt der US-Ökonom auf das zur Hälfte gefüllte Wasserglas vor sich und sagt: "Es ist halb voll, und es ist halb leer."

Roubini hat die Finanzkrise vorhergesagt, seither nennt man ihn "Dr. Doom", und dem Ökonomen eilt der Ruf des ökonomischen Propheten voraus. Mit seinem "Halb voll, halb leer"-Vergleich fasst er das diesjährige Treffen der globalen Elite ganz gut zusammen: Die Stimmung in den vergangenen beiden Jahren war schlecht, in diesem Jahr beflügelt die überraschend schnelle wirtschaftliche Erholung die Gefühle von Managern und Politikern. Aber zugleich geht es bei der Tagung um die neue "globale Realität". Und die ist von wachsender Unsicherheit geprägt.

Roubinis Vortrag bildet dieses Spannungsfeld ab. Es gibt Positives zu berichten, vor allem drei Dinge:

  • Die Wirtschaft erholt sich weltweit, und die Gefahr eines schnellen wirtschaftlichen Rückschlags ist wahrscheinlich gebannt.
  • Unternehmen machen wieder üppige Gewinne, haben ihre Bilanzen in Ordnung gebracht und können Arbeitsplätze schaffen.
  • Unter Investoren ist, quasi als Moral der Finanzkrisen-Geschichte, eine größere Scheu vor Risiken zu beobachten.

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Davos: Hier trifft sich die Elite
Für die Analyse der Gefahren aber braucht Roubini deutlich länger. Wer "Dr. Doom" im verschneiten Davos zuhört, gewinnt den Eindruck, die Katastrophen lauerten überall.

  • Da ist zunächst das im Vergleich zu den Schwellenländern ziemlich bescheidene Wachstum in den USA, in Europa und in Japan. Diese drei Weltregionen machen zusammen noch immer weit mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung aus und ächzen unter immer größeren Schuldenbergen.
  • Hinzu kommt die wachsende Inflation, zuletzt angeheizt von drastisch steigenden Rohstoffpreisen. Es sind vor allem die anziehenden Kosten für Nahrungsmittel, die sozialen und damit politischen Sprengstoff beinhalten. Siehe Nordafrika in den vergangenen Wochen.
  • Und dann sind da noch die wachsenden globalen Ungleichgewichte, die sich als eine Art Krisenbeschleuniger entpuppen könnten. Roubini bringt es auf die Formel: "Während China um zehn Prozent wächst, haben die USA zehn Prozent Arbeitslosigkeit."
  • Auch Europa kommt bei Roubinis Gefahren-Roundup nicht gut weg. Die angeschlagene Euro-Zone ist seiner Meinung nach eine der größten Gefahren für die globale Entwicklung überhaupt. "Erst 2013 einen echten Krisenmechanismus für den Euro zu etablieren, ist zu spät", sagt er. Und warnt: "Die Stimmung der Märkte ist im Moment besser als die Lage."

Seine Forderung: Die EU muss so schnell wie möglich Pläne für die Umschuldung von Griechenland machen und eine brauchbare Medizin gegen ein Überspringen der Schuldenkrankheit auf Spanien entwickeln. "Spanien ist zu groß, um pleite gehen zu dürfen. Aber es ist auch zu groß, um mit den bisherigen Mitteln gerettet zu werden."

Ist der westliche Lebensstil gescheitert?

Euphorie - war da was? Auch hochrangige Vertreter der Schwellenländer haben für den Westen keine wirklich guten Nachrichten zum Davoser Auftakt mitgebracht. Azim Premji, Software-Milliardär aus Indien und einer der reichsten Menschen der Welt, rechnet vor, dass die Wirtschaft in den sogenannten "Emerging Markets" in zehn Jahren mindestens so groß sein wird wie die der USA.

Entsprechend wächst seiner Meinung auch das Selbstbewusstsein der aufstrebenden Länder, und die Lust, sich vom Westen Vorschriften machen zu lassen, sinkt. Die bisherige Rechnung "Eine Milliarde Menschen in den Industriestaaten verkaufen drei Milliarden Menschen in den Schwellenländern teure Produkte und kaufen dafür billige" wird seiner Meinung nach nicht mehr aufgehen.

Noch einen Schritt weiter geht Zhu Min, der höchstrangige Vertreter Chinas beim Internationalen Währungsfonds. "Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, wie das ökonomische Modell für die Welt der Zukunft aussieht", sagt der ehemalige Vizegouverneur der chinesischen Zentralbank.

Frage man die Menschen in Asien, wovon sie träumten, dann würden sie den westlichen Lebensstil nennen: schönes Haus, schnelles Auto, hohe Rente und gute Gesundheitsversorgung. "Das wird aber nicht funktionieren", warnt er. Und kann sich den Hinweis nicht verkneifen, dass dieser Lebensstil angesichts der demografischen Entwicklung, einer horrenden Staatsverschuldung und geringer Wachstumsraten in der industrialisierten Welt nicht mehr lange haltbar sein wird.

