Wirtschaftskraft und Wohlstand Neue Zahlen braucht das Land

Glück, saubere Luft oder hohes Einkommen: Was gibt wirklich Auskunft über den Zustand eines Landes? Traditionell wird die Wirtschaftskraft mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessen, doch es gibt Alternativen. Nur was taugen die?

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Strand in der Dominikanischen Republik: Ganz weit vorn beim "Happy Planet Index"
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Strand in der Dominikanischen Republik: Ganz weit vorn beim "Happy Planet Index"


Hamburg - Es gehört nicht zum Ruf von Statistikern, besonders heißblütig zu sein. Neutral und zuverlässig sollen sie aus einem Wust von Zahlen die Fakten heraussieben. Über deren Interpretation können dann andere streiten.

Doch auch bei Statistikern kochen gelegentlich die Emotionen hoch, das zeigte vor einiger Zeit eine Debatte in der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst. Dort fuhren die Forscher Peter Michael von der Lippe und Claus Christian Breuer schweres rhetorisches Geschütz gegen ihre Kollegen Hans Diefenbacher und Roland Zieschank auf. Diese hätten eine "autoritäre Variante der Statistik" vorgelegt, mit der man "jederzeit Verstaatlichung und Enteignung rechtfertigen und mühelos das siebte Gebot aushebeln" könne, welches Diebstahl verbietet.

Was war passiert? Im Auftrag des Umweltbundesamts hatten Diefenbacher und Zieschank einen "Nationalen Wohlfahrtsindex" (NWI) entwickelt. Dieser fasst rund 20 Messgrößen zusammen, die von den Schäden durch Luftverschmutzung oder Alkohol- und Drogenmissbrauch bis zum Wert ehrenamtlicher Arbeit reichen. Daraus errechneten die Forscher eine neue Kennzahl, die ein realistischeres Bild vom Zustand des Landes geben soll. Ihr Ergebnis: Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den vergangenen 15 Jahren meist stieg, schwankte der NWI zum Teil erheblich (siehe Grafiken).

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Streit um den Wohlstand: Die Angst vor zu viel Wachstum

Eine Alternative zum BIP - diese Forderung ist der wohl populärste Teil jener Wachstumsdebatte, die seit der Finanzkrise mit neuer Leidenschaft geführt wird. Auch eine Bundestagskommission setzt sich mit dem NWI und anderen Indikatoren auseinander. Dass manche davon die kuschelige Kategorie "Glück" enthalten, hat dem Thema besonders viele Schlagzeilen beschert. Das Königreich Bhutan bekennt sich seit Jahren zum "Bruttonationalglück" und eröffnet an diesem Montag sogar eine Uno-Konferenz zu alternativen Wohlstandsindikatoren.

Doch über die Aufmerksamkeit ist nicht jeder glücklich, wie die Kollegenschelte für den NWI zeigt. Denn wie das BIP ergänzt oder gar ersetzt werden könnte, ist umstritten. Die Bundestagskommission strebt zwar laut einem kürzlich erschienenen Zwischenbericht weiter die "Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators" an. Doch die Erwartungen sind begrenzt. Voraussichtlich wird am Ende eine Sammlung alternativer Messgrößen empfohlen. Die eine, große Alternative zum BIP kommt mit Sicherheit nicht.

Ein gigantischer Filter

Die größte Schwäche des BIP ist zugleich seine größte Stärke: Wie ein gigantischer Filter fasst es Unmengen von Daten über den Wert von Waren und Dienstleistungen zu einer einzigen Zahl zusammen, welche die Wirtschaftskraft eines Landes misst. Das Verfahren zur Berechnung, die sogenannte Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, ist international standardisiert, so dass die Werte einzelner Länder gut miteinander verglichen werden können.

Weil das BIP so stark vereinfacht, kann es aber viele Entwicklungen nicht abbilden. Negative Einflüsse wie Umweltverschmutzung werden ebenso wenig berücksichtigt wie unbezahlte Leistungen, etwa Hausarbeit. Die Suche nach BIP-Alternativen läuft deshalb schon länger.

So berief Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2008 eine hochrangige Expertenkommission ein, zu der die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen gehörten. Auch sie kamen zum Ergebnis, das BIP reiche nicht mehr aus. Politiker oder Wirtschaftsführer seien derzeit "wie Lotsen, die einen Kurs ohne zuverlässigen Kompass planen".

