Weltwirtschaftsforum in Davos Angeklagt: Die Globalisierung

Trump, Brexit und Protektionismus: Wenn sich die Mächtigen in Davos treffen, ist die Unsicherheit groß wie selten zuvor. Eine Umfrage zeigt, dass selbst die Wirtschaftselite zunehmend an der Globalisierung zweifelt.

Hafen in Shanghai
REUTERS

Hafen in Shanghai

Aus Davos berichten und


Auf den ersten Blick scheint alles wie immer: In Davos liegt Schnee, hoch oben über dem Luftkurort kreist der Hubschrauber, und auf den Dächern der Hotels stehen die Scharfschützen bereit, um diejenigen zu schützen, die sich Gedanken über eine bessere Welt machen sollen.

Rund 3000 Teilnehmer aus mehr als 100 Ländern haben sich diesmal angekündigt. Staats- und Regierungschefs wie der chinesische Präsident Xi Jinping oder die britische Premierministerin Theresa May, die Top-Manager der weltgrößten Konzerne von Goldman Sachs und der Deutschen Bank bis zu Bayer und Monsanto, viele Wissenschaftler und natürlich ein paar Promis - diesmal sind etwa die Sängerin Shakira, der Schauspieler Matt Damon und der Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg vor Ort.

Fast alles so wie immer also. Doch etwas Grundlegendes ist dieses Mal anders: Noch nie stand das Treffen selbst so sehr unter Druck wie in diesem Jahr.

Das Selbstverständnis beginnt zu bröckeln

Davos ist so etwas das Sinnbild der Globalisierung - eine weltweite Klassenfahrt der Mächtigen, Gebildeten und Erfolgreichen, die sich über Politik, Geschäfte und die Probleme der Welt unterhalten. "Verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern" - so lautet übersetzt das immerwährende Motto des Weltwirtschaftsforums. Doch will diese Welt sich von diesen Leuten überhaupt noch verbessern lassen?

Mittlerweile steckt die versammelte Elite selbst in der Legitimationskrise. Wenn ein wachsender Teil der Menschen nicht mehr glaubt, dass die etablierten Politiker sich um ihre Anliegen kümmern, wenn die Forschungen der Wissenschaftler und die Berichte der Medien immer stärker angezweifelt werden, dann droht auch das Selbstverständnis eines Elitentreffens wie in Davos zu bröckeln.

Hinzu kommt, dass auch der Nutzen der Globalisierung zunehmend infrage gestellt wird. Auch das bringt Unsicherheit - mittlerweile sogar unter den Wirtschaftslenkern selbst. Laut einer Umfrage unter knapp 1400 Top-Managern weltweit, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Start in Davos veröffentlicht, finden 44 Prozent der Befragten, dass die Globalisierung überhaupt nicht bei der Armutsbekämpfung geholfen hat. Mehr als jeder Dritte bezweifelt, dass die weltweite Vernetzung mehr Steuergerechtigkeit gebracht hat, gut jeder Vierte hält sie für nutzlos beim Klima- und Ressourcenschutz.

Wo selbst große Teile der Wirtschaftselite derart an der Globalisierung zweifeln, kann es kaum überraschen, dass viele Normalbürger in den USA und Großbritannien ihr Heil derzeit bei Nationalisten und Protektionisten suchen.

Die Veranstalter in Davos haben das Weltwirtschaftsforum dieses Jahr denn auch unter das Motto "verantwortungsvolle Führung" gestellt - eine deutliche Anspielung auf den um sich greifenden Populismus - allen voran aber auf Donald Trump.

Am Freitag, noch während das Treffen in Davos läuft, soll einer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden, der so gar nicht dem Credo von offenen Märkten und offenen Gesellschaften entspricht, das die Veranstalter so gerne pflegen.

"Die Märkte müssen fairer werden", mahnte Forumsgründer Klaus Schwab in der vergangenen Woche, "aber sie müssen offen bleiben. Wir sind eine globale Gemeinschaft."

Auch unter den Wirtschaftsbossen ist die Angst vor Protektionismus mittlerweile groß. Der weltweite Abschottungskurs sorgt laut PwC-Umfrage 58 Prozent der Befragten, in Deutschland sind es sogar fast zwei Drittel. Und das, obwohl die 1379 Top-Manager aus 79 Ländern noch vor der US-Präsidentschaftswahl befragt wurden.

