Von Alexander Demling, Dublin
Steve O'Brien will sich nicht beschweren: "Es ist ein Job", sagte der 27-Jährige mit dem roten Kinnbart und zuckt mit den Schultern. Ab Januar wird der IT-Spezialist bei einem Online-Poker-Anbieter in Dublin arbeiten. Für seinen neuen Arbeitgeber soll er Hacker aufspüren. Es ist nicht der Job, den er sich gewünscht hat. Nicht der, für den er vier Jahre am renommierten Trinity College studiert hat. Aber ein Job. "Viele meiner Freunde aus der Uni sind weiterhin arbeitslos. Ich kann meine Frau und unseren Sohn ernähren. Ich kann sogar in den Pub gehen", sagt O'Brien und hebt sein Guinness wie zum Beweis.
Nicht nur Steve O'Brien ist wieder etwas optimistischer. Ganz Irland scheint vor einer Trendwende zu stehen: Die jahrelange Rezession nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 könnte im kommenden Jahr vorbei sein. Das Bruttosozialprodukt - in Irland das bessere Maß für die Wirtschaftsleistung (siehe Kasten) - soll laut der irischen Zentralbank im kommenden Jahr um 0,9 Prozent wachsen, das führende irische Wirtschaftsforschungsinstitut ESRI rechnet mit immerhin 0,7 Prozent. Die Arbeitslosenquote, die seit Januar 2008 kontinuierlich gestiegen ist, soll 2013 laut ESRI-Prognose erstmals wieder fallen.
Die Strategie der Troika könnte aufgehen
So könnte Irland das erste der Euro-Krisenländer werden, das sich aus seiner wirtschaftlichen Misere befreit - trotz oder gerade wegen des von der Troika verordneten Sparprogramms. Für die Euro-Retter um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wäre es ein kleiner Triumph. Ein Signal, dass ihre Strategie "Hilfsgelder gegen Radikalreformen" aufgehen kann. Denn die Iren haben sich über Jahre brav an alle Forderungen von EU, EZB und IWF gehalten. "Sie sagen uns, dass noch nie ein Land die Vorgaben so vollständig erfüllt hat wie wir", sagt der irische Haushaltsminister Brendan Howlin zu SPIEGEL ONLINE.
Dafür haben die Iren aber auch arg gelitten. Seit 2008 hat das irische Parlament nicht weniger als sieben Sparpakete verabschiedet, die zusammen ein Fünftel der irischen Wirtschaftsleistung ausmachen: Die Mehrwertsteuer stieg von 21 auf 23 Prozent. Mindestlohn, Kindergeld und Heizkostenzuschüsse für arme Leute wurden gekürzt. Und das Renteneintrittsalter wird bis 2028 auf 68 erhöht - ein europäischer Rekordwert.
Die keltischen Radikalreformen stehen denen in Griechenland nicht nach. Doch anders als dort gab es in Irland kaum Proteste. "Den Iren ist bewusst, dass die aktuelle Regierung die Krise nicht verursacht hat - und nur begrenzt bekämpfen kann", sagt Paul Sweeney, Chefökonom des irischen Gewerkschaftsbundes ICTU. Die irischen Gewerkschaften unterstützen den Kurs der Regierung im Grundsatz, statt die Wirtschaft mit Generalstreiks lahmzulegen. Gemeinsam mit Regierung und Arbeitgebern einigten sich die Gewerkschaften auf Stellenabbau und erhielten im Gegenzug weitgehende Lohn- und Jobgarantien für die Verbliebenen. Die Folge: Der Konsum stürzte zwar ähnlich stark ab wie in Portugal und Griechenland, das Umfeld für Investitionen blieb aber ruhig und berechenbar. Gewerkschafter Sweeney lobt die Abkommen bis heute.
