Von Ulrike Putz, Beirut
Die Kurse der Geldwechsler verraten mehr als alle Propaganda: Ein Jahr nach Beginn des Aufstands gegen Baschar al-Assad ist das syrische Pfund deutlich weniger wert - auf dem Schwarzmarkt kostet ein Dollar inzwischen 97 Pfund, vor einem Jahr waren es 46 Pfund.
Kein Wunder, dass der Wechselkurs verfällt. Die Ölförderanlagen in Syriens Wüste stehen fast alle still: Seit die Europäische Union den Import syrischen Erdöls mit einem Embargo belegte, hat Syrien 90 Prozent seines Ölexportgeschäfts eingebüßt. Auch Syriens Hotels stehen leer, nur ein paar einsame Touristen wandern noch durch Basare und römische Ruinen.
"Seit April hat der Tourismus aufgehört, das sind etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit November wurden die Ölexporte gestoppt und das sind noch mal 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts", sagte der syrische Geschäftsmann Faisal al-Kudsi Mitte Februar der BBC. Kudsi muss es wissen: Der Sohn eines ehemaligen syrischen Präsidenten war einer derjenigen, die nach der Machtübernahme Baschar al-Assads von dessen Vater Hafis im Jahr 2000 den Wandel Syriens von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft orchestrierten.
Bankkunden bringen ihr Geld in Nachbarländern in Sicherheit
Nun sagt Kudsi den Kollaps des Systems voraus, das er selbst mit geschaffen hat: Wegen der internationalen Sanktionen gegen Syrien blieben dem Land nur noch wenige Handelspartner. Nur nach Jordanien, Irak und in den Libanon würden noch Exporte fließen. "Die Devisenreserven der Zentralbank sind von 22 Milliarden Dollar auf 10 Milliarden Dollar geschrumpft und sie schwinden sehr schnell weiter", so Kudis gegenüber der BBC.
Syrische Banken haben von Beginn der Krise an ein Drittel ihrer Einlagen verloren. Die Kunden tauschen ihr Geld lieber in Dollar, sie heben es ab, um es zu Hause zu horten, oder bringen es in Nachbarländern in Sicherheit. "Die Banken stehen unter massivem Druck", sagte ein Banker einer prominenten libanesischen Bank der Nachrichtenagentur Reuters, "sollte Syrien im Bürgerkrieg versinken, könnte es zu Fusionen oder Bankrotten kommen." In Syrien gibt es 14 Banken im Privatbesitz, meist Ableger großer arabischer Bankhäuser.
Dass die Sanktionen tatsächlich greifen und der syrischen Wirtschaft enormen Schaden zufügen, ist so offensichtlich, dass selbst das Assad-Regime es nicht mehr leugnet. Seit im April 2010 die USA und die EU eine erste Runde an Sanktionen gegen die syrische Ölindustrie verhängt haben, seien der Branche mehr als zwei Milliarden Dollar an Einnahmen entgangen, erklärte der syrische Ölminister, Sufian Allaw, im Februar. Die Produktion habe um 150.000 Barrel am Tag reduziert werden müssen.
Dem System Assad geht das Geld aus
Für David Butter, Nahost-Spezialist des britischen Economist Corporate Network, könnte der Zusammenbruch der syrischen Wirtschaft den Zusammenbruch des Regimes nach sich ziehen. Wo die Opposition dem Staat militärisch nicht beikommen könne, sei die Wirtschaft "der wichtige schwache Punkt des Regimes", sagt Butter vergangene Woche der BBC.
Dem System Assad gehe schlicht das Geld aus. Vor allem der Verlust der Öleinnahmen treffe den Staat hart. Mit den Einnahmen aus dem Ölexport habe Syrien bislang seinen unverhältnismäßig großen öffentlichen Dienst bezahlt. "Jetzt wird die Regierung nicht mehr in der Lage sein, die Gehälter der Angestellten im Staatsdienst zu bestreiten." Für die zweite Hälfte dieses Jahres sagt Butter deshalb auch politische Probleme voraus: "Dann ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht."
Noch kann das Regime auf die Unterstützung der Mittelschicht bauen. Sie fürchtet mehrheitlich, dass die Rebellion sich zum Bürgerkrieg auswachsen und das Land ins Chaos stürzen könnte. Relativ wohlhabende Syrer sind deshalb derzeit noch bereit, die Einschränkungen ihrer Freiheit unter Assad hinzunehmen. Sollte die blutige Niederschlagung des Aufstands jedoch ihren Wohlstand beschneiden, könnten sich auch die bislang Assad-treuen Bürger vom Regime abwenden, sagen Beobachter.
Vergangene Woche hatte die Europäische Union mit einer weiteren Sanktionsrunde den Druck auf die Regierung von Präsident Baschar al-Assad verschärft. Dabei wurden sieben weitere syrische Minister mit einem Einreiseverbot in die EU belegt. Inzwischen stehen damit mehr als hundert syrische Repräsentanten auf der Liste der Sanktionierten.
Die EU-Minister einigten sich auch darauf, Konten der syrischen Minister im Ausland einzufrieren, darunter die von Außenminister Walid al-Mualem. Die zwölfte Sanktionsrunde seit Ausbruch des Konflikts vor gut einem Jahr zielt außerdem auf die syrische Zentralbank, auf Frachtflüge nach Europa und den Handel mit Gold, anderen Edelmetallen und Diamanten aus Syrien. Ein Importverbot von Phosphaten wurde Diplomaten zufolge allerdings ebenso verworfen wie ein Embargo für Passagierflüge zwischen Europa und Syrien.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Syrien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH