Euro-Debatte beim Weltwirtschaftsforum Hurra, wir leben noch!

Totgesagte leben länger, das gilt auch für die Euro-Zone. Vor einem Jahr sagten Ökonomen auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum den raschen Kollaps der Währungsunion voraus, manche räumen nun offen ihren Fehler ein. Gehen die globalen Kapitalisten wieder zur Tagesordnung über?

Sicherheitsmaßnahmen beim Weltwirtschaftsforum: Ende der Selbstkasteiung
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Sicherheitsmaßnahmen beim Weltwirtschaftsforum: Ende der Selbstkasteiung

Aus Davos berichtet


Hamburg/Davos - Insgesamt war es ein souveräner Auftritt, den Willem de Buiter Ende Oktober im Wirtschaftssender Bloomberg TV hatte. Ganz zum Schluss aber brachte eine Frage den Chefökonomen der Citigroup zumindest ein bisschen ins Schleudern: Was denn aus seiner Vorhersage geworden sei, wonach Griechenland mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit Anfang 2013 nicht mehr zur Euro-Zone gehöre. Die gelte weiterhin, sagte de Buiter. Man habe den erwarteten Termin für das Euro-Aus nur um ein Jahr verschoben - und, hüstel, die Wahrscheinlichkeit des Szenarios reduziert.

De Buiter lag daneben, doch damit war er nicht allein. Viele namhafte Ökonomen haben im vergangenen Jahr ein schnelles Auseinanderbrechen der Euro-Zone vorhergesagt, zu ihnen gehörte auch der als "Dr. Doom" bekanntgewordene Nouriel Roubini. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte er vor einem Jahr: "Ich denke, Griechenland wird die Euro-Zone in den kommenden zwölf Monaten verlassen, gefolgt von Portugal."

"Resilient Dynamism", lautet dieses Jahr das Motto des Weltwirtschaftsforums, was sich mit "Belastbare Dynamik" übersetzen lässt. Man hätte die Veranstaltung auch schlicht "Hurra, wir leben noch" nennen können. Schließlich war vor einem Jahr die Angst vor einem neuen ökonomischen Absturz noch groß, Forumsgründer Klaus Schwab verkaufte Davos als "Sanatorium" für eine rückfallgefährdete Weltwirtschaft. Ein Jahr später ist die Euro-Zone zwar immer noch angeschlagen, doch auf dem Sterbebett sieht sie kaum jemand.

Manche Ökonomen räumen ihren Irrtum ein. Zu ihnen gehört Nobelpreisträger Paul Krugman, der im Frühjahr vor einer nahenden "Apokalypse" warnte und dann zum Jahresende schrieb: "Europa hat mich mit seiner politischen Widerstandskraft überrascht."

Ein Drink für Draghi

Wie viele Kollegen hatte Krugman seine Prognosen wohlweislich von den politischen Rahmenbedingungen abhängig gemacht. Der Euro könne noch gerettet werden, wenn "Europas Führungsfiguren vor allem in Deutschland und bei der Europäischen Zentralbank (EZB), sich sehr anders verhalten als in den vergangenen Jahren".

Diese Erwartung hat zumindest der neue EZB-Chef Mario Draghi klar erfüllt. Seine Ankündigung, den Euro mit allen Mitteln zu verteidigen, hat die Märkte spürbar beruhigt. Dafür dürfte Draghi in Davos, wo der Italiener zu den Stargästen gehört, so mancher Wirtschaftslenker einen Drink spendieren wollen.

Doch auch die Regierung von Angela Merkel (CDU) hat sich im vergangenen Jahr bewegt - wenn auch nicht in dem Maß, das viele Kritiker von ihr forderten. Die als drakonisch kritisierten Sparprogramme für Südeuropa wurden an verschiedenen Stellen gelockert, Griechenland erhielt einen lange ausgeschlossenen Schuldenschnitt und mehr Zeit für seine Reformen. Zugleich segneten die deutschen Abgeordneten trotz erheblicher Bedenken weite Befugnisse für den Euro-Rettungsfonds ESM ab. Damit schufen sie die Grundlage jener "Brandmauer", die vor einem Jahr in Davos so vehement eingefordert worden war.

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Erwartungen für 2013: Der bange Blick der Bosse
Nun hat sich die Lage beruhigt, der Patient Europa scheint vorerst stabil. Das ändert aber nichts daran, dass viele Euro-Länder in der Rezession stecken und die Politik der EZB Inflationssorgen weckt. Auch europäische Unternehmenschefs sind wenig optimistisch. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers erwarten nur 13 Prozent der französischen, 22 Prozent der britischen und 31 Prozent der deutschen Bosse im kommenden Jahr Wachstum für ihr Unternehmen. In China beträgt die Zahl der Optimisten in Chefetagen dagegen 40 Prozent, in Mexiko 62 Prozent und in Russland sogar 66 Prozent (siehe Grafiken).

In Davos rückt die Frage in den Fokus, ob der Westen sich an diese Lage gewöhnen muss. Zu den interessanteren Diskussionsveranstaltungen des Treffens gehört eine mit dem Titel: "Kein Wachstum, billiges Geld - Die neue Normalität"?

Die Systemfrage wird Nebensache

Was ist normal in der Wirtschaft? Auch diese Frage könnte über dem Treffen in Davos stehen. Ist die derzeitige Krise ein temporäres Problem, das durch beherztes Geldausgeben gelöst werden kann - wie es etwa Nobelpreisträger Krugman fordert? Oder stehen die westlichen Industrieländer erst am Anfang einer unvermeidlichen Rosskur, weil sie viel zu lange über ihre Verhältnisse gelebt haben?

