Chinas Provinzen Megastadt im Schuldenstrudel

Dongguan war jahrzehntelang ein Symbol für Chinas Wirtschaftswunder. Jetzt sehen Experten die Acht-Millionen-Metropole am Rande der Pleite. Auch in anderen Städten und Provinzen brechen die Einnahmen weg - die Schulden der lokalen Regierungen belaufen sich wohl auf bis zu 1,8 Billionen Euro.

AP

Von Sophia Lee


In einem Außenbezirk der Stadt Dongguan steht das größte Einkaufszentrum der Welt. Das Xinhuánán hat eine Verkaufsfläche, die so groß ist wie 92 Fußballfelder, es könnte 2350 Läden beherbergen - doch es steht fast komplett leer. Seit seinem Bau 2005 traut sich kaum eine Firma hierhin, weil das Xinhuánán selbst mit dem Auto nur schwer zu erreichen ist.

Die gigantische Glitzerfassade, hinter der sich lange, leere Gänge verbergen, ist symptomatisch für die Probleme der ganzen Stadt. Lange war Dongguan Symbol des chinesischen Wirtschaftswunders, die Stadt leistet sich zahlreiche teure Megaprojekte. Jetzt sieht manch Finanzexperte die Stadt am Rande der Pleite.

Die Geschichte von der Boom-Republik China, von ihren Megastädten, die rasend schnell wachsen, eine Investment-Story, die Geldgeber aus aller Welt anlocken soll, scheint nicht mehr zu stimmen. Denn auch in anderen Städten und Provinzen brechen die Einnahmen weg.

Die Entzauberung Dongguans könnte Vorbote einer größeren Krise sein, schrieb Hu Shuli, Chefin des einflussreichen Wirtschaftsverlags Caixin Media, kürzlich in ihrem Mikroblog. Die neue Zentralregierung wird auf die Probleme bald reagieren müssen.

"Manche wissen nicht, wie viele Schulden sie angehäuft haben"

In Dongguan sorgte kürzlich eine Studie der Sun-Yat-sen-Universität für Aufsehen. Laut der Erhebung, die auf Gesprächen mit Regierungsinsidern beruht, sind 60 Prozent der insgesamt 584 Ortsteile hoch verschuldet und benötigen Finanzspritzen. Die Studie müsse noch vertieft werden, sagt ihr Leiter Lin Jiang. Doch schon die vorläufigen Ergebnisse seien besorgniserregend. "Manche lokalen Verwaltungen wissen nicht einmal, wie viele Schulden sie angehäuft haben."

Hinzu kommen Schulden der Bezirke und der Stadt selbst. "Unter der Hand werden die Verbindlichkeiten auf insgesamt 200 Milliarden Yuan geschätzt", sagt Xiao Gongjun, ein Papierfabrikant mit guten Verbindungen zur lokalen Regierung. Umgerechnet wären das 25 Milliarden Euro - dreimal mehr als die Stadt im vergangenen Jahr an Mitteln zur Verfügung hatte. Offizielle Zahlen zu den Schulden gibt es nicht.

Die Berichte passen kaum zur jüngeren Geschichte der Stadt. Seit 1978 war Dongguan Leuchtturm für Deng Xiaopings Wirtschaftsreform, für den Umbau Chinas von der Plan- zur Marktwirtschaft. In den achtziger Jahren nutzen Hongkonger und Taiwaner Unternehmen die Stadt als günstigen Produktionsstandort für Textilien und Spielwaren. In den neunziger Jahren wurde sie zum Zentrum der globalen Computerindustrie. Ein Stau auf der Autobahn zwischen Dongguan und der benachbarten Stadt Shenzhen - und 70 Prozent der weltweiten Computerprodukte wären ausverkauft, scherzte ein IBM-Manager 2003 in der Parteizeitung "Renmin Ribao".

Jahrzehntelang boomte die Stadt. Lohnarbeiter kamen in Scharen, binnen 30 Jahren wuchs die Bevölkerung von rund zwei auf mehr als acht Millionen Menschen. Die Häuserpreise gingen durch die Decke. Wie kann es sein, dass eine solche Boom-Metropole plötzlich ein Schuldenproblem hat?

Druck von drei Seiten

Dongguan leidet unter drei Problemen, die auch andere Regionen Chinas unter Druck setzen. Erstens verliert die Stadt, wie viele andere in Chinas exportintensiven Küstenregionen, als Standort an Attraktivität.

Die Löhne sind stark gestiegen. Dazu werden die Exporte teurer, da der Yuan an Wert gewinnt und die Rohstoffpreise anziehen. Gleichzeitig geht durch die Krise in Europa und Amerika die Nachfrage nach chinesischen Produkten zurück. Fabriken in Dongguan und anderen Küstenstädten müssen schließen, oder sie werden ins Landesinnere und in Staaten wie Vietnam verlegt, wo Arbeiter billiger sind.

