Weltwirtschaftsforum in der Schweiz: Vier Weisheiten aus Davos

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Treffen in Davos: Rettung vor dem Absturz

Wenn Mette Marit Veronica Ferres aussticht, ein russischer Top-Banker zu wilder Ska-Musik tanzt und die Weltelite ein italienisches Technokraten-Duo feiert - dann ist man in Davos. Das Weltwirtschaftsforum bringt Geschäft, Politik und Party zusammen. Ein Fazit des Treffens in diesem Jahr.

Es könnte eine ganz normale Manager-Konferenz sein, doch beim Weltwirtschaftsforum läuft nicht alles normal. In den vier Tagen im verschneiten Schweizer Alpendorf Davos wurden auch in diesem Jahr Kontakte geknüpft, Freundschaften gepflegt und wilde Partys gefeiert. Und ganz nebenbei wurde hier auch die Rettung vor dem Absturz gefeiert. Ein Fazit aus vier Tagen in Davos - in vier Thesen.

These 1: Alle lieben die Marios

"Widerstandsfähige Dynamik" war das offizielle Motto des Weltwirtschaftsforums in Davos. "Hurra, wir leben noch!" hätte wohl besser zur Stimmung gepasst. Die Euro-Krise hat erst mal Pause - und die versammelte Elite weiß, wem sie das zu verdanken hat: den beiden Italienern. EZB-Chef Mario Draghi und Ministerpräsident Mario Monti waren die Stars des diesjährigen Treffens. Der eine, weil seine Zentralbank im vergangenen Sommer die ultimative Waffe im Kampf gegen die Krise rausgeholt und unbegrenzte Anleihekäufe angekündigt hat. Der andere, weil er durch seine Politik zum Vorzeigereformer des Kontinents avancierte.

So wurden die beiden Marios in Davos bei jeder Gelegenheit mit Lob überschüttet. Monti durfte das Forum nicht nur eröffnen, sondern auch gleich noch mal David Cameron die Meinung sagen. Die Drohung des Briten mit einem EU-Austritt konterte der italienische Ministerpräsident mit den Worten: "Die EU braucht keine unwilligen Europäer."

Den größten Anteil am Aufwärtstrend der Finanzmärkte hat indes EZB-Chef Draghi. Und auch wenn den meisten Top-Managern dämmert, dass das billige Geld der Notenbank keine Dauerlösung sein kann, wurde die vorläufige Rettung erst mal gefeiert. Auf den Punkt bringt die Stimmung Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain. Zur Rolle der Zentralbanker in der Krise sagte er: "Sie sind die neuen Helden."

These 2: Russland gehört die Zukunft - zumindest beim Feiern

Der Trompeter ist vielfach gepierct, der Saxofonist trinkt Rotwein aus der Flasche und der Bandleader trägt unten nur rote Boxershorts mit Herzen: Der Auftritt der russischen Ska-Band Leningrad im russischen Pavillon hat rein gar nichts mit der üblichen musikalischen Untermalung in Davos gemein. Normalerweise setzt man hier auf Unaufdringliches, bei der Burda-Party (offiziell: DLD Focus Nightcap) gibt es deutsche Volksmusik. Leningrad dagegen sind bekannt für alkoholgeschwängerte Auftritte und selten jugendfreie Texte.

Vom ersten Lied an tanzen die versammelten Anzugträger begeistert zu schnellen Offbeats und den Anweisungen des raubeinigen Leadsängers Sergei Schnurow. Fäuste werden gereckt, Champagner, Bier und Wodka fließen reichlich. Als wäre der Auftritt nicht schon skurril genug, erscheinen auf einer Leinwand hinter der 13-köpfigen Combo Schlagworte wie "Broker", "global" und "Versicherungsgeschäft". Es ist eine Botschaft des Gastgebers - eine russische Investmentbank hat Leningrad nach Davos geholt. Unter den Tanzenden ist auch Andrey Kostin, Chef von Russlands zweitgrößtem Kreditinstitut VTB.

