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Weltwirtschaftsforum in Davos: Weltenlenker treffen sich zum Katastrophengipfel im Schnee

Aus Davos berichtet

Es ist ein düsteres Jubiläum: Die globale Elite trifft sich zum 40. Mal zum Weltwirtschaftsforum in Davos, beschützt von Tausenden Soldaten. Doch die Stimmung ist angespannt - das Vertrauen in die Finanzmärkte ist dahin, Ökonomen warnen bereits vor einem neuen Börsencrash in Asien.

Bergidylle in Davos: "Eines Tages wird die neue Spekulationsblase platzen" Zur Großansicht
AFP

Bergidylle in Davos: "Eines Tages wird die neue Spekulationsblase platzen"

Nicolas Sarkozy dürfte ein wenig gekränkt sein. Der französische Präsident darf zwar das Weltwirtschaftsforum in Davos mit einer feierlichen Rede eröffnen. Doch mit wirklicher Spannung werden andere erwartet. Etwa der chinesische Vizepremier Li Keqiang.

Denn die Weltelite aus Politik und Wirtschaft, die sich dieses Jahr zum 40. Mal in Davos trifft, ist in tiefster Sorge. Und diese Sorge gilt unter anderem der Volksrepublik.

Im kürzlich veröffentlichten "Weltrisikobericht" des Forums, der bei dem Treffen als Diskussiongrundlage dient, wird dringlich vor einem Börsencrash in der Volksrepublik gewarnt. Auch der US-Ökonom Nouriel Roubini, ein Stammgast in Davos, beschrieb in seiner apokalyptischen Sprache schon vor Beginn des Treffens die Gefahren, die von den Milliarden an spekulativem Kapital ausgehen, das in die Volksrepublik transferiert werde. "Eines Tages wird die neue Spekulationsblase platzen und die größte Kapitalentwertung aller Zeiten auslösen."

Gleichzeitig rüsten sich die Großdelegationen der wichtigsten Banken der Welt, um bei den zahlreichen Hintergrundtreffen, Partys und Abendessen subtil Druck auf die Politik auszuüben. Schließlich gibt es einiges zu tun: Gerade hat US-Präsident Barack Obama mit seinen radikalen Vorschlägen, die Größe von Banken und ihre Aktivitäten deutlich zu beschränken, die ganze Branche verschreckt (siehe Kasten in der linken Spalte).

"Im Finanzsektor funktioniert etwas grundsätzlich nicht"

Auch wenn die US-Regierung in Davos dieses Jahr durch Abwesenheit glänzt - höchster Vertreter ist der Chef des Nationalen Wirtschaftsrats Lawrence Summers -, aus dem Rest der Welt werden Hunderte hochrangige Politiker anreisen, die man bearbeiten kann. "Das Lobbying ist sehr stark, und der politische Wille kann schnell verwässert werden", warnte denn auch schon Cédric Tille, Wirtschaftsprofessor am Graduate Institute in Genf.

Natürlich hat auch Forumsgründer Klaus Schwab seine Agenda für das Treffen. "Den Zustand der Welt verbessern: Neu denken, neu gestalten, neu schaffen", heißt das Motto 2010. Schwab will nach dem geplatzten Klimagipfel in Kopenhagen über die Erderwärmung diskutieren lassen. Auch im Finanzsektor "funktioniert etwas grundsätzlich nicht", findet der 71-Jährige. "Mit dieser Wirklichkeit" sollten die Teilnehmer in Davos konfrontiert werden. Und nicht zuletzt soll die Katastrophe in Haiti großes Thema sein - Ex-US-Präsident Bill Clinton will eine Hilfsinitiative in Davos starten.

Tausende Soldaten, 2500 Gäste

So beginnt das 40. Treffen im Schnee in angespannter Atmosphäre, auch Schwabs Stiftung feiert den runden Geburtstag angesichts der schweren Themen eher gedämpft. Dabei ist der Erfolg des Treffens eine unglaubliche Geschichte: 1971 lud der Wirtschaftswissenschaftler zum ersten Mal hochkarätige Manager zum Gedankenaustausch in den Wintersportort, 444 Gäste folgten seinem Aufruf.

