Hausangestellte in Entwicklungsländern: Wir Sklavenhalter

Von , Islamabad

Die Reichen leben auf Kosten der Armen: In Entwicklungsländern erleichtern Koch, Fahrer und Kindermädchen den Wohlhabenden den Alltag. Trotz der Hungerlöhne sind es begehrte Jobs. Für westliche Ausländer eine Gewissensfrage: Machen wir da mit?

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Arbeitskraft in Pakistan: "Nenn' mich doch bitte nicht Sir"

Wir wollten keine Hausangestellten. Wir fanden die Vorstellung befremdlich, jemanden in der Wohnung zu haben, der einem die Sachen hinterher trägt. Der wenig Geld dafür bekommt, für uns zu kochen, zu putzen, den Haushalt zu machen. Und der auch noch "Sir" und "Madam" zu uns sagt. Wir wollten keine Diener.

Aber kaum waren wir in Pakistan angekommen und in unser Haus in Islamabad eingezogen, standen sie draußen Schlange.

"Haben Sie einen Job, Sir?", fragte die Frau mit dem Reisigbesen. Sie drängte an mir vorbei, schwang im Wohnzimmer ihr Arbeitsgerät und fragte anschließend durch die Staubwolke: "Und?" Sie erwartete, dass wir sie für ihre Putzleistung loben und sie sofort einstellen. Ich sagte: "Wir melden uns." Ein paar Tage später sagte ich ihr ab.

Von westlichen Freunden hörten wir, wie angenehm es sei, einen Koch, eine Haushälterin zu haben. Pakistanische Freunde erklärten uns, dass wir doch auch eine Verpflichtung hätten, Arbeitsplätze zu schaffen.

Mindestlohn von gut 70 Euro im Monat

Seit drei Jahren nun arbeitet Arshad bei uns. Er ist irgendwo in den Dreißigern, so genau weiß er das selbst nicht. Um die Schulpflicht schert sich in diesem Teil der Welt kein Mensch, eine Rente gibt es nicht, warum also sollte das Alter von Belang sein. Arshad hat mal beim Club der Vereinten Nationen in Islamabad gearbeitet, bis der wegen des zunehmenden Terrors schloss. Wir profitieren davon, dass er dort gelernt hat, sowohl Currys als auch westliche Gerichte zu kochen.

In Pakistan verdienen viele Millionen Menschen ihr Geld als Hausangestellte: als Koch, Haushälter, Gärtner, Fahrer, Kindermädchen, Wachmann, als Junge beziehungsweise Mädchen für alles. Der Mindestlohn liegt bei umgerechnet gut 70 Euro im Monat, Gewerkschaften haben vor ein paar Wochen eine Erhöhung durchgesetzt. In der Realität bekommen viele aber nicht einmal die Hälfte, weil ihre Arbeitgeber die Kosten für Verpflegung und Unterkunft abziehen. Die meisten Hausangestellten leben bei ihrem Arbeitgeber, in einem kargen Hinterzimmer. Fast jedes Haus hat ein "servant's quarter".

Arshad bekommt mehr als das Doppelte, das Kindermädchen ebenso. Es reicht, um die Familien zu ernähren. Die beiden wohnen nicht bei uns, sie kommen morgens und gehen am Nachmittag. Hier arbeiten außerdem noch ein Chowkidar, was in Südasien so etwas wie ein Hausmeister ist, und ein Gärtner. Die beiden sind allerdings beim Hauseigentümer angestellt. Sie sagen, er zahle nur den Mindestlohn, weshalb wir ihr Gehalt aufstocken.

Man muss lernen, Hierarchien zu akzeptieren

Man kann es so sehen: Sie haben eine Arbeit und verdienen für pakistanische Verhältnisse ganz ordentlich, in einem Land, in dem nach Angaben der Weltbank mehr als 100 Millionen Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen. Das ist bald jeder zweite Einwohner. Sie haben einen Job, obwohl sie keine reguläre Ausbildung haben. Arshad kann nicht einmal lesen und schreiben. Ich habe ihm oft angeboten, ihm den Unterricht zu finanzieren, aber er will es nicht. Ich kann ihn nicht zum Lernen zwingen, er ist ein erwachsener Mann. "Ich bin doch auch so immer gut durchs Leben gekommen, Sir", sagt er.

Immer dieses "Sir". Ich habe es ihm in all den Jahren nicht ausreden können.

"Nenn' mich doch bitte nicht Sir."

"Okay, Sir."

Er liebt diese Anrede so sehr, dass er sogar zu meiner Frau "Sir" sagt.

In Urdu gibt es auch die Höflichkeitsform. Ich duze ihn, er siezt mich. Freunde haben ihre Hausangestellten mal aufgefordert, dass sie sich gegenseitig duzen. Die Mitarbeiter haben das nicht verstanden. Die Ikea-Mentalität passt nicht nach Südasien. Irgendwann fingen sie an, ungefragt Freunde ins Haus ihrer Arbeitgeber einzuladen und ihre Verwandten mit Lebensmitteln aus dem Kühlschrank zu versorgen.

