Drohende Devisenknappheit: Ägypten kämpft gegen Währungsverfall

Ägyptens Wirtschaft leidet unter dem monatelangen politischen Hickhack, der Kurs der Landeswährung ist unter Druck geraten. Jetzt kämpft die Zentralbank in Kairo mit Dollarverkäufen und Devisenbeschränkungen gegen eine unkontrollierte Abwertung.

Straßenverkäufer in Kairo: Vier von zehn Menschen haben weniger als zwei Dollar am Tag Zur Großansicht
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Straßenverkäufer in Kairo: Vier von zehn Menschen haben weniger als zwei Dollar am Tag

Kairo - Die ägyptische Zentralbank bietet alle Kräfte auf, um den Abwertungsdruck auf die Landeswährung zu lindern. Am Sonntag kündigte die Zentralbank an, 75 Millionen Dollar aus ihren Währungsreserven zu versteigern, um so den Kurs des ägyptischen Pfunds zu stützen. Weitere Auktionen sollen folgen. Gleichzeitig wird es für Ägypter unattraktiver gemacht, ihr Geld in ausländische Währungen umzutauschen.

Seit dem Beginn der Unruhen steht das ägyptische Pfund unter Druck, weil Deviseneinnahmen von Touristen ebenso ausbleiben wie ausländische Investoren. Zudem tauschen viele Ägypter ihre Ersparnisse in Fremdwährung um. Gleichzeitig drohen der Zentralbank die Währungsreserven auszugehen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg sind sie seit dem Sturz von Staatschef Husni Mubarak um 60 Prozent auf 15 Milliarden Dollar gesunken. Nach den Ankündigungen gab der Kurs des ägyptischen Pfunds am Sonntag im Interbankenmarkt weiter nach.

Die Dollarauktionen seien eine der "letzten Verteidigungslinien der Zentralbank gegenüber einer unkontrollierten Abwertung des Pfunds angesichts der ausstehenden Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds", zitiert Bloomberg den Kairoer Ökonomen Mohammed Abu Bascha von der Investmentbank EFG-Hermes.

Ägyptens Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar sind seit dem Streit über die neue Verfassung unterbrochen. Regierungschef Hischam Kandil sagte am Sonntag, die Gespräche sollten zum Jahresbeginn weitergehen. Die Regierung werde den IWF im Januar bitten, die Kreditverhandlungen wieder aufzunehmen.

Firmenkunden dürfen pro Tag nicht mehr als 30.000 US-Dollar abheben

An die Bürger appellierte die Zentralbank, den Einsatz ausländischer Devisen zu beschränken und damit nicht zu spekulieren. Aus Sorge vor einem Ansturm auf die Geldhäuser hat die Regierung Einzelpersonen verboten, mehr als umgerechnet 7500 Euro in ausländischen Währungen außer Landes zu bringen oder einzuführen. Die Behörden fürchten, dass die Bevölkerung ihre Konten räumt und damit das ägyptische Pfund weiter unter Druck setzt.

Banken dürfen nach den neuen Regeln langfristig keine Beträge an US-Dollars mehr halten, die 1 Prozent ihres Gesamtkapitals übersteigen. Zuvor lag die Grenze bei 10 Prozent. Firmenkunden dürfen pro Tag nicht mehr als 30.000 US-Dollar abheben. Erst am Montag hatte die Rating-Agentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit Ägyptens gesenkt und dies mit den politischen Grabenkämpfen begründet.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi seinen krisengeplagten Landsleuten einen Wirtschaftsaufschwung und modernen Staat versprochen. Er sagte, dass er die Armut in dem Land bekämpfen werde, wo etwa vier von zehn Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen. Allein in der Industrie sollten 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Seit das erste ägyptische Parlament nach dem Sturz von Langzeitpräsident Husni Mubarak aufgelöst wurde, gibt es in dem Land keine richtige Legislative mehr. Ein Gericht hatte im Sommer die Parlamentswahl für ungültig erklärt, weil sich Parteimitglieder um Direktmandate beworben hatten, die eigentlich für unabhängige Kandidaten reserviert worden waren. Zunächst übernahm Mursi die parlamentarischen Befugnisse. Seit Inkrafttreten der neuen Verfassung erlässt nun der Schura-Rat die Gesetze. In dem Gremium haben die islamistische Muslimbruderschaft sowie die ultrakonservativen Salafisten eine Mehrheit.