Oder aber ist das jetzige Wirtschaftsmodell überhaupt nicht mehr tragbar - wie die Davos-Gegner meinen, die auch diesmal am Rande des Treffens protestieren? Zu ihnen gehören die Schweizer Jusos, die vorab schon einmal erklärten, Manager seien "die Sensenmänner der Welt, die für Profite über Leichen gehen".

Die Zeit der ganz großen Selbstkasteiung jedenfalls scheint in Davos schon wieder vorbei zu sein. Zwar kritisierte Forumsgründer Schwab diesmal vorab überhöhte Managergehälter. Doch im vergangenen Jahr hatte er noch den Kapitalismus in seiner bisherigen Form für überholt erklärt, mehrere Diskussionen widmeten sich ganz der wirtschaftlichen Systemfrage. Diesmal wird nur einmal bei einem Abendessen im Vier-Sterne-Hotel gefragt: "Kann der Kapitalismus sich weiterentwickeln?" - was Teilnehmer wie der frühere US-Finanzminister Larry Summers kaum mit einem "Nein" beantworten dürften.

Dass die Krise aber auch in Europa noch nicht überwunden ist, weiß wohl kaum jemand besser als der diesjährige Eröffnungsredner des Weltwirtschaftsforums: Der Wirtschaftprofessor Mario Monti regiert Italien seit gut einem Jahr mit einem Team parteiloser Technokraten. Das Konzept müsste gerade in Davos gut ankommen, schließlich wird hier ständig die engere Verzahnung von Politik und Wirtschaft mit Experten und ihren "breakthrough ideas" gefordert.

Doch Monti ist ein Experte auf Abruf. Zwar hat er zahlreiche Reformen angeschoben, die sein schillernder Vorgänger Silvio Berlusconi zuvor verschleppte. Auch fassten Investoren wieder Vertrauen in Italien, die Zinsaufschläge des Landes gingen deutlich zurück. Doch die Italiener ächzen unter dem harten Sparkurs und Monti hat seine parlamentarische Mehrheit verloren. Jetzt gibt es Neuwahlen, an deren Ende im schlimmsten Fall sogar Berlusconi zurückkehren könnte. Das dürfte dann höchstens eine Gruppe freuen: Euro-Untergangspropheten wie Willem de Buiter.



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hubertrudnick1 22.01.2013
1. Weltwirtschftsdebatte?
Zitat von sysopAPTotgesagte leben länger, das gilt auch für die Euro-Zone. Vor einem Jahr sagten Ökonomen auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum den raschen Kollaps der Währungsunion voraus, manche räumen nun offen ihren Fehler ein. Gehen die globalen Kapitalisten wieder zur Tagesordnung über? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftsforum-in-davos-niederlage-fuer-die-untergangspropheten-a-878203.html
Jedes Jahr das Gleiche, man lügt sich die Taschen voll und macht sich und der Welt nur was vor, solche Debatten sind einfach nur überflüssige, oder vielleicht für Redener gut, die dabei ein gutes Honorar kassieren. Vielleicht darf ja auch der Herr Peer Steinbrück seine Phrasen dort kund tun. HR
spon-facebook-10000283853 22.01.2013
2.
"Nun hat sich die Lage beruhigt, der Patient Europa scheint vorerst stabil. " Was soll das? Was ist stabil? Was hat sich in den Krisenstaaten geändert? Was wird da mehr produziert? Zypern will neue Milliarden haben - Cohn-Bandit hat doch gerade die Schuldenunion angekündigt. Deutschland verschuldet sich für säumige Zahler - wie kommt der Autor darauf, dass die angesprochenen Experten falsch lagen?
EchoRomeo 22.01.2013
3. Wäre gut, diese Apokalypse-Flüsterer
nach dem zweiten oder dritten Fehlversuch offiziell auszuladen und diese Ausladung medial mit genauso viel Tam-Tam begleiten wie ihre Spekulationen begleitet wurde. Wetten daß die sich am Riemen reißen würden und nur noch das von sich geben, was sie wissen bzw beweisen können? Womöglich würden sie sogar im Zweifel dem Hinweis von Dieter Nuhr folgen und öfter mal....
DenkZweiMalNach 22.01.2013
4. Euro ist tot
Der einmal als stabile (wie D-Mark) zumindest in offiziellen Verlautbarungen geplante Euro ist tot. Man könnte auch sagen: Griechenland hat die Drachme wieder und wir auch. Denn die Krise geht weiter und Europa häuft weiter fleissig Schulden an. Die Zahlen sprechen für sich: Wirtschaft runter - Schulden hoch.
FreieWelt 22.01.2013
5.
Zitat von EchoRomeonach dem zweiten oder dritten Fehlversuch offiziell auszuladen und diese Ausladung medial mit genauso viel Tam-Tam begleiten wie ihre Spekulationen begleitet wurde. Wetten daß die sich am Riemen reißen würden und nur noch das von sich geben, was sie wissen bzw beweisen können? Womöglich würden sie sogar im Zweifel dem Hinweis von Dieter Nuhr folgen und öfter mal....
Dem Hinweis von Dieter Nuhr dürfen sie auch nur zu gerne folgen. In der EU hat sich absolut nichts verändert, es werden weiter Schulden über Schulden gemacht, die Arbeitslogigkeit in Spanien liegt bei 25%. In Frankreich, Griechenland usw. schaut es nicht besser aus. Niemand braucht den Euro und bis auf die Ewiggestrigen, die entweder beim Staat angestellt sind oder von der Euroinflationierung leben, gibt es niemanden, der den Euro für gut befinden kann.
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