Folgen der Geldschwemme: Die Zinsen schwinden, die Utopie beginnt

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Islamische Rechtsgelehrte und linke Freigeld-Verfechter - sie alle träumen von einer Welt ohne Zinsen. Die Ideen der Kapitalismuskritiker erleben jetzt ihren Praxistest. Denn in den meisten Industriestaaten haben die Notenbanken die Zinsen faktisch abgeschafft.

Zahlen mit der Regionalwährung "Chiemgauer": Keine Zinsen gibt's jetzt auch beim Euro Zur Großansicht
Wolfgang Maria Weber

Zahlen mit der Regionalwährung "Chiemgauer": Keine Zinsen gibt's jetzt auch beim Euro

Hamburg - Der Feind heißt Zins. Seit vielen Jahrhunderten schon erscheint es vielen Religionsführern, Philosophen und Ökonomen als große Ungerechtigkeit, dass sich mit dem Verleihen von Geld neues Geld verdienen lässt. Einfach so, ohne Arbeit und ohne unternehmerisches Risiko.

Im Islam herrscht deshalb noch heute ein Zinsverbot, wie es auch die katholische Kirche bis ins 18. Jahrhundert hinein kannte. Für Karl Marx war der Zins ein Teil des Mehrwerts, den sich der Kapitalist ungerechtfertigt aneignet. Und mit der Freigeldtheorie gibt es eine ganze Wirtschaftsordnung, die ohne Zinsen auskommen soll und gerade in Deutschland viele Anhänger hat.

All diese Bewegungen eint ein Gedanke: Wenn sich durch das Verleihen von Geld kein anstrengungsloser Wohlstand mehr erwirtschaften lässt. Wenn es Rendite nur noch gegen Beteiligung am Risiko gibt. Dann wird diese Welt ein gerechterer Ort sein.

Nun, wir erleben gerade den Praxistest.

Die beiden größten Wirtschaftsblöcke der kapitalistischen Welt haben die Zinsen faktisch abgeschafft. Mit Geldanlagen, die als risikolos gelten - etwa mit Sparbüchern oder Staatsanleihen der besten Bonitätsstufe - lässt sich in den USA und der EU keine reale Rendite mehr erzielen. Die Zinsen von Bundesanleihen bleiben hinter den knapp zwei Prozent Inflation zurück, die in der Euro-Zone herrschen.

Auch die Zinsen für Hypothekenkredite sind in Deutschland mittlerweile auf gut zwei Prozent gefallen - erstklassige Bonität wiederum vorausgesetzt. Wer ein Haus in guter Lage kaufen will, genug Eigenkapital mitbringt, ein regelmäßiges Einkommen und keinen Schufa-Eintrag besitzt, kann sich Geld zu einem Realzins (das ist der nominal erhobene Zinssatz abzüglich der Inflationsrate) von nahezu null leihen.

Natürlich ist diese Situation nicht entstanden, weil irgendjemand die Welt zu einem gerechteren Ort machen wollte. Sondern weil die Notenbanken rund um den Globus seit der Finanzkrise alles tun, um die Zinsen niedrig zu halten und auf diese Weise das lahmende Wachstum in den meisten Industriestaaten wieder ankurbeln wollen. Doch tatsächlich erschaffen die Notenbanken damit eine Welt, die den Utopien der Zinskritiker ziemlich ähnlich sieht.

  • Zu den Säulen der islamischen Wirtschaftslehre gehört: Wer Geld verleiht, muss mit ins Risiko. Er kann seinen Anteil an den Gewinnen einfordern, die ein Unternehmen mit dem geliehenen Geld erwirtschaftet. Aber er muss auch bereit sein, die Verluste mitzutragen. Faktisch, wenn auch nicht immer islamkonform, passiert genau das: Reale Rendite lässt sich nur noch mit Anlagen erwirtschaften, bei denen ein erhebliches Risiko besteht, sein Geld ganz oder teilweise zu verlieren. Bei Aktien zum Beispiel, deren Kurse steigen, aber eben auch fallen können. Oder indem man sein Geld an Schuldner wie Griechenland verleiht, die es möglicherweise nicht zurückzahlen können.
  • Der Sozialreformer Silvio Gesell hat um 1900 sogar ein komplettes alternatives Wirtschaftssystem entworfen, das ohne Zinsen auskommen sollte. Mehr noch: Gehortetes Geld sollte ständig an Wert verlieren. Eine Forderung, die heute jedes deutsche Sparbuch erfüllt. Durch den Zwang zum Ausgeben wollte Gesell den Kapitalismus gerechter machen und Krisen verhindern. Gesells Geist lebt fort in den vielen Regionalwährungen, die gerade in Deutschland viele Fans besitzen.

