Wirtschaft

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Ingenieurmangel im öffentlichen Dienst

"Die Leute hauen uns ab"

In Berlin werden Bauingenieure speziell für den öffentlichen Dienst ausgebildet. Weil sie vielerorts fehlen, verzögern sich Milliardeninvestitionen für Schulen, Straßen oder Breitband. Der Mangel hat Gründe.

Von

Getty Images/iStockphoto

Planer auf einer Baustelle

Montag, 10.09.2018   13:21 Uhr

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Die jungen Frauen und Männer, die Deutschlands Investitionsstau auflösen sollen, sitzen in einem stickigen Seminarraum in Berlin-Lichtenberg. Vor ihnen steht Helmut Schmeitzner und redet über den 11. September 2001. Der Professor für Bauwesen wurde kürzlich mit einer Verschwörungstheorie konfrontiert. Wieder mal. Demnach konnten Flugzeuge die Twin Tower gar nicht zum Einsturz bringen, der Auslöser seien gezielte Sprengungen gewesen.

Marco Urban

Bauingenieur Schmeitzner beim Unterricht

"Das hat mich wirklich geärgert", erzählt Schmeitzner den knapp 30 Studenten. Dann skizziert er das Hochhaus, berechnet das Gewicht von Büroeinrichtungen, die Tragfähigkeit erhitzter Stahlträger, die Fallgeschwindigkeit ganzer Stockwerke. Sein Fazit: Um den Einsturz zu verhindern, hätten die Gebäudepfeiler das 25-Fache ihrer Tragkraft aufhalten müssen. "Das packt keine Stütze!"

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Schmeitzners Zuhörer sind angehende Bauingenieure, die an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) einen dualen Studiengang belegt haben. Ein exklusives Publikum, denn in Deutschland gibt es viel zu wenig Ingenieure. Student Hussein Mudallal verfolgt die Statik-Vorlesung auch aus persönlichem Interesse. "Ich würde ganz gerne mein eigenes Haus bauen", sagt er. Vorher dürfte der 26-Jährige sich noch um das ein oder andere Projekt des Bezirksamts Neukölln kümmern, wo er seine Ausbildung absolviert.

Wie Mudallal arbeitet ein Viertel der Studenten bei Berliner Behörden. Die bilden seit zwei Jahren an der Fachhochschule eigenen Nachwuchs aus - eine besonders seltene Spezies. Im öffentlichen Dienst ist der Ingenieursmangel so groß, dass er zu einem anderen Problem führt: Der Staat bleibt auf Milliarden sitzen.

Marco Urban

Student Mudallal

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Seit Jahren wird kritisiert, dass Deutschlands Infrastruktur bröckelt, weil zu wenig in Schulen, Straßen oder Breitband investiert wird. Und seit Jahren verspricht die Politik Abhilfe und legt Investitionsprogramme auf.

Doch ein Großteil der bewilligten Gelder fließt gar nicht ab - auch, weil es zu wenig Personal für Planung und Bau neuer Projekte gibt. Dieser Baustau verschärft die angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt, auf die SPD-Politiker nun sogar mit einem Verbot von Mieterhöhungen reagieren wollen.

Allein die Mitglieder des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen hätten 2017 nach eigenen Angaben etwa 428 Millionen Euro mehr verbauen können. Ein deutschlandweites Problem: Von sieben Milliarden Euro aus einem 2015 aufgelegten Sonderfonds für finanzschwache Kommunen wurde bislang weniger als eine Milliarde Euro abgerufen. Als die staatliche Förderbank KfW nach Gründen für den Investitionsstau fragte, war Personalmangel der am häufigsten genannte Grund.

"Geld ist eigentlich nicht das Problem", bestätigt Florian Schmidt. Der Baustadtrat im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg muss ständig über Investitionen entscheiden - etwa, wenn ein Dachschaden den Betrieb einer Kita bedroht. "Dann muss man das einfach machen, sonst ist das Ding weg", sagt der Grünen-Politiker. Doch einfach machen ist oft nicht drin.

imago/tagesspiegel

Baustadtrat Schmidt

Eigentlich hat Friedrichshain-Kreuzberg allein im kommenden Jahr 46 Millionen Euro zur Verfügung. Jeder Bauleiter des Bezirks kann laut Schmidt pro Jahr etwa eine Million Euro verbauen. Das Problem: Es gibt nur 33 Bauleiter.

"Die Bau- und Planungsämter haben jahrelang Stellen nicht nachbesetzt, deshalb sind die Aufgaben jetzt nicht mal mehr ansatzweise zu bewältigen", kritisiert Oliver Koppel. Beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) beobachtet er den Arbeitsmarkt für Ingenieure. "Ich weiß nicht, wie man das schaffen möchte", sagt Koppel über den staatlichen Kampf um Personal.

