Studie Wer von der Globalisierung profitiert - und wer nicht

US-Präsident Trump macht Stimmung gegen die Globalisierung. Auch hierzulande bereitet sie vielen Deutschen zunehmend Sorgen. Eine Studie zeigt jedoch: Vom vernetzten Weltmarkt profitieren vor allem die Industrieländer.

Containerschiff
REUTERS

Containerschiff


In den USA regiert ein protektionistischer Präsident, der Produkte von Amerikas wichtigsten Handelspartnern mit Zöllen belegt. Und in den EU und China reagieren Politiker mit Gegenmaßnahmen - die Antiglobalisierungsstimmung wird weltweit immer stärker spürbar. Zwischen den drei großen Handelsmächten droht ein Handelskrieg. Experten erwarten deshalb mit Spannung, wie ihre Gespräche beim G7-Treffen in Kanada an diesem Wochenende verlaufen werden.

Hinter dem zunehmenden Protektionismus steckt häufig die Annahme, dass die Globalisierung vor allem Verlierer produziert.

Der aktuelle Globalisierungsreport der Bertelsmann Stiftung zeigt nun aber, dass die Gewinner der Globalisierung häufig dort zu Hause sind, wo die Globalisierungskritik am lautesten ist: in den Industrieländern.

Der Untersuchung zufolge gehört zum Beispiel Deutschland zu den zehn Ländern, die am stärksten von der zunehmenden Globalisierung profitieren. Die Bundesrepublik liegt im Globalisierungsranking demnach auf Platz 6. Hierzulande hat sich das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner, also die Wirtschaftsleistung pro Kopf unabhängig von Preisschwankungen, zwischen 1990 und 2016 infolge einer voranschreitenden Globalisierung jährlich um rund 1150 Euro erhöht.

Plätze 1 bis 42 der Rangliste

Rang Land Einkommensgewinn (*)
1 Schweiz 1913 €
2 Japan 1502 €
3 Finnland 1410 €
4 Irland 1261 €
5 Israel 1157 €
6 Deutschland 1151 €
7 Dänemark 1150 €
8 Niederlande 1080 €
9 Slowenien 953 €
10 Südkorea 908 €
11 Österreich 904 €
12 Griechenland 894 €
13 Portugal 819 €
14 Schweden 793 €
15 Italien 778 €
16 Australien 768 €
17 Kanada 752 €
18 Frankreich 659 €
19 Belgien 624 €
20 Großbritannien 548 €
21 Neuseeland 543 €
22 Ungarn 534 €
23 Spanien 530 €
24 Estland 471 €
25 USA 445 €
26 Chile 403 €
27 Slowakei 387 €
28 Polen 350 €
29 Lettland 320 €
30 Litauen 318 €
31 Tschechien 289 €
32 Türkei 257 €
33 Norwegen 254 €
34 Rumänien 188 €
35 Südafrika 186 €
36 Bulgarien 166 €
37 Brasilien 124 €
38 Mexiko 122 €
39 Russland 116 €
40 Argentinien 110 €
41 China 79 €
42 Indien 22 €

(*) real, zu Preisen des Jahres 2000; gerundete Werte
Quelle: Prognos 2018, Bertelsmann-Stiftung

Insgesamt summieren sich die BIP-Zuwächse pro Kopf in Deutschland auf 30.910 Euro. Ohne die Globalisierung hätte die Wirtschaftsleistung pro Kopf nur einen Wert von 29.640 Euro erreicht. Das reale BIP pro Kopf war im Jahr 2016 also um rund 1270 Euro höher als ohne weltweite Vernetzung. "Wir sehen anhand der Daten, dass uns die Globalisierung, gerade in Deutschland, deutliche Wohlstandsgewinne beschert", sagt Cora Jungbluth von der Bertelsmann-Stiftung.

Für ihre Berechnungen haben die Forscher für jedes Land einen Globalisierungsindex errechnet. Je höher der Indexwert, desto größer ist die Verflechtung dieses Landes mit den anderen Ländern dieser Welt. Steigt der Wert des Globalisierungsindex um einen Punkt, wächst das reale BIP pro Kopf um rund 0,3 Prozentpunkte. Diese Wachstumsraten zogen sie von der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung ab, um herauszufinden, welche Anteile des Wirtschaftswachstums auf die Globalisierung zurückzuführen sind.