"Wir sind optimistischer denn je"
Das könnte sich nun auszahlen: "Wir sind optimistischer denn je, dass wir am Anfang eines anhaltenden Aufschwungs stehen. Die Konjunktur wird nicht mehr nur von den Exporten getragen, sondern auch von steigenden Investitionen", sagt ESRI-Ökonom David Duffy. Auch das unterscheidet Irland von seinen südeuropäischen Leidensgenossen. Dort sorgt einzig die Nachfrage aus dem Ausland für gute Nachrichten. In Irland dagegen fassen auch ortsansässige Unternehmen wieder Mut: Besonders Pharma- und IT-Unternehmen investieren laut Ökonom Duffy wieder in neue Anlagen.
Zum Beispiel Mylan. Der größte Medikamentenhersteller in Irland baut in einem Industriegebiet im Nordwesten Dublins gerade neue Fabrikhallen. Bis 2016 will Mylan hier und in Galway 500 Menschen einstellen und seine Belegschaft auf der Insel damit fast verdoppeln. "Wir finden in Irland gut ausgebildete, hochmotivierte Arbeitskräfte. Daran hat auch die Krise nichts geändert", sagt Heather Bresch, Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Pharmaunternehmens. Ähnliches hört man von Microsoft, dem Versicherer Axa oder dem Computerspiele-Hersteller Electronic Arts. Alle wollen in den nächsten Monaten Hunderte gut bezahlte Arbeitsplätze in Irland schaffen.
Selbst von den Finanzmärkten kommen gute Nachrichten: Die Rating-Agentur Fitch hob ihren Ausblick auf Irlands Zahlungsfähigkeit von "negativ" auf "stabil". Die Bank of Ireland - eine der Katastrophenbanken, die das Land erst in die Krise rissen - platzierte vergangene Woche erfolgreich eine Anleihe über eine Milliarde Euro. Seit drei Jahren hat keine irische Bank mehr so viel Geld auf den Märkten aufgenommen, ohne dass der Staat mit Garantien nachhalf. Alles einzelne Lichtblicke - aber sie mehren sich.
Nicht jeder sieht ein Ende der Krise
Größte Unwägbarkeit bleiben aber weiterhin die irischen Banken. Vor der Krise finanzierten sie mit billigen Krediten einen Immobilienboom und blähten ihre Bilanzen auf ein Vielfaches der irischen Wirtschaftsleistung auf. Als die Blase platzte, musste der irische Staat einspringen und die Geldhäuser reihenweise verstaatlichen.
Deren Wohl hängt noch immer an den Immobilienpreisen. Zwar mussten die Geldhäuser bei der Gründung der irischen "Bad Bank" schon durchschnittlich 60 Prozent auf den Wert ihrer Immobilienkredite abschreiben. Sollten die Preise noch weiter fallen, müsste der irische Staat neues Geld nachschießen. Die Erholung der Wirtschaft wäre wohl wieder gefährdet. Umgekehrt steigen die Immobilienpreise aber nur, wenn mehr Menschen Arbeit finden und sich ein Haus kaufen können. Ein Teufelskreis, der nur durch einen Aufschwung durchbrochen werden kann.
Daher glaubt nicht jeder, dass das Ende der Krise schon erreicht ist: "Für mich ist es erst dann ein Aufschwung, wenn deutlich mehr Menschen Arbeit finden. Und davon sind wir noch weit entfernt", sagt Gewerkschaftsökonom Sweeney. Tatsächlich wird die Arbeitslosigkeit 2013 auch den Wirtschaftsforschern des ESRI zufolge noch bei 14,6 Prozent liegen - etwas unter dem Wert von diesem Jahr, aber meilenweit entfernt von der Arbeitslosenquote von 4,5 Prozent vor fünf Jahren, vor dem großen Crash.
Für Steve O'Brien, den Informatiker aus Dublin, überwiegen aber die positiven Nachrichten. Kürzlich habe er sich mit Freunden aus dem Studium getroffen. Einige davon sind noch arbeitslos, aber immer mehr haben einen Job.
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