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Wirtschaftsausblick 2014: Die Krisen der anderen

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Neuer EZB-Turm in Frankfurt: Staatsschuldenkrise könnte zurückkehren Zur Großansicht
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Neuer EZB-Turm in Frankfurt: Staatsschuldenkrise könnte zurückkehren

Die Stimmung ist bestens, die Kauflaune gut, die Unternehmen investieren: 2014 könnte ein gutes Jahr für Deutschland werden. Krisen? Das sind Probleme anderer Länder. Doch die Risiken für die Bundesrepublik sind groß.

Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Fahrt! Das Deutschland-Wunder geht weiter, scheinbar unaufhaltsam. 2014 nimmt der Aufschwung noch mal richtig Fahrt auf. Pünktlich zu Weihnachten sagt der manager-magazin-Konjunktur-Indikator 2,8 Prozent Wachstum voraus. Andere Prognosen sind nicht ganz so optimistisch. Aber über die Richtung herrscht Einigkeit: aufwärts!

Die Stimmung ist penetrant gut. Schon 2013 gaben sich Bürger äußerst zufrieden mit der Gegenwart (weshalb sie Angela Merkel wiederwählten). Das kommende Jahr soll noch besser werden. Die Kauflust ist so groß wie seit sieben Jahren nicht mehr. Auch die Unternehmen investieren endlich wieder mehr, wenn auch immer noch weniger als vor der Krise. Krise? Das sind die Probleme der anderen. In Deutschland sind Kredite so billig wie nie zuvor. Selten war es so leicht, frisches Geld von der Bank zu bekommen. Die Immobilienmärkte boomen. Blasenhafte Preissteigerungen sind erkennbar.

Die Deutschen - sie sind zu Weihnachten 2013 eine relativ unbeschwerte Nation. 82 Prozent halten die Wirtschaftslage für gut, wie soeben die neue Eurobarometer-Umfrage ermittelt hat. Kaum jemand rechnet mit einer Verschlechterung im kommenden Jahr. Das größte wahrgenommene Problem im Lande ist die Inflation. Nicht gerade eine gravierende Sorge angesichts von Preissteigerungsraten von zuletzt gerade mal 1,3 Prozent.

Entsprechend lassen sich die Bundesbürger jetzt regieren: von einer Administration Merkel III, die nichts anderes zum Programm erhoben hat, als das Bestehende zu bewahren. Und die dabei die historische Verantwortung verkennt, die die deutsche Blüte inmitten des Krisengetümmels mit sich bringt.

Das boomende Deutschland und seine Kanzlerin haben keineswegs große Ziele. Der "zögernde Hegemon" ("The Economist") entwickelt keine weitreichenden Ideen für Europa. Er kümmert sich nicht darum, die innerlich zerrissenen Krisennationen in der Nachbarschaft zu befrieden.

Die Selbstbeschränkung Deutschlands ist durchaus gefährlich. Kaum eine reiche Nation ist ökonomisch so abhängig von der Weltwirtschaft und fühlt sich dabei so wenig zuständig für globale Entwicklungen. Selbstbezogen bleibt der deutsche Horizont verengt aufs Nationalökonomische.

Dabei ist die Lage da draußen keineswegs ruhig. Eine Auswahl der Risiken 2014:

Am 1. Februar wird Janet Yellen Chefin der mächtigsten Notenbank der Welt, der amerikanischen Federal Reserve. Der angekündigte Ausstieg aus dem Programm zum Schuldenankauf lässt schon jetzt die Finanzmärkte von Indien bis Brasilien erzittern. Besonders anfällig: die Türkei, Europas Nachbar im Südosten. Auch in China greift immer wieder am Geldmarkt Panik um sich, wie vorige Woche wieder mal zu beobachten war. Deutschlands wichtigsten Exportmärkten steht ein raues Jahr bevor.

Ab Frühjahr beginnt die Europäische Zentralbank (EZB), die Bankbilanzen zu durchleuchten und Stresstests durchzuführen. Das ist nicht ungefährlich: Sollten dabei große Banken ins Wanken geraten, drohen Domino-Effekte. Denn bis dahin gibt es keine funktionsfähige Bankenunion. Europas Staatsschuldenkrise könnte zurückkehren - weshalb bereits über einen massiven Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB spekuliert wird.

Ab dem 22. Mai wählt Europa ein neues Parlament. Deshalb wird ab April in Brüssel faktisch die Arbeit eingestellt. Polarisiert, wie die Stimmung ist, könnten Anti-Europa-Parteien die eigentlichen Gewinner der Wahl werden. Der EU droht eine Blockademehrheit ihrer Gegner.

Am 25. Mai wählt Belgien ein neues Parlament. Flämische Nationalisten könnten an Einfluss gewinnen. Dem Land, das sich mit Europa die Hauptstadt Brüssel teilt, steht eine Zerreißprobe bevor.

Im Oktober übernimmt die EZB die Aufsicht über Europas Banken. Bis dahin müssen sie eigentlich geschätzt eine Billion Euro an faulen Krediten abschreiben; dann könnten sie endlich wieder die reale Wirtschaft finanzieren. Dass es soweit kommt, ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Im Herbst könnte in Spanien und Großbritannien Unruhe drohen, wenn Katalanen und Schotten in Volksabstimmungen jeweils über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Sollten die Sezessionisten gut abschneiden, wäre das ein Signal an abspaltungswillige Völker überall in Europa. Der Verteilungskampf auf dem Krisenkontinent könnte am Ende Nationalstaaten erodieren lassen.

Die Liste zeigt: 2014 kann ein ruhiges Jahr werden. Muss es aber nicht.

