Wirtschaftsforum in Davos: Lagarde bescheinigt Sorgenkindern Fortschritte

Viel Lob bekamen die kriselnden Euro-Staaten von der IWF-Chefin, einen Seitenhieb auf Cameron und seine EU-Rede konnte sie sich jedoch auch nicht verkneifen. Dem schloss sich Italiens Ministerpräsident an - wenn auch mit härteren Worten.

Lagarde und Monti beim Weltwirtschaftsforum: Der EU-Streit erreicht auch Davos Zur Großansicht
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Lagarde und Monti beim Weltwirtschaftsforum: Der EU-Streit erreicht auch Davos

Davos - Europa befinde sich in einem "historischen Prozess der Integration", sagte IWF-Chefin Lagarde auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. "Auch mit dem Vereinigten Königreich", fügte sie hinzu. Die vom britischen Premierminister David Cameron angekündigte Volksabstimmung über den Verbleib seines Landes in der EU überschattet auch das Treffen in den Schweizer Alpen.

Die europäische Wirtschaft stehe von enormen Herausforderungen, die gemeinsam angegangen werden müssten, betonte Lagarde. "Wir brauchen eine vertiefte Bankenunion und eine Haushaltsunion, um nur zwei Beispiele zu nennen."

Neben dem Seitenhieb auf Cameron stand bei Lagardes Rede jedoch das Lob für Europas Sorgenkinder im Mittelpunkt. Sie bescheinigte ihnen gute Fortschritte bei der Krisenbewältigung. Trotz erster Erfolge wie sinkender Zinsen für die Beschaffung von frischem Geld, müssten sie jedoch auf dem eingeschlagenen Weg bleiben und dürften nicht die Hände in den Schoß legen, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds.

Die größten Risiken für die Weltwirtschaft sieht Lagarde trotz dieser Fortschritte in den Industrieländern Japan, USA und der Euro-Zone. "Dort ziehen Bedrohungen am Horizont auf, wenn sie ihren Schwung nicht halten können", sagte sie. Die aufstrebenden Märkte machten ihr dagegen weniger Sorgen: Diese Länder hätten genügen Polster aufgebaut und könnten von ihren hohen Wachstumsraten zehren.

"Die EU braucht keine Europäer, die keine Europäer sein wollen"

Auch Italiens Ministerpräsident Mario Monti sprach am Mittwoch auf dem 43. Weltwirtschaftsforum in Davos - und ließ auch das Thema Großbritannien und EU nicht aus: Er erklärte, er sei zuversichtlich, dass die Bürger des Vereinigten Königreiches die Ergebnisse eine Kosten-Nutzen-Rechnung richtig bewerten und sich im Falle eines Referendums für die EU entscheiden würden. "Die EU braucht keine Europäer, die keine Europäer sein wollen", sagte er. "Aber wir brauchen ganz bestimmt wohlgesonnene Europäer."

Auf dem Programm des Treffens von rund 2500 Spitzenpolitikern, Managern und Wissenschaftlern stehen am Donnerstag unter anderem die Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel und David Cameron.

Auch wenn Camerons Rede Davos überschattet - Im Mittelpunkt des Treffens, das noch bis zum Sonntag dauert, steht die Suche nach neuen Ideen und Impulsen für mehr Wachstum zur Überwindung der Folgen der Finanzkrise. Zudem beraten die Teilnehmer - unter ihnen fast 50 Staats- und Regierungschefs - über Möglichkeiten zur Stärkung der Abwehrkräfte gegen neue Krisenschübe. Das Motto lautet "Widerstandsfähige Dynamik".

Investitionen in Russland - trotz "Ungewissheiten"

Zum Auftakt rief Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew ausländische Investoren zu einem erheblich größeren Engagement in seinem Land auf. "Wir streben ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens fünf Prozent an, und dafür brauchen wir große ausländische Investitionen", sagte Medwedew am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion zu Chancen und Risiken der russischen Wirtschaft.

Vor Bankern und Unternehmern räumte er jedoch ein, dass es in der russischen Wirtschaft sowie hinsichtlich des Investitionsklimas "Ungewissheiten" gebe. Diesem Problem werde man sich aber entschlossen stellen. "Unser Ziel ist es, zu den Top Ten der wirtschaftsfreundlichsten Länder der Welt zu gehören." Langfristig wünsche sich Russland einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit der EU "vom Atlantik bis zum Pazifik". Medwedew kritisierte, der Westen komme Russland nicht in ausreichendem Maße entgegen. So zögen sich Gespräche über die für russische Unternehmer wichtige Visafreiheit "unendlich in die Länge".

