Weltwirtschaftsgipfel in Davos Mächtiges Palaver im Pulverschnee

2500 Staatenlenker, Konzernbosse, Intellektuelle - in Davos trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsgipfel. Die Zusammenkunft in dem Schweizer Nobel-Skiort soll "die Welt verbessern", versprechen die Organisatoren - doch viele Teilnehmer verfolgen egoistische Ziele.

Von Christoph Schäfer

AFP

Hamburg - Der viel beschworene "Geist von Davos" hat schon einiges zu Stande gebracht: historische Momente und handfeste Skandale. Israelis und Palästinenser schlossen hier - fast - Frieden, Deutsche und Deutsche diskutierten über die Einheit des geteilten Landes, führende Politiker aus ehemals befreundeten Staaten keiften vor Publikum und laufender Kamera gegeneinander.

Große Auftritte sind auch dieses Jahr zu erwarten, wenn vom 26. bis 30. Januar mehr als 2500 Spitzenpolitiker, Firmenlenker und Forscher in die Schweizer Alpen einrücken.

Die Gästeliste des 41. World Economic Forum (WEF) liest sich wie das Who is who der Mächtigen: Zugesagt haben nicht weniger als 35 Staats- und Regierungschefs, darunter Russlands Präsident Dmitrij Medwedew, Großbritanniens Premier David Cameron und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Aus den USA kommt Finanzminister Timothy Geithner, aus China Handelsminister Chen Deming. Insgesamt werden 19 der 20 führenden Industriestaaten mindestens einen Minister nach Davos schicken.

Auch die Bundesregierung ist hochkarätig vertreten. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle bestätigten ihre Teilnahme. Letzterer will "selbstbewusst nach Davos fahren", schließlich werde das Comeback der deutschen Ökonomie "international viel beachtet". Aus der A-Riege der Bundesregierung hat bislang nur Außenminister Guido Westerwelle abgesagt, die Reisepläne von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg sind noch unklar.

Auch die deutsche Wirtschaft tritt mit einer starken Formation an. Auf der Gästeliste stehen die Namen von Josef Ackermann (Deutsche Bank Chart zeigen), Frank Appel (Deutsche Post Chart zeigen), Eckhard Cordes (Metro Chart zeigen), Marijn Dekkers (Bayer Chart zeigen), Christoph Franz (Lufthansa Chart zeigen), Jürgen Hambrecht (BASF Chart zeigen), Peter Löscher (Siemens Chart zeigen), Hartmut Ostrowski (Bertelsmann) und Johannes Teyssen (E.on Chart zeigen).

Wozu der ganze Zirkus?

Um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten, sind 5000 Soldaten der Schweizer Armee und zahlreiche Polizisten im Einsatz. Auch der Luftraum wird akribisch überwacht. Flugzeuge dürfen rund 50 Kilometer um Davos nur auf vorgegebenen Routen verkehren. Alle Flüge müssen angemeldet, die Piloten bis zu drei Tage vorher akkreditiert sein. Das Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt kündigt zudem "Überwachungsflüge mit Helikoptern und Kampfflugzeugen" an.

Wozu der ganze Zirkus? Warum pilgern jedes Jahr im Januar so viele Mächtige in die Schweizer Alpen, um dort über die Probleme der Welt zu debattieren?

Für WEF-Gründer Klaus Schwab liegt die Antwort auf der Hand: "Am Anfang des Jahres ist ein sehr guter Zeitpunkt, um über die Zukunft nachzudenken." Dabei helfen soll das Flair des Ortes, der "Geist von Davos". Eine legere Atmosphäre, klare Bergluft und ein wunderschönes Alpen-Panorama beflügeln Stimmung und Gedanken der Teilnehmer. Der tägliche Kampf um Wählergunst und Marktanteile soll in den Hintergrund treten, der Blick sich aufs Wesentliche fokussieren. Offizielles Ziel des WEF ist daher nicht weniger, als "den Zustand der Welt zu verbessern". Geschichte schreiben. Großes Karo.

Historische Momente in Davos

Tatsächlich hat es während der vergangenen 40 Treffen schon historische Momente gegeben. So unterzeichneten die Türkei und Griechenland auf dem Gipfel 1988 die "Davos Declaration", die einen Krieg zwischen beiden Ländern verhinderte. 1994 einigten sich Israels damaliger Außenminister Schimon Peres und Palästinenserführer Jassir Arafat an gleicher Stätte auf einen Vertragsentwurf für den Gaza-Streifen und Jericho. Berühmt ist auch das Treffen zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow. Nur wenige Wochen nach dem Mauerfall debattierten sie in den Schweizer Bergen über die Zukunft der beiden deutschen Staaten.

Weit weniger staatstragend ging es hingegen vor zwei Jahren zu, als der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan und Israels Präsident Schimon Peres während einer Podiumsdiskussion heftig aneinandergerieten. Peres verteidigte die israelische Offensive im Gaza-Streifen nachdrücklich und sprach Erdogan mehrmals direkt an. Der konterte: "Ihre Stimme ist zu laut." Dies sei Ausdruck eines schlechten Gewissens. Und weiter: "Wenn es ums Töten geht, damit kennt ihr euch gut aus." Dann verließ Erdogan wütend das Podium.

Genug Symposien wird es auch dieses Jahr geben. Wer will, kann zwischen 240 Veranstaltungen wählen. Dabei geht es "um alles, was auf der globalen Tagesordnung wichtig ist", sagt Gipfelgründer Schwab. Ganz oben auf der Agenda stehen die Entwicklung der Weltwirtschaft und die stark schwankenden Rohstoffpreise. Auch ist die Gründung eines Netzwerks geplant, um das Risiko wirtschaftlicher Verwerfungen zu minimieren. Nicht zuletzt will Frankreichs Präsident Sarkozy das Treffen nutzen, um für eine Reform des internationalen Währungssystems zu werben.

