Unabhängige Wirtschaft Davon wollen die Schotten leben

Noch einen Tag, dann stimmen die Schotten über ihre Abspaltung von Großbritannien ab. Die Unabhängigkeit hätte starke Auswirkungen auf die schottische Wirtschaft. Ein Überblick.

Produktion bei Johnnie Walker: Dringend neue Märkte erschließen
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Produktion bei Johnnie Walker: Dringend neue Märkte erschließen

Aus Edinburgh berichtet


Der Start in die Unabhängigkeit dürfte holprig werden. Wenn die Schotten beim Referendum am 18. September für die Abspaltung von Großbritannien stimmen, drohen einige turbulente Monate.

Die Unsicherheit über die künftige Währung wird dazu führen, dass das Pfund abwertet und die Aktienkurse schottischer Unternehmen fallen. Bankkunden würden ihre Vermögen in Sicherheit bringen, Investoren ihr Kapital aus Schottland abziehen. Die Insel hätte ihre eigene Version der Eurokrise.

Ebenso klar ist jedoch: Schottland kann wirtschaftlich allein überleben. Selbst der britische Premierminister David Cameron räumt ein: "Natürlich könnte Schottland ein erfolgreiches unabhängiges Land sein."

Die schottische Wirtschaft unterscheidet sich in vielen Kennziffern kaum von der britischen. Wachstum und Produktivität sind ähnlich hoch, Dienstleistungen machen fast drei Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Die schottische Bevölkerung ist gut ausgebildet, die Universitäten zählen zu den besten der Welt.

Schottlands Wirtschaft - die wichtigsten Branchen

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Die neue Regierung hätte allerdings mit einem erheblichen Strukturproblem zu kämpfen. Sie wäre übermäßig abhängig von zwei Sektoren: Öl und Finanzen.

Die Ölbranche erwirtschaftet 13 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das macht Schottland sehr anfällig für die Schwankungen des Ölpreises auf dem Weltmarkt. Zudem sinkt die Ölproduktion seit 1999. Die schottischen Nationalisten hoffen auf neue Ölfunde, doch das ändert nichts daran, dass der Rohstoff endlich ist. Noch 30 Jahre, schätzen Experten, werden die Nordseequellen sprudeln. Die Regierung sollte also bereits für die Zeit nach dem Öl planen.

Industriehafen von Aberdeen: Ölbranche erwirtschaftet 13 Prozent des BIP
DPA

Industriehafen von Aberdeen: Ölbranche erwirtschaftet 13 Prozent des BIP

Finanzsektor schrumpft von selbst

Kaum weniger problematisch ist das zweite Standbein, der überdimensionierte Finanzsektor. Die Bilanzsumme der schottischen Banken ist zwölfmal so groß wie die schottische Wirtschaftsleistung. Ohne eine leistungsfähige Zentralbank im Rücken ist solch ein Missverhältnis untragbar. Jede mittelgroße Bankenpleite könnte einen Staatsbankrott nach sich ziehen.

Filiale der Royal Bank of Scotland: Zweites Standbein
Getty Images

Filiale der Royal Bank of Scotland: Zweites Standbein

Der Finanzsektor würde jedoch recht schnell von selbst schrumpfen: Fünf schottische Banken haben bereits angekündigt, im Fall der Unabhängigkeit ihre Zentralen nach London zu verlegen. Dort genössen sie weiterhin den Schutz der Bank of England. Da auch 90 Prozent der Kunden in England sitzen, wäre diese Entwicklung wohl unvermeidlich. Schottland könnte sich jedoch berechtigte Hoffnung machen, viele der Backoffice-Arbeitsplätze zu behalten. Insgesamt 190.000 Jobs hängen direkt und indirekt an der Branche.

Produktion bei Johnnie Walker in Glasgow: Scotch Whisky Bestseller
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Produktion bei Johnnie Walker in Glasgow: Scotch Whisky Bestseller

Doch sind Banken und Öl nicht alles, die schottische Wirtschaft hat noch einiges mehr zu bieten. Die Lebensmittelindustrie floriert, ihre Exporte sind mit 4,7 Milliarden Pfund pro Jahr sogar höher als die Ölausfuhren. Scotch Whisky ist ein globaler Bestseller, die 109 Brennereien produzieren mehr als 500 Millionen Liter im Jahr.

Passanten in Edinburgh: 15 Millionen Touristen
REUTERS

Passanten in Edinburgh: 15 Millionen Touristen

Ein weiterer Wachstumszweig ist der Tourismus. Rund 15 Millionen Besucher kommen im Jahr in den hohen Norden, 2,5 Millionen davon aus dem Ausland. Die schottische Regierung will diese Zahlen mit stärkerer Förderung und Werbung deutlich nach oben schrauben.

Stolz ist man in Edinburgh auf die führende Rolle bei den erneuerbaren Energien. Im Moray Firth vor Inverness entsteht gerade der drittgrößte Offshore-Windpark der Welt. Schon jetzt bezieht Schottland 29,8 Prozent seines Stroms aus alternativen Quellen.

Auch eine lebendige Tech-Szene könnte das neue Land vorweisen. Die Computer-Fakultät der Universität von Edinburgh genießt international einen guten Ruf und hat bereits zahlreiche Start-ups hervorgebracht.

