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Wirtschaftskriminalität: Renommierter Strafrechtler warnt vor Überlastung der Justiz

Strafverfolger Hans Richter (Juni 2010): Als Managerjäger bekannt geworden Zur Großansicht
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Strafverfolger Hans Richter (Juni 2010): Als Managerjäger bekannt geworden

Zu wenig Staatsanwälte gegen ein Heer hochbezahlter Anwälte: Der renommierte Strafermittler Hans Richter beklagt in einem Zeitungsinterview eine Überlastung der Justiz. Bei der Verfolgung krimineller Manager drohe eine Niederlage.

Er ermittelte gegen Anton Schlecker, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und den LBBW-Vorstandsvorsitzenden Siegfried Jaschinski: Der Stuttgarter Staatsanwalt Hans Richter gilt als einer der härtesten Wirtschaftsstrafverfolger Deutschlands. Ende des Monats geht der 68-Jährige in den Ruhestand - und warnt in einem "Handelsblatt"-Interview eindringlich vor einer drohenden Niederlage des deutschen Justizsystems.

Die Behörden seien dem Arbeitspensum kaum mehr gewachsen, sagte Richter der Zeitung. Es sei eine "Zwei-Klassen-Täterschaft" zu konstatieren: Bei gut betuchten Wirtschaftskriminellen stünden die Strafverfolger einem Heer aus hochqualifizierten und hochbezahlten Anwälten gegenüber. Die Masse der Angeklagten könne sich die wirklich guten Anwälte hingegen nicht leisten, so Richter. Wirtschaftsstrafverfahren dauern laut "Handelsblatt" inzwischen durchschnittlich dreieinhalb Jahre, die Großverfahren weitaus länger.

Richter sieht aber auch beim Gesetzgeber eine Mitschuld an der Überlastung: Die Staatsanwaltschaften würden überfrachtet, weil zunehmend mehr Pflichtverletzungen unter Strafe gestellt würden. Laut dem Deutschen Richterbund fehlen zudem bundesweit 2000 Richter und Staatsanwälte. In einer Umfrage des Richterbunds klagen mehr als zwei Drittel der Juristen über zu wenig Zeit.

Die ungleichen Chancen und schlechten Arbeitsbedingungen schrecken junge Anwälte vom Staatsdienst ab, sagt Richter: "Wir haben ein ausgesprochenes Nachwuchsproblem - und zwar bundesweit. In der Polizei und in der Justiz. Bei der Polizei sehen wir, dass sich immer weniger für den Bereich der Wirtschaftskriminalität interessieren, weil sie die Knochenarbeit, die in der Aufarbeitung unendlicher Informationsquellen liegt, eher scheuen." Nicht besser laufe es bei Gutachtern und IT-Spezialisten, die lieber für die private Wirtschaft arbeiteten, als für die Strafjustiz.

fdi

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1. Korrupter als Uganda
spontifex 16.09.2015
Herr Richter verbreitet Langeweile, weil er nur das wiederholt, was W.Schaupensteiner schon vor acht Jahren öffentlich zum Anlass genommen hat, den Staatsdienst als Leiter einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft Korruptionsbeskämpfung zu verlassen: Zahlreiche Bestechungsskandale nicht nur in Privatwirtschaft, sondern vor allem auch in der staatlichen Verwaltung.
2. Wandel zum Guten
Schulterklopfer 16.09.2015
Da sollte man doch mal allen Bösen raten, sich vernünftig zu benehmen. Die armen Strafrechtler geraten in Streß und Streß ist ungesund und kann tödlich sein. Auch die Raffinesse mit der kriminelle Manager versuchen sich verteidigen lassen streßt mächtig. Vielleicht haben aber die Richter daran schuld, wenn sie nicht rigeros die Bösen verurteilen. Aber wenn das geschehen würde, hätten die Justizvollzugsbeamten Streß. Auch für die kann Streß tödlich sein oder wenigstens Krankheitsfördernd.
3. Nachwuchsprobleme?
jdm11000 16.09.2015
Ist doch kein Wunder, daß dem so ist... Im Staatsdienst wird man nur genommen, wenn man 32 Jahre nicht überschritten hat und zudem am besten eine Promotion hinter sich hat (muss ich noch reüssieren, daß die Art und Weise, wie man Promoviert meist mit einer Hinterschankraum Schieberei Ähnlichkeiten aufweist?). Gerade die juristische Ausbildung sollte ja seit Jahren vereinfacht werden - was passiert aber? Es wird komplexer und der Druck auf Studenten immer größer. Ständige Änderungen der Prüfungsordnung hilft hier auch nicht wirklich weiter. Zudem: weshalb soll ein junger Mensch sich in den Staatsdienst begeben, wenn er woanders doppelt oder gar dreifach verdienen kann? Ist eben Pech, wenn der Staat meint: du gehörst zu 100 % mir - aber ich will nix leisten dafür... Dann passiert das eben. Pech gehabt.
4. Wer hat welches Interesse?
joejoejoe 16.09.2015
"Zu wenig Staatsanwälte gegen ein Heer hochbezahlter Anwälte:" Hallo, könnte es sein, dass das politisch so gewollt ist, wegen der Spezis und der Parteispenden? Gruß
5. Es ist weit gekommen.......
Benjowi 16.09.2015
Ganz einfache Definition: So etwas nennt man "Klassenjustiz", wenn man es zu Ende denkt. Schuld ist die Tatsache, dass kleine Ladendiebe, Schwarzfahrer und "Normalos" gnadenlos verfolgt werden -es sind ja einfache Ziele-und die ganz Großen sich durch bloße Verfahrenstricks dem Ganzen entziehen können-es ist ja aufwändig, sie zu verfolgen. Eine Justiz, die solche Verfahrensmethoden zulässt, muss sich den obigen Vorwurf gefallen lassen.
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