In einer anderen Diskussionsrunde warnte der frühere Bundesbank-Chef Axel Weber vor einer zu starken Regulierung der Finanzbranche. Sollte sie zu eng an die Kette gelegt werden, könne dies langfristig Investitionen in Unternehmen und Infrastruktur abwürgen, sagte der jetzige Verwaltungspräsident der Schweizer Großbank UBS.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) warnte derweil vor einem Nachlassen der Bemühungen um Wirtschaftsreformen in den am meisten verschuldeten Staaten Europas. Dies wäre "ausdrücklich falsch", sagte er in einem Interview des SWR vor seiner Abreise nach Davos. "Deswegen muss der Reformdruck erhalten bleiben." Er will sich in Davos für den Abbau von Handelsschranken einsetzen. Die deutsche Wirtschaft sei zwar robust, "trotzdem müssen wir alles dafür tun, um unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern". Dazu gehörten bezahlbare Energie und der Einsatz für offene Märkte und fairen Wettbewerb.

mia/dpa

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Die EU und England...
glücklicher südtiroler 23.01.2013
Zitat von sysopAFPViel Lob bekamen die kriselnden Euro-Staaten von der IWF-Chefin, einen Seitenhieb auf Cameron und seine EU-Rede konnte sie sich jedoch auch nicht verkneifen. Dem schloss sich Italiens Ministerpräsident an - wenn auch mit härteren Worten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftsforum-in-davos-lagarde-lobt-krisenstaaten-a-879335.html
Einigen Kritikpunkten in Camerons Rede könnte man sich ja anschließen('Bürokratischer Moloch, mangelnde Flexibilität und in Teilen auch Wettbewerbsfähigkeit, große Entfernung Bürger-EU Institutionen und einige andere); aber das meiste halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Der Kontinent und die Lissabon-Vertrag EU27(28) gehen langsam aber unaufhaltsam in Richtung mehr Integration; das finde ich auch richtig so weil nur so lässt sich die Krise lösen. Fliegt der Laden auseinander so wird jedes Land für sich mehr Probleme haben als die Staatengemeinschaft insgesamt. Betrachten wir einmal die Welt; viele Staaten schließen sich zu wirtschaftlich-politischen Blöcken zusammen(Nafta, Mercosur, Asean, Gus); und da will die englische Wirtschaft alleine bleiben und im Zweifelsfall separate Abkommen mit der EU aushandlen; und das zu besseren Konditionen als heute? Da wird Mancher auf der Insel kalte Füße bekommen; halte eine Mehrheit für einen Austritt für zutiefst unsicher. Halte das Ganze für ein Manöver bessere Konditionen zu schinden; die Briten hätten es wohl lieber gehabt wenn die EU auf Binnenmarktniveau steckengeblieben wäre. Die EU war aber von Anfang vor allem auch ein politisches Projekt. Ich bin für mehr Integration zwischen den Staaten; aber mit Solidarität und so wenigen Extrawürsten wie nur möglich; kein Land soll sich mit 'Konditionen für einen Verbleib' die Rosinen rauspicken können; die Zeiten sind vorbei. Wer nicht mitmachen und nicht mehr dabei sein will ist frei das zu tun; der LissabonVertrag sieht das ausdrücklich vor: "(1) Jeder Mitgliedstaat kann im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen, aus der Union auszutreten."; und fortfolgend. Art. 50 EU - dejure.org (http://dejure.org/gesetze/EU/50.html) Mir würde es gefallen wenn die Briten dabei sind; ein starkes Land; zwingen tut die EU Niemanden; die Konditionen diktieren lässt sich die EU aber auch nicht; das soll sie auch nicht... Schian Gruaß...
2. War da was?
europeos 24.01.2013
Mal gespannt, ob dieses gemeinsame... Frühstück auch nur einen einzigen nennenswerten Beitrag bringt. Wahrscheinlich bin ich zu optimistisch ... Die Engländer quälen sich ohnehin seit Jahrzehnten, sie haben das Commonwealth im Rücken und brauchen uns nicht. Die Deutschen interessieren nur für ihre Exporte und sind ansonsten taub, Schäuble spielt den Zuchtmeister, den niemand enst nimmt, die Spanier und Portugiesen wenden sich wieder Süd-Amerika zu, Frankreich erinnert sich an seine afrikanische Kolonien, die deutsch-österreichische Kolonie Kroatien wird bald auch mitdurchgefüttert usw. usf. Panta rei ... Alles fliesst... sagte jemand vor 2500 Jahren. Stimmt.
