Treffen in Tunis: Arabischer Frühling für das Weltsozialforum

Aus Tunis berichtet

Zwei Jahre nach der Revolution hat Tunesien Zehntausende Teilnehmer des Weltsozialforums mit offenen Armen empfangen. Die Regierung ist stolz auf die Aufmerksamkeit, die Presse zum Teil geradezu euphorisch. Doch die Tunesier erlauben sich auch ironische Seitenhiebe gegen manche Teilnehmer.

Tanzende WSF-Teilnehmer: "Enormer Effekt für die Bildung einer Zivilgesellschaft" Zur Großansicht
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Tanzende WSF-Teilnehmer: "Enormer Effekt für die Bildung einer Zivilgesellschaft"

In der ganzen Stadt wurden sie mit Transparenten auf Arabisch, Englisch, Französisch und Spanisch willkommen geheißen: Die vielen tausend Menschen, die aus allen Teilen der Welt zum Weltsozialforum nach Tunis reisten, das am Samstag endet. Die tunesische Regierung erklärte, wie stolz sie darauf sei, die Konferenz im Land zu haben. Damit schien sich die Befürchtungen einiger Teilnehmer zu erfüllen: Dass vor allem die Politik vom Welttreffen der Globalisierungs- und Herrschaftskritiker profitiert.

Die tunesische Regierung braucht nach dem Mord an dem Oppositionspolitiker Chokri Belaïd positive Schlagzeilen. Die Dreierkoalition aus der islamistischen Ennahda, der säkularen linksgerichteten CPR und der sozialdemokratische Ettakatol ist schwach. Zwar ist die Revolution noch allgegenwärtig: An den Wänden der Universität sind die Kritzeleien noch gut zu sehen - "Ben Ali dégage" steht da - Ben Ali, hau ab. Aber die Alltagssorgen haben die Menschen auf der Straße eingeholt.

"Jetzt sind wir zwar freier, aber alles ist teurer geworden, Benzin, Essen, alles." So wie der Taxifahrer Moncef Mejri äußern sich viele. Die Zeitungen berichten ausführlich über steigende Preise und die sinkende Kaufkraft.

Die Themen, die auf dem Weltsozialforum (WSF) debattiert wurden, scheinen weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der Menschen im Land: Gegen den Neoliberalismus, gegen eine Globalisierung nach den Spielregeln des Finanzkapitalismus, gegen internationale Großkonzerne.

Andererseits haben die Gastgeber und der Arabische Frühling das Forum stark geprägt: Auf vielen Veranstaltungen wurde hitzig über Demokratie diskutiert, über Folgen der Kolonialisierung, über Frauenrechte, über Würde und Migration - viele Themen, die neu waren oder bisher nur eine Nebenrolle spielten.

Wichtig sei aber etwas anderes, sagt Elisabeth Braune, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis: "Allein die Vorbereitung dieses Forums hat einen enormen Effekt für die Bildung einer Zivilgesellschaft in Tunesien ". Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen hätten sich zum ersten Mal zusammengesetzt und soziale Forderungen formuliert.

"Das wird einen ungeheuren Schwung erzeugen, der zu diesem Zeitpunkt unglaublich wichtig ist", meint Braune. Auch sie spricht von der Unsicherheit, die im Land herrscht, sieht aber, das die Angst vor der Regierung verschwunden sei. Die Presse berichte frei, die Meinungsfreiheit werde genutzt "Das Fass ist offen und lässt sich auch nicht mehr schließen."

Mehr Festival denn Konferenz

In den Medien wird deutlich, wie Tunesien versucht, vom Weltsozialforum und der damit verbundenen Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu profitieren. Die regierungsnahe und größte französischsprachige Zeitung des Landes, "La Presse", berichtete zur Eröffnung auf einer großen Doppelseite geradezu euphorisch über das WSF.

Auch wenn die Konferenz mehr als "Festival" gesehen wird, "wo jeder auf seine Kosten kommt und für seine Sache kämpfen kann", schreiben die Blätter täglich über das Forum und die Anliegen der Teilnehmer auf der Titelseite. Manchmal nicht ohne ironische Seitenhiebe: Unter der Überschrift "Wirklich gegen das System?" spießt die Zeitung genüsslich die Finanzierung des WSF (Ford-Stiftung), der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) oder der Nichtregierungsorgansiation Oxfam (britische Regierung) auf. Diese Geldgeber stünden der Globalisierung schließlich ganz und gar nicht kritisch gegenüber.

Auch wenn sie noch ein wenig mit den Aktivisten aus aller Welt und deren Themen fremdeln: Die tunesischen Medien reagieren sensibel auf den Einfluss des Westens und Anzeichen neuer Abhängigkeiten. Am Karfreitag berichtete "La Presse" von nicht-öffentlichen Verhandlungen der Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Großkredit. Der Ton gegenüber dem IWF sei "unterwürfig", schreibt die Zeitung, die Folgen "verheerend" . Die Regierung schicke das Land für Generationen in die Abhängigkeit des "internationalen Finanzkapitalismus", der den Arabischen Frühling nutze, um sich in Tunesien, Ägypten oder Libyen einzukaufen.