Der Geist bleibt in den Bergen

Für viele der 1400 Manager liegt der Reiz des Gipfels indes weniger in diesen großen Fragen als vielmehr in den Begegnungen am Rande. Das Treffen in den Bergen ist für sie in erster Linie eine große Kontaktbörse - und eine gute Gelegenheit, lukrative Aufträge an Land zu ziehen. Vor allem die Vorsitzenden der großen Staatsfonds aus Asien und der Golfregion müssen sich in Davos keine Sorgen um mangelnde Beachtung machen. "Was die Weltfinanzpolitik betrifft, dient Davos vor allem der informellen Vernetzung und damit zweifellos der Verfestigung bestehender Herrschaftsstrukturen", monierte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin schon 2010.

Tatsächlich ist offen, ob all die hehren Ziele und gut gemeinten Forderungen jenseits der Schweizer Berge auch umgesetzt werden. Wer erinnert sich schon an die wutschnaubende Eröffnungsrede Sarkozys beim letzten Gipfel ("Der Beruf des Bankiers ist es nicht, Spekulant zu sein.")? Oder an den Vorschlag Angela Merkels 2009, einen Weltwirtschaftsrat einzurichten?

Der Geist von Davos muss häufig in den Schweizer Bergen bleiben. Prall gefüllte Adressbücher dürfen grundsätzlich mit nach Hause.

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frubi 25.01.2011
1. .
Zitat von sysop2500 Staatenlenker, Konzernbosse,*Intellektuelle - in Davos*trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsgipfel. Die Zusammenkunft in dem*Schweizer Nobel-Skiort soll "die Welt verbessern", versprechen die Organisatoren*- doch*viele Teilnehmer verfolgen egoistische Ziele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740834,00.html
Eine Schauveranstaltung die medial derart aufgeblasen wird, so dass der Pöbel denkt, die würden dort etwas wichtiges oder nachhaltiges entscheiden. Ein übergroßer Sektempfang an dem sich Poltiker normalerweise nicht beteiligen sollten. Oder vieleicht sondieren die Politiker einfach den Arbeitsmarkt für zukünftige Jobs. Ackermann und Co. werden eventuell nachsehen, wen man sich demnächst in den Aufsichtsrat holt oder als Berater an die Seite stellt.
MentalWorks 25.01.2011
2. Es ist...
Zitat von sysop2500 Staatenlenker, Konzernbosse,*Intellektuelle - in Davos*trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsgipfel. Die Zusammenkunft in dem*Schweizer Nobel-Skiort soll "die Welt verbessern", versprechen die Organisatoren*- doch*viele Teilnehmer verfolgen egoistische Ziele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740834,00.html
Es ist nur noch lächelich dieses WEF. Man möchte die Welt verbessern, na ja dann muss man sagen haben sie in den letzten 4 Jahrzehnten so gut wie gar nichts auf die Reihe bekommen. Die Welt zu verbessern hat noch nie zu Ihren Zielen gehört, man nennt sich selbst schon ganz arrogant die "Superklasse" wie wir in einem Artikel des Economist nachlesen können. http://www.economist.com/node/17928993 Wenn denn all diese Menschen solch große Wohltäter sind, weshalb müssen sie sich dann von einem riesigen Aufgebot an Militär und Polizei beschützen lassen? Weshalb werden Lufträume deswegen gesperrt. Diese Menschen wissen ganz genau, dass der Planet ohne sie besser dran wäre....
rosarinimara 25.01.2011
3. .
Ich unterstelle einfach, dass die meisten Teilnehmer in erster Linie ans Skifahren denken.
Quagmyre 25.01.2011
4. Superklasse
Zitat von sysop2500 Staatenlenker, Konzernbosse,*Intellektuelle - in Davos*trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsgipfel. Die Zusammenkunft in dem*Schweizer Nobel-Skiort soll "die Welt verbessern", versprechen die Organisatoren*- doch*viele Teilnehmer verfolgen egoistische Ziele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740834,00.html
Das einzige, was diese "Superklasse" sich dort überlegen dürfte ist, wie man neue Märkte generiert (notfalls mit der Angst der Menschen, wie z. B. Klimakatastrophe) und wie man sich selbst durch optimale Ausbeutung der Normalmenschen bereichert. Wer glaubt, dass dort altruistische Ziele verfolgt werden, ist ein Träumer.
Hottrod, 25.01.2011
5. *rofl*
Zitat von sysop2500 Staatenlenker, Konzernbosse,*Intellektuelle - in Davos*trifft sich die globale Elite zum Weltwirtschaftsgipfel. Die Zusammenkunft in dem*Schweizer Nobel-Skiort soll "die Welt verbessern", versprechen die Organisatoren*- doch*viele Teilnehmer verfolgen egoistische Ziele. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740834,00.html
Die Welt verbessern? Das ich nicht lache! Wenn sie wirklich die Welt verbessern wollen würden, dann hätten sie sich schon längst abgeschaft, diese "Staatenlenker" und "Konzernbosse". Solange in dieser Kaste nicht der Hauch der Ehrhaftigkeit, des Anstandes und des Respekts weht, solange dort nur Lüg, Betrug und Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit herrscht, solange wird sich bei so einem Treffen nie etwas verbessern (außer in den Geldbörsen der Anwesenden). Der Egoismus und die Kelinstaaterei wird durch solche Treffen doch nur angeheizt. Diese Menschen dieser "Superkaste" können doch gar nicht über ihren Tellerrand hinaus blicken. Wie sollen die irgendetwas verändern können?
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