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insgesamt 452 Beiträge
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1. hier sollte ein titel stehen
nadie 26.01.2011
der westen ist am ende moralisch wirtschaftlich und auch demographisch china indien etc gehört die zukunft und denk dran wehe den besiegten
2. Westlicher Niedergang?
Nitrokerosin 26.01.2011
Also ich glaub der chinesiche Abgesandte hat völlig recht, wenn er sagt, dass es mit dem westlichen Lebensstil so nicht weitergehen kann. Das heißt aber noch lange nicht, dass Europa und die USA in naher Zukunft, dass chinesche Modell übernehmen müssen, wie es sich China vielleicht wünscht. Die westlichen Gesellschaften müssen stattdessen ihre Bequemlichkeit einschränken und aufhören auf Pump zu leben
3. So,So
Humboldt 26.01.2011
Zitat von sysopAufschwungs-Euphorie - war da was? Gleich zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos erklären Experten die aktuellen Hoffnungen für trügerisch: US-Ökonom Nouriel Roubini sorgt sich um Inflation und Euro-Schuldenkrise, andere erklären den westlichen Lebensstil für gescheitert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741750,00.html
Ich prophezeie das (hoffentlich baldige) Ende der korrupten, menschenverachtenden chinesischen Einparteienherrschaft!
4. Natürlich
Xany 26.01.2011
Zitat von sysopAufschwungs-Euphorie - war da was? Gleich zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos erklären Experten die aktuellen Hoffnungen für trügerisch: US-Ökonom Nouriel Roubini sorgt sich um Inflation und Euro-Schuldenkrise, andere erklären den westlichen Lebensstil für gescheitert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741750,00.html
...kann sowas auf lange Dauer nicht gut gehen. Wir sind seit Jahrzehnten viel zu dekadent. Wobei man mir "wir" nicht die USA und viele andere Staaten ausschließen sollte. Wenn vor mir auf der Straße ein Hummer fährt, weiß ich, dass der westliche Lebensstil auf diesem Niveau auf dauer nicht funktioniert. Da muss mir kein Wirtschaftsweiser kommen.
5. .....
toledo, 26.01.2011
Zitat von sysopAufschwungs-Euphorie - war da was? Gleich zu Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos erklären Experten die aktuellen Hoffnungen für trügerisch: US-Ökonom Nouriel Roubini sorgt sich um Inflation und Euro-Schuldenkrise, andere erklären den westlichen Lebensstil für gescheitert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741750,00.html
Gescheitert..? Phhh.. Wollen mal sehen, wie lange das fernöstliche Wirtschaftswunder noch dauert, wenn wir einfach aufhören, 39.- € DVD Player zu kaufen!
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Weltwirtschaftsforum in Davos
Das Treffen
Das Weltwirtschaftsforum in Davos findet in diesem Jahr zum 41. Mal statt. Von Mittwoch bis Sonntag treffen sich in dem Schweizer Nobelskiort rund 2500 Experten aus Wirtschaft und Politik, darunter Staats-, Regierungs- und Konzernchefs. Die Teilnehmer werden streng abgeschirmt, Tausende Polizisten sollen die weltweite Elite schützen.
Die Themen
Das Motto des Weltwirtschaftsforums lautet in diesem Jahr "Gemeinsame Normen für die neue Realität". Unter der "Neuen Realität" wird eine Welt verstanden, in der es mehr Machtzentren gibt und in der die Entwicklung größeren Schwankungen unterworfen ist als früher. Zu den wichtigsten Bedrohungen für die globale Wirtschaft zählen die Veranstalter etwa staatliche Zahlungsausfälle, zunehmende Ungleichgewichte zwischen boomenden Schwellenländern und nur moderat wachsenden Industriestaaten und die mangelhafte Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie.
Die Teilnehmer
Die Co-Vorsitzenden des Treffens sind unter anderem Nestlé-Chef Paul Bulcke und der Investor Jacob Wallenberg. Aus der Politik haben sich neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch der russische Präsident Dmitrij Medwedew, der britische Premier David Cameron, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der südafrikanische Staatschef Jacob Zuma und US-Finanzminister Timothy Geithner angesagt.

Aus der deutschen Wirtschaftswelt nehmen unter anderem folgende Konzernchefs teil: Josef Ackermann (Deutsche Bank), Frank Appel (Deutsche Post), Marjin Dekkers (Bayer), Christoph Franz (Lufthansa), Jürgen Hambrecht (BASF), Peter Löscher (Siemens) und Johannes Teyssen (E.on).

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