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Steuerhinterzieher in Hoeneß-Angst: Januar bringt Boom der Selbstanzeigen

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Finanzbehörde (in Hamburg): "Januarfieber" hält Steuerkanzleien auf Trab Zur Großansicht
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Finanzbehörde (in Hamburg): "Januarfieber" hält Steuerkanzleien auf Trab

Pokern bis zuletzt: Steueranwälte berichten von einem Boom der Selbstanzeigen zum Jahresanfang. Aufgeschreckt vom Fall Hoeneß wollen Schwarzgeldbesitzer ihr Vermögen legalisieren - und zugleich die Verjährungsfristen optimal ausnutzen.

"Dezemberfieber" nennt sich eine altbekannte Krankheit in Behörden und Konzernen: Kurz vor Jahresschluss müssen Abteilungen noch rasch das überschüssige Geld aus ihrem Etat verjubeln - sonst verfällt es am Silvesterabend. Steuerrechtskanzleien quer durch die Republik entdecken gerade ein neues Phänomen: Sie werden vom "Januarfieber" auf Trab gehalten.

"Ich hatte hier einen dicken Stapel von Selbstanzeigen, die ich Anfang Januar für meine Klienten beim Finanzamt eingereicht habe", berichtet der Rechtsanwalt Franz Bielefeld, Partner bei der Münchner Großkanzlei Baker Tilly Roelfs. Er rechnet mit einer Flut von solchen Schreiben, die in den ersten Tagen des neuen Jahres auf die Steuerbehörden niedergehen wird - eine Ansicht, die alle von SPIEGEL ONLINE befragten Steueranwälte teilen.

Immer mehr Bundesbürger mit Schwarzgeld in der Schweiz fürchten mittlerweile die Entdeckung. Der Fall Uli Hoeneß, so berichten Steueranwälte einhellig, habe eine neue Welle der Furcht ausgelöst. Zudem würden die beiden Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse deutsche Kunden mitlerweile massiv drängen, ihre Steuerehrlichkeit nachzuweisen.

Anstieg von 30 bis 1000 Prozent

Doch zugleich pokern die Steuersünder bis zum Schluss: Wer sich traut, mit der Selbstanzeige bis zum Neujahrstag zu warten, fällt mit einem kompletten weiteren Jahr in die Verjährungsfrist. "Echte Zocker zocken eben bis zuletzt" , kommentiert der Steueranwalt Stephan Beukelmann von der Kanzlei Lohberger & Leipold. Er verzeichnet in seiner Kanzlei für den Jahreswechsel 2013 auf 2014 ein im Vergleich zu den Vorjahren "um 30 Prozent" gesteigertes Aufkommen von Selbstanzeigen. Auch Oliver Sahan, Strafverteidiger und Partner bei der Kanzlei Roxin in Hamburg, verzeichnet einen Anstieg um 30 Prozent, "in Hamburg wird genau geschaut, ob ich die Selbstanzeige noch in den Januar schieben kann".

Franz Bielefeld kommt für seine Kanzlei gar auf zehnmal so viele Selbstanzeigen wie im Januar des Vorjahres. Jörg Schauf, Partner bei der Bonner Steuerrechtskanzlei Flick Gocke Schaumburg, spricht von einer "Riesenwelle", er rechnet mit einer Verdoppelung der Selbstanzeigen im Januar 2014 verglichen mit dem gleichen Monat des Vorjahres. Etwa 15 Prozent des Zuwachses sei dabei auf den "Hoeneß-Effekt" zurückzuführen, den Rest erklärt er mit dem gestiegenen Druck der Schweizer Großbanken auf ihre deutschen Kunden.