"Russland = Wachstum" steht auf Werbebannern im Pavillon. Die Russen wollen als eines jener Schwellenländer gesehen werden, denen die Zukunft gehört. Doch Premierminister Medwedew musste sich bei einem Auftritt in Davos viel Kritik an verbreiteter Korruption, dem energieabhängigen Wachstumsmodell und dem Mangel an sozialer Gerechtigkeit anhören. Anschließend erklärte er in einer langatmigen Rede, warum die Wahrheit ganz anders aussehe.

Zu Botschaftern für bessere Regierungsführung werden Leningrad-Sänger Schnurow und seine Leute in diesem Leben wohl nicht mehr. Dafür bekommt man bei ihrem Auftritt endlich mal eine Vorstellung davon, wie jene "widerstandsfähige Dynamik" aussehen kann, die sich das Forum dieses Jahr auf die Fahnen geschrieben hat.

These 3: In Davos sind alle gleich, es sei denn sie sind gleicher

Philipp Rösler hat sichtlich Oberwasser. Bevor er sich auf der Burda-Party von einem deutschen TV-Team interviewen lässt, richtet er dem Reporter erst mal mit tadelndem Blick den Jackettkragen. So was darf man offenbar, wenn man FDP-Chef ist und gerade eine Meuterei überstanden hat. Die Szene wird interessiert von einem jungen Pakistaner verfolgt, der für eine Private-Equity-Firma in Dubai arbeitet. Wer da gerade interviewt werde, will er wissen. Das sei der deutsche Wirtschaftsminister. "Waaaas? Der ist aber jung!"

So ist das in Davos: Hier ist jeder wichtig, mindestens ein Global Leader, wenn nicht gar ein Global Shaper. Forumsgründer Klaus Schwab wird nicht müde zu beteuern, dass hier in den Alpen alle eine Familie sind und sich auf Augehöhe begegnen. Und tatsächlich: Hier muss auch Commerzbank-Chef Martin Blessing geduldig an der Garderobe anstehen, hier richtet sich Internetunternehmer Oliver Samwer ein improvisiertes Büro aus zwei Stühlen ein.

Doch es gibt in Davos eben auch immer jemanden, der noch wichtiger ist. Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer bilden nur solange den Mittelpunkt der Burda-Party, bis Mette Marit und Haakon von Norwegen eintreffen. Wer auf seinem Namensschild die falsche Farbkombination hat, für den sind bestimmte Teile des Kongresszentrums tabu. Und spätestens wenn Manager an der Garderobe herrisch vermisste Burberry-Schals einfordern oder den Fahrern der zahlreichen Shuttles knappe Anweisungen geben, wird klar: Auch in den Alpen sind manche noch ein gutes Stückchen gleicher.

These 4: Banker sein macht wieder Spaß

Das Weltwirtschaftsforum ist noch nicht mal richtig eröffnet, da zeigt ein amerikanischer Banker schon mal, wo es dieses Jahr langgehen soll. Jamie Dimon, Chef des größten US-Finanzkonzerns JP Morgan Chase fläzt sich in einer der ersten Diskussionsrunden breitbeinig in seinem Sessel und macht deutlich, dass es nun doch mal genug sei mit dem Banken-Bashing der vergangenen Jahre.

Dimon wehrt alle Kritik bissig ab. Der Milliarden-Spekulationsverlust seiner Bank? "Wir haben keinen Kunden geschädigt." Undurchsichtige Finanzprodukte? "Sie wissen ja auch nicht, wie Flugzeugtriebwerke funktionieren." Und überhaupt: "Was würden Sie denn tun?"

Die US-Banken sind wieder obenauf. Sie verdienen prächtig, die Krise ist abgehakt. In Europa sieht das noch ein bisschen anders aus. Die Chefs der großen Institute wie UBS oder Deutsche Bank stecken mittendrin in der Aufarbeitung der Vergangenheit - und schauen ein bisschen neidisch auf die amerikanischen Kollegen. Doch ein bisschen Grund zum Feiern gab es auch für die Europäer - schließlich scheint das Schlimmste erst mal überstanden zu sein. Man wolle jetzt wieder nach vorne schauen, sagte Deutsche-Bank-Chef Jain.