3. Die Fortschritte der Pleitegeier
spon-4bq-bici 24.01.2013
bestehen darin, daß sie immer mehr Schulden zu immer niedrigeren Zinsen machen können. Bei keinem der gelobten Länder haben sich die Schulden verringert. Im Gegenteil sind sie immer weiter gestiegen, denn die EZB kauft alle Staatsanleihen der Pleitiers auf, koste es, was es wolle. Aus diesem Grund können die Schuldenländer auch Anleihen auf den freien Finanzmärkten verkaufen, denn im Hintergrund steht immer Frischgelddrucker Draghi, der zuverlässig dafür sorgt, daß die Finanzmärkte keinen Schaden erleiden - und aus jeder Pleite auch noch Nutzen ziehen.
4. EU verfolgt eine
Collector2 24.01.2013
Die EU, welche die Nationalstaaten auflösen will, verfolgt eine "idée fausse". Ländervielfalt darf "nicht erstickt werden" (D. Camaron). Wir wollen keine "Haushaltsunion" und auch keine "Bankenunion" (wie Lagarde). Niemals wäre Deutschland dem Euro beigetreten, wären seine Bürger zur Zahlung oder Haftung für die Schulden anderer Staaten verdammt worden. "The Eurozone has failed" (Vaclav Klaus), sie bringt nur "weniger Wettbewerbsfähigkeit, weniger Wachstum, weniger Jobs" (David Cameron) und "opfert unsere Jugend auf dem Altar des Euro" (H.-W. Sinn). Ordnung kehrt in Europa erst wieder ein nach der Rückkehr zu eigenen Währungen, nicht durch zentralistische "immerwährende Vertiefung".
5.
CompressorBoy 24.01.2013
Zitat von glücklicher südtirolerEinigen Kritikpunkten in Camerons Rede könnte man sich ja anschließen('Bürokratischer Moloch, mangelnde Flexibilität und in Teilen auch Wettbewerbsfähigkeit, große Entfernung Bürger-EU Institutionen und einige andere); aber das meiste halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Der Kontinent und die Lissabon-Vertrag EU27(28) gehen langsam aber unaufhaltsam in Richtung mehr Integration; das finde ich auch richtig so weil nur so lässt sich die Krise lösen. Fliegt der Laden auseinander so wird jedes Land für sich mehr Probleme haben als die Staatengemeinschaft insgesamt. Betrachten wir einmal die Welt; viele Staaten schließen sich zu wirtschaftlich-politischen Blöcken zusammen(Nafta, Mercosur, Asean, Gus); und da will die englische Wirtschaft alleine bleiben und im Zweifelsfall separate Abkommen mit der EU aushandlen; und das zu besseren Konditionen als heute? Da wird Mancher auf der Insel kalte Füße bekommen; halte eine Mehrheit für einen Austritt für zutiefst unsicher. Halte das Ganze für ein Manöver bessere Konditionen zu schinden; die Briten hätten es wohl lieber gehabt wenn die EU auf Binnenmarktniveau steckengeblieben wäre. Die EU war aber von Anfang vor allem auch ein politisches Projekt. Ich bin für mehr Integration zwischen den Staaten; aber mit Solidarität und so wenigen Extrawürsten wie nur möglich; kein Land soll sich mit 'Konditionen für einen Verbleib' die Rosinen rauspicken können; die Zeiten sind vorbei. Wer nicht mitmachen und nicht mehr dabei sein will ist frei das zu tun; der LissabonVertrag sieht das ausdrücklich vor: "(1) Jeder Mitgliedstaat kann im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen, aus der Union auszutreten."; und fortfolgend. Art. 50 EU - dejure.org (http://dejure.org/gesetze/EU/50.html) Mir würde es gefallen wenn die Briten dabei sind; ein starkes Land; zwingen tut die EU Niemanden; die Konditionen diktieren lässt sich die EU aber auch nicht; das soll sie auch nicht... Schian Gruaß...
Ich schätze mal, dass viele Engländer das in Kauf nehmen, wenn sie mit ihrer Trennung von der EU verhindern können, dass ganze Balkan-Dörfer in die eigenen Sozialsysteme einwandern...
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