Wirtschaft in der Ukraine Ökonomen fordern westliche Milliardenhilfen für Kiew

Die Ukraine könnte ein Boom-Staat in Osteuropa sein und ist doch das Armenhaus. Überalterte Strukturen und Korruption plagen die Nation. Nun droht ihr der Staatsbankrott, mit unabsehbaren Folgen für die globalen Finanzmärkte. Es sei denn, die Mitteleuropäer retten sie.

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AP

Wer dieser Tage in Kiew Geld ziehen will, muss lange suchen. Viele Automaten geben nichts mehr her, sind leergeräumt. Und auch in den Supermärkten der ukrainischen Hauptstadt ist wohl nicht mehr viel zu holen. "Es gibt Berichte, dass es zu Panikkäufen kommt", erzählt Robert Kirchner, Ökonom des Osteuropa-Beratungshauses Berlin Economics. "Das kann schnell auf den Bankensektor umschlagen, und dann wird es gefährlich."

Kirchner war tagelang in Kiew, seit diesem Freitag ist er zurück in Deutschland. Er hat gesehen: Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich steht die Ukraine am Abgrund. "Die Devisenreserven schmelzen dahin, und demnächst muss das Land mehrere Milliarden Dollar Schulden zurückzahlen", sagt der 39-Jährige. "Ohne neue Kredite aus dem Ausland ist eine Zahlungsunfähigkeit nicht auszuschließen."

Der Ukraine droht der Staatsbankrott. Am Freitag hat die einflussreiche Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) ihre Bewertung der ukrainischen Kreditwürdigkeit abermals herabgesenkt. Ihre neue Note "CCC" bedeutet: Das Land steht kurz vor der Pleite. "Wir sind jetzt der Überzeugung, dass die Ukraine zahlungsunfähig sein wird, sollte sich die Lage nicht erheblich zum Positiven wenden - womit wir nicht rechnen", schreibt S&P. Die Devisenreserven haben sich seit Anfang 2012 fast halbiert: von 31,8 auf 17,8 Milliarden Dollar. Allein dieses Jahr müssen Staat und Bürger laut der DekaBank aber fast 27 Milliarden Dollar zurückzahlen.

Devisenreserven Ukraine (in Milliarden Dollar, jeweils zum Jahresende)

2007 32,4
2008 31,5
2009 26,5
2010 34,6
2011 31,8
2012 24,5
2013 18,8
Ende Januar 2014 17,8
Ende Februar 2014 rund 15

Quellen: IWF, Weltbank, Bloomberg, Ukrainische Zentralbank

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände auf Kiews Unabhängigkeitsplatz, die Bilder von Leichen und brennenden Barrikaden geben der ohnehin schwer angeschlagenen Wirtschaft den Rest. Hoffnung gibt lediglich der nun unterzeichnete Kompromiss zwischen Regierung und Opposition. Doch zuvor am Freitag hatte die Regierung die geplante Ausgabe von Staatsanleihen mehr als zwei Milliarden Dollar zurückgezogen. Russland, das die Schulden übernehmen sollte, will offenbar nicht mehr.

Korruption und Rechtsunsicherheit schrecken Unternehmen ab

Um den Totalkollaps zu vermeiden, fordern Ökonomen westliche Milliardenkredite, sobald sich die Lage beruhigt hat. "Wie immer es politisch weitergeht: Die Ukrainer werden sehr viel Geld brauchen", sagt Hans Harwig Wild, Schwellenländer-Stratege beim Frankfurter Bankhaus Metzler, SPIEGEL ONLINE. "Der Internationale Währungsfonds und die Europäer müssen sie stützen." Gerade die EU sei nun "in der Pflicht". Janis Hübner von der DekaBank fordert, der Westen müsse eine weitere Destabilisierung der Ukraine durch eine Staatspleite verhindern: "Das wird teuer. Aber gemessen an der geopolitischen Bedeutung ist ein zweistelliger Milliardenbetrag nicht zu viel." Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, ergänzt: "Europa muss helfen, die Ukraine ist zu wichtig, um sie fallenzulassen." Die Hilfen aber müssten an Reformen gekoppelt werden. "Europa kann nicht Geld in ein Fass ohne Boden stecken."