Peking verlangt von den Fabriken, hochwertigere Güter zu produzieren, die höhere Margen abwerfen, und Produktionsprozesse zu automatisieren. Doch das ist oft gar nicht möglich. "Unsere Gewinne schmelzen dahin, und Banken geben fast nur noch staatlichen Firmen Kredit", sagt Jimmy Wu, Chef eines Klebstoffherstellers in Dongguan. "Wovon soll ich die Modernisierung bitte zahlen?"

Der Abschwung Dongguans hat zweitens mit einer nationalen Politik zu tun, unter der Städte und Provinzen im ganzen Land leiden. Seit 2010 fährt Peking ein rigides Regulierungsprogramm, um Luft aus der Immobilienblase zu lassen. In der Folge schwindet die Nachfrage nach Neubauten - und eine der wichtigsten Geldquellen der Provinzen und Städte: der Verkauf von Land an Baufirmen. 2011 machte er rund ein Viertel ihrer Gesamteinnahmen aus. Im ersten Halbjahr 2012 sind die Einnahmen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 38 Prozent gesunken, berichtet der Finanzdienstleister China Index Academy.

Die lokalen Regierungen versuchen, sich neue Erlösquellen zu erschließen. Doch Steuererhöhungen können sie den Unternehmen derzeit nur begrenzt zumuten. Viele Städte führen nun Parkgebühren oder Pachterträge für Werbeflächen ein, doch das reicht nicht, um die Finanzlöcher zu stopfen.

Korruption und Verschwendung

Die Einnahmen Dongguans sind im laufenden Jahr bisher um 2,5 Prozent gestiegen. Im Haushaltsplan ist ein Plus von zehn Prozent vorgesehen, um die laufenden Kosten zu decken. Die Stadt stemmt gewaltige Projekte. Sie baut den Zugverkehr aus und errichtet vier große Industrieparks gleichzeitig. Jetzt droht ihr das Geld auszugehen. "Die Stadt ist mit ihren Zahlungen im Verzug", sagt ein Werbeunternehmer, der für die lokale Regierung arbeitet. "Hunderte Firmen sind betroffen." Die lokalen Unternehmen schätzen, dass Dongguans Regierung ihnen insgesamt rund drei Milliarden Yuan schuldet.

Grund für die Zahlungsprobleme sind nicht zuletzt riskante Finanzierungspläne. "Lokale Regierungen zahlen einen erheblichen Teil ihrer Großprojekte mit Krediten", sagt Peter Lundgreen vom Investmentberater Lundgreen's Capital. "Die Laufzeit beträgt drei bis fünf Jahre; die Projekte selbst werfen aber erst nach bis zu zehn Jahren Profit ab. Provinzfürsten erzwingen zudem sinnlose Investitionen - weil diese kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln, was ihre Karrierechancen in der Kommunistischen Partei erhöht."

Der dritte Grund für Dongguans Niedergang sind Korruption und Verschwendung. Mitte Oktober erst berichtete der Staatssender CCTV über die Luxusvilla, die der Parteichef des Ortsteils Zhongtang sich bauen ließ: ein 6000 Quadratmeter großes Anwesen mit eigenem See, Swimmingpool und anderen Extras, fünf Gärtner beschäftige er. Von seinem Gehalt kann ein einfacher Lokalpolitiker so ein Gut kaum zahlen, obendrein besitzt der Mann weit mehr Bauland als per Gesetz zulässig ist. Lokale Anwohner reagierten empört.

Hinzu kommt Missbrauch im lokalen Wahlsystem. "Die Vorsitzenden von Ortsteilen werden in China direkt gewählt", sagt Lin von der Sun-Yat-sen-Universität. "Um Stimmen zu kaufen, zahlen Kandidaten ihren Wählern regelmäßig eine Belohnung - aus der Staatskasse." Im Internet machen sich Bürger darüber lustig, dass die Preise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. 2005 etwa habe man eine Stimme noch für 500 Yuan kaufen können, inzwischen seien mehrere tausend Yuan nötig, heißt es auf dem Kurznachrichtendienst Sina Weibo.

1,8 Billionen Euro Schulden

Andere lokale Regierungen leiden unter denselben Problemen - und so steigen die Schulden in den Provinzen bedenklich. Die Rating-Agentur Moody's schätzt sie derzeit auf gut 1,8 Billionen Euro, auf rund 30 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung des vergangenen Jahres.