Doch obwohl Sarkozy die Ergebnisse gewohnt theatralisch verkaufte: Auf eine klare BIP-Alternative konnten sich auch die Nobelpreisträger nicht einigen. Stattdessen empfahlen sie, andere Zahlen zu berücksichtigen - etwa die Entwicklung der Einkommen und ihre Verteilung zwischen verschiedenen Bevölkerungsschichten. Zugleich sollten neue Indikatoren für das Wohlergehen entwickelt werden.

Solche Indikatoren gibt es bereits. Der Human Development Index der Vereinten Nationen etwa kombiniert die Wirtschaftsleistung mit Daten zur Lebenserwartung und dem Bildungsniveau. Hier liegen europäische Länder wie Norwegen und Österreich an der Spitze. Der Happy Planet Index bewertet Länder hingegen danach, wie zufrieden die Bewohner sind, wie lange sie leben und wie stark sie dabei ihre Umwelt belasten - was Karibikländer wie Costa Rica und die Dominikanische Republik zu Gewinnern macht (siehe Grafiken).

Lieber lange leben oder glücklich?

Doch was ist nun wichtiger: ein besonders langes Leben oder ein besonders glückliches? Ist Ressourcenverbrauch immer ein Minuspunkt oder kann er durch entsprechendes Wachstum aufgewogen werden? Und wie genau bemisst man den Wert von Hausarbeit, wenn es dafür nun mal kein Geld gibt?

Für die Zusammensetzung und Gewichtung der neuen Indikatoren gibt es im Gegensatz zum BIP keine klaren Regeln - schon gar nicht solche, die weltweit anerkannt wären. Das macht die neuen Konzepte angreifbar. Den Entwicklern des NWI wurde von ihren Kollegen vorgeworfen, sie "diktierten Wertvorstellungen", weil ihr Index deutlich mehr negative Messgrößen für Umweltbelastungen berücksichtigt als positive wie Bildung oder Gesundheit.

Besonders schwierig wird es bei den viel beschworenen Glücksindikatoren - gerade im Fall der Deutschen. Die haben zwar im internationalen Vergleich einen hohen Lebensstandard, landen aber in Sachen Zufriedenheit regelmäßig nur im Mittelfeld.

Geht es den Deutschen deshalb schlechter? Eher stimmt wohl, was die Enquete-Kommission in ihrem Zwischenbericht festhielt: In Ländern wie den USA sei "die Tendenz zur Problematisierung und Artikulation des eigenen Unwohlbefindens traditionell deutlich weniger ausgeprägt als etwa in Deutschland oder Frankreich". Simpler gesagt: Wir meckern einfach lieber.

Auch Nicolas Scharioth musste sich von der Enquete anhören, seine Zahlen seien aufgrund kultureller Unterschiede begrenzt aussagekräftig. Er arbeitet für das US-Institut Gallup, das seit Jahrzehnten weltweit Meinungen abfragt. Seit einiger Zeit bietet es auch einen "Well-Being-Index" an. Laut Scharioth reagiert Gallup damit auf eine wachsende Nachfrage: "Bei unseren Kunden gibt es eine große Unzufriedenheit mit bestehenden Indikatoren wie dem BIP oder der Arbeitslosenquote."

Australien geht voran

Scharioth räumt ein, dass die Wohlstandsmessung verbesserungsfähig sei. Unlösbar sei die Aufgabe aber nicht. So halte Gallup das Empfinden der Deutschen trotz ihrer vermeintlichen Miesepeterigkeit für "recht gut international vergleichbar". Zudem arbeiteten Länder wie Australien, Kanada und Großbritannien schon länger an Indikatoren. Die "Measures of Australia's Progress" gibt es bereits seit zehn Jahren.

Und auch in Deutschland existieren längst offizielle Alternativen zum BIP: So veröffentlicht das Statistische Bundesamt regelmäßig 38 Nachhaltigkeitsindikatoren. Ergebnis der letzten Auswertung: Die Hälfte der Zielwerte wurde erreicht oder ist auf gutem Weg, etwa jene zu Klimaschutz und Kriminalität. Acht Indikatoren entwickelten sich dagegen klar in die falsche Richtung - darunter die Artenvielfalt und der Anteil Fettleibiger.

Interessante Werte, doch das öffentliche Interesse daran hält sich bislang in Grenzen. Die Enquete-Kommission ließ deshalb Politiker und Journalisten danach befragen, unter welchen Umständen sie neue Indikatoren überhaupt aufgreifen würden. Den Ergebnissen zufolge sind beide Berufsgruppen nicht auf das BIP fixiert, Politiker etwa fanden die Arbeitslosenquote wichtiger. Doch ebenso wie Journalisten wünschen sie sich einen möglichst einfachen Indikator - keine Sammlung aus Dutzenden Einzelwerten.

