Schuldenkrise in Zypern: Wie sich die Banken in den Ruin spekulierten

Von David Enrich und Charles Forelle, Wall Street Journal Deutschland

Mitarbeiter der Bank of Cyprus demonstrieren vor der zyprischen Zentralbank: "Schande" haben sie auf ein Schild geschrieben Zur Großansicht
AP/ dpa

Mitarbeiter der Bank of Cyprus demonstrieren vor der zyprischen Zentralbank: "Schande" haben sie auf ein Schild geschrieben

Missmanagement und Aufsichtsversagen: Noch mitten in der Euro-Krise investierten die beiden größten zyprischen Banken Milliardensummen in Griechenland und schütteten üppige Dividenden aus. Die EU-Kontrolleure schauten weg. Chronik einer Finanzkatastrophe.

Im August 2010 stürzte Griechenlands Wirtschaft in die Rezession. Auf den Straßen protestierten die wütenden Bürger gegen die Sparmaßnahmen, die das Land als Gegenleistung für ein 110 Milliarden Euro schweres Rettungspaket umsetzen musste.

Dimitris Spanodimos, oberster Risikomanager der zweitgrößten Bank Zyperns, blieb trotzdem optimistisch.

In einer Telefonkonferenz mit Analysten brüstete sich Spanodimos am 31. August 2010 damit, dass seine Bank in Griechenland schneller expandiere als die Konkurrenz und bei Hypotheken für Wohnimmobilien weiter aufstocke. "Wir haben die komfortable Liquidität und Kapitalposition unserer Gruppe genutzt, um selektiv einige hoch profitable und vielversprechende Beziehungen zu Kunden zu vertiefen", sagte er.

Seine Bank, die Cyprus Popular Bank - besser bekannt unter dem Namen Laiki -, ist mittlerweile ruiniert. Ihr Untergang und das Beinahe-Scheitern des größeren Konkurrenten Bank of Cyprus sind das Ergebnis gravierender Fehlentscheidungen der Bank-Manager. Aber auch die europäischen Aufsichtsbehörden leisteten ihren Beitrag. Sie bescheinigten beiden Banken selbst dann noch ihre Gesundheit, als diese längst infiziert waren. Der Kollaps der beiden größten zyprischen Banken zwang das Land letztlich dazu, nach internationaler Hilfe zu rufen und das Finanzsystem in einem beispiellosen Akt fast zwei Wochen komplett abzuriegeln. Um ein Haar hätte Zypern den Euro verlassen müssen.

Wie konnte es so weit kommen? Eine Untersuchung von Regulierungsdokumenten, Konferenzmitschriften und Finanzberichten entblößt, wie sich die beiden größten zyprischen Banken noch auf Investitionsmöglichkeiten in Griechenland stürzten, während fast alle anderen Investoren bereits ihre Hellas-Portfolios bereinigten.

Ende 2010, als deutsche und französische Banken bereits öffentlich eingewilligt hatten, dass die Kreditgeber finanzschwacher Staaten bei künftigen Rettungspaketen Verluste in Kauf nehmen müssten, gaben sich die zyprischen Banken mit Blick auf ihr Engagement in griechischen Staatsanleihen immer noch lässig.

Banken-Stresstest mit Leichtigkeit bestanden

Ende 2010 hielten die beiden Institute laut Daten europäischer Aufseher zusammen griechische Staatsanleihen im Wert von 5,8 Milliarden Euro. Das war eine Milliarde mehr als neun Monate zuvor in ihren Büchern lag und entsprach rund einem Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung Zyperns. Zum Vergleich: Die britische Bank Barclays hatte ihren Anleihebestand im gleichen Zeitraum um mehr als die Hälfte verringert.

Beide zyprischen Banken bestanden jedoch den europaweiten Stresstest im Jahr 2010, was ihnen den Druck nahm, ihren Kurs zu ändern. Ein Jahr später bestanden sie ihn erneut. "Die Aufsicht gab ihnen das klare Signal, dass es okay sei, so weiterzumachen" und in Griechenland zu expandieren, sagt Christine Johnson, die für Old Mutual Global Investors einen Anleihefonds verwaltet, mit Blick auf die zyprische Zentralbank und die europäischen Bankenregulierer.

Das Ergebnis ist dramatisch: Gemeinsam mussten die Laiki Bank und die Bank of Cyprus Verluste in Höhe von 4,3 Milliarden Euro auf ihre griechischen Anleihen verbuchen.

Ein Sprecher der Bank of Cyprus reagierte nicht auf die schriftliche Bitte nach einem Kommentar. Ein Sprecher der Laiki Bank, die abgewickelt werden soll, verwies für Fragen auf die zyprische Zentralbank, ein Zentralbanksprecher lehnte einen Kommentar ab. Laikis Risikochef Spanodimos war nicht zu erreichen.