Noch bringt das die Volksrepublik nicht ins Wanken. Die Zentralregierung verfügt über Barreserven von mehr als drei Billionen Dollar - und tut bislang alles, um die Lage in den Provinzen zu stabilisieren. 2011 etwa durften einige lokale Regierungen erstmals seit langem wieder eigene Anleihen begeben. Pekings Finanzministerium garantiert für diese Bonds - und drückt so ihre Zinsen. Zudem werden staatliche Unternehmen und Banken angehalten, die Provinz-Bonds zu kaufen.

So bleiben die lokalen Regierungen flüssig - egal, wie verschuldet sie sind. "In diesem System spielt es faktisch keine Rolle, ob eine Stadt bankrott ist", sagt Lin.

Fragt sich nur, wie lange das noch so weitergeht. Denn selbst Pekings Barreserven sind nicht unbegrenzt, und die Zentralregierung hat noch ganz andere Probleme als klamme Provinzfürsten. "Eine wachsende Mittelklasse stellt immer größere Ansprüche an soziale Absicherung und Lebensqualität", sagt Investmentberater Lundgreen. Die Regierung müsse dafür riesige Summen investieren. "Peking ist mächtig, aber nicht mächtig genug, für alles zu garantieren."

Die Provinzfürsten hoffen derzeit, dass die Zentralregierung ihre Auflagen für den Immobilienmarkt wieder lockert. Experten wie Hu Shuli von Caixin halten diese Erwartung für naiv. Sie rechnen eher damit, dass Peking bald durchgreift und die Provinzen zum nachhaltigeren Haushalten zwingt. Spätestens im Frühjahr 2013, wenn der Machtwechsel in der Kommunistischen Partei vollzogen ist.

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Seite 1
republica_banana 07.11.2012
1.
Der chinesische Stadtkämmerer hat sich wohl geirrt: Nicht von der FED oder der EZB, sondern von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!
xaka 07.11.2012
2. ...
Zitat von republica_bananaDer chinesische Stadtkämmerer hat sich wohl geirrt: Nicht von der FED oder der EZB, sondern von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!
... und die gibt es auch schon länger nicht mehr... und warum?
Hafenschiff 07.11.2012
3.
Zitat von sysopAPDongguan war Jahrzehnte lang ein Symbol für Chinas Wirtschaftswunder. Jetzt sehen Experten die Acht-Millionen-Metropole am Rande der Pleite. Auch in anderen Städten und Provinzen brechen die Einnahmen weg - die Schulden der lokalen Regierungen belaufen sich wohl auf bis zu 1,8 Billionen Euro. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-china-provinzen-sind-am-rande-der-pleite-a-864540.html
Auch China hat diesbezüglich dieselben Probleme wie der Rest der Welt. Denn auch Chinas Finanzwirtschaft auf einem Zinseszins-System, das automatisch irgendwann dazu führt, dass Vermögen und Einkommen sich immer stärker an wenigen Stellen konzentrieren. Nun hat und hatte China aber wirtschaftlich eine Menge aufzuholen. Das große und konstante Wirtschaftswachstum der letzten 20 Jahre konnte diesen Effekt dämpfen, aber gerade China mit seiner riesigen Bevölkerung wird zwangsläufig irgendwann an natürliche Grenzen stoßen. Und die bestehen im Wesentlichen aus nur begrenzt frei verfügbarer Energie und vor allem Rohstoffen. Zwangsläufig wird sich die chinesische Wirtschaft von einer Wachstumswirtschaft zu einer Erhaltungswirtschaft entwickeln (mehr als eine Wohnung kann keiner bewohnen und mehr als ein Auto fahren auch nicht), so wie das quasi in allen Industrieländern schon heute weitestgehend der Fall ist. Und Erhaltungswirtschaften, die erst mal ein gewisses Niveau und eine gewisse Sättigung erreicht haben, funktionieren auf Dauer nur, wenn die Verteilung des Wohlstands halbwegs gerecht geregelt ist. In einem Zinseszinssystem ist das aber schon rein mathematisch unmöglich, sofern gerade große Vermögensansammlungen nicht massiv besteuert werden. Und das ist in China genauso wenig der Fall wie bei uns. Die gesamtwirtschaftlichen Schulden landen genau wie bei uns auch bei den Chinesen zuerst beim Staat, d.h. der Bevölkerung, und auch direkt bei der normalen Bevölkerung, während sich die Vermögen auf immer weniger Menschen konzentrieren. Die Chinesen hinken dem Westen dahingehend nur 10 Jahre hinterher.
ralphofffm1 07.11.2012
4. wie gesagt
auch inChina wachsen die Bäumenicht in denHimmel. Ich hoffe die Vietnamesen sehen sich das gut an. Das sind die nächsten Dominosteine
guentilein 07.11.2012
5. optional
Will China etwa den Amis folgen? Schulden über beide Ohren.
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