Das Problem hat sich über Jahre verschärft. Zwischen 2006 und 2016 schufen die Kommunen laut einer KfW-Studie zwar insgesamt gut 100.000 neue Vollzeitstellen. Im Bereich Bauen und Wohnen aber ging die Zahl der Mitarbeiter im selben Zeitraum um fast 8000 Stellen zurück.

Drastisch gespart hat etwa Nordrhein-Westfalen, wo marode Bauwerke wie die Leverkusener Rheinbrücke zum Sinnbild für den Investitionsstau wurden. "Der Personalabbau in NRW war unabhängig von der Farbe der Landesregierung", sagt Koppel. "Das haben alle gemeinsam verbockt." Jetzt sucht das Land unter dem Slogan "Möglichmacher gesucht" mehr als 100 junge Bauingenieure.

Doch Interessenten könnten schnell feststellen: Es gibt attraktivere Arbeitgeber. "Im öffentlichen Dienst starten Bauingenieure als Berufseinsteiger mit rund 38.000 Euro", sagt Koppel. "In der freien Wirtschaft verdienen sie bis zu 10.000 Euro mehr."

Gegenüber der privaten Konkurrenz zieht der Staat deshalb oft den Kürzeren. "Die Leute hauen uns ab", klagt Baustadtrat Schmidt. Dabei gebe es im öffentlichen Dienst auch Vorteile wie geregelte Arbeitszeiten. Doch laut IW-Experte Koppel ist die Belastung auch im öffentlichen Dienst inzwischen sehr hoch. "Da ist nichts mit ruhiger Kugel schieben, viele Ingenieure machen Überstunden."

DPA

Sanierungsobjekt Leverkusener Brücke (Archivbild)

Wie anspruchsvoll der Beruf ist, lässt sich erahnen, als Schmeitzner mit seinen Studenten die Berechnung sogenannter Zugspannungen übt. "Im Spannbetonbau macht man das ganz intensiv", erklärt der Professor. Aus Spannbeton war auch die Autobahnbrücke, bei deren Einsturz in Genua Mitte August 43 Menschen ums Leben kamen. Das Unglück hat verdeutlicht, dass Investitionsmangel auch zum Sicherheitsrisiko werden kann.

Ingenieure bräuchte der Staat auch, um der vielerorts wachsenden Wohnungsnot entgegenzuwirken. HWR-Studentin Anna-Maria Kölbl kennt das Problem aus Friedrichshain-Kreuzberg, wo sie ihre Ausbildung macht. Neubauten seien dort oft keine Option, sagt die 29-Jährige, "die Flächen sind bei uns gar nicht gegeben". Stattdessen geht es darum, die sogenannte Nachverdichtung halbwegs menschenfreundlich zu gestalten.

Marco Urban

Studentin Kölbl

Baustadtrat Schmidt konnte mittlerweile immerhin Mittel für fünf zusätzliche Bauleiter auftreiben. Außerdem will er erreichen, dass Ingenieure leichter in höhere Tarifgruppen eingestuft werden. Nach Ansicht von Koppel ein sinnvoller Ansatz: "Der öffentliche Dienst bezahlt immer noch stark nach dem formalen Abschluss." Dabei seien die Absolventen von Fachhochschulen wie der HWR "nicht per se schlechter qualifiziert".

Bayern entlohnt Bauingenieure schon heute besser als andere Länder, der Unterschied beträgt Koppel zufolge in der Regel eine Gehaltsstufe. Neben Hessen war der Freistaat zudem das einzige Bundesland, das gegen den Trend neue Stellen schuf. Da verwundert es nicht, dass Bayern in der Vergangenheit zusätzliche Mittel verbaute, die andere Länder nicht abrufen konnten.

Die vielerorts lahme Bürokratie verprellt auch potenzielle Baustauhelfer. HWR-Student Marcel Fabian hat früher bei öffentlichen Wasserbetrieben gearbeitet, macht seine Ausbildung aber jetzt beim privaten Baukonzern Strabag. "Öffentliche Unternehmen haben einfach zu viele Entscheidungsgremien", sagt er. Durch die langen Entscheidungswege werde jungen Menschen "der Wind aus den Segeln genommen".

Marco Urban

Student Fabian

Die begrenzte Attraktivität des öffentlichen Dienstes spürt man auch an der HWR: Seit 2016 bilden Berliner Behörden dort eigenen Ingenieursnachwuchs aus, doch bislang konnten sie noch nie alle vorhandenen Plätze besetzen.

Studiengangsleiter Schmeitzner ist optimistisch, dass sich dies ändert. Doch auch er fordert mehr Anstrengungen. "Ich glaube, die öffentliche Verwaltung täte gut daran, ihr Image zu verbessern", sagt der Professor, der seine Vorlesung mit einer gehörigen Portion Berliner Schnauze würzt. Immerhin könnten Ingenieure die Stadt der Zukunft gestalten. Die Botschaft müsse lauten: "Ihr habt eure Finger im Brei!"

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