Wenn ich Arshad sieze, bereitet ihm das Unbehagen. Er denkt dann, ich wäre sauer auf ihn.

Man muss sich an die Hierarchien gewöhnen. Wenn man oben steht, fällt es natürlich leicht, zum Beispiel, wenn es um Punkt zehn Uhr an der Bürotür klopft und jemand fragt: "Tea, Sir?" Wenn man nicht kochen, nicht putzen, keine Wäsche waschen muss. Wie lange habe ich schon kein Hemd mehr gebügelt? Der Garten ist groß und doch immer gepflegt. Das Auto glänzt immer. Und wenn keine Zeit für Einkäufe ist, wird selbst das erledigt. Es ist schon ein angenehmes Leben.

Arshad sagt: "Ich liebe meine Arbeit. Ich gehöre doch fast schon zur Familie."

Seine Loyalität ist groß, unfassbar groß. Neulich kam er eine halbe Stunde zu spät. Er hatte rotgeweinte Augen und war nur gekommen, um zu fragen, ob er wieder nach Hause gehen dürfe. "Meine Mutter ist heute Nacht gestorben."

Kein Arbeitsvertrag, keine Sozialversicherung

Für die Angestellten ist das Leben alles andere als angenehm. Der Hausmeister zum Beispiel sieht seine Familie nur alle paar Wochen. Seine Frau und die fünf Kinder leben in Kaschmir, etwa sechs Autostunden von Islamabad entfernt, in einer Lehmhütte kleiner als unser Wohnzimmer. Er selbst wohnt direkt neben unserem Haus in einer Art Garage, die ihm unser Vermieter zur Verfügung gestellt hat. Was ist das für ein Leben? Für nicht einmal 100 Euro im Monat?

Die meisten Hausangestellten haben keinen Arbeitsvertrag. Es gibt keine Altersabsicherung, keinen Kündigungsschutz, keine Krankenversicherung. Der Staat versagt auf ganzer Breite. Und die Gesellschaft versagt, weil sie diese Ordnung als gottgegeben hinnimmt. Tun wir zu wenig dagegen? Wenn Arshad oder jemand aus seiner Familie zum Arzt muss, bezahlen wir die Rechnung. Aber was, wenn jemand schwer erkrankt und eine mehrere tausend Euro teure Behandlung braucht? In den meisten Fällen bedeutet für diese Menschen eine Krankheit wie Krebs das sichere Todesurteil. Wer kann sich schon eine Chemotherapie oder eine Operation leisten?

Kürzlich starb in der Nachbarschaft ein Kind an einer Blinddarmentzündung. Die Eltern - sie Haushälterin, er Fahrer - hatten gerade ihre Jobs verloren und deshalb kein Geld für einen Arzt. Wir haben erst nach dem Tod des Jungen davon erfahren. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Die Menschen hier sagen: Es war Gottes Wille. Religion hilft offenbar, das Unerträgliche zu ertragen.

Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter. Man hat die Armut, das niedrige Lohnniveau ständig vor Augen und profitiert auch noch davon. Anders als in Deutschland, wo man so leicht verdrängen kann, dass das Mobiltelefon, die Kleidung, das Möbelstück ja auch von unterbezahlten Arbeitskräften in China, Bangladesch, Thailand hergestellt wurden. Ginge es überall so sozialversichert zu wie in Deutschland, könnten wir uns vieles nicht mehr leisten. Aber die Welt wäre sehr viel gerechter. Wir Reichen leben eben doch auf Kosten der Armen.

Man redet sich ein: Ein Zeitungsredakteur in Pakistan verdient kaum mehr als 300 Euro im Monat, ein Universitätsprofessor kommt selten über 500 Euro. Ein Kilogramm Tomaten bekommt man schon ab 30 Cent, ein Kilogramm Reis für unter einen Euro. Die Relationen stimmen also. Doch die Lebensmittelpreise haben sich im Laufe der vergangenen drei Jahre zum Teil verdoppelt. Immer mehr Menschen hungern, weil sie sich nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten können.

Es geht um Gerechtigkeit: Welche Bezahlung ist angemessen? Was, wenn man einfach mehr zahlt? Im Nachbarland Afghanistan ist genau das geschehen: Die westlichen Arbeitgeber, allen voran Militärs und Hilfsorganisationen, haben jeden, der ein wenig Englisch sprach, eingestellt und sich bei der Bezahlung überboten. Die Konsequenz sind astronomische Gehälter und absurde Einkommenserwartungen. Man dürfe nicht die Preise verderben, sagen pakistanische Freunde.