Konjunktur-Indikator des manager magazin
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1. Das wird interessant:
addit 23.12.2013
"Ab dem 22. Mai wählt Europa ein neues Parlament. Deshalb wird ab April in Brüssel faktisch die Arbeit eingestellt. Polarisiert, wie die Stimmung ist, könnten Anti-Europa-Parteien die eigentlichen Gewinner der Wahl werden. Der EU droht eine Blockademehrheit ihrer Gegner." --- und eine davon wähle ich!
2.
marthaimschnee 23.12.2013
Ich warte ja immer noch darauf, daß alle anderen Merkels Forderungen umsetzen und alle tatsächlich nur noch exportieren. Dann wird sich nämlich auch hierzulande zeigen, welch vollkommene Dämlichkeit und Ignoranz gegenüber den globalen wirtschaftlichen Zusammenhängen dieser Idee inne wohnt. Aber selbst dann wird unsere Elite das nicht als Scheitern akzeptieren. Daß nichts von ihrem Spardiktat den Krisenländern hilft, geschweige denn überhaupt funktioniert, hindert sie ja auch nicht daran, immer weitere Unverschämtheiten zu fordern. Bei uns dreht sich die Einkommensspirale ebenfalls abwärts, wie nachhaltig wird die gute "Konsumlaune" - die bei genauerer Betrachtung ja schon nicht mehr wirklich gut aussieht - wohl sein? Solange andere auch nur ein kleines Bisschen im Sinne des Volkes handeln, leben wir mit unserer aktuellen Politik auf deren Kosten. WIR sind das Problem, wobei das Wort nicht mehr Deutschland als ganzes, sondern Deutschland als gnadenlose ökonomische Diktatur der Elite definiert! Und der Wähler ist so doof, daß er bereitwillig hinterm Führer herstapft, solange Mutti Brot und Spiele bietet. Ach ja, Brot gibt's nur gegen Arbeitsleistung und die Spiele sind kostenpflichtig.
3. Multinationale Probleme ohne Lösungen!
analysatorveritas 23.12.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Stimmung ist bestens, die Kauflaune gut, die Unternehmen investieren: 2014 könnte ein gutes Jahr für Deutschland werden. Krisen? Das sind Probleme anderer Länder. Doch die Risiken für die Bundesrepublik sind groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsausblick-2014-a-940593.html
Das sind die Probleme anderer Länder, richtig! Aber mit diesen Ländern teilen wir eine gemeinsame multinationale Einheitswährung. Und damit sind deren ökonomische, innen- und gesellschaftspolitische Probleme auch unsere. Merkel ist mit ihrer ökonomisch-finanzpolitischen Position und Vorstellung innerhalb der EU und der Eurozone isoliert, die spannende Frage ist, wann sie welche Positionen räumen muss und den Weg in die vollkommene Transfer- und Haftungsunion ebnet. Dabei kann sie mit der vollen Unterstützung der SPD rechnen. Die EZB ist weiterhin gefordert, Weidmann ist isoliert, die derzeitige Geld- und Währungspolitik dient nur noch dem bedingungslosen Erhalt diesen neuen Währungszone, sie subventioniert und finanziert die Eurosüdstaaten und deren Bankensystem, die dortige Investitionstätigkeit und die Kreditvergabe lahmt. Schäuble profitiert von den Niedrigstzinspolitik der EZB, er kann sich als Sanierer und sparsamer solider Haushälter präsentieren. Die Bankenunion naht, ein neuer viel zu kleiner Mini-Fonds soll hier weiterhelfen. Die ökonomischen Ungleichgewichte stehen auf der Brüsseler Tagesagenda, Massenarbeitslosigkeiten, private und öffentliche Überschuldungen, jahrelange Rezessionen und eine kaum ausreichend vorhandene eigene Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit vieler Eurostaaten haben dieses einheitliche Währungsgebiet in Schieflage versetzt. Und wir selbst sind im Mittelpunkt des Krisengeschehens, als Bürge, Steuerzahler, Sparer, Rentner, Anleger und als Arbeitnehmer. Neue alternativlose Rettungspakete zum neuen Wirtschaftsjahr 2014 sind zu erwarten, in Berlin werden weitere rote Linien und bisher unverrückbare Standpunkte fallen.
4. Könnte, dürfte, sollte, müsste...
chrimirk 23.12.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Stimmung ist bestens, die Kauflaune gut, die Unternehmen investieren: 2014 könnte ein gutes Jahr für Deutschland werden. Krisen? Das sind Probleme anderer Länder. Doch die Risiken für die Bundesrepublik sind groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsausblick-2014-a-940593.html
Typisch für die Kassandra-Journalisten. Statt eigene nge/Probleme anzupacken und Lösungen zustreben, meckern, erwägen, vielleicht und überhaupt. Wie bei den Grünene: "In Brandenburg gibt es wieder massenweise Biber und viele Wölfe", sagen die Optimisten, und die Pessimisten: "Ja, aber keine Löwen":
5.
james-100, 23.12.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Stimmung ist bestens, die Kauflaune gut, die Unternehmen investieren: 2014 könnte ein gutes Jahr für Deutschland werden. Krisen? Das sind Probleme anderer Länder. Doch die Risiken für die Bundesrepublik sind groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsausblick-2014-a-940593.html
Damit wird den Bürgern eine wirtschaftliche gute Lage, von der angeblich viele/alle profitieren, vorgegauckelt, um ihn im Endeffekt neue Bankenrettungspakete schmackhaft zu machen, da sonst die Welt für dem Normalbürger untergeht. Und da diese Bankenrettungspakete enorm wichtig für den "Aufschwung" sind, dürfen selbstredend nur die "richtigen" Parteien gewählt werden, indem man kritischen Parteien/Stimmen als Extrimisten abstempelt.
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


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