Weltwirtschaftsforum in Davos Merkel preist Deutschland als globales Vorbild

Steigerung von emotionslos auf leidenschaftlich: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos bekennt sich Angela Merkel klar zum Euro - und fordert ein "besseres, nicht gleicheres Europa". Die oft spröde wirkende Kanzlerin zeigte der versammelten Weltelite auch, dass sie durchaus witzig sein kann.

Aus Davos berichtet

Bundeskanzlerin Angelika Merkel in Davos: "Och ja"
AFP

Bundeskanzlerin Angelika Merkel in Davos: "Och ja"


Es ist ein Dilemma: Je allgemeiner das Thema einer Rede, desto größer die Freiheiten für den Redner. Allerdings wächst auch die Gefahr, mit vielen Worten rein gar nichts zu sagen, also ein beliebtes Vorurteil gegenüber Spitzenpolitikern ausführlich zu bestätigen.

Die meisten Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums waren deshalb gespannt, mit welchem Manuskript Kanzlerin Angela Merkel nach Davos reisen würde. Der Titel ihrer Rede am Freitagabend lautete: "Globale und europäische Herausforderungen". Auf der Plattitüden-Skala übertraf die deutsche Regierungschefin damit noch das bereits durchaus unverbindlich gefasste Kongressmotto "Gemeinsame Normen für eine neue Realität".

Die Rede war dann doch besser als befürchtet. Nach einem müden Begrüßungsapplaus der globalen Wirtschaftselite fing die Kanzlerin zwar fahrig an, verhaspelte sich, ihre Stimme war heiser. Sie flüchtete in Politfloskeln wie: "Das sage ich mit aller Entschiedenheit". Doch dann steigerte die Kanzlerin sich, der Tonfall wurde immer entschlossener und, ja auch das gibt es zuweilen bei ihr, sie ließ fast so etwas wie Leidenschaft durchblicken.

"Wir haben das Schlimmste der Finanzkrise verhindert", sagte Merkel und fragte rhetorisch: "Aber können wir sagen, dass wir künftige Krisen verhindern können?" Ihre knappe Antwort: "Wir haben Ansätze dafür, aber es reicht nicht." Vom politischen Ziel, jedes Produkt, jeden Akteur und jede Region zu regulieren, seien die G20 noch weit entfernt. Auch habe die Welt noch keine Antwort darauf gefunden, wie es in Zukunft ein vernünftiges globales Wachstum geben könne.

Merkel machte drei Vorschläge, wie diese Ziele erreicht werden können. Sie orientieren sich an den Plänen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der in diesem Jahr die G20 anführt, also die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Vor allem sollen

  • die Wechselkurse die wirtschaftlichen Kräfte zwischen Ländern widerspiegeln und nicht das Ergebnis wilder Spekulationen sein,
  • protektionistische Ansätze verhindert und
  • Rohstoffspekulationen eingedämmt werden.

Und dann wurde die Kanzlerin noch deutlicher - beim Thema Euro. Ihre Worte waren nicht so emotional wie die von Sarkozy am Donnerstag. Dieser hatte eine fulminante "Der Euro überlebt alles"-Rede gehalten: "Frau Merkel und ich werden nie, nie den Euro fallen lassen. Niemals werden wir es zulassen, dass man den Euro zerstört." Gleichzeitig rief er den weltweiten Spekulanten zu: "Denen, die gegen den Euro wetten wollen, sage ich 'Vorsicht, wir sind entschlossen, den Euro zu verteidigen.'"

Französische Sarkozy-Emotionen in deutsche Merkel-Sachlichkeit übersetzt klingt so: "Es gibt keine Euro-Krise, sondern eine Schuldenkrise. Der Euro ist unsere Währung, er ist mehr als eine Währung, er ist das Europa von heute. Scheitert der Euro, scheitert Europa."

Merkel wirkt ohne Manuskript menschlicher

Durchaus mit Genugtuung wies Merkel noch darauf hin, dass Deutschland von vielen Ländern dafür gescholten wurde, zu schnell vom Konjunktur- aufs Sparprogramm umgeschaltet zu haben. "Sparen und wachsen sind kein Gegenteil", sagte Merkel. Der deutsche Boom sei mittlerweile nicht mehr nur vom Export getrieben, auch die Binnennachfrage ziehe an.

Deutschland, das ökonomische Vorbild für die Welt. Und vor allem für Europa. "Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille." Soll heißen: Die Bundesregierung hilft Ländern wie Griechenland finanziell, fordert aber gleichzeitig, dass die dortige Regierung die Wirtschaft neu aufstellt - und sich dabei an den Erfolgsrezepten der Bundesrepublik orientiert.

Den Leistungsgedanken will Merkel auch auf die künftige, bessere Koordinierung der Wirtschaftspolitik in der Eurozone übertragen. Dazu gehört etwa eine Angleichung der Sozialsysteme wie die Annäherung des Rentenalters. "Wir wollen nicht den Durchschnitt aller Länder bilden, sondern uns an den besten orientieren. Europa soll nicht gleicher, sondern besser werden."

Beim abschließenden, etwas zwanghaften, Drei-Fragen-Dialog mit dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, zeigte Merkel dann noch, dass sie ohne Manuskript menschlicher wirkt und witziger ist. Als Schwab pathetisch formulierte, er habe den Eindruck, Merkels Vision sei eine menschennahe Marktwirtschaft, fertigte die Kanzlerin den Professor trocken ab: "Och ja, das haben wir ja mit der sozialen Marktwirtschaft eigentlich schon."