Wir Ausländer tun das sowieso schon, denn wir gleichen aus, dass wir nur ein paar Jahre im Land sind. Bei einheimischen Arbeitgebern bleiben Hausangestellte normalerweise ihr Leben lang. Wenn wir gehen und unsere Mitarbeiter nicht weitervermitteln können, müssen sie sich auf einem extrem schwierigen Arbeitsmarkt etwas Neues suchen.

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insgesamt 128 Beiträge
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1. Unterentwickelte West-Länder
FreeEurope 17.09.2012
Deutschland findet es besser, Menschen über einen Sozialstaat zu alimentieren und in die Arbeitslosigkeit zu schicken: ein Grund warum sich die Haushaltshilfe in Deutschland nicht lohnt ist das meistens vom Brutto-Arbeitslohn einer gut ausgebildeten Fachkraft netto so wenig übrig bleibt das man davon den Brutto-Lohn einer Haushaltshilfe kaum zahlen kann. Ich erwähne in diesem Zusammenhang auch gerne die Steuerklasse V (m.E.=Herdsteuerklasse) und die Familienversicherung. (m.E. = Herdversiocherung). Das ist auch der Grund warum so wenig Frauen Karriere machen und warum wir einen Fachkräftemangel haben. Wir schicken ca 30% der Fachkräfte nach Hause so bald Kinder da sind. Das ist zwar keine Sklavenhalterei - aber es ist dümmlich!
2. Offenbar sind wir auch ein Entwicklungsland
abominog 17.09.2012
Denn derartige Fälle und Situationen erlebt man auch in Deutschland. Besonders in vornehmen und wohlhabenden Gegenden hat sich der Feudalismus vehement erhalten. Es mag sich unglaublich anhören, aber auch hier im Land herrschen mitunter noch Zustände wie im Mittelalter! Mir sind persönlich einige kuriose Fälle bekannt, die ich jederzeit beweisen kann. Viele wären verblüfft und es wird Zeit, dieses Thema ein wenig an die Öffentlichkeit zu zerren. Weil ich den Eindruck habe, dass sich diese Missstände permanent verschlechtern, auch wegen inflationären Preisentwicklungen hier in Deutschland (zB beim Benzin). Ich erkenne tatsächlich gewisse Tendenzen, dass sich sowas hierzulande wieder zunehmend ausbreitet. Nicht nur in Privathaushalten, sondern auch in Firmen...
3.
realist29 17.09.2012
In 20 Jahren wird es in Deutschland auch wieder so aussehen. Die Einkommen und Vermögen konzentrieren sich zunehmend auf die reichsten 1% der Bevölkerung. Die allgemeine Nachfrage geht zurück und in der Folge sinken die Löhne. Die Jobcenter zwingen die Menschen jede Arbeit anzunehmen. Die Masse der Bevölkerung wird dann den Handlanger der Reichen geben müssen, eine andere Wahl besteht nicht. Man kann sagen, dass die Agenda 2010 zu einer Pakistanisierung Deutschlands führen wird.
4.
Sleeper_in_Metropolis 17.09.2012
Es ist schon komisch in solchen Ländern. Da wird Leid über Generationen ertragen, ohne aufzubegehren oder mal den Versuch zu unternehmen, das in der Breite zu ändern. Aber wehe, es pinkelt am anderen Ende der Welt mal jemand auf den Koran, dann ist das ganze Land in Aufruhr und kann mit einer nie gesehenen Energie Krawall veranstalten. Absolut mittelalterlich.
5. Auf Kosten anderer...
denkdochmalmit 17.09.2012
Zitat von sysopDie Reichen leben auf Kosten der Armen: In Entwicklungsländern erleichtern Koch, Fahrer und Kindermädchen den Wohlhabenden den Alltag. Trotz der Hungerlöhne sind es begehrte Jobs. Für westliche Ausländer eine Gewissensfrage: Machen wir da mit? Wie Hausangestellte und Diener in Entwicklungsländern arbeiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854430,00.html)
Die ganzen westlichen Länder leben von der Sklavenarbeit der Menschen in armen Ländern. Da braucht man nicht unbedingt eine Haushaltshilfe. Ein neues Iphone oder dier neue Jack Wofskin Jacke tuen es auch, da braucht man wenigstens nicht der Arbeitskraft bei der maloche zusehen, was auch besser fürs Gewissen ist. Wie gesellschaftlich akzeptiert das Ganze ist sieht man alleine an der gottgleichen Verehrung von Obersklaventreiber Steve Jobbs, einfach ekelhaft !
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Zur Person
Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Den Weg seiner Familie von Indien über Pakistan nach Deutschland hat er in dem Buch "Grünkohl und Curry" beschrieben, das 2009 bei dtv München erschien. Seit 2009 ist er Südasien-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL mit Sitz in Islamabad, Pakistan.