Der Erfolg von BIP-Alternativen dürfte also auch davon abhängen, ob sich ihre Entwickler erfolgreich beschränken können. Ganz leicht scheint das nicht zu fallen. Der Enquete-Sachverständige Meinhard Miegel etwa warb zu Beginn der Kommissionssitzungen noch für ein "Wohlstandsquartett", das aus nur vier Werten bestand: Pro-Kopf-BIP, Einkommensverteilung, gesellschaftliche Ausgrenzungsquote und ökologischer Fußabdruck.

Doch neuerdings wird Europas Wohlstand auch durch Staatspleiten bedroht, deshalb schienen Miegel seine vier Werte wohl doch zu mager. Mittlerweile wirbt er für ein Quintett - das auch die öffentliche Schuldenquote enthält.

In der nächsten Folge lesen Sie: Was ohne Wachstum aus der Wirtschaft wird

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zudummzumzum 02.04.2012
1. Als Indikator für die Wirtschaftskraft ...
Zitat von sysopAFPGlück, saubere Luft oder hohes Einkommen: Was gibt wirklich Auskunft über den Zustand eines Landes? Traditionell wird die Wirtschaftskraft mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessen, doch es gibt Alternativen. Nur was taugen die? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824877,00.html
taugt das BIP im Großen und Ganzen. In ihm fehlt nur eine umfassende Wertberichtigung durch Abschreibung staatlicher Ausgaben – inklusive des Teils, der heute noch als „Investition“ bezeichnet wird. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Schule oder die Brücke keine Investition – weil der Staat durch sie nicht mehr wert wird. Die „Gewinne“ fallen ja nicht bei ihm, sondern im privaten Bereich an. Dementsprechend sind auch die staatlichen Schulden neu zu buchen. Weil der Staat keine Werte schafft, ist er auch nicht kreditwürdig oder allenfalls im kleinen Rahmen. Von daher sollten ihm tilgungsfreie Darlehen verboten werden, sondern deren Aufnahme nur in dem Maß erlaubt sein, wie ein konkretes Wirtschaftsgut aus ihm hergestellt – und dann auch wieder abgeschrieben wird. Wenn also der Schulbau 20 Millionen kostet und die Steuereinnahmen hierzu nicht reichen, wäre ein Darlehen mit jährlich 2% Tilgung okay. Dann ist die Schule, wenn sie in 30 Jahren grundsaniert werden muss, wenigstens bezahlt! Würde man das BIP unseres Landes, in den vergangen 20 Jahren, um diese Steigerung der Staatsverschuldung bereinigen, wären wir ziemlich genau dort, wo es auch dem „gefühlten Wohlstand“ entspricht. Wobei eben der materielle Wohlstand nicht alles ist, zur Lebensqualität gehört noch mehr. Aber das müsste man gesondert ausweisen. Hierzu wäre es wichtig, endlich auch die Nicht-Erwerbsarbeit zu quantifizieren. Also insbesondere „Familienarbeit“, aber auch gesellschaftliches Engagement. Dieses ginge vergleichsweise einfach durch eine „Naturalsteuer“ – also soundsoviele Stunden, die jede/r zu erbringen hat: Nur-Erwerbsarbeitende mehr, Erziehende weniger bis gar nicht. Und schon wuppt das auch mit der Zukunft ... Und die Statistiker, die sich daran aufgeilen, die immer gleichen 10 Ziffern neu zusammenzusetzen, sollten sich schämen, dass ihnen der Fehler ihrer Berechnungen erst so spät aufgefallen ist. Aber so ist das eben, wenn man seine Tage vor dem Bildschirm verbringt und das mit Leben und Arbeit verwechselt.
Arno Nühm 02.04.2012
2. Vereinfachung
---Zitat--- Doch ebenso wie Journalisten wünschen sie sich einen möglichst einfachen Indikator - keine Sammlung aus Dutzenden Einzelwerten. ---Zitatende--- Das Leben ist halt kein Ponyhof und die Welt nicht so einfach, wie wir sie gerne hätten. Das BIP beschreibt einigermaßen akkurat die Wirtschaftskraft, allerdings gilt der Zusammenhang Wirtschaftswachstum=Wohlstandswachstum schon seit einiger Zeit nicht mehr, darum ist seine Aussagekraft begrenzt.
Koana 02.04.2012
3. Diesen Satz ....