Panicos Demetriades, seit Mai 2012 Gouverneur der zyprischen Zentralbank, hatte diese Woche erklärt, er könne nicht viel mehr tun, als die Laiki Bank zu stabilisieren, während die Regierung das Rettungspaket aushandele. "Wir haben Laiki mehrere Monate mit dem Beatmungsgerät am Leben gehalten", sagte er.

Die Laiki-Bank: Ein künstliches Finanzkonstrukt

Die ehemalige Cyprus Popular Bank ist das Ergebnis einer Fusion unter Federführung des griechischen Bankers Andreas Vgenopoulos. Er verwob Banken und Investmentfirmen aus Zypern, Griechenland und anderen Ländern. Zum Unglück Zyperns wählte er die Insel als Zentrale für das neue Konstrukt. Im Jahr 2009 wurde die griechische Sparte mit der zyprischen Mutter zusammengeführt.

Eine Zeit lang lief das Geschäft für Zyperns Banken in Griechenland gut. Die beiden Marktführer knüpften dank der gemeinsamen Sprache enge Bande zum griechischen Finanzsystem. Im Geschäftsbericht der Bank of Cyprus für 2006 ist von der "dynamischen Expansion in Griechenland" die Rede, und von Plänen, weitere Filialen zu eröffnen. Ende 2009, als das griechische Drama begann, steckten beide zyprische Banken ganz tief drin.

Und 2010 rutschen sie noch tiefer ab. Anfang des Jahres verlor Griechenland den Zugang zum Kapitalmarkt. Anschließend quälte sich die Regierung monatelang ab, ehe sie schließlich in eine Rettung einstimmte. In der Folge stieg der Druck auf andere Krisenstaaten wie Irland, Portugal und sogar Spanien. An den Finanzmärkten schreckten die Anleger vor europäischen Banken zurück, die in diesen Peripheriestaaten reichlich Kredite vergeben hatten.

Im Juli 2010 führte die europäische Aufsicht einen "Stresstest" für Banken durch, um abschätzen zu können, wie diese im Falle einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaft dastünden. Der entscheidende Fehler damals war, dass die Tests zwar den Einfluss der Konjunkturentwicklung auf die Kreditportfolios der Banken modellierten. Die Möglichkeit, dass auch Staatsanleihen Verluste verursachen könnten, wurde allerdings nicht in Betracht gezogen.

Banken schwächten sich durch üppige Dividenden

Mit Kapitalreserven von zusammen 572 Millionen Euro bestanden Zyperns zwei größte Banken den Test mit Leichtigkeit. Die Zentralbank des Landes verkündete daraufhin ihre "große Zufriedenheit" mit den Ergebnissen, die "die Fähigkeit der heimischen Banken zeigen, Schocks in einem ungünstigen Szenario auszuhalten".

Nach der Entwarnung von offizieller Seite schüttete die Laiki Bank 2010 rund 67 Millionen Euro als Bardividende aus. Die Bank of Zyprus zahlte 2010 rund 27 Millionen Euro an Dividenden und im Juni 2011 weitere 47 Millionen Euro. Die Ausschüttungen zehrten Eigenkapital auf, das bald sehr wertvoll werden sollte. Beide Banken bauten zudem ihre Bestände an griechischen Staatsanleihen weiter aus.

Im Februar 2011 sagte der damalige Chef der Laiki Bank, Efthimios Bouloutas, man fühle sich "extrem wohl" mit den Kapitalpuffern der Bank. Da Laiki am laufenden Band Gewinne abwerfe, würden die Puffer weiter anwachsen. "Wir haben keine Eile, sie zu stärken", sagte Bouloutas. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen.

Im gleichen Monat erklärte Risikomanager Spanodimos in einer Telefonkonferenz mit Analysten, er glaube nicht, dass griechische oder zyprische Kredite mit wachsender Geschwindigkeit faul werden würden.

Ebenfalls um die gleiche Zeit eröffnete ein Top-Manager der Bank of Cyprus Analysten, dass die Bank ihr Geschäft in Griechenland "selektiv und vorsichtig ausweite", und dass ihre Kapitalbasis nach wie vor stark sei.

Griechische Hypotheken wurden neu verpackt

Später im Jahr ordnete die Europäische Bankenaufsicht weitere Stresstests an. Genau wie im Jahr zuvor sahen diese die Möglichkeit von Verlusten aus Staatsanleihen aber nicht vor. Deshalb lautete das Fazit erneut, dass Zyperns Banken reichlich Kapital hätten, um ein schlechteres wirtschaftliches Umfeld zu meistern.

Nicht einmal eine Woche nachdem die Ergebnisse veröffentlicht worden waren, einigten sich Europas Staats- und Regierungschefs auf ein neues Rettungspaket für Griechenland, das auch Abschreibungen auf den Wert griechischer Staatsanleihen vorsah. Der Plan wurde niemals umgesetzt - sondern ein weiterer mit noch schärferen Werteinbußen -, aber von diesem Augenblick an stand das Schreckgespenst derartiger Verluste offen im Raum.