ric/son/dpa/Reuters

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Das
Ditmar 30.12.2012
Zitat von sysopAPÄgyptens Wirtschaft leidet unter dem monatelangen politischen Hickhack, der Kurs der Landeswährung ist unter Druck geraten. Jetzt kämpft die Zentralbank in Kairo mit Dollarverkäufen und Devisenbeschränkungen gegen eine unkontrollierte Abwertung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftskrise-in-aegypten-notenbank-regelt-verkauf-von-dollars-a-875150.html
wird aber nicht helfen, die Richtung sie dieses Lan eingeschlagen hat mit dem Herrn Mursi, wird auch noch den Tourismus zum erliegen bringen, zumindest aber wesentlich weniger Touristen, und wieder ist ein Wirtschaftszweig kaputt. Und dann helfen auch keine Verkäufe und Devisenbeschränkungen mehr.
2.
nogreen 30.12.2012
Ägypten hat sich demokratisch für Armut entschieden. Das Land war zwar noch nie reich dennoch ging es den meisten wirtschaftlich besser zu den zeiten des "Diktators"
3.
osis1980 30.12.2012
Ein Religionsstaat kann nie Fortschritt sein. Das lernen die Ägypter wohl sehr schmerzvoll. Und es wird das Land weiter destabilisieren.
4. Zitat:
Jonny_C 30.12.2012
"Am Sonntag kündigte die Zentralbank an, 75 Millionen Dollar aus ihren Währungsreserven zu versteigern, um so den Kurs des ägyptischen Pfunds zu stützen." 75 Millionen US$ ? Das ist ja wohl ein Lacher. Wie soll eine so geringe Summe die ägyptische Währung stützen können ? Das ist eher ein Tropfen auf einen heissen Stein. Es werden täglich bis zu 400 Milliarden Dollar an Devisen gehandelt, nur mal so als Info.
5. Ägypten Währungsverfall
exil-berliner 30.12.2012
Liebe Leute, lest euch den Spiegel Bericht über eine sichende Währung gut durch, in 5-6 Jahren wird es dem Euro ähnlich ergehen. Dann lesen wir in den Medien Headlines wie diese "Die EZB verkauft Tonnen von Gold um damit den seit Wochen sinkenden Euro/Dollar Kurs zu stabilisieren - zudem wird es Europäer/innen unattraktiver gemacht Ihre Ersparnisse in Fremdwährungen umzutauschen". Guten Rutsch ins Neue Jahr! Grüsse, Exil Berliner
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Fotostrecke
Ägyptens Konfliktparteien: Alte Gegner, neue Freunde

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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Fotostrecke
Ägypten: Fragiler Staat am Scheideweg

Streit über Ägyptens Verfassung
Artikel 4
"Das ehrenhafte Azhar-Institut ist eine unabhängige islamische Institution und eine Universität. Es organisiert seine Angelegenheiten komplett selbst und betreibt die Verbreitung des Islams, der Religionswissenschaften und der arabischen Sprache in Ägypten und in der Welt. Die Meinung der obersten Religionsgelehrten des ehrenhaften Azhar-Instituts wird eingeholt in Angelegenheiten, die das islamische Recht ("Scharia") betreffen. (…)"

Kritik: Richter, Christen und säkulare Parteien sind dagegen. Sie wollen, dass wie bisher die Richter, die in Ägypten auch islamisches Recht studiert haben, für die Auslegung der Scharia zuständig sind. Sie befürchten, dass die Religionsgelehrten zu einer "vierten Gewalt" mit großem Einfluss auf die Gesetzgebung werden.
Artikel 55
"Die Beteiligung des Bürgers am öffentlichen Leben ist eine nationale Pflicht. Jeder Bürger hat das Recht, zu wählen und zu kandidieren und seine Meinung in Volksabstimmungen zum Ausdruck zu bringen. Und das Gesetz regelt die Ausübung dieser Rechte. (...) Wenn die staatlichen Stellen Einfluss auf die Wahlen nehmen, dann stellt dies ein Verbrechen dar."

Kritik: Den Gegnern geht dieser Artikel nicht weit genug. Sie wollen, dass außer den staatlichen Institutionen die Parteien in die Pflicht genommen werden. Zudem fordern sie, dass die Bestechung von Wählern mit Geld oder Sachspenden und der Missbrauch der Gotteshäuser im Wahlkampf ausdrücklich verboten werden.
Artikel 128
"Der Schura-Rat wird gebildet von 150 Abgeordneten. Sie werden bestimmt in geheimer, direkter und allgemeiner Wahl. Der Präsident darf Mitglieder des Schura-Rats ernennen. Die Anzahl der von ihm ernannten Mitglieder darf zehn Prozent der Gesamtzahl der Abgeordneten jedoch nicht überschreiten."

Kritik: Viele Ägypter sind der Auffassung, dass diese zweite Kammer des Parlaments überflüssig und teuer ist und abgeschafft werden sollte.
Artikel 232
"Den führenden Funktionären der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) ist es verboten, sich politisch zu betätigen. Sie dürfen bei den Präsidenten- und Parlamentswahlen nicht kandidieren. Dieses Verbot gilt für zehn Jahre beginnend vom Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Verfassung."

Kritik: Nicht nur ehemalige Mitglieder der Partei des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, auch einige unabhängige Persönlichkeiten sind der Meinung, dass man nicht alle NDP-Funktionäre über einen Kamm scheren solle. Sie werfen den Islamisten vor, sich mit diesem Artikel ihrer politischen Rivalen entledigen zu wollen. Die sogenannte Revolutionsjugend, die insgesamt gegen den Verfassungsentwurf ist, hat mit diesem Artikel jedoch kein Problem.