Mittlerweile ist die Zusammenkunft zum Mega-Meeting für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geworden. Tausende Polizisten und Scharfschützen sichern den kleinen Nobel-Skiort, das Veranstaltungsgelände ist hermetisch abgeriegelt, auf den kleinen Flugplätzen der Gegend drängen sich die Privatjets. 2010 ist die Teilnehmerzahl auf 2500 gestiegen. Dabei sind allein 30 Staatschefs, rund 60 Minister, 1400 Top-Manager, darunter Milliardäre wie Georges Soros und Bill Gates. Hollywood-Stars wie Angelina Jolie oder Sharon Stone waren schon in Davos, dieses Jahr sind Pianist Lang Lang und Musiker Udo Jürgens unter den Gästen.

Das Dabeisein hat seinen Preis - die rund tausend Mitgliedsfirmen der tragenden Stiftung zahlen jährlich satte 30.000 Euro Beitrag. Hinzu kommt eine Teilnahmegebühr pro Person von umgerechnet etwa 12.500 Euro. Die horrenden Hotelkosten noch nicht eingerechnet.

Für die Manager und Politiker lohnt sich der Aufwand, können sie hier doch in vier Tagen im besten Fall Dutzende von Geschäftskontakten pflegen, für die sie sonst einmal um den Erdball und zurück jetten müssten. Nebenbei schätzen sie die trotz des enormen Sicherheitsaufwands recht unkomplizierte Atmosphäre in der Davoser Bergluft.

Historische Momente und Massenproteste

Doch das Treffen ist längst mehr als nur ein riesiges Meeting. Die Geschichte des Forums ist voll von historischen Momenten: Der damalige israelische Außenminister Schimon Peres und Palästinenserführer Jassir Arafat einigten sich 1994 in Davos über ein Entwurfsabkommen für den Gaza-Streifen und Jericho. Der damalige südafrikanische Präsident Willem de Klerk und Nelson Mandela reichten sich auf dem Forum erstmals die Hände, Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich in dem Skiort nur wenige Wochen nach dem Mauerfall mit dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow zusammen.

An Kritik an dem Elitetreffen hat es nie gemangelt. Fast jedes Jahr protestieren wütende Globalisierungsgegner in der gesamten Schweiz gegen den Aufmarsch von Supermanagern und Top-Politikern. Das Weltsozialforum und das "Women's Forum" haben sich als Gegenveranstaltungen organisiert - die Frauenquote in Davos liegt in diesem Jahr bei armseligen 15 Prozent.

Doch viel Feind, viel Ehr. Klaus Schwab, der mit seinem lichten Haar, der randlosen Brille und dem immer noch stark schwäbisch eingefärbten Englisch auf den ersten Blick wie ein kauziger Professor wirkt, ist der wohl wichtigste Netzwerker der Welt. Zum Universum des 71-Jährigen gehören neben dem Haupttreffen in Davos auch regionale Konferenzen in China, Indien und anderen asiatischen Ländern, Afrika, Arabien, Russland, Südamerika. Schwab hat Foren für den Nachwuchs der Young Global Leaders gegründet, für Social Entrepreneurs, für Nichtregierungsorganisationen sowie religiöse, akademische und kulturelle Führungskräfte. "Seine herausragende Eigenschaft ist es, Menschen zusammenzubringen", fasste Bill Clinton das Talent des gebürtigen Ravensburgers einmal zusammen.

"Arroganz oder das letzte Gefecht der Ahnungslosen"

Schwab scheut sich nicht, selbst Staatschefs nach Ablauf ihrer Redezeit freundlich aber bestimmt das Wort abzuschneiden. Und er spricht mit seiner ruhigen bescheidenen Art ziemlich oft deutliche Worte aus, denen Politiker und Manager aus aller Welt höflich lauschen.

Auch dieses Jahr hält sich Schwab nicht zurück. Vor allem die hohen Boni, die in den vergangenen Wochen wieder ausgeschüttet wurden, erregen seinen Zorn. "Boni in mehrfacher Millionenhöhe zeugen von mangelndem Verständnis für das, was im Moment vor sich geht. Man könnte von Arroganz sprechen oder dem letzten Gefecht der Ahnungslosen. Wir können auf keinen Fall weitermachen wie bisher", sagte Schwab der "Süddeutschen Zeitung" vor dem Treffen. Das 20-fache des Mindestsalärs reiche, findet Schwab.