Am stärksten profitiert laut der Untersuchung die Schweiz. Das reale BIP pro Kopf wuchs dort globalisierungsbedingt zwischen 1990 und 2016 um rund 1900 Euro pro Jahr. Denn kleine Industrienationen wie die Schweiz verfügen nur über einen kleinen Binnenmarkt und haben daher mehr Handelsaktivitäten mit dem Ausland.

In Indien sind die Globalisierungsgewinne am geringsten: Dort stieg das reale BIP pro Kopf im selben Zeitraum nur um durchschnittlich 20 Euro pro Jahr. Auch China (80 Euro pro Jahr) verzeichnet nur unterdurchschnittliche Zuwächse.

Der Grund für das niedrige Wachstum: In China und Indien gab es zum Start der Messung im Jahr 1990 ein viel niedrigeres Ausgangsniveau des BIP, die absoluten Zuwächse sind deshalb viel geringer als in den Industriestaaten.

Die Globalisierungsgewinne sind demnach extrem ungleich verteilt. Schwellenländer können den Abstand zu den Industriestaaten kaum aufholen, die Globalisierung öffnet die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter.

Die Bertelsmann-Stiftung kritisiert die ungleiche Verteilung der Globalisierungsgewinne zwischen den Staaten. "Wir müssen eine internationale Wirtschaftsordnung fördern, die nicht auf das Recht des Stärkeren, sondern auf gemeinsame, verbindliche Regeln setzt", sagt Jungbluth. Dazu gehörten Marktöffnungen in Schwellenländern und der Subventionsabbau in Industrieländern.

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insgesamt 197 Beiträge
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spon-facebook-1675520636 08.06.2018
1. Die Spaltung ist das Problem.
Auch in den Gewinnerländern gibt es Verlierer und dieser Anteil sorgt dafür, dass auch die, die noch gewinnen Angst haben. Es muss also endlich wieder über mehr soziale Sicherheit und weniger Ungleichheit diskutiert werden. Und zwar auch und vorallem im Interesse der Bessergestellten, denn die haben viel mehr zu verlieren.
gottseidank.de 08.06.2018
2. Fragwürdige Studie
Es ist doch logisch dass die Globalisierung den Industriestaaten in die Hände spielt, dafür braucht man keinen teure Studie in Auftrag geben. Das Problem ist, dass die Früchte der horrenden Gewinne, die eingefahren werden, unter den „oberen Zehnfausend“ verteilt werden. Unten kommt einfach nichts an. Das sorgt für Unmut!
Ijob 08.06.2018
3. Wer profitiert genau?
"Deutschland profitiert an der Globalisierung" , wer profitiert denn genau wenn man das mal auf Personen runterbricht? Dann stellt man wohl fest, dass das die Aktionäre und Unternehmer sind und nicht die vielzitierte Krankenschwester oder andere Angestellte. Wenn 10% der Deutschen über die Hälfte des Kapitals verfügen, dann kann ich nicht erkennen wo ich profitiere, bei mir heißt es nämlich, mein indischer Kollege verdient nur ein Viertel und deswegen sind Gehaltserhöhungen nur in homöpatischen Dosen möglich, in Prozent sind das etwa 0.5% pro Jahr in den letzten 10 Jahren. Deutschland hat sich innerhalb der Industireländer zum Billiglohnland entwickelt und von den sprudelnden Steuereinnahmen bekommt der Arbeitnehmer auch nichts zurück, das versickert dann irgendwo.
lordofaiur 08.06.2018
4. Studie
Es kommt halt immer darauf an wer als Individuum von der Globalisiserung profitiert, das ist mir zu abstrakt. Die oberen 10000, die eh schon mehr als genug haben oder auch der Arbeiter in einem kleineren Unternehmen? Ich denke von dem "Boom" bekommen die allerwenigsten etwas ab. Es geht ja auch um die Reallöhne und die stagnieren ind Deutschland schon seit Jahren.
wexelweler 08.06.2018
5. Widersprüchlich
Wieso soll sich der Import in der Schweiz positiv auswirken. während in Deutschland der Export positiv sein soll? Beim Normalbürger kommen diese Gewinne jedenfalls nicht an, oder verdampfen gleich wieder bei den Steuern.
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