Zwar wird auch von diesem Weltsozialforum am Samstag keine Abschlusserklärung ausgehen, weil das dem Konzept der horizontalen Netzwerke widersprich. Unter den Teilnehmern herrscht aber das Gefühl, dass die Kritik an der Veranstaltung - zu chaotisch, zu intransparent, zu wenige konkrete Ergebnisse - leiser wird. Die Vernetzung mit den Rebellen des Arabischen Frühlings und ihren Themen könnte der Bewegung wieder neuen Schwung verleihen, das ist die Hoffnung. Es wäre die nächste Veränderung, die die Tunesier angestoßen hätten.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. kuhhandel
paulibahn 29.03.2013
sicherheit für die konferenz vor islamisten, dafür keine kritik an der tunesischen regierung. tolle veranstaltung!
2.
jacko2013 29.03.2013
das ich nicht Lache! die Salafisten herrschen in Tunis!
3. Der Kapitalismus war,ist und wird immer die Antwort
kapitalistt 29.03.2013
bleiben. Ohne ihn koennte sich die Menschehit nicht einmal ernaehren da es ohne keine Kompetition, und harte Arbeitszeiten geben. Alle Kritiker des Kapitalismus, habe keine Ahung von Wirtschaft, der Psyche des Menschen, der Geschichte und gehoeren zu der Mehrheit der Menschen den es schlecht geht- der Mehrheit der Menschen wird es aufgurnd der wenigen Resourcen, der Menschlichen natur immer schlecht gehen. Ihr glaubt doch nicht wirklich das im Sozialismus oder Kommunismus irgendeiner arbeiten wuerde-klar weil er dazu gezwungen wird- die Leute "arbeiten" (was ja in den meisten firmen eher Rauchpausen und Quatscheb bedeuted) nur 40 stunden und wollen 30 stunden arbeiten.
4.
egyptwoman 29.03.2013
Warum muss man immer wieder jeden kleinen Lichtblick schlecht reden? Es ist doch schön wenn tausende von Leuten nach Tunesien gereist sind, sie haben mit Sicherheit auch Geld dort gelassen und im Gegenzug dazu die eine oder andere Erfahrung mitgenommen, genauso wie die Einheimischen (ich rede von den ganz normalen Menschen dort) auch davon profitieren. Vielleicht kommt der eine oder andere der Teilnehmer auch für einen privaten Urlaub wieder dorthin oder erzählt daheim von den positiven Seiten des Landes und vielleicht bringt das wieder mehr Touristen in das Land so das dort auch die wirtschaft weiter angekurbelt wird, denn auch Tunesien lebt vom Tourismus genauso wie eben auch Ägypten. Man sollte nicht immer alles schlecht reden, ich denke beide Seiten haben davon profitiert oder profitieren in der Zukunft noch davon.
5.
ohnescheuklappen 30.03.2013
Zitat von kapitalisttbleiben. Ohne ihn koennte sich die Menschehit nicht einmal ernaehren da es ohne keine Kompetition, und harte Arbeitszeiten geben. Alle Kritiker des Kapitalismus, habe keine Ahung von Wirtschaft, der Psyche des Menschen, der Geschichte und gehoeren zu der Mehrheit der Menschen den es schlecht geht- der Mehrheit der Menschen wird es aufgurnd der wenigen Resourcen, der Menschlichen natur immer schlecht gehen. Ihr glaubt doch nicht wirklich das im Sozialismus oder Kommunismus irgendeiner arbeiten wuerde-klar weil er dazu gezwungen wird- die Leute "arbeiten" (was ja in den meisten firmen eher Rauchpausen und Quatscheb bedeuted) nur 40 stunden und wollen 30 stunden arbeiten.
Ich bin selber Unternehmer und befinde mich gerade auf dem Weltsozialforum. Das es keine alternative zum Kapitalismus gibt hört sich ja schon fast fundamentalistisch an, sowas mag doch keiner Fundamentalismus... Gut das es bisher keine anderen allzu vielversprechenden Versuche gibt eine andere Wirtschaftsordnung zu etablieren ist klar. Ernähren könnten sich die Menschen jedoch sehr wohl auch ohne den Kapitalismus, essen mussten die Menschen auch schon vor ein paar tausend Jahren. Nebenbei reicht allein die Weizenproduktion der Welt aus um jeden Menschen satt zu machen. (laut einer UN-Studie) Also ist unser aktuellen wirtschaften wohl doch nicht so so effizient. Allgemein ist die Annahme das es anderen Menschen schlecht gehen muss damit es anderen gut gehen kann ethisch ziemlich fragwürdig und deckt sich nicht mit der Realität. Wohl aber mit dem Gedanken selbst ein wertvollerer Mensch zu sein wie andere. Als selbstständiger Unternehmer glaube ich die Spielregeln und Ideale des Kapitalismus doch ganz gut verstanden zu haben, ringe mich aber auch zu der Aussage durch dass es bei weitem nicht das System ist was für immer bestand haben wird. Die Resultate sind einfach zu schlecht, die Hungernden zu viele.
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