St. Petersburger Wirtschaftsforum Deutsche Topmanager pilgern zu Putins Wirtschaftsgipfel 

Die Ukraine-Krise eskaliert, dennoch reisen deutsche Topmanager nach Russland. E.on, Metro, BASF, Daimler - sie alle werden beim St. Petersburger Wirtschaftsforum vertreten sein. Und wohl dem Patron der Konferenz applaudieren: Wladimir Putin.

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St. Petersburg: Deutsche Manager reisen zum Wirtschaftsgipfel
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St. Petersburg: Deutsche Manager reisen zum Wirtschaftsgipfel


Einmal im Jahr lässt sich Wladimir Putin öffentlich Beifall von den ganz Großen der Welt zollen. In Sankt Petersburg, seiner Heimatstadt. Die Bühne dafür hat sich Russlands starker Mann selbst geschaffen: das Sankt Petersburger Internationale Wirtschaftsforum vom 22. bis 24. Mai 2014. Aus einer bescheidenen regionalen Konferenz hat Putin ein Stelldichein der globalen Entscheider aus Industrie und Politik gemacht. Die "russische Antwort" auf das Davoser Weltwirtschaftsforum, wie es der Kreml gerne tituliert.

2013 kam sogar Angela Merkel nach St. Petersburg. Doch zur 18. Auflage in der kommenden Woche werden wohl keine westlichen Spitzenpolitiker anreisen: Die Ukraine-Krise, die immer mehr zum Bürgerkrieg eskaliert, lässt einen Auftritt diplomatisch nicht angeraten erscheinen. Reihenweise haben auch internationale Topmanager in den vergangenen Tagen den hochpolitischen Termin abgesagt. Aber einige hartgesottene deutsche Wirtschaftsgrößen wollen Putin dennoch ihre Aufwartung machen.

E.on-Chef Johannes Teyssen, Metro-CEO Olaf Koch oder der Öl- und Gasvorstand von BASF, Harald Schwager - sie alle kommen nach St. Petersburg, wie SPIEGEL ONLINE auf Anfrage von den Unternehmen erfuhr. Auf der Liste der Teilnehmer stehen auch Hubertus von Grünberg, der deutsche Verwaltungsratschef des Schweizer Elektronik-Konzerns ABB, Hans-Paul Bürkner, der deutsche Chairman der Boston Consulting Group, der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel sowie Mario Mehren, Russland-Vorstand des Gasversorgers Wintershall, und Klaus Mangold, Aufsichtsratsvorsitzender bei TUI und ehemaliger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.

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Daimler schickt seinen Russland-Chef, sponsert die Konferenz und wird den Limousinenservice für die Teilnehmer stellen. "Wir bleiben dabei", sagte ein Konzernsprecher. "Wir glauben, dass solche dialogorientierten Veranstaltungen gerade in Zeiten wie diesen sinnvoll sind."

Das Weiße Haus rät von der Teilnahme ab

Die US-Regierung sieht das anders. Es wäre "eine unangemessene Botschaft, wenn die wichtigsten Geschäftsleute nach Russland reisen, um bei solchen Ereignissen hochkarätige Auftritte mit russischen Regierungsvertretern zu haben", sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses. Die CEOs von Goldman Sachs, PepsiCo, Morgan Stanley, ConocoPhillips und auch Klaus Kleinfeld, der deutsche Chef von Alcoa - sie alle haben zurückgezogen. Laut eines Berichts der "New York Times" hat Präsident Obama seine engsten Wirtschaftsberater ausgeschickt, um die Unternehmenslenker hinter den Kulissen zu bearbeiten und von einem Besuch in Russland abzuhalten.

Die Bundesregierung gibt sich indes bedeckt. "Wir geben keine Empfehlungen ab zum St. Petersburger Forum", sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

"Business as usual geht gar nicht"

Zuletzt waren SPD-Altkanzler Gerhard Schröder und der außenpolitische Sprecher der CDU Philipp Mißfelder ins Kreuzfeuer geraten, als sie zu einem Geburtstagsempfang für Schröder mit Putin nach Russland reisten. Zuvor hatte bereits Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser Ende März mit einem Besuch bei Putin für Wirbel gesorgt. Kaeser hat Sankt Petersburg gerade abgesagt - wie auch Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen, offiziell wegen anderer Verpflichtungen. Allerdings steht Siemens-Industrievorstand Siegfried Russwurm nach wie vor auf der Teilnehmerliste. Eine Entscheidung über seine Anreise werde in den nächsten Tagen getroffen, sagte ein Firmensprecher.

