Von Bergbau bis Mittelstand Widerspruch Westfalen

Die Unterschiede innerhalb Westfalens sind sehr groß, zeigt eine Studie. Das Ruhrgebiet leidet unter hoher Arbeitslosigkeit, Familienbetriebe auf dem Land unter Fachkräftemangel.

imago/Hans Blossey

Von


Westfalen ist heterogen wie kaum eine andere Region in Deutschland: Münster mit mehr als 60.000 Studierenden, Ostwestfalen mit seinem international erfolgreichen Mittelstand und Teile des Ruhrgebiets, die nach einer Zukunft nach der Kohle und dem Stahl suchen. Die einzelnen Regionen haben wenig gemeinsam, was ihre Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur angeht. Eine Studie, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit Förderung durch die Initiative Westfalen und den Landschaftsverband Westfalen-Lippe erstellt hat, zeigt: Wirtschafts-geografische Faustregeln, die für den Rest der Republik gelten, stimmen hier oft nicht.

Mehr als acht Millionen Menschen leben in der nordöstlichen Hälfte des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Allein in den zehn größten Städten Westfalens - angefangen mit Dortmund, Bochum und Bielefeld - leben zusammen mehr als 2,5 Millionen Einwohner. Während im Rest der Republik jedoch die Ballungszentren wachsen und ländliche Gebiete ihre Bewohner verlieren, lässt sich in Westfalen eher das Gegenteil beobachten.

Im Ruhrgebiet, dem größten Ballungsraum Deutschlands, kämpfen Kreise wie Recklinghausen, Bottrop und Gelsenkirchen mit einem Einwohnerrückgang, Altersdurchschnitten von über 45 Jahren und einer niedrigen Wirtschaftsleistung. Es fehlt an Jobs, die das Ableben der Kohle- und Stahlindustrie ausgleichen; auch das dichte Netz an Bildungs- und Kultureinrichtungen konnte den Strukturwandel bisher nicht kompensieren.

Westfalen - Region der Gegensätze


In den meisten ländlichen Kreisen Westfalens hingegen liegen laut der Studie die Arbeitslosenzahlen deutlich darunter, in Borken und Coesfeld etwa herrscht mit unter vier Prozent praktisch Vollbeschäftigung. Mittelständische Industrieunternehmen binden hier Mitarbeiter, die das Durchschnittsalter senken und die Wirtschaftskraft der Regionen stärken.

Dem Mittelstand steht ein Umbruch bevor

Was Beschäftigung und Wirtschaftskraft angeht, stehen also die mittelständisch geprägten Landstriche im Schnitt deutlich besser da, als jene mit Bergbau-Vergangenheit - das könnte sich jedoch ändern. Denn während im Ruhrgebiet bereits drei von vier Beschäftigten im Dienstleistungssektor arbeiten und sich der Ballungsraum von der Schwerindustrie zur Dienstleistungsregion wandelt, steht dem westfälischen Mittelstand in den Regionen Münsterland, Ostwestfalen-Lippe und Südwestfalen ein Umbruch noch bevor.

Kaum andere Unternehmen sind so sehr von der Digitalisierung betroffen, wie industriell produzierende Familienbetriebe mit internationaler Konkurrenz. Um den digitalen Wandel zu meistern, benötigen die Mittelständler immer häufiger spezialisierte Fachkräfte aus der IT-Branche, die auf dem Land schwer zu finden sind.

Fotostrecke

7  Bilder
Westfalen: Ruhrgebiet, Münsterland, Mittelstand und Zechen

Die Studie zeigt, wie sich die Wirtschaftskraft, die Arbeitslosigkeit, das Bevölkerungswachstum und die Altersstruktur in den einzelnen Kreisen unterscheiden - und wo die meisten Angestellten Gefahr laufen, ihren Job durch die Digitalisierung zu verlieren. Ein Überblick.

Bevölkerungswachstum

Heute leben etwa 17 Prozent mehr Menschen in Münster als noch im Jahr 2000. Auch die Kreise Paderborn und Gütersloh mit Firmen wie Miele und Mestemacher wuchsen in diesem Zeitraum um bis zu zehn Prozent.

Im westfälischen Ruhrgebiet hingegen blieb einzig in Dortmund die Bevölkerungszahl stabil. Die meisten Kreise dort verloren in der gleichen Zeit an Einwohnern, teilweise mehr als fünf Prozent.

Durchschnittsalter

In Westfalen ist die Altersverteilung weniger eindeutig, als in anderen Teilen Deutschlands, wo vor allem die Landbevölkerung gealtert ist und junge Menschen in größere Städte ziehen.

Die Bewohner der Ballungsgebiete entlang der Ruhr sind im Schnitt älter, als die vieler ländlicher Gebiete. Den jüngsten Altersschnitt in Westfalen verbuchen Münster und Paderborn mit ihren Universitäten.