Bei so viel Optimismus muss einer den Miesmacher geben: In Davos übernahm diese Rolle der IWF-Manager Min Zhu. Nach fünf Jahren Krise kommt der Experte des Internationalen Währungsfonds zu einem ernüchternden Fazit: Die Finanzmärkte seien in dieser Zeit kaum sicherer geworden.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. gerettet...
Spiegelleserin57 27.01.2013
ist wohl noch gar nichts! Man erinnere sich an Frau Merkel Ansprache Ende letzten Jahres. Ach ja, die ging ja an das Volk dass den ganzen Rausch bezahlen darf. Das Volk hat die Einschnitte und die Banken, Wirtschaft und Politiker feiern dass sie noch leben. Wer versteht das eigentlich noch? Scheinbar werden die Bürger doch für sehr sehr dumm verkauft.
2. Ernüchternd
der-denker 27.01.2013
Dass dies eine höchst fragwürdige Veranstaltung ist, die letztlich vor allem dem Ziel dient dass alle Angehörige der "Elite" auf Spur gehalten werden, auf der Spur des Eigennutzes dieser Klasse gegenüber der Mehrheit der Bevölkerungen aus denen sie kommen, war ja schon klar. Aber dass derart seichtes Personal auf derart seichtem Niveau palavert, ist doch ernüchternd und - erschreckend. Die Herren vom Spiegel, denen die Anwesenheit dort sich das gute Gefühl es offensichtlich "geschafft zu haben" gab, wenn auch nur als Berichterstatter, haben dabei sicherlich noch eher wohlwollend berichtet.
3. Bei Elite-Parties "menschelt" es offenbar egalitär wie auf jedem Dorf-Schützenfest...
UweZ+ 27.01.2013
Zitat von sysopAFPWenn Mette Marit Veronica Ferres aussticht, ein russischer Top-Banker zu wilder Ska-Musik tanzt und die Weltelite ein italienisches Technokraten-Duo feiert - dann ist man in Davos. Das Weltwirtschaftsforum bringt Geschäft, Politik und Party zusammen. Ein Fazit des Treffens in diesem Jahr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/weltwirtschaftsforum-rueckblick-auf-davos-a-879892.html
Auch die herzallerliebst putzig elitär beseelten "Global-Leader" bei ihrer jährlichen, privaten Luxus-Party im verschneiten Davos haben AUGENSCHEINLICH KEINEN BLASSEN SCHIMMER davon, die realen Konsequenzen einer Entwicklung bereits zu dem Zeitpunkt vorauszuahnen, an dem das entdemokratisierte Fortschreiten der Ereignisse bereits von jedem otto-normalen Erdenbürger ganz egalitär wahrnehmbar ist. So beschränkt sind wir menschlichen Gewohnheitstiere halt kognitiv hirnleistungstechnisch gestrickt - "business as usual" wird *IMMER* erst retrospektiv im grossen Buch der Geschichte als Katastrophe enttarnt. Legendär ist Franz Kafkas lapidarer Tagebucheintrag vom 2. August 1914: "*Heute hat Deutschland Rußland den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimmschule*"
4. Ich bin begeistert ...
vgo 27.01.2013
... eine tolle Elite. Da sieht man doch wieder einmal, dass das alte Sprichwort "der Fisch stinkt vom Kopfe her" passgenau zutrifft. Wie schön für uns! ... und dann noch Herr Rösler, der passt da auch ganz gut dazu.
5. Regenbogenpresse
darth_vader_sein_nachbar 27.01.2013
warum berichtet spon im stil der regenbogenpresse? eine qualifizierte analyse der rede von frau merkel findet man auf den nachdenkseiten http://www.nachdenkseiten.de/?p=15967
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