Immer mehr Experten fürchten, die lokale Krise könne sich auf die Finanzmärkte des Westens ausdehnen. Haben doch eine Reihe europäischer Banken, etwa österreichische Institute, bedeutende Kredite in der Ukraine vergeben.

Selbst wenn die Ukraine sofort befriedet würde - aus eigener Kraft kommt sie aus der Rezession kaum heraus. Die Wirtschaft stagniert seit zwei Jahren; sie hat sich nie mehr richtig von dem Crash 2009 erholt, als sie um fast 15 Prozent einbrach. Mit einer Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von unter 4000 Dollar zählt das Land zu den Armenhäusern Europas, die Deutschen schaffen locker das Zehnfache.

Wirtschaftswachstum Ukraine (real, gegenüber Vorjahr)

2005 +2,7 %
2006 +2,3 %
2007 +7,9 %
2008 +2,3 %
2009 -14,8 %
2010 +4,1 %
2011 +5,2 %
2012 +0,2 %
2013 0,0 %

Quellen: IWF, Weltbank, bei Leistungsbilanzdefizit dazu auch Trading Economics

Dabei galt die Ukraine nach der Orangen Revolution von 2004 als Wachstumsmarkt. Neben Rohstoffen wie Eisenerz, Magnesium, Mangan, Nickel oder Quecksilber besitzt die "Kornkammer Europas" fast ein Drittel der fruchtbaren Schwarzerde-Böden der Welt. Die Bevölkerung hat einen vergleichsweise hohen Bildungsstand, mit seinen 45 Millionen Einwohnern wäre das Land ein attraktiver Absatzmarkt. "Aber viele Unternehmen scheuen sich herzukommen, insbesondere wegen der verbreiteten Korruption und der Rechtsunsicherheit", sagt Rainer Lindner. Im Wettbewerbsfähigkeits-Ranking des World Economic Forum ist die Ukraine auf Platz 84 von 148 untersuchten Staaten abgerutscht, hinter Ruanda, Laos oder Iran.

Auf den Westen angewiesen

Das Land ist wirtschaftlich ebenso gespalten wie politisch. In der Ostukraine dominiert die alte Schwerindustrie. Der Westen ist von Landwirtschaft geprägt; nach der Auflösung der Sowjet-Kolchosen schlagen sich viele Bauern als Selbstversorger durch. Gemeinsam haben beide Landesteile nur eins: Hier wie dort sind die Strukturen überaltert. Kraftwerke, Stromnetze und viele Industrieanlagen stammen noch aus Sowjetzeiten. Um einen Dollar zu erwirtschaften, musste die Ukraine laut Weltbank etwa zehnmal so viel Energie einsetzen wie westliche Industriestaaten. Dabei muss sie fast ihr gesamtes Öl und Gas importieren - aus Russland. Gerade in ländlichen Regionen wird Gas immer wieder rationiert, kommt es zu Stromausfällen.

Leistungsbilanzdefizit Ukraine (von GDP)

2007 -3,7 %
2008 -7,0 %
2009 -1,5 %
2010 -2,2 %
2011 -5,5 %
2012 -8,4 %
2013 -7,9 % (geschätzt, endgültige Zahlen noch nicht veröffentlicht)

Quellen: IWF, Weltbank, bei Leistungsbilanzdefizit dazu auch Trading Economics

Lange hat Präsident Wiktor Janukowitsch die Reformen verweigert, die der Internationale Währungsfonds (IWF) für neue Kredite forderte. Lieber nahm er Kapitalspritzen aus Russland und ließ das Assoziierungsabkommen mit der EU scheitern. Jetzt aber, da auch Moskau offenbar kein Geld mehr gibt, sind Janukowitsch oder seine Nachfolger auf den Westen angewiesen. "Wenn schnell eine handlungsfähige Regierung gebildet wird, kann sie das Schlimmste womöglich abwenden", sagt Osteuropa-Experte Kirchner. Der Westen müsse dann auf ein Abkommen zwischen Kiew und dem IWF hinwirken, die Europäer müssten versuchen, diese Kredite durch eigene Zuschüsse zu erhöhen. "Es gibt noch Handlungsspielraum", sagt Kirchner, "aber die Uhr tickt." Für die Ukraine und für Europa.