Trotz solch klarer Ansagen sind die Hoffnungen auf spektakuläre Schlagzeilen in diesem Jahr gedämpft. Zu komplex ist die Materie der Finanzmärkte, zu breitgefächert das Meinungsbild. Entsteht eine neue Blase auf den Rohstoffmärkten oder ist das Panikmache? Müssen die G20 bei der Regulierung des Finanzsektors mehr Druck machen, oder werden den Bankern schon viel zu viele Pflichten aufgebürdet? Über all diese Fragen wird heiß diskutiert werden, eindeutige Antworten wird es sicher nicht geben.

Und weltbewegende Durchbrüche in der Klimapolitik sind ohne hochrangige Vertreter der US-Regierung schon gar nicht denkbar.

Das weiß wohl auch Schwab selbst. Das diesjährige Forum solle ein "Davos der Nachdenklichkeit" werden, sagte er in der "SZ". Und versprach, trotz seines gesetzten Alters noch weiterzumachen. Seine Mission ist noch lange nicht erfüllt.

Die Rettung der Welt ist schließlich eine ziemlich große Herausforderung.

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Forum - Was können Manager für eine bessere Welt tun?
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1.
SindwirdasVolk?, 26.01.2010
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum 40. Mal zum Weltwirtschaftsforum in Davos - doch die Stimmung ist angespannt. Wirtschaftswissenschaftler warnen vor Börsencrashs in Asien, auch die Katastrophe in Haiti und der Klimawandel stehen ganz oben auf der Agenda. Was können Manager für eine bessere Welt tun?
Welche Elite denn? Das einzige was diese " Eliten" können ist sich Boni auszahlen für höhere Renditen auf Kosten des Staates und der Menschen.
2.
lieven, 26.01.2010
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum 40. Mal zum Weltwirtschaftsforum in Davos - doch die Stimmung ist angespannt. Wirtschaftswissenschaftler warnen vor Börsencrashs in Asien, auch die Katastrophe in Haiti und der Klimawandel stehen ganz oben auf der Agenda. Was können Manager für eine bessere Welt tun?
..interessiert sich einen Dreck für Davos.
3. Ihre Handlungen am Wohl der ganzen Menschheit ausrichten
grauer kater 26.01.2010
Wenn Manager sich dem Humanismus verpflichtet fühlen würden und das Allgemeinwohl der Menschen weltweit als Ziel ihres Handelns zur Maxime machten, wäre einiges besser! Rüstungskonversion, Produktion in geschlossenen Stoffkreisläufen und solarbasierte Wasserstofftechnologie in der Energiewirtschaft könnten alle wesentlichen Probleme der Menschheit einer Lösung näher bringen!
4. Abteilung Deutschland
nr6527 26.01.2010
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum 40. Mal zum Weltwirtschaftsforum in Davos - doch die Stimmung ist angespannt. Wirtschaftswissenschaftler warnen vor Börsencrashs in Asien, auch die Katastrophe in Haiti und der Klimawandel stehen ganz oben auf der Agenda. Was können Manager für eine bessere Welt tun?
Wieso Manager? http://de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke Die Frage muss lauten, was können die ca. 200 Familien und deren Organisationen (Bilderberger, Trilataterale Kommission etc), die die Geschicke dieses Planeten derzeit lenken, in Zukunft besser machen.
5. das können sie tun
archelys, 26.01.2010
Zitat von sysopDie globale Elite trifft sich zum 40. Mal zum Weltwirtschaftsforum in Davos - doch die Stimmung ist angespannt. Wirtschaftswissenschaftler warnen vor Börsencrashs in Asien, auch die Katastrophe in Haiti und der Klimawandel stehen ganz oben auf der Agenda. Was können Manager für eine bessere Welt tun?
Sie können ein Kloster bauen, sich dorthin zurückziehen und zu gegebener Zeit geläutert zurückkommen.
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Weltwirtschaftsforum in Davos
Das Treffen
Das Weltwirtschaftsforum in Davos findet in diesem Jahr zum 40. Mal statt. Von Mittwoch bis Sonntag treffen sich in dem Schweizer Nobelskiort rund 2500 Experten aus Wirtschaft und Politik, darunter Staats-, Regierungs- und Konzernchefs. Die Teilnehmer werden streng abgeschirmt, Tausende Polizisten sollen die weltweite Elite schützen.
Die Themen
Das diesjährige Motto des Weltwirtschaftsforums: "Überdenken, umgestalten, erneuern". Dabei dürfte es auch darum gehen, welche Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen sind. Für Debatten dürften unter anderem die Pläne von US-Präsident Barack Obama sorgen, den Großbanken hochspekulative Geschäfte zu verbieten. Daneben soll auch das Erdbeben in Haiti zur Sprache kommen, ebenso wie der weltweite Klimawandel.
Die Teilnehmer
Den Vorsitz über die Konferenz halten in diesem Jahr Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Google-Chef Eric Schmidt. Als Spitzenbanker aus Deutschland reist außerdem der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, an.
Weiterhin kommen aus den Top-Etagen der deutschen Großkonzerne E.on-Chef Wulf Bernotat und Jürgen Großmann von RWE, Jürgen Hambrecht von BASF und Bayer-Chef Werner Wenning.
Von den großen US-Banken werden nur zwei Konzernchefs erwartet: Vikram Pandit von der Citigroup und Brian Moynihan von der Bank of America. "Da will niemand gesehen werden, wie er mit dem U2-Sänger Bono herumhängt", sagt ein PR-Experte.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verzichtet diesmal auf eine Teilnahme, dafür wird ihre Regierung vertreten durch Außenminister Guido Westerwelle, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (beide FDP) und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).
Zur Eröffnung der Konferenz spricht Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Außerdem tritt der ehemalige US-Präsident Bill Clinton als Uno-Sonderbeauftragter für Haiti auf.