"Business as usual geht für die Konferenzteilnehmer gar nicht", sagt Franziska Brantner, Außenexpertin der Grünen im Bundestag, zu SPIEGEL ONLINE. "Wenn sie dahinreisen, müssen sie das Podium nutzen: ein Zeichen setzen und öffentliche Kritik an Putins Politik üben." Schließlich nehmen die deutschen Manager in St. Petersburg an einer Reihe von Diskussionsrunden teil. Brantner: "Die Vertreter der Energieindustrie sollen darlegen, wie sie die Ankündigung der Kanzlerin umsetzen wollen, von russischen Gasimporten unabhängiger zu werden."

So weit wird es kaum kommen. Reisen doch gerade diejenige Topmanager nach St. Petersburg, deren Konzerne in Russland besonders viel Geld verdienen. "Unser CEO nimmt teil, weil wir ein großes Russland-Geschäft haben", sagt ein E.on-Sprecher frei heraus. E.on importiert nicht nur jährlich Erdgas für mehrere Milliarden Euro - sondern ist auch größter ausländische Stromversorger in Russland. Für Metro ist das Land der zweitgrößte Absatzmarkt und laut CEO Koch die "Ertragsperle" des Konzerns. Bis zum Ausbruch der Ukraine-Krise plante der deutsche Handelsriese sogar den Börsengang des Russland-Geschäfts. Die BASF-Tochter Wintershall hat mit Gazprom ein Partnerschaftsabkommen geschlossen und beutet gemeinsam mit dem russischen Gasmonopolisten Felder in Sibirien aus. Und Daimler montiert gemeinsam mit dem russischen Partner Kamaz vor Ort Lastwagen der Marken Mercedes-Benz und Fuso. Sie alle haben großes Interesse, sich Putins Gunst zu erhalten.

Der Kreml-Chef kommt natürlich auch zu seinem Lieblingsevent. Laut einer Sprecherin des Forums wird er dort am Freitag seine große Rede halten. Danach werden ihm die deutschen Topmanager wohl kräftig applaudieren müssen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
syracusa 12.05.2014
1.
Zitat von sysopAPDie Ukraine-Krise eskaliert, dennoch reisen deutsche Top-Manager nach Russland. E.on, Metro, BASF, Daimler - sie alle werden beim St. Petersburger Wirtschaftsforum vertreten sein. Und wohl dem Patron der Konferenz applaudieren: Wladimir Putin. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsforum-st-petersburg-dax-chefs-pilgern-nach-russland-a-968870.html
Das war doch früher auch schon immer so: Ford und General Motors freuten sich doch auch, mit den Nazis Geschäfte machen zu dürfen. Wer vom Kapital die Beachtung ethischer Prinzipien verlangt, der ist nicht ganz richtig im Kopf.
M. Thomas 12.05.2014
2. Ungewohnt:
aber hier muss ich zugeben, dass das Geld offenbar sehr viel klüger und weiser als die Politik ist - und einen großen H..... auf die künstlich aufgeblasene Hysterie um die Ukraine sch ..... die bei näherem Hinsehen ohnehin eigentlich keiner will.
heiko1977 12.05.2014
3. optional
Lol Obama rät von teilnahme ab, so sieht Freiheit also aus. ;)
humorrid 12.05.2014
4. Wessen Interessen?
Die Aufzählung der Namen steht in bester Tradition der schwarzen Listen der McCarthy-Ära. Auch die USA mischt hier kräftig mit - deren Wirtschaft ist ja mit der russischen kaum verzahnt. Im Gegensatz zu hiesigen. Bereits Kaeser war für sein Russland-Besuch häftigst kritisiert. Später hat sich rausgestellt, dass bestimmten Interessengruppen einfach die geplannte Alstom-Übernahme durch Siemens nicht passt. Dem amerikanischen Konzern GE würde so ein Deal entgehen - Frau Merkel übrigens wolle sich in die Übernahme nicht einmischen, es sei eine unternehmerische Entscheidung. Deutsch-Russisches Wirtschaftsforum gehört wohl nicht mehr zur Unternehmerischen Plattform. Alles soll sich der politischen Polemik beugen, am besten gleich eine Mauer um Russland bauen. Neben gescheiterten Ost-Aussenpolitik steuern unsere Lenker auch ins Versagen der Ost-Wirschaftspolitik. Seltsam, Deals mit anderen, sagen wir mal, personenbezogen gelenkten Staaten, waren bis jetzt ja gar kein Problem.
ksail 12.05.2014
5. Problem? Keins!
Interessanterweise melden sich jetzt die gleichen Stimmen, die sonst eine zu große Wirtschaftsnähe der Politik kritisieren, zu Wort und fordern eine Art "Staatsräson" der Wirtschaft. Können wir nicht einmal akzeptieren, dass die Wirtschaft durchaus nicht immer identische Interessen mit der Politik haben muss? Ich sehe nicht die Notwendigkeit, dass wirtschaftliches Handeln immer dem folgen muss, was politisch und gesellschaftlich gerade in Mode ist. Wie beliebig das werden kann, sieht man ja an der verquerten Verknüpfung von Conchita Wurst und Putins angeblicher Homophobie.
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