Trotzdem wollte die Laiki-Bank im August 2011 ihr Geschäft mit Hypothekenkrediten in Griechenland noch ausbauen. Die Bank hoffte auf einen Zustrom an Vermögenswerten, die sie in "gedeckte Anleihen" verpacken könnte. Über die Ausgabe dieser Papiere sollten weitere Kundengelder angeworben werden, berichten Führungskräfte.

Drei Monate später machte der Vorstand der Bank eine Kehrtwende und kündigte an, dass er die Bestände an griechischen Staatsanleihen reduzieren wolle. Ende November 2011 erklärte Bouloutas Analysten, dass einige Kunden der Bank als Resultat der "negativen Publicity" ihre Einlagen abzögen. Er zeigte sich aber zuversichtlich, dass sich die Lage schnell wieder stabilisieren werde. Eine Woche später trat er als Vorstandschef zurück.

Die Einsicht der Aufsicht kommt viel zu spät

Am Ende des Jahres standen für die zyprischen Banken gewaltige Verluste aus griechischen Staatsanleihen zu Buche. Das Eigenkapital der beiden Marktführer lag plötzlich unter den Mindestanforderungen der zyprischen Aufsicht. Die Bank of Cyprus strich ihre Kreditvergabe an Privatpersonen und Kleinunternehmer in Griechenland zusammen, ihr Kreditportfolio dort hatte allerdings inzwischen ein Volumen von mehr als zehn Milliarden Euro erreicht. Fast zwölf Prozent der Kredite waren bereits als "faul" abgestempelt.

Am 8. Dezember 2011 versuchte die Bankenaufsicht EBA ein drittes Mal, die Kapitallücken der großen europäischen Banken greifbar zu machen. Dieses Mal kalkulierte die Behörde mögliche Verluste aus Staatsanleihen mit ein und kam zu dem Schluss, dass die Bank of Cyprus und die Laiki Bank zu einer Gruppe von 31 Instituten zählten, die zusätzliches Eigenkapital brauchten.

Das Defizit der Bank of Cyprus schätzte die EBA auf 1,56 Milliarden Euro, das der Laiki Bank auf 1,97 Milliarden Euro. Bis Juni 2012 wurde den Banken Zeit gegeben, neues Kapital zu beschaffen.

Zyperns Banken konnten nicht genug Mittel auftreiben, deswegen braucht das Land ein Rettungspaket.

Mitarbeit: Matina Stevis

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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1.
mug999 28.03.2013
Zitat von sysopMissmanagement und Aufsichtsversagen: Noch mitten in der Euro-Krise investierten die beiden größten zyprischen Banken Milliardensummen in Griechenland und schütteten üppige Dividenden aus. Die EU-Kontrolleure schauten weg. Chronik einer Finanz-Katastrophe. Wie sich Zyperns Banken in den Ruin spekulierten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-sich-zyperns-banken-in-den-ruin-spekulierten-a-891456.html)
Ist doch klar, dass die EU-Kontrolleure wegschauten, das war doch von der EU gewünscht dass Zypern Griechgenland stützt. Und jetzt wo die Sache schief gegangen ist, dann redet man von Schwarzgeld usw. und rechtfertigt somit die Abzocke der zypriotischen Bürger. Einfach nur erbärmlich, was die EU da abzieht.
2. Wie immer
nixwirdbesser 28.03.2013
kommen solche Erkenntnisse viel zu spät. Wenn irgendein Unternehmer in diesem Lande so wirken würde, stünde er nach wenigen Wochen mit dem Rücken zur Wand. Was ist der Stress-Test wert? Nix. Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch hierzulande von Banken und Versicherungen genauso betrogen wird, wie vor der großen Finanzkrise.
3. Bankster
reutter 28.03.2013
Wenn sich Banker wie Idioten oder Verbrecher benehmen, wieso müssen Steuerzahler anderer Länder das ausbaden? Wieso geht nicht endlich die eine oder andere Bank pleite mit allen Konsequenzen? Solange das nicht passiert, geht der Schwachsinn weiter. Mir wäre inzwischen ein Ende mit Schrecken lieber als dieser Schrecken ohne Ende.
4. ...
jedernureinkreuz 28.03.2013
Mit einem Minimum an gesundem Menschenverstand und etwas mehr Kontrolle des Gierfaktors würde es all diese "Krisen" gar nicht geben. Wir haben keine Schuldenkrise und keine Euro-Krise, sondern eine Führungskrise bei Banken, bei Behörden und nicht zuletzt bei den Regierungen im EURO-Raum. Hier muss man also ansetzen.
5. Stresstest
kfitz 28.03.2013
Na ja, die Stresstests für diese Banken waren halt genauso knallhart und seriös wie die für die deutschen/europäischen Atomkraftwerke. Die haben ja auch alle bestanden weil vorher definiert wurde, dass kein Risiko vorliegen kann.
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