Akut vom Aussterben bedroht ist der reiche Nichtstuer

Und? Bringt's was? Machen Minuszinsen die Welt wirklich gerechter?

Akut vom Aussterben bedroht ist zumindest die Gattung des Rentiers: des reichen Nichtstuers, der ausschließlich von den Erträgen seines sicher angelegten Vermögens lebt und seine Zeit damit verbringt, im Morgenmantel fette Fleischgerichte zu verzehren und jungen Dienstmädchen nachzustellen. So zumindest die bevorzugte Zeichnung des Rentiers im französischen Roman des 19. Jahrhunderts.

Wer aus Geld künftig mehr Geld machen will, muss klug investieren, muss den schnöden Mammon mit Arbeit und Grips kombinieren. Zum Beispiel, indem er das Geld in sorgfältig ausgewählte Unternehmen investiert oder am besten gleich selbst eines gründet. Wird die Welt dadurch gerechter? Im Prinzip ja. Die klugen und fleißigen unter den Reichen werden belohnt, die faulen und Dummen bestraft.

Doch auch unter den hart arbeitenden Normalbürgern gibt es schlichte Gemüter, die einfach nur Monat für Monat ein bisschen Erspartes zur Seite legen wollen. Für die wird es schwieriger. Sie müssen auf einmal anfangen, sich für das Geschehen an den Finanzmärkten zu interessieren, wenn sie ihren Ersparnissen nicht beim allmählichen Verschwinden zusehen wollen.

Wer sich umgekehrt Geld leihen möchte, müsste es angesichts der niedrigen Zinsen eigentlich besonders einfach haben - genau so, wie es sich Gesell gewünscht hat. Doch auch hier ist die Wahrheit komplizierter: Wer erstklassige Sicherheiten vorweisen kann und das Glück hat, in einem stabilen Land zu leben, der kriegt das Geld praktisch umsonst - der deutsche Häuslebauer zum Beispiel.

Der Mittelständler in Griechenland, der seine Lieferungen vorfinanzieren muss, merkt vom Ende der Zinsen hingegen wenig. Er kommt ebenso schwer an Kapital wie vor der Geldschwemme der Zentralbanken - weil die Banken das Risiko scheuen, ihm Geld zu leihen.

Gerecht ist das ganz sicher nicht. Es sieht ganz so aus, als würden mit dem Ende der Zinsen auch die dazugehörigen Utopien entzaubert.

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1. Ist ja putzig!
Helotie 04.03.2013
ICH muß Zinsen zahlen. Utopia gilt nur für Banken, Staaten und andere Faulpelze?
2. naiv oder
Sabi 04.03.2013
Entweder sind Sie naiv oder unwissend. Zinsen sind zwar im Islam verboten, da facto gibt's sie aber und sie heißen anders. z. B. Bonus, Prämie etc. Aktuelle sind im Iran Zinsen, pardon Prämien von bis zu 25% auf Devisen-Guthaben zu erzielen ! q.e.d.
3.
tristar73 04.03.2013
Die Schlussfolgerung des Artikels irritiert mich dann doch etwas, denn eine Zinslose Wirtschaftsform wäre es nur wirklich dann, wenn auch z.b. der Griechische Häuslebauer keine Zinsen mehr zu zahlen hätte. Von einem Ende der Zinsen kann also nach wie vor keine Rede sein.
4. Ohne unternehmerisches Risiko?
zx6 04.03.2013
Im Artikel steht: "[..] dass sich mit dem Verleihen von Geld neues Geld verdienen lässt. Einfach so, ohne Arbeit und ohne unternehmerisches Risiko. Schonmal das Wort Kreditausfall gehört? Nein? Setzen, sechs.
5. Zinsverbot auch durch den Papst
jan.dark 04.03.2013
Nicht nur die Zinsen schwinden, sondern auch die Kenntnis über den christlichen Kern des Abendlandes. Bei den Christen ist es in kerneuropa seit langem Tradition, Zinsen zu verbieten. Siehe Papst Innozenz III http://de.wikipedia.org/wiki/Zinsverbot Aber man kann ja nicht alles wissen. Schliesslich reden wir ja auch immer von Kampf gegen Islamisten, wenn sich Christen in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten wie Bürgerkriege einmischen.
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