Während einige Bundesländer den Effekt teils aufgrund der zu geringen Gesamtzahl an Fällen nicht bestätigen können, ließ sich das Spiel mit der Verjährung in manchen Finanzbehörden bereits in den Januarmonaten zurückliegender Jahre beobachten. So verzeichneten die Steuerbehörden etwa in Rheinland-Pfalz im vergangenen Januar rund ein Viertel mehr Selbstanzeigen als in den Folgemonaten. 2014 fällt das gewöhnliche "Januarfieber" nun mit der ohnehin deutlich gestiegenen Zahl von Selbstanzeigen zusammen.

Durchsuchungskommando in der letzten Adventswoche

Zudem ist die Verzögerungstaktik zum Jahreswechsel 2013/2014 besonders lukrativ. Denn Steuerdelikte verjähren in der Regel zehn Jahre nach dem Ende des Jahres, in dem die jeweilige Steuerklärung abgegeben wurde. Wer also Anfang 2003 seine Steuererklärung für die Jahre 2001 oder 2002 abgegeben und darin die Kapitalerträge seines Schweizer Depots verschwiegen hat, der muss ab Januar 2014 die Erträge aus diesen Jahren nicht mehr nachversteuern.

"2001 und 2002 waren die Zinsen und somit die Renditen für viele Guthaben noch sehr hoch", sagt Bielefeld, "entsprechend groß die Versuchung, jetzt noch ein paar Tage zu warten." Zumal man sich auf diesem Weg auch die erheblichen Verzugszinsen spart, die gegenüber dem Finanzamt über zehn Jahre auflaufen.

Eine Taktik, die aber auch schiefgehen kann: Bielefeld berichtet von einem aktuellen Fall, in dem eine Selbstanzeige gegen den anwaltlichen Rat bis Neujahr 2014 zurückgehalten werden sollte. In der letzten Adventswoche stand dann das Durchsuchungskommando vor der Tür - womit die Selbstanzeige ihre strafbefreiende Wirkung verlor.