Obamas Banken-Gesetz
Die Demokraten um Barack Obama nehmen die Banken hart ran - und wollen sie an den Kosten der Weltwirtschaftskrise beteiligen. Allerdings mussten die Regierenden im parlamentarischen Prozess einige Abstriche hinnehmen. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Punkte der Reform vor.
Großbanken
Eine frühe Forderung der Wall-Street-Kritiker war es, die größten Geldkonzerne zu zerschlagen, weil deren Kollaps die gesamte Branche gefährden würde ("Too big to fail"). Diese Drohung ist in der aktuellen Reform allerdings nur noch in aufgeweichter Form enthalten.

Ein unabhängiger Finanzrat aus den Chefs aller Aufsichtsbehörden soll die Banken im Fall eines "systemischen Risikos" unter eingeschränkten Bedingungen auflösen oder in ihre Geschäfte hineinregieren können.
Verbraucherschutz
Lange schien es so, als falle das von Obama geforderte Verbraucherschutzamt, das die Kunden unter anderem vor Kreditkarten-Abzocke schützen soll, dem Parteienzank zum Opfer. Inzwischen sieht das Gesetz es aber wieder vor.

Die geplante Verbraucherschutzbehörde soll unter dem Dach der US-Notenbank geschaffen werden. Diese soll nun unter anderem unfaire Geschäftspraktiken bei Privatkrediten und Kreditkarten aufdecken und verhindern.
Derivatehandel
Um diese komplexen, riskanten Finanzprodukte - die maßgeblich zur Krise beigetragen haben - gab es in den Debatten die schärfsten Auseinandersetzungen. Für den Handel mit riskanteren Derivaten wie etwa aus dem Rohstoffbereich müssen die Finanzinstitute jetzt mit eigenem Kapital ausgestattete Einheiten gründen - damit soll jener Teil der Bank vor möglichen Verlusten abgeschottet werden, der wegen Sparereinlagen speziellen staatlichen Schutz genießt.
Top-Manager
Die Reform sieht auch neue Regelungen für die Bezahlung von Top-Managern von börsennotierten Unternehmen vor. Aktionäre sollen ein Mitspracherecht über die Gehälter bekommen, das allerdings nicht bindend ist.
Eigenhandel
Der hochprofitable, aber risikoreiche Eigenhandel der Banken wird eingeschränkt. Geldhäuser, die über staatlich versicherte Spareinlagen verfügen, dürfen nur sehr begrenzt in Hedge- oder Private-Equity-Fonds investieren. Die Bankeinlagen sind künftig dauerhaft bis zu 250.000 Dollar von der US-Einlagensicherungsbehörde FDIC versichert.

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