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30. Dezember 2012, 12:53 Uhr

Drohende Devisenknappheit

Ägypten kämpft gegen Währungsverfall

Ägyptens Wirtschaft leidet unter dem monatelangen politischen Hickhack, der Kurs der Landeswährung ist unter Druck geraten. Jetzt kämpft die Zentralbank in Kairo mit Dollarverkäufen und Devisenbeschränkungen gegen eine unkontrollierte Abwertung.

Kairo - Die ägyptische Zentralbank bietet alle Kräfte auf, um den Abwertungsdruck auf die Landeswährung zu lindern. Am Sonntag kündigte die Zentralbank an, 75 Millionen Dollar aus ihren Währungsreserven zu versteigern, um so den Kurs des ägyptischen Pfunds zu stützen. Weitere Auktionen sollen folgen. Gleichzeitig wird es für Ägypter unattraktiver gemacht, ihr Geld in ausländische Währungen umzutauschen.

Seit dem Beginn der Unruhen steht das ägyptische Pfund unter Druck, weil Deviseneinnahmen von Touristen ebenso ausbleiben wie ausländische Investoren. Zudem tauschen viele Ägypter ihre Ersparnisse in Fremdwährung um. Gleichzeitig drohen der Zentralbank die Währungsreserven auszugehen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg sind sie seit dem Sturz von Staatschef Husni Mubarak um 60 Prozent auf 15 Milliarden Dollar gesunken. Nach den Ankündigungen gab der Kurs des ägyptischen Pfunds am Sonntag im Interbankenmarkt weiter nach.

Die Dollarauktionen seien eine der "letzten Verteidigungslinien der Zentralbank gegenüber einer unkontrollierten Abwertung des Pfunds angesichts der ausstehenden Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds", zitiert Bloomberg den Kairoer Ökonomen Mohammed Abu Bascha von der Investmentbank EFG-Hermes.

Ägyptens Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar sind seit dem Streit über die neue Verfassung unterbrochen. Regierungschef Hischam Kandil sagte am Sonntag, die Gespräche sollten zum Jahresbeginn weitergehen. Die Regierung werde den IWF im Januar bitten, die Kreditverhandlungen wieder aufzunehmen.

Firmenkunden dürfen pro Tag nicht mehr als 30.000 US-Dollar abheben

An die Bürger appellierte die Zentralbank, den Einsatz ausländischer Devisen zu beschränken und damit nicht zu spekulieren. Aus Sorge vor einem Ansturm auf die Geldhäuser hat die Regierung Einzelpersonen verboten, mehr als umgerechnet 7500 Euro in ausländischen Währungen außer Landes zu bringen oder einzuführen. Die Behörden fürchten, dass die Bevölkerung ihre Konten räumt und damit das ägyptische Pfund weiter unter Druck setzt.

Banken dürfen nach den neuen Regeln langfristig keine Beträge an US-Dollars mehr halten, die 1 Prozent ihres Gesamtkapitals übersteigen. Zuvor lag die Grenze bei 10 Prozent. Firmenkunden dürfen pro Tag nicht mehr als 30.000 US-Dollar abheben. Erst am Montag hatte die Rating-Agentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit Ägyptens gesenkt und dies mit den politischen Grabenkämpfen begründet.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi seinen krisengeplagten Landsleuten einen Wirtschaftsaufschwung und modernen Staat versprochen. Er sagte, dass er die Armut in dem Land bekämpfen werde, wo etwa vier von zehn Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen. Allein in der Industrie sollten 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Seit das erste ägyptische Parlament nach dem Sturz von Langzeitpräsident Husni Mubarak aufgelöst wurde, gibt es in dem Land keine richtige Legislative mehr. Ein Gericht hatte im Sommer die Parlamentswahl für ungültig erklärt, weil sich Parteimitglieder um Direktmandate beworben hatten, die eigentlich für unabhängige Kandidaten reserviert worden waren. Zunächst übernahm Mursi die parlamentarischen Befugnisse. Seit Inkrafttreten der neuen Verfassung erlässt nun der Schura-Rat die Gesetze. In dem Gremium haben die islamistische Muslimbruderschaft sowie die ultrakonservativen Salafisten eine Mehrheit.

ric/son/dpa/Reuters

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