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1. ..
erasmus89 02.01.2014
Schafft endlich diese Strafbefreiung ab und der Staat wird wieder auf soliden Posten stehen. Es kann nicht sein, dass Ganoven auch noch gestattet wird ohne Druck auf Verjährung zu spekulieren.
2. Es wirkt
donhacko 02.01.2014
Wie die Zahlen zeigen, wirkt die massive Form der Verfolgung und Abschreckung. Nun müßte man nur noch die Gesetze in der Form verschärfen, das bei Steuerhinterziehern ab eine bestimmten Höhe das gesamte Vermögen eingezogen würde. Wir würden im Geld schwimmen und hätten genug Mittel, die Stattsschulden im Sinne der kommenden Generationen massiv zurück zu führen. Auf gehts!
3. Was
burghard42 02.01.2014
Zitat von sysopDPAPokern bis zuletzt: Steueranwälte berichten von einem Boom der Selbstanzeigen zum Jahresanfang. Aufgeschreckt vom Fall Hoeneß wollen Schwarzgeld-Besitzer ihr Vermögen legalisieren - und zugleich die Verjährungsfristen optimal ausnutzen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-steuersuender-bei-der-selbstanzeige-mit-der-verjaehrung-pokern-a-941314.html
ist das für eine Erkenntnis ? Am 2. Januar 2014 ,mittags,haben die (!) Beamten schon eine entsprechende Übersicht fürs neue Jahr ? Oder haben die die letzte Woche im Jahr 2013 gefeiert, fern des Büros? Fragen....
4.
kdshp 02.01.2014
Zitat von sysopDPAPokern bis zuletzt: Steueranwälte berichten von einem Boom der Selbstanzeigen zum Jahresanfang. Aufgeschreckt vom Fall Hoeneß wollen Schwarzgeld-Besitzer ihr Vermögen legalisieren - und zugleich die Verjährungsfristen optimal ausnutzen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-steuersuender-bei-der-selbstanzeige-mit-der-verjaehrung-pokern-a-941314.html
Ich hätte nicht gedacht das so viele massiv steuern hinterziehen. Vieleicht sollte die regieung hier einen härteren kurs fahren um dieses kriminelle treiben zu beenden.
5. Unglaublich
j.vantast 02.01.2014
Die strafbefreiende Wirkung einer Selbstanzeige gehört umgehend abgeschafft. Die Straftat wurde bereits begangen und ist so selbstverständlich zu bestrafen wie jede andere Straftat auch. Warum ist das gerade beim Steuerrecht anders? Bei jeder anderen Straftat kann ich mich nicht durch eine Selbstanzeige schützen wenn ich merke dass es wohl nur noch kurze Zeit dauert bis es auffliegt. Die Straffreiheit bei einer Selbstanzeige ist ja fast schon eine Einladung zum Steuerbetrug.
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Daten und Fakten zur Steuerhinterziehung
Wie viel Steuern hinterziehen die Deutschen?
Steuerhinterziehung ist laut Deutscher Steuergewerkschaft zum Volkssport geworden. Auf 30 Milliarden Euro schätzt die Organisation das Volumen der jährlichen Steuerhinterziehung in Deutschland.
Was ist Steuerhinterziehung?
Steuern hinterzieht, wer gegenüber den Finanzbehörden keine, falsche oder unvollständige Angaben macht und dadurch Steuern verkürzt oder Steuervorteile erlangt. Daneben beschreibt das Gesetz besonders schwere Fälle der Steuerhinterziehung, für die ein besonders hoher Strafrahmen zur Verfügung steht. Das ist etwa der Fall, wenn jemand eine Stellung als Amtsträger ausnutzt oder als Mitglied einer Bande Umsatzsteuern hinterzieht.
Wann macht man sich strafbar?
Ein Bürger macht sich strafbar, wenn er selbst Steuern hinterzieht oder sich an der Tathandlung eines anderen beteiligt. In diesem Fall spricht man von Mittäterschaft, Anstiftung oder Beihilfe. Auch der Versuch einer Hinterziehung ist strafbar.
Müssen Steuersünder ins Gefängnis?
Steuerhinterzieher müssen nicht zwangsläufig ins Gefängnis. Gesetzlich wird Steuerhinterziehung mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bedroht. In besonders schweren Fällen kann die Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahre betragen. Welche Strafe im Einzelfall ausgesprochen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, maßgeblich jedoch von der Höhe des hinterzogenen Betrages. Aber auch Beweggründe und Ziele des Täters, sein Vorleben oder das Verhalten nach der Tat kommen in Bertacht - etwa ein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen.
Wie vermeidet man eine Bestrafung?
Wer unrichtige oder unvollständige Angaben beim Finanzamt berichtigt oder ergänzt oder unterlassene Angaben nachholt, bleibt insoweit straffrei. Man spricht in diesem Rahmen von einer "Selbstanzeige". Dabei gilt aber, dass eine Selbstanzeige dann wirkungslos ist, wenn sie in einer Phase erstattet wird, in der sich das Entdeckungsrisiko bereits konkretisiert hat, also beispielsweise, wenn dem Steuerpflichtigen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bereits bekanntgegeben wurde oder die Betriebsprüfung oder Steuerfahndung bei ihm erscheint.
Wie funktioniert eine Selbstanzeige?
Eine bestimmte Form der Selbstanzeige ist nicht vorgeschrieben. Es empfiehlt sich, den Rat eines Experten, zum Beispiel eines Steuerberaters, hinzuzuziehen, da viele Details zu beachten sind.
Verjährt das Delikt?
Die Verjährungsfrist beträgt grundsätzlich nach den allgemeinen strafrechtlichen Vorschriften fünf Jahre. In einem besonders schweren Fall von Steuerhinterziehung sind es zehn Jahre. Die strafrechtliche Verjährungsfrist beginnt, wenn die Tat beendet ist. Davon unabhängig ist die steuerliche Verjährungsfrist. Diese beträgt zehn Jahre. Das heißt, dass die Finanzbehörden hinterzogene Steuern auch noch nach zehn Jahren einfordern können.


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