sollte man ganz groß mit Laserlicht nachts über Berlin prangen lassen. Die einen werden zufrieden schmunzeln, anderen wird der Magen hochkommen - Zyniker werden die ausgeschlagenen Zähne aufsammeln. Es lebe die Hochleistungsgesellschaft - manche werden dann ganz hoch fliegen können - tun sie ja schon - bis ins Orbit - der Rest ist einfach nur zu dumm. In Spanien sind 52 % der jungen Erwachsenen unter 26 Jahren arbeitslos, davon sind etwa 30 % Akademiker mit teils sehr guten Noten - allerdings Netzwerklos - Jobs bekommen nur noch Leute, die Beziehungen haben - was ich für bedenklich halte, wenn die 52 % konstatieren, dass sie die Mehrheit darstellen - könnte es sein, dass sie dann leicht - ähm - unruhig werden? Nun - ich baue in Spanien, Frankreich und seit 2012 auch in Deutschland Gatet Communities - mir kann diese Entwicklung nur recht sein - das meiste Geld bring die Infrastruktur in Sachen Sicherheit - mein Spezialgebiet. Also liebe Hochleistungsmenschen, spaltet weiter und kapselt Euch ab, vor allem denkt an Eure Sicherheit! Ohne Sicherheit kein Glücksgefühl - in der Geborgenheit einer Gated Community, da ist Glück fühlbar, dort kann man ungestört seinen Wohlstand ausleben und wir bieten auch gezielt einen Fuhrpark - der für Ausflüge durch unterprivilegierte Viertel konzipiert ist - 3 tonner Humer, mit Spezialpanzerung, Tränengas active action, und notfalls Hochspannungskäfig als passive action - wenn da ein Prolet rankommt wird er zum Brathähnchen..... - das kann man dann den Haustieren gleich einpacken lassen. Oh ich liebe mein Geschäft.
jj2005 02.04.2012
4. Batteriedenken ist feige
"So veröffentlicht das Statistische Bundesamt regelmäßig 38 Nachhaltigkeitsindikatoren." Die sind auch sauber produziert, haben aber offensichtlich gegen DEN Indikator BSP keine Chance - was soll ein Journalist mit einer Batterie von 38 Zahlen anfangen? Wobei das BSP garnicht als Wohlstandsindikator benutzt wird: Oder hat einer der Mitforisten im Kopf, wie hoch das BSP in Deutschland ist? Nein, es geht nur um die Wachstumsrate des BSP, und ausschliesslich als Prognose für die Arbeitslosenrate im nächsten Jahr. Das klappt auch leidlich, weil Arbeitslosigkeit an Konjunkturzyklen gekoppelt ist, aber für strukturelle Arbeitsmarktprobleme ist die ach so medienfreundliche Formel "Mehr Wachstum=mehr Jobs" eine völlige Fehlkonstruktion. Statt das BSP zu verteidigen, sollten die Statistiker pragmatisch eine Hundertschaft von Indikatoren nehmen, sie zu 10-20 handlichen Happen aufaddieren (Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Gleichberechtigung, Bildung, Gesundheit, Abfall, Klima, Biodiversität, Presse- und Internetfreiheit, funktionierendes Rechtssystem, ... ), die 10-20 zu Wirtschaft, Soziales, Umwelt und "Good Governance"-Indizes aufaggregieren, das Ganze zu einem "Wohlstands-" oder "Fortschrittsindex" zusammenfassen - und veröffentlichen, zwecks Diskussion der starken und schwachen Punkte unserer Regierung, und der richtigen Gewichtungen der Themen. So ein Super-Index wäre mindestens so wissenschaftlich wertvoll wie das statistisch "exakte" aber politisch sinnlose und gefährliche BSP. Aber es ist natürlich viel mutiger, monatelang zu diskutieren und dann eine Batterie von Indikatoren als "Lösung" zu präsentieren, aus der sich dann der mündige (aber unlustige) Bürger informieren kann...
smelmoth 02.04.2012
5.
ich glaube, der artikel sollte eine aufgeregte "so können wir nicht mehr weiter machen"-stimmung erzeugen, so quasi als schützenhilfe für die grüne "wirtschaftstheorie"... also hängt euch mal n bissl mehr rein! :) da das ursprüngliche posting hier wohl verloren gegangen ist, nochmal der kurze hinweis, dass sich ausweislich des grafik (die so einen krassen anstieg in den letzten jahren suggerieren soll) der anstieg in den 70ern ein vielfaches höher war (und die 90er dagegen arg lahm)... gott zum gruße
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