Trump selbst kommt nicht nach Davos, auch sein Name taucht im offiziellen Programm kaum auf. Einer seiner Berater, der Investor Anthony Scaramucci, soll immerhin teilnehmen. Interviewt wird er vom ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), der jetzt als einer der Organisatoren für das Weltwirtschaftsforum arbeitet.

Was die wirtschaftliche Entwicklung angeht, gibt es dieses Mal immerhin einen kleinen Hoffnungsschimmer: Bei der jährlichen PwC-Umfrage gaben 29 Prozent der befragten Manager an, dass sie im kommenden Jahr mit einem Wachstum der Weltwirtschaft rechnen. Dieser Wert lag leicht über dem Vorjahr. Noch deutlicher sank die Zahl derjenigen, die explizit eine Verschlechterung erwarten.

Doch das ist eine sehr bescheidene Besserung. Bereits beim letzten Weltwirtschaftsforum herrschte angesichts von Terroranschlägen, Kriegen und Flüchtlingskrise gedrückte Stimmung. Vor drei Jahren hingegen lag die Zahl der globalen Wachstumsoptimisten noch um ganze 15 Prozentpunkte höher.

Heute ist mit 53 Prozent die Zahl jener am weitaus größten, die ein gleichbleibendes Wachstum erwarten. Solche Stagnation passt eigentlich nicht zur Davos-Erzählung, wonach Welt und Wirtschaft durch ewige Dynamik und Innovation vorangebracht werden. In diesen unsicheren Zeiten aber dürfte der Erhalt des Status quo auch so manchem Manager nicht als die schlechteste Perspektive erscheinen.

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einwerfer 16.01.2017
1. Besonders wichtig
ist den meisten in Davos Anwesenden wahrscheinlich der Erhalt ihres persönlichen status quo, denn abgeben wollen sie immer noch nichts. Und das wird sich auch nicht ändern, solange sie noch nicht um ihr persönliches Wohlergehen fürchten müssen. D.h. solange die weitgehend vom "Pöbel" bezahlte Polizei die in Davos Anwesenden vor ebendemselben schützt.
melnibone 16.01.2017
2. ... wenn ich mich
nicht komplett irre, haben die Briten den ´Lampenladen´ zurecht und als Erste verlassen. Man darf und sollte sie nicht unterschätzen. Auch ohne ´tiefsinnige´ Beiträge von Herrn Trump, werden die Briten, ihren, wahrscheinlich durchaus erfolgreichen Weg finden.
Palmstroem 16.01.2017
3. Postfaktisch
Lebten 1950 noch 70% der Menschheit in Absoluter Armut, sind es heute nur noch 10%. Ganz klar - die Globalisierung ist gescheitert! Oder doch nicht!
AufJedenFall 16.01.2017
4.
Ich bezweifle doch ganz stark, dass die Globalisierung per se jene negativen Tendenzen entwickelt hat. Dies würde nämlich bedeuten, dass die Beschränkung des Welthandels den Menschen ein besseres Leben ermöglichen würde. Da dieses offensichtlich Blödsinn ist, ist der "Feind" nicht die Globalisierung, sondern dessen Art. Wie schon im Artikel genannt, muss diese Art "fairer" werden. Was das auch immer heißt
fluxus08 16.01.2017
5. Das ist ein typischer Spiegel-Artikel:
"Mehr als jeder Dritte bezweifelt, dass die weltweite Vernetzung mehr Steuergerechtigkeit gebracht hat, gut jeder Vierte hält sie für nutzlos beim Klima- und Ressourcenschutz." Im Umkehrschluss bedeutet der vorherige Satz: 2/3 der Befragten glauben, dass die weltweite Vernetzung mehr Steuergerechtigkeit gebracht hat und fast 3/4 halten weltweite Zusammenarbeit förderlich beim Klima- und Ressourcenschutz! Es ist unlaublich, was der Spiegel jetzt daraus macht, wenn er diese positiven Berwertungen versucht in ein schlechtes Licht zu rücken - unter der Überschrift: " Angeklagt: Die Globalisierung"!
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