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Seite 1
EchtP 28.01.2011
1. Humor von Merkel?
Zitat von sysopSteigerung von emotionslos auf leidenschaftlich: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos bekennt sich Angela Merkel klar zum Euro - und fordert ein "besseres, nicht gleicheres Europa". Die oft spröde Kanzlerin zeigte der versammelten Weltelite auch, dass sie durchaus witzig sein kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,742348,00.html
Der uckermärkisch-preussische Humor wird in der Welt nicht unbedingt verstanden. Ein Hamburger Medium mag ihn noch zu schätzen wissen. Aber schon in Bayern versteht man unter Humor etwas Anderes
secret77 28.01.2011
2. ...
Ja der deutsche Aufschwung.... dazu ein ZITAT,aus einer Einladung zu nachfolgender Veranstaltung vom 25.01.2001: ": Dienstag, 25.01.2011, 18:30 Uhr Ort: Humbold Universität (Hauptgebäude, Raum 3094/3096 ), Unter den Linden 6, Berlin Veranstalter: GegenStandpunkt Verlag Referent: Dr. Peter Decker (GegenStandpunkt Verlag) Wer heute vom Proletariat redet, disqualifiziert sich als unverbesserlich gestrig. Sozialwissenschaftler können ein Proletariat vom sonstigen Volk längst nicht mehr unterscheiden, Arbeiterparteien, die es einmal organisiert haben, sind verschwunden oder zu Volksparteien mutiert; und die Leute, die damit gemeint waren, die abhängig Beschäftigten, halten die Bezeichnung für eine Beleidigung des ehrbaren Arbeitnehmers. Kein Zweifel: Das Proletariat gibt es nicht mehr. Dafür gibt es anderes: - Einen Niedriglohnsektor zum Beispiel, in dem ein paar Millionen Leute arbeiten, ohne dass sie vom dort gezahlten Lohn leben können. - Hartz-IV, eine soziale Grundsicherung, die weitere Millionen mittelloser Menschen vor Hunger und Verhungern bewahrt. - eine verarmte und perspektivlose Unterschicht, die ihre Kinder verwahrlosen lässt. - eine Rentenversicherung für Leute, die durch Arbeit nicht reich werden, und deren vom Lohn abgezogene Beiträge nie reichen, um die versprochenen Leistungen zu bezahlen. - eine Krankenversicherung, die für die Arbeitgeber immer zu teuer ist und immer weniger das medizinisch Notwendige finanzieren kann, so dass ausgerechnet hier das böse Wort von der „Zwei-Klassen-Medizin“ die Runde macht. Vor allem aber gibt es eine deutsche Republik, die gerade einen glänzenden Aufschwung nach der größten Wirtschaftskrise seit 60 Jahren hinlegt und offen damit angibt, worauf dieser Aufschwung beruht: Deutschland ist mit seinen Industrieprodukten konkurrenzfähig wie nie, weil es im Jahrzehnt vor und während der Krise das nationale Lohnniveau heruntergedrückt und mehr als die europäischen Nachbarn und andere Konkurrenten die Lohnstückkosten gesenkt hat. Wirtschaft, Politik und Medien sind zufrieden und stolz darauf, dass der Reichtum der Nation durch die Armut der arbeitenden Massen so schöne Fortschritte macht. Der Lohn, das Geld, von dem die große Mehrheit der Bevölkerung lebt, ist eben nicht Ziel und Zweck dieser Wirtschaft, sondern ein leidiger Kostenfaktor für sie: Je billiger sie die Arbeit einkauft und je mehr Leistung sie aus den Arbeitskräften herausholt, desto mehr Ertrag bringt die Arbeit für die, die sie sich kaufen. Das ungefähr ist es, was MARX vor 150 Jahren gemeint hat mit dem Lehrsatz, dass das Dasein als „Ware Arbeitskraft“ das Leben einer ganzen gesellschaftlichen Klasse definiert. Ökonomisch hat sich daran nichts geändert. Verschwunden ist etwas anderes: Der ärgerliche und rebellische Stand, der sich diese Rolle nicht mehr gefallen lassen will. "
Edelweiß 28.01.2011
3. Och nö, ...
Ich habe den Artikel bis zum Schluss gelesen, weil etwas Witziges angekündigt war und ich die Pointe wissen wollte. Und ja, zum Schluss steht etwas, was man für einen Witz halten könnte: Als Schwab pathetisch formulierte, er habe den Eindruck, Merkels Vision sei eine menschennahe Marktwirtschaft, fertigte die Kanzlerin den Professor trocken ab: "Och ja, das haben wir ja mit der sozialen Marktwirtschaft eigentlich schon." Herr Böll, ich fürchte, das war kein Witz. Das denkt sie wirklich.
torkla 28.01.2011
4. Alternativlos
Ach, haben wir eine wortgewandte Kanzlerin. Alternativlos ist out! Im Zusammenhang mit dem Freihandel verwendet sie jetzt apodiktisch als "Basta". Also nichts neues von Frau Merkel, weiterhin die alternativlose Kuscherei vor der Wirtschaft!
weltbetrachter 28.01.2011
5. Euro gegen Spekulanten verteidigen ...
... schön, aber bitte nicht wieder mit Steuermilliarden, sondern mit Richtlinien. Den Spekulanten die Milliarden in den Rachen werfen, solange bis die keine Lust mehr haben, ist das massenweise "verbrennen" von Steuergeldern. DAS ist der völlig falsche Ansatz.
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