Wirtschaftsschwäche: Frankreich gibt Deutschland die Schuld an Krise

Von , Paris

Budgetminister Cahuzac: "Technisch sind wir nicht in einer Rezession" Zur Großansicht
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Budgetminister Cahuzac: "Technisch sind wir nicht in einer Rezession"

Rekordarbeitslosigkeit, Null-Wachstum und ein hohes Defizit - Frankreichs Wirtschaft lahmt. Die Nation fürchtet, zum neuen Pflegefall Europas zu werden. Die Schuld an der Misere schiebt die Regierung in Paris auf Deutschland.

Jérôme Cahuzac gilt im Kabinett von der sozialistischen Regierung als besonders scharfzüngig. Wenn sich der 60-Jährige zur Wirtschaftskrise, zur Rolle der Europäischen Zentralbank oder zum komplizierten Verhältnis zwischen Paris und Berlin äußert, klingt manches Statement des begeisterten Box-Fans wie eine kurze Gerade: "Die deutsch-französische Freundschaft ist ein Kampf."

Der gelernte Schönheitschirurg und amtierende Budgetminister, - Spitzname: "König des Skalpells" - legt noch nach, wenn es um Schuldzuweisungen geht, etwa um den vermeintlich überteuerten Euro und seine Wirkungen auf den schwächelnden französischen Export. "Deutschland hat die Tradition einer starken Währung und seine Exporte haben darunter nicht gelitten. Das ist aber eine Ausnahme, wir brauchen eine klarere Kooperation." Soll heißen: Zugeständnisse.

Im Zwist über den Euro reagiert freilich auch Berlin mit harten Bandagen. Angesichts von bröselndem Wachstum, zunehmenden Pleiten, steigender Arbeitslosigkeit und einem klaffenden Haushaltsloch sah Rainer Brüderle das zweitstärkste Land der Euro-Zone schon am Abgrund: "Die sind gerade dabei, grandios abzustürzen."

Der Schlag saß. Denn die Lage ist schwierig:

  • Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum liegen bei nur noch 0,1 Prozent,
  • die Zahl der Beschäftigungslosen hat ein Rekordhoch von 3,17 Millionen erreicht
  • und die Statistikbehörde rechnet mit einer weiteren, dramatischen Zunahme der Arbeitslosigkeit.

Was hatte Präsident François Hollande seinen Landsleuten nicht alles verheißen: Ein Wachstum von 1,8 Prozent, eine "tendenzielle Umkehr" bei der Arbeitslosigkeit, die Reduzierung des Defizits und eine Überwindung der Euro-Krise. "Das Schlimmste ist hinter uns", hatte der Sozialist getönt.

Frankreich verpasst seine selbstgesetzten Ziele

Mittlerweile hat selbst der Staatschef eingeräumt, dass die Ziele "nicht in vollem Umfang" erreichbar seien. Nicht nur die Branchengrößen wie Autoproduzent Peugeot oder Stahlkocher ArcelorMittal sorgen mit Massenentlassungen und Sozialplänen für Unruhe. Seit Anfang dieses Jahres führt das Ministerium für Industrielle Wiederbelebung rund 2000 Unternehmen auf einer Liste von Pleitekandidaten. "2013, das schreckliche Jahr", kommentierte die Tageszeitung "Le Monde".

Schlimmer noch: Die Anstrengung, mit einer Mischung aus Steuererhöhungen und Einsparungen das Defizit bis zum Ende dieses Jahres auf die Dreiprozentmarke zu drücken, ist perdu. Die EU-Kommission sieht das Haushaltsloch derzeit bei 3,7 Prozent und damit jenseits der magischen Maastricht-Kriterien.

Aus Deutschland ist vor den Bundestagswahlen keine Unterstützung zu erwarten, weil die Kanzlerin "in der Öffentlichkeit eher mit Unnachgiebigkeit punkten kann", kommentierte das Wirtschaftsmagazin "Alternatives Economiques" und resigniert: "Nächstes Rendezvous im Herbst". Zudem hat der Wahlausgang in Italien Skepsis gegen Brüssel geschürt. In Frankreich wächst die Angst, die Nation könne zum neuen Pflegefall Europas werden, zum "nächsten Griechenland".