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celsius234 22.02.2014
1. bitte nicht schon wieder ein boomstaat für den steuerzahler
das boomt wie bulgarien , Rumänien, kroatien mal wieder will unsere industrie mit der bezahlten politikertruppe den Käufer aber nicht die menschen. die folgen baden ja auch nur die Bürger aus.
sir.viver 22.02.2014
2. Ok
Zitat von sysopAPDie Ukraine könnte ein Boomstaat in Osteuropa sein und ist doch das Armenhaus. Überalterte Strukturen und Korruption plagen die Nation. Nun droht ihr der Staatsbankrott, mit unabsehbaren Folgen für die globalen Finanzmärkte. Es sei denn, die Mitteleuropäer retten sie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-der-ukraine-staatsbankrott-droht-a-954937.html
Also darum ging es. Erst wurde die Ukraine vom Westen destabilisiert, neue (alte) Politmarionetten werden installiert, dann folgen Milliardenkredite für die der westliche Bürger bluten muss und dann werden die Milliardenkredite dafür verwendet um von bestimmten Konzernen Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Für wie blöd halten uns die Politikdarsteller eigentlich? Das nächste Ziel Nordkorea? Wir werden momentan in Print und elektronischen Medien incl. TV mit NK-Stories überhäuft. Was ist da im Busche?
funnukem 22.02.2014
3. Welch ein Wahnsinn
Zitat von sysopAPDie Ukraine könnte ein Boomstaat in Osteuropa sein und ist doch das Armenhaus. Überalterte Strukturen und Korruption plagen die Nation. Nun droht ihr der Staatsbankrott, mit unabsehbaren Folgen für die globalen Finanzmärkte. Es sei denn, die Mitteleuropäer retten sie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-der-ukraine-staatsbankrott-droht-a-954937.html
da steht die jetzige EU schon an der Grenze ihrer Kapazität... aber immer neue Staaten sollen beitreten und finanziert werden. Die aktuelle Krise ist noch nicht vorbei. Wer soll das alles schultern. Irgendwann wird auch der letzte hier begreifen, dass Deutschland damit überfordert ist
aeom 22.02.2014
4. warum
...treten wir eigentl auf die schuldenbremse? gebt jedem burger eine million euro und haut raus was das zeug haelt....die welt darf uns eh nicht pleite gehen lassen, also koennen wir auch so wirtschacten wie der rest!!
danielscharr 22.02.2014
5. Rettungspaket
Zitat von sysopAPDie Ukraine könnte ein Boomstaat in Osteuropa sein und ist doch das Armenhaus. Überalterte Strukturen und Korruption plagen die Nation. Nun droht ihr der Staatsbankrott, mit unabsehbaren Folgen für die globalen Finanzmärkte. Es sei denn, die Mitteleuropäer retten sie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-der-ukraine-staatsbankrott-droht-a-954937.html
Dann sollte sich der deutsche Michel schon mal darauf einstellen das demnächst auch "Rettungspakete" in die Ukraine rollen werden. Denn wie unlängst zu erfahren war sind über 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine geschäftlich tätig oder arbeiten darauf hin. Die werden unsere Mutti und ihr Handlanger Schäuble,Steinmeier und co. nicht so einfach hängen lassen, oder warum dachte man wohl war Klitschko öfters zu Gesprächen in Deutschland und warum sich die BRD so stark in der Ukraine involviert. Was soll eigentlich Milliardenhilfe für einen Staat mit einem massiven Korruptionsproblem bewirken, anders als die Taschen der korrupten Politiker, Beamten und sonstiger "Würdenträger" zu füllen? Hier müßte man zunächst der Korruption Herr werden bevor man Milliarden in den Ofen schießt.
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