Wirtschaftskraft

Das Ende des Bergbaus wirkt sich bis heute auf die Wirtschaftskraft im Ruhrgebiet aus. In Bottrop erwirtschaftet ein Einwohner durchschnittlich etwas mehr als 20.000 Euro pro Jahr. Das ist deutschlandweit der niedrigste Wert unter allen kreisfreien Städten. Münster befindet sich mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 54.000 Euro pro Jahr und Einwohner am anderen Ende der Skala.

Arbeitslosigkeit

Im Jahr 2016 lag die Arbeitslosigkeit in Gelsenkirchen bei fast 15 Prozent - die schlechteste Quote aller deutschen Kreise und kreisfreien Städte. Auch andere Teile des Ruhrgebiets erreichten Quoten von über zehn Prozent. In den meisten Kreisen Westfalens liegt der Durchschnitt hingegen zwischen vier und sechs Prozent.

Digitalisierung

Insbesondere in Südwestfalen dürfte die Digitalisierung den Arbeitsmarkt stark verändern. Laut einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sind hier landesweit die meisten Jobs gefährdet - über 22 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wären betroffen, so die Studie des Berlin-Instituts.

Mehr zum Thema


insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
goethestrasse 03.07.2018
1.
Die Rahmenbedingungen für kleine Betriebe werden immer schwieriger. Stichwort Bürokratie und Dokumentationspflicht. Viele haben keine Lust mehr und sehnen das Ende herbei. Mangelnde Leistungsbereitschaft und Lebensqualität tun ihr übriges. Wer sein Schäfchen im Trockenen hat, lässt sich nichr mehe endlos drangsalieren und verkauft sogar an die Chinesen.
muellerthomas 03.07.2018
2.
Bei der Arbeitslosigkeit sollte man sich die Details ansehen. Auch Essen und Dortmund etwa weisen grundsätzlich hohe Arbeitslosenquoten auf, das ist aber fast ausschließlich auf eine hohe SGB II Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Es gibt hier also aus verschiedenen Gründen viele (wenig mobile) Langzeitarbeitslose, die vermutlich dauerhaft ohne Perspektive bleiben. Die SGB III Arbeitslosigkeit (also nicht Hartz IV) ist ähnlich niedrig wie in den anderen deutschen Großstädten auch.
bristolbay 03.07.2018
3. Ehrlichkeit gehört auch in eine Studie
Hauptübel all dieser Entwicklungen im Ruhrgebiet ist gemeinsam die SPD und ihre Hausmacht die Gewerkschaften, gepaart mit einem Schuß wirtschaftlicher Nostalgie. Das "Herz der Sozialdemokratie" wurde seit Kriegsende gepinselt und gepudert. Ein vernünftiger Strukturwandel niemals durchgeführt. In allen entscheidenden Gremien saßen die Erbprinzen mit dem roten Parteibuch. Hat jemand schon einmal eine Kosten-Nutzen-Analyse all der gewaltigen Subventionen gemacht. Während die "Subventionen" aus dem Lander-Finanzausgleich in Bayern zukunftsorientiert angelegt wurden, hat man im Pott nur alimentiert. Im Gegensatz hierzu die wirtschaftliche Entwicklung all der Gebiete rund um den Pott. Innovationen und die Visionen all der Inhabergeführten Familienbetriebe sind Zeugnis einer anderen Politik. Selbst der Niedergang ganzer Industriezweige, Textil im Münsterland oder Möbel in Ostwestfalen-Lippe wurden erfolgreich kompensiert. Bestes Beispiel für diese Entwicklung ist der Kreis Lippe mit Blomberg. Die Pleite des Möbelriesen Schieder wurde durch die Innovationen aus dem Firma Phoenix mehr als kompensiert, wo früher Möbel zusammengebaut wurden, steht heute die E-Mobilität für die Arbeitsplätze. Zum Dank für all diese Erfolge im ländlichen Westfalen wird im Pott für die Streamingdienst der H4-ler digitalisiert und hier stehen die Unternehmen auf dem Schlauch. Es zeigt sich überall deutlich, dass die Politik in Düsseldorf auch heute noch diese Regionen unterschätzt, obwohl gerade für die CDU dort die Stimmen gewonnen werden. Gibt es aber eine Einweihung eines neuen Betriebes oder ein großes Unternehmensjubiläum, dann sonnen sich die Politiker jeglich Coloer hier im Licht der Sonne. Nichts als Verlogenheit,
dunham 03.07.2018
4. Wenn Sie das für Fachkräftemangel halten...
...dann denken Sie mal zehn Jahre weiter. Dann gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente oder scheiden wegen Krankheit aus und die Zuwanderung kann das Problem nach bisherigem Wissen auch nicht lösen. Vielleicht sollte man der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland abhelfen und von dort junge Leute nach Deutschland einladen. Ich denke, der Anteil an Geeigneten ist dort recht hoch. DH
Putsche 03.07.2018
5. Essen liegt nicht in Westfalen
Das Weltkulturerbe Zollverein ist in Essen und Essen liegt nicht in Westfalen, Die Bilder sollten überarbeitet werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.