Derartige Tiefschläge wehrt Budgetminister Cahuzac gelassen ab. Immerhin hätten die Finanzmärkte mit Gelassenheit auf die schlechten Prognosen reagiert, die Währungshüter der Banque de France könnten derzeit so billig Geld leihen wie lange nicht. Und überhaupt: "Wie kann ein Land seine Ziele einhalten in einem Umfeld, in dem es kein Wachstum gibt?

Der selbsternannte "Akkordarbeiter" beharrt darauf, dass Frankreich wenigstens bis zum Ende von Hollandes Mandat den Haushalt wieder ins Lot gebracht haben wird. "Wir bleiben bei dem Ziel: 2017 erreichen wir ein ausgewogenes Budget."

Die Nagelprobe folgt schon im April, wenn Brüssel die Pariser Haushaltspläne prüfen wird. Das laufende Jahr wird, so räumt der Minister ein, angesichts von Einsparungen und Steuererhöhungen hart. Cahuzac gesteht immerhin: "Wir befinden uns fraglos in der Flaute."

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insgesamt 336 Beiträge
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1. Macht Schluß
Lemmi42 02.03.2013
mit dem Euro und langsam zieht wieder Frieden ein,ich kann nicht einsehen,daß die deutschen Steuerzahler für die Schulden der Anderen aufkommen soll.
2. Pestilenz und Höllenfeuer
kopfschütteler 02.03.2013
Zitat von sysopREUTERSRekordarbeitslosigkeit, Null-Wachstum und ein hohes Defizit - Frankreichs Wirtschaft lahmt. Die Nation fürchtet, zum neuen Pflegefall Europas zu werden. Die Schuld an der Misere schiebt die Regierung in Paris auf Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-frankreich-regierung-in-paris-gibt-deutschland-die-schuld-a-886086.html
Und damit hätte die französische Wirtschaftsschwäche mit der Syphilis gleichgezogen. Denn die schob man früher - als neapolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit - auch gern missliebigen Nachbarn in die Schuhe. Kann ja auch unmöglich selbst verschuldet sein, sowas. La vache ...
3. Das können die Franzosen am besten
Steve111 02.03.2013
Mit dem Finger auf andere zu zeigen, anstatt die Fehler mal bei sich zu suchen, das ist in meinen Augen typisch französisch Der amerikanische Investor hat es doch neulich überdeutlich ausgedrückt, woran es hakt ( 3 Stunden arbeiten, 1 Stunde Mittag , 3 Stunden diskutieren). Dazu kommt noch die enorme Streiklust dieses Volkes, getrieben von realitätsfernen Gewerkschaften. Renteneintrittsalter 60 Jahre, 35 Stundenwoche, hohe Stundenlöhne, eine Regierung, die stets kräftig dazwischenfunkt (angedachtes Verbot von Werkschließungen, etc.).Für Frankreich wird es noch ganz ganz bitter werden, die haben dann die Wahl zwischen EU Austritt , Rettungsschirm, und/oder Rückkehr zum matschigen Franc.
4. kante
kimba2010 02.03.2013
Zitat von sysopREUTERSRekordarbeitslosigkeit, Null-Wachstum und ein hohes Defizit - Frankreichs Wirtschaft lahmt. Die Nation fürchtet, zum neuen Pflegefall Europas zu werden. Die Schuld an der Misere schiebt die Regierung in Paris auf Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaft-in-frankreich-regierung-in-paris-gibt-deutschland-die-schuld-a-886086.html
Würde man in Berlin mal klare Kante zeigen und Tacheles darüber reden, wer den bankrotten Tanker EU finanziell noch über Wasser hält, dann wäre so manche unberechtigte Kritik aus dem Ausland erst gar nicht aufgekommen. Aber auf die Deutschen kann man seit einigen Jahrzehnten ja so herrlich ablästern, die wehren sich nicht mehr.
5. "Was hatte Präsident François Hollande ...
Worldwatch 02.03.2013
... seinen Landsleuten nicht alles verheißen ...." "Als Prophezeiung – auch Weissagung oder Verheißung – bezeichnet man in religiösen Kontexten eine Prognose von Ereignissen in der Zukunft." Ist Sozialismus nun schon eine Religion, oder wie? Ich denke es war eher als "Oneiromantie" angelegt. (Griechisch óneiros für Traum und mántis für Wahrsager) ist die Anwendung der Traumdeutung für Weissagungen. Praesident Hollande als (Ideologie-)Traeumer ...
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