Schotten müssten international aktiver werden

Sorgen machen sich hingegen die wenigen verbliebenen Werften. Auf Rüstungsaufträge aus London müssten sie wohl verzichten, wenn Schottland unabhängig wird. Die britische Regierung lässt ihre Kriegsschiffe nicht im Ausland bauen.

Um langfristig erfolgreich zu sein, müssten die schottischen Unternehmen dringend neue Märkte erschließen. Im vergangenen Jahr gingen Exporte im Wert von 47,6 Milliarden Pfund nach Großbritannien. Die Ausfuhren in den Rest der Welt betrugen nur 26 Milliarden Pfund. Die Schotten müssten weltweit aktiver werden.

Die schottische Regierung hat eine aktivere Wirtschafts- und Außenhandelspolitik versprochen. Unter anderem will sie ausländische Unternehmen mit niedrigen Steuersätzen locken. Wie Irland will sie dem großen Nachbarn Großbritannien Investoren abjagen.

Ob das klappt, hängt auch von der Haushaltslage ab. Zunächst wird die Regierung eisern sparen müssen, um die Anleger an den Finanzmärkten von ihrer Haushaltsdisziplin zu überzeugen. Das schottische Defizit liegt bei 8,3 Prozent, Tendenz steigend. Viel Spielraum für Steuersenkungen gibt es da nicht. Auch langfristig bleibt der Druck auf den Haushalt groß: Den sinkenden Öleinnahmen steht eine alternde Gesellschaft gegenüber, die für den Staat immer teurer wird. Die schottische Bevölkerung ist älter als die englische und wächst deutlich langsamer.

Leicht wird es daher nicht für die schottische Regierung. Doch Regierungschef Alex Salmond hat recht: Die meisten Länder hatten eine deutlich schlechtere Ausgangslage, als sie unabhängig wurden.

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
CONTRAST 17.09.2014
1. Die Schotten können!!!
Ich hoffe es gibt die Abspaltung, in erster Linie von der EU! Die Schotten müssen ein Zeichen setzen. Dann wird es einige Nachahmer geben. Und schnell wird sich zeigen, dass dies der bessere Weg ist!
ctulhu 17.09.2014
2. Liest sich eigentlich gut an...
...ist das eigentlich der deutsche Werbebeitrag für ein "YES" gewesen? Wenn ich jetzt die wirtschaftliche Situation betrachte, dann kann den Schotten nicht besseres passieren als die Unabhängigkeit. Sie haben eine gesunde Basis, stabile Märkte vor der Haustür, excellente Ausbildungsstätten, werden das Bankenproblem los - und müssen sich gezwungener Massen neu orientieren, um ihre Abhängigkeit von UK zu reduzieren. Allerdings müssten sie das so oder so. Wenn man mal den kompletten Abstimmungsmist mal weg lässt, dann sind die Chancen der Schotten gut, sowohl den Pfund zu behalten als auch in der EU zu verbleiben. Nach der Abstimmung - bei einem YES - würden auch die Briten ihren Verstand walten lassen. Und der würde ihnen sagen, dass für ihre Wirtschaft es bei weitem besser wäre, wenn die Schotten in der gleichen Währungszone blieben und sie für ihre eigenen Banken weiterhin haften. Gleiches gilt für die EU. Da die Schotten tendentiell eben doch Briten sind, hätte UK eher mehr als weniger zu sagen. Die Briten hätten einen neuen natürlichen Verbündeten. Und dank der schottischen Wirtschaftsstärke wäre ein Nettozahler mehr im EU-Raum. Hinzu müsste man sich nicht mehr mit dem schottischen Problem rumschlagen - vor allem nicht mit den fehlenden Wählerstimmen, weswegen Schottland für die aktuell regierende Partei in London schlichtweg inexistent ist... Eigentlich doch klassisch "win-win"?
snowborn 17.09.2014
3.
Albern darüber zu philosophieren. Am End werden 59% oder mehr für die Union sein und sich gerne weiterhin von Westminster aus ihr Leben diktieren lassen und gerne mit der englischen Mehrheit aus der EU austreten. Fare thee well Alba!
AlexMoritz 17.09.2014
4.
Johnnie Walker mag der beliebteste Blended Whisky sein, zum Glück gibt es da aber noch viele andere, deutlich bessere (Single Malt) Marken, auf die die Schotten deutlich stolzer seien dürften als auf den Fusel. Unabhängig davon stellt sich eher die Frage, ob und wenn ja wie die schottische Landwirtschaft darunter leiden wird. In Großbritannien ist 'Made in UK' bei Agrarprodukten derzeit sehr gefragt, das gilt auch für das Fleisch, das oft aus Schottland kommt. Daher bleibt abzuwarten, ob im Falle einer Unabhängigkeit Tesco, Sainsbury's etc. auf englische Produkte ausweichen oder diese Regel auflockern werden, immerhin liegt Schottland ja geographisch weiterhin auf Great Britain, wäre nur nicht mehr Teil des United Kingdoms.
Questionator 17.09.2014
5. Einwandern?
Hört sich insgesamt so an, als wäre Schottland im "YES"-Fall das ideale Einwanderungsland - na ja, mal abgesehen vom Wetter. Und vom Euro müssten sie sich fernhalten...
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